49. Kap./8* „Magnetation“ durch Karezza [+ Audio]

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Der Arzt John William Lloyd, „an American individualist anarchist“, griff Stockhams Begriff der Karezza auf und erläuterte ihn seinen Lesern als praktikable Methode anhand detaillierter Ratschläge.[1] Sein Buch The Karezza Method or Magnetation“ erschien zunächst anonym und dann 1931 unter seinem Namen in den USA.[2] Werner Zimmermann, der Übersetzer von Stockhams „Ethik der Ehe“ (siehe oben), berichtete, wie er dazu kam, diese Schrift zu übersetzen, die dann 1930 unter dem deutschen Haupttitel „Karezza-Praxis“ erschien.[3] Als er 1929 wieder in New York weilte, überbrachte ihm ein Freund diese anonyme Schrift, dessen Verlag ebenfalls verschwiegen wurde.[4] Denn in den USA war die Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ damals verboten. Wie Zimmermann weiter berichtete, sei es ihm gelungen, den Verfasser ausfindig zu machen. Er habe ihn „in seiner klause“ besucht und einen 72jährigen stillen Mann „voller pläne, voller unternehmungslust“, getroffen: „Silberweiß sind haar und bart […]. Friedevoll, in milder güte leuchten seine klarblauen augen, künden von einer innern, von der ewigkeitlichen welt der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe.“[5] Während Stockham „in gütiger menschlichkeit und mütterlichkeit zartfühlend die umfassenden zusammenhänge“ dargelegt habe, gehe Lloyd „in wissenschaftlicher gründlichkeit auf die wesentlichsten einzelheiten ein.“

Anmerkung vom 22.05.2015:

William Lloyd ist heute weitgehend unbekannt. Immerhin wird er in Gesundheitsratgebern, die sich positiv mit „Karezza“ berassen, zitiert, wie etwa von Carmen Reiss (in „Orgasmus I“).

Ausdrücklich knüpfte Lloyd an Stockham und die Vorläufer der Karezza-Methode in der Oneida-Gemeinschaft an.[6] Noyes gebühre die „entdeckerehre“: Er habe „das licht von Karezza für breitere schichten“ entzündet.[7] Lloyd wies die Einwände zurück, dass Karezza gesundheitsschädigend sei. Er selbst habe über 40 Jahre auf diese Weise geliebt und sei durch Chavannes (siehe oben), „der mit seiner frau zwanzig jahre in solcher ehe gelebt hat“, damit bekannt gemacht worden.[8] Durch Studium der einschlägigen Literatur zur Oneida-Gemeinschaft und durch persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern derselben sei er zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: „Ich habe noch von keiner einzigen frau gehört, die auch nur im geringsten eine einwendung gemacht hätte in dem sinne, Karezza sei deren gesundheit nicht zuträglich oder zeitige unerfreuliche nacherscheinungen.“ Er erwähnte auch die Untersuchung von 42 Frauen der Oneida-Gemeinschaft durch den Psychologen Havelock Ellis, die bestätigte, dass keine Frauenkrankheiten oder andere krankhaften Zustände aufgrund des Sexuallebens festzustellen waren. Ganz im Gegenteil: Für Lloyd war Karezza eine körperlich gesunde bzw. gesund machende und psychisch erleuchtende und beglückende Sexualpraktik. Freilich habe sich die Leidenschaft der Liebe unterzuordnen und deshalb sei klar, „daß bei solchem liebesfest der orgasmus ein störenfried ist, ein plumper zufall aus unbeholfenheit, der für einige zeit dem lusterleben ein ende setzt und daher höchst unerwünscht ist.“[9] Die „Geschlechtsliebe“ habe grundsätzlich „zwei Aufgaben“: „Karezza für die tiefere liebe, den akt mit orgasmus für körperliche befruchtung.“[10] Karezza erschien Lloyd als eine Kunst der Sublimierung: Der „Karezza-Künstler“ verwandle die „sexualleidenschaft“ in „verfeinerten, geistgetragenen, poetisch schönen und herzenssüßen liebesausdruck“, wodurch eine Überspannung der Geschlechtszone und eine plötzliche Entladung verhütet werde.[11] Die Seele nehme die „blinde sexualerregung an sich, zerteilt sie und erleuchtet das ganze wesen.“

