24. Kap./2 * „Heilsame Krisen“ durch magnetische „Mittheilung“

In einem Kapitel von „Mesmerismus“ fasste Mesmer (bzw. der Herausgeber Wolfart) die Grundzüge seiner Technik des Magnetisierens prägnant zusammen. Das Konzept seiner magnetischen Heilkunst war recht einfach einzusehen: Die im Magnetiseur konzentrierte Ladung sollte auf den zu Magnetisierenden übergehen und das „unsichtbare Feuer“ durch die magnetische Behandlung im Kranken entflammen. Entsprechend lautete die Mesmers Definition: „Magnetisieren ist: dieses Feuer durch eine Art Erguß oder Entladung dieser Bewegung erregen und mittheilen. Dieser Erguß bewirkt sich durch unmittelbare Be­rührung, oder durch die Richtung der Extremitäten oder der Pole eines Indivi­duums, welches dieses Vermögen oder dieses Feuer besitzt, oder auch selbst durch die Absicht und den Gedanken. Da jegliche organisirte Substanz von dieser Flut-Reihe durchdrungen ist, so ist sie auch fähig dieses Feuer oder diesen Ton anzu­nehmen, und magnetisirt zu werden; gerade so wie jede mit Luft durchdrungene Substanz Leiter des Schalls werden kann.“[1] Dieses Zitat belegt das strikt energetische Denken Mesmers: Der Magnetiseur verfügt also über eine Ansammlung von „flutender“ Energie, die er durch „Erguß oder Entladung“ dem zu Magnetisierenden „mittheilen“ kann, so daß dieser energetisch mit „Flutstoff“ aufgeladen wird und seinen disharmonischen Zustand der körperlichen Verfestigung – Mesmer spricht in diesem Zusammenhang von „Festwerden“ und „Verfestung“ –  wieder auflösen, seinen erstarrten Körper wieder in Bewegung setzen kann.[2]

So lautete seine genauere Definition: „Magnetisiren endlich ist nichts anders, als mittelbar oder unmittelbar die tonische Bewegung der feinen Flut, mit der die feine Nervensubstanz geschwängert wird, mittheilen; dies ist es, was dieses Agens setzt, welches heilsame Krisen aller Arten, als die wahren Mittel zur Heilung, bestimmen kann.“[3] Vollzugsorgan der magnetischen Induktion tonischer Bewegung war die Muskulatur: Die magnetische Behandlung zielte darauf ab, „in der Muskelfiber die Reizbarkeit wieder zu beleben, woraus Krisen entstehen“.[4] Der Magnetiseur durchflute gleichsam mit Hilfe seines Agens den magnetisierten Körper seines Patienten und verflüssige dessen körperlichen Verfestigungen, mache dessen Körper wieder beweglich. Mesmer nannte den Grundvorgang des Magnetisierens die „Mittheilung“ des „unsichtbaren Feuers“ oder der „tonischen Bewegung“: „Die wirkliche Mittheilung bewirkt sich durch die unmittelbare oder mittelbare Berührung mit einem magnetisirten Körper, das heißt mit einem von diesem un­sichtbaren Feuer entzündeten Körper: so, daß durch die bloße Richtung der Hand und mittels Leiter (Konduktoren) und Mittelkörper jedweder Art, selbst durch die Blicke, der bloße Wille dazu hinreichen kann.“[5] Die Begriffe „Mittheilung“ und „Feuer“ waren bereits in früheren Schriften über die Elektrizität aufgetaucht, etwa bei dem Wittenberger Physiker Georg Matthias Bose (Kap. 22).[6] Diese vieldiskutierten elektrischen Übertragungsphänomene waren für Mesmer das gedankliches Vorbild, eine Analogon für die magnetische Flutübertragung: Der Magnetiseur teilte eine Naturkraft mit, teilte sie mit dem Patienten. Es handelte sich um den Anschluss an eine gemeinsame Kraftquelle. So konnte also von Verschiebung, Er­schöpfung, Verzehrung des „unsichtbaren Feuers“ durch den magnetischen Akt keine Rede sein: „Die Mittheilung bewirkt sich durchaus nicht auf Unkosten des ur­sprünglichen Brennpunkts“.

