# 49. Kap. Erotische Magie: Konkrete Utopien vom sexuellen Paradies

Sexualität erscheint heute in zweierlei Hinsicht enttabuisiert. Zum einen wird der Mensch als biologisch fassbares Triebwesen verstanden, der auch noch im letzten seiner Gemütswinkel vom Geschlechtstrieb bedrängt wird; zum anderen wird Sexualität als Bühne der öffentlichen performance benutzt, auf der der Mensch seine Bedürfnisse endlich offen ausleben kann. Damit geraten zwei Dimensionen des Eros ins Abseits: die von der biologischen Sexualsphäre scheinbar unabhängige Macht des Geistes und die existenziell-private Erfahrung des Erotischen. In der Medizin wird, wie wir gesehen haben, Sexualität biologistisch verengt und letztlich der Sphäre des Vegetativen zugerechnet, das sich unwillkürlich jenseits des menschlichen Geisteslebens abspiele. Ähnliches geschieht aber auch mit der individuellen Erfahrung des Erotischen, die hinter statistisch erfassten äußerlichen Parametern, etwa der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs, aus den wissenschaftlichen Berechnungen verschwindet. Die magia naturalis implizierte jedoch, wie wir gesehen haben, durchaus erotische Momente, insbesondere in ihrer alchemistischen Variante. Der Naturforscher, der mehr oder weniger aus den Brüsten der Natura Milch saugte, oder die Konjunktion von Sonne und Mond bzw. Gold und Silber, die als kopulierendes Paar dargestellt wurde, sind Beispiele hierfür. Die sinnlich-erotischen Annäherungen an die vorgestellte Gottnatur geschahen am intensivsten in der mystischen Verschmelzung (unio mystica). Vor allem im Ausgang von altindischen religiösen Lehren entfaltete sich eine Tradition der Sexualmagie (magia sexualis), in der kosmisches Vereinigungserleben mit bestimmten Sexualpraktiken erreicht werden sollte. Die Zurückhaltung des Samens spielte hierbei eine zentrale Rolle.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie „magische“ Sexualpraktiken in einer Zeit propagiert und auch in die Tat umgesetzt wurden, als biologistisches Denken auch den Begriff der Sexualität beherrschte. Insbesondere soll die Technik der Karezza vorgestellt werden, die in der Lebensreformbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – wenn auch nur am Rande der Debatte über Sexualität – eine gewisse Bedeutung erlangte. Magia naturalis und magia sexualis sind kaum voneinander zu trennen. Letztere kann als die intensivste Stufe der Ersteren aufgefasst werden. In der Sexualität soll jene „Heilige Hochzeit“ (Kap. 45) aufscheinen, die in der unio mystica am eigenen Leib vollzogen wird. Gegenüber der herrschenden Auffassung einer biologisch fixierten Sexualität sind wir hier mit einem alternativen Ansatz des Sexuallebens konfrontiert, nämlich einem Sexualleben als einem geistigen Agieren, einem spirituellen Handeln, das nach Überzeugung der Promotoren dieser magia sexualis befreit und zugleich beglückt. Die Gratwanderung zwischen Scharlatanerie, Missbrauch und Verblendung einerseits und religiösem Wahn, Schwärmerei und Geisteskrankheit andererseits ist gerade auf dem Gebiet der Sexualität schwierig und gefährlich. Angesichts der „sexuellen Not“, die als conditio humana auch nach allen „sexuellen Revolutionen“ nicht verschwunden ist, erscheint diese Gratwanderung gleichwohl als konkrete Utopie verlockend.

# 45. Kap. Heilige Hochzeit: Himmlische Vermählung mit irdischem Abglanz [+ Audio]

Audio on Youtube: http://youtu.be/ME96Q3cpyfM

Die Heilige Hochzeit (griech. hierós gámos), vielfach auch als Himmlische Hochzeit bezeichnet, ist ein elementarer Bestandteil in den Zeugnissen von Mythologie und Mystik, Hermetismus und Kabbala, Alchemie und Naturphilosophie. Sie handelt von göttlicher Vermählung, unio mystica, himmlischer oder „chymischer“ Hochzeit. Hierbei geht es um eine Vereinigung von Göttern, von Göttern und Menschen oder auch von Menschen untereinander.

Anmkerung vom 28. Juli 2015:

Ein Musterbeispiel für die himmlische Hochzeit liefert die antiken Mythologie. Die  Vereinigung von Amor und Psyche wurde zu einem in unzähligen Variationen ausgearbeiteten Motiv in Literatur und Kunst, wie eine Werkskizze von Pietro Bardellino von 1780 zeigt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog

Insofern die Natur als göttlich angesehen wurde, konnte auch die Naturmystik als Heilige Hochzeit aufgefasst werden. In der Wissenschafts- und Medizingeschichte waren solche Verschmelzungserlebnisse von Naturforschern und Ärzten mit den Naturdingen für bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse und Theoriebildungen oft von entscheidender Bedeutung. Bei keinem anderen Thema der Ideen- und Kulturgeschichte ist die Versuchung, historischen Zeugnissen das gegenwärtige, von Biologie und Psychologie geprägteMenschenbild überzustülpen, so groß wie bei der Heiligen Hochzeit. Sie wird heutzutage biologisiert, indem man sie als einen ins Kosmische projizierten Sexualakt ansieht, und sie wird psychologisiert, indem man sie zu einem innerpsychischen Prozess der Reifung oder „Individuation“ nach C. G. Jung erklärt. Der US-amerikanische Psychiater Edward F. Edinger knüpfte als Anhänger von C. G. Jung an dessen Psychologisierung der alchemistischen Symbolik an, um durch die Bildwelt der Alchemie ein „objektive Basis“ (objective basis) für Träume und andere Hervorbringungen des Unbewussten zu gewinnen.[1] Es ging ihm um das Einordnen von „psychic facts based on the method of Jung“ und so identifizierte er die „Individuation“ mit dem siebenstufigen alchemistischen Prozess, der in der „coniunctio“ gipfelt. Beide moderne Betrachtungsweisen, die biologistische wie die psychologistische Sicht, entsprechen und ergänzen sich. Erstere erblickt in der alchemistischen Symbolik verdrängte Sexualität, letztere geistig-seelische Reifung. So zwängen beide ihren Gegenstand ins Korsett ihrer jeweiligen Dogmatik. Die Thematik der Heiligen Hochzeit verleitete zu mancherlei Spekulationen. So deutete die Soziologieprofessorin Gerburg Treusch-Dieter in einer für den Leser kaum nachvollziehbaren Argumentation die Heilige Hochzeit als Totenhochzeit, und die Heilige Braut als „Totenbraut“.[2]

Zumeist wird übersehen, das die Thematik der Heiligen Hochzeit auch in der Medizingeschichte höchst bedeutsam war. Zunächst zielte sie auf das „Zusammengehen“ (Coitus) ab, das Ganzwerden voneinander getrennter, komplementärer Wesen, was von Wollust und Entzücken begleitet ist. Sodann konnte dieses Zusammengehen unter bestimmten Voraussetzungen neues Leben zeugen, ein Menschenkind oder ein göttliches Kind. Die Heilige Hochzeit war aber auch Inbegriff des Heils und Heilens. Sie setzte Heilkräfte frei, erzeugte in alchemistischer Vorstellung den Stein der Weisen, die quinta essentia, als wunderbares Allheilmittel. In der christlich-abendländischen Tradition wurde die „Liebe“ zum Generalschlüssel der Heilkunde erklärt: von Jesus Christus bis zu Paracelsus. Das Gebot der Nächstenliebe war nicht in erster Linie eine abstrakte moralische Forderung, als vielmehr eine Aufforderung, dem elenden kranken Mitmenschen seine Kraft mit ganzer Hingabe zu widmen, um Wunder wirkende Heilkräfte zu mobilisieren. Die medizinische Ethik des Paracelsus zielte vor allem auf diese therapeutische Mobilisierung durch Liebe ab (Kap. 43). Wir werden, wenn wir bestimmte Konzepte der Medizin im Einzelnen betrachten, einsehen, wie gerade das Arzt-Patienten-Verhältnis immer auch eine erotisch-religiöse Komponente implizierte, die der Idee der Heiligen Hochzeit – zumeist unausgesprochen – mehr oder weniger nachempfunden war. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn wir uns klarmachen, dass jede zwischenmenschliche Begegnung und Kommunikation untergründig von einer solchen Idee der Vereinigung – körperlich wie geistig – gespeist wird. Die Begegnung von Arzt und Patient ist dabei nur ein Sonderfall zwischenmenschlicher Kommunikation.


[1] Edinger, 1985: Preface. [2] Treusch-Dieter, 1997.

# 35. Kap. „Chymische Hochzeit“: Magische Vereinigung

Der Aufstieg auf der Himmelsleiter bedeutete, wie im vorigen Kapitel dargestellt, eine Reinigung und Vergeistigung auf dem Weg zum arcanum. Insofern führte dieser Weg der alchemistischen Arbeit zu einer Art Selbst-Werdung im Sinne der „Individuation“ nach C. G. Jungs. Er implizierte zugleich eine Annäherung und Vereinigung mit der göttlichen Weisheit und hatte insofern einen mystischen Grundzug. Denn es ging um eine Verbindung, Verschmelzung, Vereinigung, um eine coniugatio, coniunctio, ja um ein coniugium, eine Ehe. Gerade die Symbolik der Alchemie nutzte diese Vorstellung einer „Hochzeit“, womit etwa die Legierung von verschiedenen Metallen veranschaulicht wurde. So entstand eine naturphilosophische Erotik, welche die Idee einer „Heiligen Hochzeit“ implizierte (Kap. 45) und sich in sinnfälligen Buchillustrationen und Emblemen niederschlug, wie an einer Reihe von Beispielen aufzuzeigen ist. Alchemie, Magie und Kabbala waren eng miteinander verwoben, was nicht nur bei Paracelsus zu beobachten ist, sondern auch bei den von ihm beeinflussten Rosenkreuzern. Die „Chymische Hochzeit“, ein so genanntes Rosenkreuzer-Manifest, offenbart die subtile Bedeutung der Erotik im alchemistischen Diskurs.