Lloyds Lobeshymne auf Karezza ist kaum zu überbieten. Sie sei „lebensnahrung oder -kraft“, „lebenstrunk“, „lebensbrot“.[12] Durch Karezza strahle das ganze Wesen „und schwingt in romantischem liebesjubel, und ein starkes nachgefühl von gesundheit, reinheit und lebenskraft verklärt alles.“[13] Der Orgasmus, quasi „ein epileptischer krampf“, rufe eine „nachfolgende schwäche“ hervor, die „krankhafte und unschöne wirkungen“ wie Blässe, Verdauungsstörung und Reizbarkeit zeitige. „Je häufiger daher geschlechtsverkehr mit orgasmus, desto sicherer stirbt die liebe“.[14] Denn dieser bringe „entmagnetisierung, gleichgültigkeit, reizbarkeit, ekel“.[15] Immer wieder stellte Lloyd Karezza als „Liebes-Kunst“ dar. Der Mann solle sich als „elektrische batterie“ betrachten lernen und sich „in der kunst magnetischer berührung“ üben.[16] Das Männliche sei positiv-aktiv gegenüber dem Weiblichen eingestellt, wie umgekehrt das Weibliche negativ-passiv gegenüber dem Männlichen,was insbesondere für die Geschlechtsorgane gelte.[17] Allerdings ging Lloyd von der „Zweipoligkeit“ des Menschen, seiner Bisexualität, aus. Wir seien alle „als kinder göttlicher ahnen […] zwitter“: „bald überwiegt das eine, bald das andere, in ewig wechselndem spiel, teils unbewußt, teils von unserem willen lenkbar.“[18] Die „magnetation“ führe zu fühlbaren Strömungen zwischen den beiden Partnern. Der Mann solle seine Frau so berühren, „daß seine strömende lebenselektrizität sie in schauern des entzückens durchrieselt, während dies ihn von der innern spannung aufgestauter kraft befreit.“[19] Dieses Fließen und Austauschen von Energie führe schließlich zu „völligem ausgleich“ und „wohliger ruhe“.

Lloyds Anleihen beim Mesmerismus springen ins Auge und belegen wieder einmal, wie sehr dieses Konzept noch im frühen 20. Jahrhundert gerade in Amerika weiterwirkte: „Der liebeskünstler hat diesen lebensmagnetismus in seinen fingerspitzen, seinen handflächen, strahlt ihn aus den augen, läßt ihn durch seine stimme schwingen, kann ihn von jedem teil seines körpers auf den eines andern übertragen − ja, selbst durch seine aura, unsichtbar und ohne leiblichen kontakt.“ Lloyd umriss hier nur die bekannten Standardtechniken des Mesmerismus. Es fällt auf, dass in der Hochzeit des Mesmerismus im frühen 19. Jahrhundert eine direkte Anwendung des Magnetisierens im Sexualleben so gut wie nie zur Sprache kam. Rund hundert Jahre später hatte sich das geändert. Die Sexualität und vor allem ihre Perversionen und Pathologien waren nun in Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben zu einem großen Thema geworden.

Lloyd pries die „Karezza-vereinigung“ als einen stetigen „jungbrunnen alles lebens“.[20] Die Kraftquelle erklärte er physiologisch: Die Zurückhaltung des Samens spende dem Organismus Energie und Lebenskraft. Gelegentlich genüge schon ein einziger Samenerguss, „den mann seiner magnetischen kräfte zu berauben.“[21] Er suchte nach einer wissenschaftlichen Begründung und kombinierte dabei endokrinologische mit vitalistischen Vorstellungen. Das endokrine Drüsensystem erzeuge „lebenskraft“.[22] Diese stecke im Samen. Wenn er wieder aufgesogen werde, stärke das die Lebenskraft. Dagegen sei der Orgasmus eine „gewaltsame entladung aufgestauter nervenkraft“ und führe zu krampfartigen Symptomen, etwa zur Hysterie „als ersatz für sexuelle orgasmen“. Ein Überschuss an „sexueller nervenkraft“ müsse aber gar nicht ausgeworfen werden, wie die „ärzte der orgasmus-richtung“ behaupteten, da er nach ihrer Meinung die Gesundheit angreife.[23] Lloyd propagierte nun gegenüber den bekannten drei Arten des Geschlechtsakts (coitus completus, coitus interruptus und coitus reservatus) eine vierte Art: den „coitus sublimatus“ als den „höhergewandelten geschlechtsakt“.[24] Dieser Karezza-Akt bringe  „restlose zerteilung aller blutüberfüllung, entladung aller überschüsse an nervenkraft, befreiung von aller spannung und umfassende befriedigung.“ Er rege die „tätigkeit der innern zeugungsdrüsen“ an und stärke sexuelle „schwächlinge“, so dass sie „zu männern“ würden. Aber auch dem Mann mit „normaler geschlechtlicher stärke“ biete er volle Befriedigung. Während der übliche Orgasmus alle Kräfte „abwärts“ leite und an die Geschlechtsorgane binde, weise der „geschlechtliche magnetismus“ bei Karezza „aufwärts“ und führe „zu einem romantischen, poetischen, vergeistigten abschluß“.[25]