Anmerkung vom 19.01.2017

Eine andere und sehr effektive Art der Übertragung von „Lebensfeuer“ schildert Tolstoi in einer Erzählung, Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Verfolgen wir nun die technische Vorstellung des Magnetisierens. Die „Mittheilung“ eines magnetischen Stroms hatte auf dem Weg zwischen Brennpunkt (Quelle des tierischen Magnetismus) und dem Empfänger (dem Magnetisierten) einen „Mittelkörper“ zu durchlaufen. Die „Fortpflanzung“ der magnetischen Bewegung „geschieht durch eine Er­schütterung gleich Licht und Schall […] in der stetigen Fortgesetztheit des feinen Stoffes durch alle flüssigen und festen Körper, welche einigermaßen mit dem magnetisirten Körper in ununterbrochener Verbindung stehen“. Die Bewegung wird also gleichsam ausgestrahlt und von einem „Mittelkörper“ zum empfangenden Organismus weiterge­leitet. Als Leiter oder „Vehikel“ kam die „feine Flut“, die „All-Flut“ in Frage, analog zu manifesten „Mittelkörpern“ wie Schall und Luft. Da für Mesmer auch der „Gedanke“ und der „Wille“ in einer „modifizirten Bewegung von einer der Flut-Reihen in der Nervensubstanz oder des Gehirns besteht“, konnten auch diese die Be­wegung übermitteln, „dieses unsichtbare Feuer übertragen und die Leiter seiner Richtungen werden“.[7] Eine solche Gedanken- und Willensübertragung war für Mesmer ein durchaus physikalischer Vor­gang, dem beim Magnetisieren keine Sonderstellung zukam und dem er keine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Mesmer kannte eine Reihe von Verfahren, um die Fortpflanzung des magnetischen Stroms zu verstärken. Alle möglichen Me­thoden, mit denen die Bewegungsflut konzentriert, beschleunigt, angeregt werden könne, zählte er auf:  Verstärkung durch Gemeinschaft mit anderen magnetisierten Körpern, durch das Dazwischenschalten dichter Stoffe, durch innerlich bewegte Körper wie Tiere und Pflanzen, durch Aus­nutzung des Erdmagnetismus, ja, die Wirksamkeit des Magnetismus könne auch vermehrt werden durch „Überredung“, „Überzeugung“, „Gewohnheit“.[8]

Mesmer verglich die „Verstärkung“ mit dem Anblasen eines Feuers: „Dieses [unsichtbare] Feuer wird auch durch jedwede im Mittelkörper aufgeregte Bewegung verstärkt, wie: Geräusch, fortgesetzter Schall, Gesänge, Gebete vieler versammelten Menschen, lautes Lesen usw. auch Elektrizität – alle diese sind in dieser Hinsicht das, was der Wind oder das Blasen für das Feuer ist.“ Mesmers therapeutisches Konzept ließ sich somit leicht begreifen: Im Zentrum stand die „Mittheilung“ des „unsichtbaren Feuers“, die Über­tragung einer unstofflich gedachten Bewegung (Flut) von einem Körper (der Quelle oder dem Brennpunkt) auf einen anderen (den verfestigten oder kranken Organismus). Alle Techniken des Magnetisierens zielten darauf ab, das „Lebensfeuer“ dort wieder zu entzünden, wo es am Verlöschen war. Heilen bedeutete für Mesmer, den kranken Menschen mit der Naturkraft des animalischen Magnetismus buchstäblich anzustecken. Die dabei auftretenden Krisen waren dabei nur der äußere Ausdruck, das Zeichen für das neu entfachte Lebens­feuer. Mesmer kannte „unterschiedliche Verfahrensweisen“, welche er „für die nützliche Anwendung bei der Behandlung von Krankheiten“ erfunden habe: die Berührung mit der Hand, die Gruppenbehandlung mit einem „Behältniß“ (auch „Parapathos“ oder „Baquet“ genannt) oder mit einem magnetisierten Baum.[9] Wir wollen jedoch hier auf diese speziellen Techniken nicht näher eingehen, die eine ungeheure Auswirkung auf die medizinische Praxis hatten und in mannigfaltigen Abwandlungen auch außerhalb der Medizin bis heute ihre Nachahmer gefunden haben.