Anmerkung vom 27.11.2014:

Der Begriff „Koitus sublimatus“ taucht äußerst selten auf. Nach meiner Recherche im Internet kann man nur wenige voneinander unabhängige Quellen ausfindig machen. Die wichtigste ist Margriet de Moors Roman „Der Virtuose“.

Näheres in meinem Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/27/anmkerunge-zu-49-kap-8-magnetation-durch-karezza-koitus-sublimatus-in-einem-roman/

Lloyds vehemente Kritik an der „orgasmus-schule“ war für einen Arzt im frühen 20. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich, denn sie widersprach den vorherrschenden Grundannahmen der Medizin und Sexualwissenschaft. Die Methoden der „orgasmus-schule“ seien so, „daß sie eine stauung schaffen, die nur durch einen orgasmus beseitigt werden kann.“[26] Dies sei für „den armen, den schwachen mann“ gefährlich. „Karezza dagegen baut ihn und seine kräfte auf, während sie dem sexualstarken eine verwendung seiner schöpferischen energien auf höherer ebene ermöglicht.“ Lloyd beendete sein Plädoyer für Karezza mit einer „Zusammenfassung der Vorteile“.[27] Zum einen unterstrich er die sexualhygienischen Vorteile: Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Verzicht auf lästige und schädliche Verhütungsmethoden. Zum anderen hob er die physiologischen und spirituellen Vorteile hervor: Jeder Körperteil werde „magnetisiert und belebt und dadurch verschönt“, das Geschlechtliche werde „geläutert, erlöst“: „Der friede, der aufstrahlt, ist so süß, die erfüllung so umfassend, und oft halten körperliches hochgefühl und geistige frische für viele tage an, wie wenn die beiden äterische [sic] anregung, nahrung empfangen hätten.“

Im Unterschied zur Situation in den USA fällt auf, dass sexualreformerische Ansätze wie Stockhams Karezza oder Lloyds Magnetation in Deutschland außerhalb kleiner Zirkel der Lebensreformbewegung kaum rezipiert und von den Pionieren der Sexualwissenschaft ebenso wie von den politischen Akteuren der Sexualreform ausgeklammert wurden. Diese lehnten die sexualreformerischen Methoden als unpraktikabel oder gar gesundheitsschädigend ab, häufig ohne ihren Ansatz überhaupt verstanden zu haben. Erstaunlicherweise konnte auch die „Sexualmagie“ neueren Datums mit „Karezza“ nicht viel anfangen. So definierte der  US-amerikanische Okkultist Donald Michael Kraig, Verfasser zahlreicher esoterischer Schriften, Karezza in einem „Course Glossary“ folgendermaßen: „Karezza: A male technique for delaying orgasm, it is said to have beneficial effects to both members of a loving couple“[28] Die falsche Definition springt ins Auge. Zum einen ging es Stockham nicht um eine „Verzögerung“ des Orgasmus, zum anderen betraf die „Technik“ beide Geschlechter gleichermaßen. Im Übrigen nahm Kraig Wilhelm Reichs Orgasmus-Lehre ambivalent auf. Einerseits bewertete er den unkontrollierten Orgasmus eines potenten Menschen (orgasmically potent) positiv: „because going into such a state is exactly what true meditation is!“[29] Andererseits kritisierte er diesen angeblich einzigen Weg „to release Orgone energy“, da die Tantriker durchaus Methoden wüssten, diese Energie willentlich zu kontrollieren.[30] Im fundamentalen Unterschied zu Karezza, wo von beiden Partnern eine Verstetigung und Verbreitung des Orgasmus ohne Höhepunkt angestrebt wurde, ging es in Kraigs Darstellung nur um ein Hinauszögern des Orgasmus beim Mann, während die Frau ihn mehrfach haben konnte.   


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/John_William_Lloyd (7.05.2012). [2] Lloyd, 1931. [3] Lloyd, 1930. [4] Ebd., S. 8 [Vorwort des Herausgebers]. [5] A. a. O., S. 9 [Vorwort des Herausgebers]. [6] A. a. O., S. 13. [7] A. a. O., S. 14. [8] A. a. O., S. 19. [9] A. a. O., S. 22. [10] A. a. O., S. 42. [11] A. a. O., S. 23. [12] A. a. O., S. 24 f. [13] A. a. O., S. 26. [14] A. a. O., S. 27. [15] A. a. O., S. 28. [16] A. a. O., S. 33. [17] A. a. O., S. 32. [18] A. a. O., S. 45. [19] A. a. O., S. 35. [20] A. a. O., S. 54. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 126. [23] A. a. O., S. 130. [24] A. a. O., S. 131. [25] A. a. O., S. 132. [26] A. a. O., S. 137. [27] A. a. O., S. 139-141. [28] Kraig, 1988. S. 523-540. [29] A. a. O., S. 427. [30] A. a. O., S. 428.

49. Kap./5* Male Continence [+ Audio Podcast]

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Der sexuelle Mystizismus in US-amerikanischen Sekten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die radikale Sozialreformen in Angriff nehmen wollten, war beträchtlich und brachte einige einflussreiche Autoren hervor. Über Randolph wurde bereits berichtet (siehe oben). Auf Alice B. Stockham, die eine Sonderstellung einnimmt und von dem US-amerikanischen Religionswissenschaftler Arthur Versluis dem „amerikanischen esoterischen Pragmatismus“ zugerechnet wird,[1] werden wir noch eingehen (siehe unten). Das geistige Klima für sozialreformerische Experimente war günstig, erschien Amerika doch in der Mitte des 19. Jahrhunderts als der „New World Garden of Eden“, als ein Land, in dem man sich selbst ein kleines Paradies auf Erden schaffen und in Gemeinschaften unschuldig und rein zusammenleben konnte wie einst Adam und Eva.[2] Das Sexualleben wurde in den verschiedenen Gemeinschaften recht unterschiedlich organisiert. Während die Mormonen die Polygamie praktizierten, vertraten die Shaker sexuelle Abstinenz. Die Engländerin Ann Lee kam 1774 mit acht Anhängern nach Amerika und gründete dort die Freikirche der Shaker (Zitterer), die zunächst wegen ihrer rhythmischen Bewegungen in religiöser Ekstase „Shaking Quakers“ genannt wurden.[3] Ann Lee („Mother Ann“) wurde als weiblicher Messias und Inkarnation des Geistes Christi verehrt.[4] In der Gemeinschaft herrschte strikte Gleichberechtigung der Geschlechter, die jedoch gleichzeitig strikt voneinander getrennt waren und nur zu bestimmten Zeiten in strenger Ordnung zusammenkamen.[5] Sexuelle Kontakte waren verpönt. Die Shaker waren ehelos und ohne Privateigentum, ihre Gemeinschaft rekrutierte sich vor allem durch aufgenommene Waisenkinder.[6]

Ganz anders sah das Gemeinschaftsleben in der Oneida Community aus, die gewissermaßen Ann Lees Idee der sexuellen Reinheit mit der polygamen Praxis der Mormonen verband.[7] Zunächst wollen wir uns dem Begründer dieser utopischen Gemeinschaft zuwenden: John Humphrey Noyes. Er wurde wegen seiner eigenwilligen christlich begründeten Sexuallehre berühmt, die einerseits auf der Technik der male continence beruhte, die zumeist als coitus reservatus definiert wird, und zum anderen die „komplexe Ehe“ (complex marriage) propagierte. Noyes, ein Cousin des US-Präsidenten Rutherford B. Hayes, entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, studierte am Yale Theological College, wo er sich nach einer religiösen Krise zum „Perfektionisten“ entpuppte. Die Idee des Perfectionism war bestechend: Es schien nach Noyes schon auf Erden möglich zu sein, ein Leben ohne Sünde zu führen, wenn man seinen Willen nur ganz Gott anvertrauen würde. Alles, was man dann tat, kam aus einem reinen „perfekten Herzen“ (perfect heart).[8] Noyes musste daraufhin das College verlassen, betätigte sich als Wanderprediger und versammelte eine Schar von Anhängern um sich. Schließlich ließ er sich mit seiner „perfektionistischen“ Gemeinde in Oneida (Bundesstaat New York) nieder und baute eine ökonomisch und sozial gut funktionierende Gemeinschaft auf, die 1851 205 Mitglieder zählte. Sie produzierte Tafelsilber und betrieb Land- und Forstwirtschaft. Als sich die Oneida Community 1881 auflöste, gründete man die Oneida Corporation, die heute noch als Oneida Limited existiert und vor allem Silberbesteck herstellt.[9]