Mesmer fasste in einem Kapitel seines Werkes seine Auf­fassungen „über die Gesundheit, das Leben und die Krankheit“ zusammen. Erst auf diesem theoretischen Hintergrund läßt sich sein therapeutischer Ansatz erkennen und zeigt dessen globales Thera­pieziel. Mesmer definierte zunächst das Verhältnis von Leben und Tod, um darauf das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit in diesem Rahmen einzuordnen. Das „unsichtbare Feuer“, das die magne­tische Kur ermögliche, erwies sich als Stellvertreter, Teilhaber des „Lebensfeuers“: „Das Grundwesen des Lebens (das Lebensprinzip) im Menschen besteht in einem Antheil des Lebensfeuers, welches er mit dem Beginn seines Lebens empfangen hat, und welches durch den Einfluß der All-Bewegung unterhalten und genährt wird. […] Das Leben des Menschen fängt durch die Bewegung an, und endigt durch die Ruhe. Die gänzliche Erlöschung der tonischen Bewegung oder des Lebensfeuers ist der Tod.“[10] Mesmer definierte Gesundheit als ein bestimmtes (quantitatives) Verhältnis von Bewegung und Ruhe, das sich im Verlauf des Lebens immer mehr der Ruhe zuneigt. Krankheit fange dort an, wo das Festwerden vorzeitig einsetzt. Gesundheit dagegen imponiert als die „vollkommene Ordnung“, als der Zustand der „Harmonie“.[11] Sie bezeichnet nichts anderes als die Ausgewogenheit zwischen Bewegung und „Verfestung“, die dem betreffen­den Lebensalter zukommt. Krankheit dagegen heißt derjenige „entgegen­gesetzte Zustand […], wobei die Harmonie gestört ist.“ Hauptursache der Krankheit, der „Verfestung“, sei die „Unthätigkeit der Muskelfiber“, die „Verwirrungen und Hindernisse in der Be­wegung der Gefäße“ hervorrufe und die „Verrichtungen“ des Körpers blockiere.[12] Die Natur selbst müsse in mehr oder minder schwerem Kampf „gegen den Widerstand, oder die Stockung, eine Anstrengung mache[n]“. Diese Anstrengung nannte Mesmer die „Krise“. Seine Formel lautete: „Die Krise ist die Anstrengung der Natur gegen die Krankheit.“[13] Mesmer lehnte sich in seiner Stadieneinteilung der Krisen („Beunruhigung“, „Kochung“, „Ausleerung“) an das humoralpathologische Schema des auch im 18. Jahrhundert noch fortlebenden Galenismus an.

Krankheit entstand demnach durch eine „Stockung“ der Säftezirkulation und äußerte sich als „Widerstand“ gegen die Wirkung der natürlichen Heilkraft. Somit resultierte aus dem „Kampf zwischen der Anstrengung der Natur und dem Widerstande“ eine „Beunruhigung“, die den Krankheitsprozeß anzeigte. Wenn „Stockung“ für Mesmer gleichbedeutend mit dem Krankheitsprinzip war, so wurde die „Krise“ mit dem Prinzip der Heilung gleichgesetzt. „Da die allgemeine Ursache aller Krankheiten die Erlöschung der Bewegung in den Gefäßen, oder die Stockung ist; so kann sich auch keine Heilung bewirken ohne eine Krise, und die Kunst zu heilen beschränkt sich entschieden auf die Kenntniß: Krisen hervorzurufen, ihren Gang und ihre Entwicklung zu leiten und zu erleichtern.“[14] Mesmer traf nun eine sehr interessante Unterscheidung zwischen „sympto­matischen Zufällen“ und „kritischen Zufällen“ und stellte damit zwei Kategorien von Krankheitszeichen einander gegenüber: Die erste verwies auf die Wirkungen der „Ursache der Krankheit“ und hatte somit die Krankheitssymptomatik zum Inhalt, die zweite verwies auf „An­strengungen der Natur gegen die Ursachen der Krankheit“ und hat somit die Heilungssymptomatik zum Inhalt. „Zufälle“ waren für Mesmer gleichbedeutend mit „Symptomen“, so daß wir hier mit einer Gegenüberstellung von Krankheitssymptomen und Heilungssymptomen konfrontiert sind.[15] Entsprechend stellte Mesmer nun zwei ver­schiedene Arten des Schlafes einander gegenüber: nämlich den „symptoma­tischen Schlaf als Ausdruck der Krankheit und den „kriti­schen“ oder „magnetischen Schlaf als Ausdruck einer Heilungsanstrengung. Der krankhafte Schlaf mit seiner verschiedenen Ausprägung – vom „Somnambulismus“ bis zur „Epilepsie“ – war also der Gegenpol zum Heilschlaf, den der tierische Magnetismus hervorrufen sollte.[16]