Das Skandalon war die Einführung einer neuen Sexualpraktik durch Noyes. Sie bestand einerseits aus der „male continence“, dem Geschlechtsverkehr ohne Ejakulation, zum anderen aus der „complex marriage“, der komplexen Ehe, die monogame Bindungen zugunsten vielseitiger Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft auflöste. So war in der Gemeinschaft erklärtermaßen jeder mit jedem verheiratet. Kritiker wandten sich vehement gegen diese Form der „freien Liebe“ (free love), in der sie nur eine Form des Sittenverfalls und der sexuellen Zügellosigkeit erblickten.[10] So erschien 1870 unter dem Pseudonym John B. Ellis eine Kampfschrift gegen das „evil principle of Free Love“[11] Sie berichtete über „terrible facts“.[12] Besonders wetterte der Autor gegen die “male continence“ von Noyes als unnatürliche, verderbliche Methode und verkündete apodiktisch: incomplete intercourse of any kind is unnatural, vicious, and full of dangerous consequences to both parties, especially to the female.[13] Dabei berief er sich auf den französischen Arzt Louis François Bergeret, einen Freund von Louis Pasteur, der die Schädlichkeit der male continence an Fallbeispielen demonstriert habe.[14] Ärzte, Psychologen oder Sexualwissenschaftler zeigten für die neue Sexualpraktik kaum Verständnis (Kap. 47). Eine Ausnahme machte der britische Sexualpsychologe Havelock Ellis, auf den sich Sigmund Freud in seiner Sexualtheorie bezog. Er gehörte zu den wenigen, die Noyes’ „male continence“ etwas Positives abgewinnen konnten. Im sechsten Band seiner epochalen „Studies in the Psychology of Sex” schrieb Ellis im Hinblick auf die Oneida Community: Coitus Reservatus, – in which intercourse is maintained even for very long periods, during which a woman may have orgasm several times while the penetrative partner succeeds in holding back orgasm, – so far from being injurious to a woman, is probably the form of coitus which gives her the maximum gratification and relief“.[15]

Noyes verfolgte zwei Zielsetzungen: Zum einen sollte der (heterosexuelle) Geschlechtsverkehr den animalischen Trieb hinter sich lassen und zu einem Mittel spiritueller Erfahrung werden; zum anderen sollte er eugenischen Zwecken und insbesondere zur Geburtenkontrolle dienen. Höchstwahrscheinlich habe Noyes die asiatischen Sexualpraktiken des Tantrismus nicht gekannt, meinte Versluis, und woher er die Idee zur male continence hatte, bleibe unklar.[16] Nichts ist jedoch klarer, als die Geschichte dieser „Entdeckung“. Denn Noyes erzählte sie, „the true story of the discovery“, kurz und bündig in seinem Hauptwerk „Male Continence“.[17] Nach seiner Heirat 1838 musste er erleben, wie seine Frau innerhalb von sechs Jahren fünf Kinder zur Welt brachte, von denen vier wegen Unreife tot geboren wurden. Er schwor sich und seiner Frau, diese nicht weiter mit Schwangerschaften zu belasten und wollte lieber von ihr getrennt leben, als dieses Versprechen zu brechen. Da kam ihm die Idee, „that the sexual organs have a social function which is distinct from the propagative function“. Er experimentierte nun, die “soziale Funktion” der Sexualorgane ins Spiel zu bringen und fand die Selbstkontrolle nicht so schwierig. Bei ihm und seiner Frau stellten sich Freude und Befriedigung ein und sie fühlten sich von der Angst vor unerwünschter Schwangerschaft befreit.[18] Am Anfang der praktischen Methode standen also Selbsterfahrung und Selbstexperiment − übrigens ein typisches Merkmal von neu begründeten Heilkonzepten in der Medizingeschichte, was cum grano salis selbst noch für Sigmund Freuds Begründung der Psychoanalyse zutrifft.[19] Zwei Jahre später, 1846, gründete Noyes seine Community in Putney, die 1848 nach Oneida übersiedelte. Seine „Entdeckung“ der male continence veröffentlichte er kurze Zeit später in einer Broschüre unter dem Titel „The Bible Argument“. Das zentrale Kapitel daraus „How the sexual fucntion is to be redeemed und true relations between the sexes are to be restored“ druckte er nun in seinem Hauptwerk „Male Continence“ wieder ab.[20]

Von Anfang an vertrat Noyes das für ihn entscheidende Argument, dass die Sexualorgane außer der Fortpflanzung noch eine weitere, höhere Funktion auszuüben hätten: nämlich die der Liebe (amative function). Sie leiten also nicht nur Urin und Samen weiter, sondern auch den „sozialen Magnetismus“ (social magnetism).[21] Insofern sei der Geschlechtsverkehr der Austausch magnetischer Einflüsse (influences) oder das Gespräch der Geister (conversation of spirits). Orgasmus und Ejakulation seien nicht notwendigerweise mit einem solchen Geschlechtsverkehr verbunden. Wie das Sprechen eine höhere Funktion des Mundes gegenüber dem Essen sei, so sei das soziale Amt (office) der Sexualorgane eine höhere Funktion als die Fortpflanzung. Seine Verhütungsmethode sei, so Noyes, natürlich, gesund, sie diene der Liebe (favorable to amativeness) und sei effektiv. Er ordnete den von der Fortpflanzung abgelösten liebevollen Geschlechtsverkehr anderen normalen Formen sozialen Austauschs zu. So definierte er male continence als einen rein sozialen Akt (mere social act): „sexual intercourse becomes a pure social affair, the same in kind with other modes of kindly communion, differing only by its superior intensity and beautiy.“[22] Aus diesem Verständnis leitete Noyes seine Utopie der complex marriage ab: Wenn im sozialen Leben jeder mit jedem kommunizieren kann, so sollte dies auch im „sozialen“ Sexualleben möglich sein. In diesem Sinne schrieb er an einen Schüler: „In a holy community there is no more reason why sexual intercourse should be restricted by law, than why eating and drinking should be − and there is as little occasion for shame in the one case as in the other.”[23] So würden sich die verfeinernden Wirkungen der Geschlechtsliebe noch tausendfach verstärken, „when sexual intercourse becomes an honored method of innocent and useful communion, and each is married to all.“ Die Stichwörter dieser neuen Sexualmoral waren „unschuldig“ und „nützlich“: eine Sexualität ohne Sünde und Vergeudung von Lebenskraft. Diese besondere Art des Geschlechtsverkehrs, die ja zugleich der Geburtenkontrolle dienen sollte, setzte eine hohe Selbstbeherrschung voraus, die nur durch systematisches Training erlangt werden konnte. Die Oneida Community entwickelte ein einzigartiges Programm der sexuellen Schulung, die tatsächlich zu einer recht effektiven Empfängnisverhütung führte: Junge Mädchen wurden von reifen Männern, die die male continence beherrschten, in die „complex marriage“ eingeführt, junge Männer erfuhren ihre sexuelle Initiation durch ältere Frauen nach den Wechseljahren.[24] Noyes reklamierte von Anfang an, dass Voraussetzung dieser neuen Sexualität der Glaube an und die Vereinigung mit Gott sei: „Holiness must go before free love.“[25] Die Sexualpraktik sollte sich auf die Community beschränken und durch keinerlei Missionstätigkeit nach außen propagiert werden. Im Gemeinschaftseigentum und in der Gemeinschaftsehe (complex marriage) sollte sich im Selbstverständnis der Community ein ursprünglicher „Bible Communism“ manifestieren.

Der springende Punkt in Noyes’ Argumentation war seine Kritik an der Auffassung, dass natürlicherweise der Samen periodisch entladen werden müsse und seine Zurückhaltung die Gesundheit gefährde. Demnach müsse der Mann vor der Heirat masturbieren. Und danach sei es verrückt und grausam, seinen Samen auf eine Frau zu schleudern, nur, um ihn los zu werden − als ob man sein Gewehr auf seinen besten Freund abfeuere, nur um es zu entladen (merely for the sake of unloading it).[26] Dann sei es besser, in die Luft zu schießen, als jemanden damit zu töten. Der Samen sei aber kein Exkrement wie Urin, der regelmäßige und häufige Ausscheidung erfordere. Vielmehr habe er einen „inneren Wert“ (immanent value), der am besten durch seine Zurückhaltung zur Geltung komme. Masturbation und gewöhnlicher ehelicher Geschlechtsverkehr bedeuteten für ihn gleichermaßen die Verschwendung von Samen (seed-wasting business).[27] Immer wieder betonte Noyes die religiösen Rahmenbedingungen der male continence, die man nicht als ein „seperate hobby“ betreiben dürfe. [28] Denn die menschliche Natur erreiche nur ihre wirkliche Größe, wenn sie der „Tempel des Heiligen Geistes“ sei. Diese ungewöhnliche Sexualmoral mit ihrer schlichten religiösen Begründung war auf sozialem Gebiet erstaunlich erfolgreich. Sie war pragmatisch ausgerichtet und wurde streng befolgt. Spiritualistische, mystische oder theosophische Momente spielten im Unterschied zur eugenischen Zielsetzung keine nennenswerte Rolle. Die Oneida Community hatte ihre Sympathisanten, die im Gemeinschaftsleben der perfectionists das christliche Ideal der Selbstlosigkeit verwirklicht sahen und die Anwendung der continence in allen Lebensbereichen als Schlüssel zum praktischen Erfolg priesen.[29]

Es ist erstaunlich, wie wenig die um 1900 aufkommende Sexualwissenschaft mit Noyes’ „Male Continence“ sowie Stockhams „Karezza“ (siehe unten) anfangen konnte. So erwähnte der Berliner Sexualwissenschaftler Iwan Bloch zwar die „Oneida-Sekte“, ging aber mit keinem Wort auf  Stockhams „Karezza“ ein.[30] Bloch hatte offenbar für die angestrebte Verschmelzung von Sinnlichkeit und Spiritualität beim Sexualakt nichts übrig. So interpretierte er die Sexualpraktik der male continence als eine Sonderform der Onanie. Noyes habe zur Befriedigung der sinnlichen Lust ohne Fortpflanzung „die bloße ‚Immissio penis sine ejaculatione seminis’ [empfohlen], eine Methode, die in ihrem Wesen als eine Form der mutuellen Onanie aufzufassen ist und als in raffinierten Formen ausgebildeter, sogenannter ‚Dianism’ noch heute zahlreiche Anhänger in Nordamerika zählt.“[31] Damit spielte er auf die Lehre der US-amerikanischen Mystikerin Ida Craddock an, die analog zur „male continence“ und zu „Karezza“ auf die absolute Selbstkontrolle beim Geschlechtsakt setzte, um die Stufe des „dianism“, wie sie den spirituell-ekstatischen Orgasmus nannte, zu erreichen (siehe unten sowie Kap. 45).[32]

Von 1869 bis 1879 unternahm die Oneida Community ein einzigartiges eugenisches Experiment, das Noyes als „stirpiculture“ (von lat. stirps = Stamm, Nachkommenschaft) bezeichnete. Die Anführer der Gemeinschaft studierten die zeitgenössische Literatur zur Eugenik, insbesondere die Werke von Charles Darwin und Francis Galton.[33] Noyes fasste seine Erkenntnisse 1870 in einem Artikel „Scientific Propagation“ zusammen. Zu Beginn des Experiments im Jahre 1869 gaben 38 junge Männer und 53 junge Frauen der Gemeinschaft feierliche Erklärungen ab, sich den Regeln dieser „wissenschaftlichen Fortpflanzung“ bedingungslos zu unterwerfen. So gelobten die Frauen: „we will, if necessary, become martyrs to science, and cheerfully resign all desire to become mothers, if for any reason Mr. Noyes deem [sic] us unfit material for propagation.“[34] Unter seiner Leitung wurden die Geschlechtspartner, die ein Kind zeugen sollten, nach eugenischem Gesichtspunkt ausgewählt. Ziel war die Vervollkommnung des Menschen in christlicher Perspektive. 58 Kinder wurden innerhalb dieses Experiments geboren und gemeinsam aufgezogen, das in der Literatur als sehr erfolgreich dargestellt wird.[35] Etwa 40 Jahre nach Abschluss des Experiments konnte eine Art follow up-Studie durch statistische Vergleichszahlen belegen, dass Gesundheitszustand und Lebensalter durch „stirpiculture“ im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung signifikant verbessert wurden.[36]

Noyes selbst zeugte 13 Kinder, vier vor Beginn des eugenischen Experiments und neun während diesem. [http://tontine255.wordpress.com/ (10.01.2014)] Entgegen seinem ausdrücklichen Wunsch konnte er jedoch kein Kind mit seiner sexuellen Lieblingspartnerin Tirzah Miller, seiner Nichte, zeugen.[37] Deren intimen Aufzeichnungen zwischen 1867 und 1879 konnten herausgegeben werden, nachdem 1993 die Archive der Community geöffnet worden waren.[38] Auch heutige Medizinhistoriker tun sich noch schwer, die Geschichte der Oneida Community sachgerecht zu erfassen. So schreibt Robert Jütte in süffisantem Ton: „Noyes scheint wirklich ein Meister auf diesem Gebiet [der male continence] gewesen zu sein; denn er hatte mit mehr als 100 Frauen sexuelle Beziehungen und zeugte insgesamt nur acht Kinder.“ [Robert Jütte: Lust ohne Last. Geschichte der Empfängnisverhütung. München: Beck, 2003, S. 235] Was Jütte gänzlich ignoriert: Die Gemeinschaft folgte strikt einer bestimmten christlich-religiösen Weltanschauung, die ihr erlaubte, die herkömmliche Ehe aufzulösen (complex marriage) und ein in der Kulturgeschichte einzigartiges eugenischen Gruppenexperiment (stirpiculture) durchzuführen. Es geht hier eben um sehr viel mehr als nur um „Empfängnisverhütung“ durch „coitus reservatus“.

Die oben erwähnten Aufzeichnungen von Miller geben einen lebendigen Einblick in das Alltagsleben, die menschlichen Nöte und erotischen Verwicklungen dieser Gemeinschaft, die trotz allem erstaunlich stabil blieb. Einen weiteren Einblick in das eugenische und sexualreformerische Programm der Community  bietet das Tagebuch des Gemeindemitglieds Victor Hawley, das von der Liebesgeschichte zwischen ihm und Mary Jones erzählt, die beide schließlich die Gemeinschaft verließen.[39] Bei der Aufnahmezeremonie neuer Mitglieder wurden am Ende die Complex Marriage Hymn nach der Melodie eines Kirchenlieds gesunden. Die erste Strophe lautete:

„Complex husband I espouse thee,

Sons of Christ and Church of God;

To obey and cherish ever,

Love thy scepter, trust thy rod.”[40]


[1] Versluis, 2008, S. 349. [2] Fryer, 1974-75, S. 78. [3] A. a. O., S. 81. [4] A. a. O., S. 82. [5] A. a. O., S. 83. [6] http://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_%28Religion%29 (29.05.2012). [7] Fryer, 1974-75, S. 81. [8] Zit. n. http://en.wikipedia.org/wiki/John_Humphrey_Noyes (16.04.2012). [9] http://en.wikipedia.org/wiki/Oneida_Limited (24.07.2012). [10]http://www.enotes.com/free-love-reference/free-love (11.05.2012). [11] J. B. Ellis [1870], 1971, S. 9.[12] A. a. O., s. 13. [13] A. a. O., S. 99. [14] Bergeret, 1868. [15] H. Ellis, 1910, S. 552; http://en.wikipedia.org /wiki/Coitus_reservatus#cite_note-17 (11.05.2012). [16] Versluis, 2008, S. 335. [17] J. H. Noyes, 1872, S. 10 f. [18] A. a. O., S. 11. [19] H. Schott, 1985 [a]. [20] J. H. Noyes, 1872, S. 11-16. [21] Ebd., S. 12. [22] A. a. O., S. 16. [23] Zit. n. Fryer, 1974-75, S. 86. [24] A. a. O., S. 86. [25] J. H. Noyes, 1972, S. 17. [26] A. a. O., S. 18. [27] A. a. O., S. 19. [28] A. a. O., S. 20. [29] Estlake, 1900, S. 82 bzw. 91. [30] Bloch, 1912, S. 69-71. [31] Ebd., S. 70. [32] Chappell, 1999. [33] H. H. Noyes / G. W. Noyes, 1923, S. 375. [34] Zit. a. a. O., S. 376. [35] http://en.wikipedia.org /wiki/Oneida_stirpiculture (30.04.2012). [36] H. H. Noyes / G. W. Noyes S. 381-386. [37] Fogarty, 2000, S. 29. [38] Fogarty, 2000. [39] Fogarty, 1994. [40] Ebd., S. 2.