Mesmer fasste sein therapeutisches Konzept in zwei für seine Heilkunst ver­bindliche „Heilgebote (Indikazionen)“ zusammen, die er aus seiner soeben skizzierten Krankheitsauffassung direkt ableitete: „1. Die Hindernisse zu vermindern oder zu heben. 2. die Verrichtung der Natur durch eine fortgesetzte, gehörig schattirte, sanfte und harmonische Anwendung der magnetischen Ströme zu vermehren.“[17] Dieses therapeutische Konzept basierte auf der Vorstellung einer hilfreichen Interaktion zwischen Menschen, die durch magnetische „Wechselwirkung“ ermöglicht wurde. „Derjenige unter allen Körpern […], welcher auf den Menschen mit der meisten Kraft zu wirken vermag, ist sein Nebenmensch.“[18] Mesmer betonte die Besonderheit der „gegen­seitigen Gravitazion“ unter den Menschen, welche „die möglichst stärkste Wechselwirkung (Influenz) auf einander üben, wenn sie so gestellt sind, daß ihre entsprechenden Theile auf einander in dem allergenauesten Gegensatz wirken.“[19]

Magnetisieren, Einfluß ausüben, ist folglich für Mesmer kein einseitiger Akt der Beeinflussung, sondern vielmehr eine gemeinsame Bewegung, eine „Wechselwirkung“, vergleichbar mit der gegenseitigen Anziehung der Himmelskörper. So erschien der Magnetiseur nicht eigentlich als Urheber der magnetischen „Flut“, sondern nur deren Vermittler: Er erzeugte sie nicht aus eigener Machtfülle, sondern konzentrierte sie nur in seiner Person, um sie weiterzuleiten, anderen Menschen mitzuteilen. Ziel des tierischen Magnetismus war die gemeinsame Teilhabe an der All-Flut, die das Lebensprinzip („Lebensfeuer“) jedes Individuums darstellte.

Diese therapeutische Grundidee einer gemeinsamen Teilhabe an der magne­tischen Flut wird nirgends deutlicher als dort, wo Mesmer die Wirksamkeit seiner magnetischen Gruppentherapie mit Hilfe eines „Behälters“ (baquet) erklärte: „Sie [die Kranken] sitzen so nah als möglich beisammen, um sich mittels der Schenkel, der Knie und Füße zu berühren; so bilden sie gewissermaßen einen zusammengränzenden Körper, in welchem die magnetische Flut beständig zirkulirt und durch alle Punkte der Berührung verstärkt wird, wozu noch die Stellung der Kranken, die sich gegeneinander im Gesicht befinden, beiträgt.“[20] Mesmer wollte damit die individuellen Körpergrenzen überwinden. Die einzelnen Menschen sollten „einen zusammengränzenden Körper“ bilden, zu einem Organismus ver­schmelzen, im buchstäblichen Sinne solidarisch werden. Alle speziellen Verfahren des Magnetisierens dienten nur dazu, die „Wirkungskraft der Natur gegen den Widerstand“ als Krankheitshindernis zu verstärken.[21] Die magnetische Kur sollte die freie Zirkulation der magnetischen Flut, das heißt die „Harmonie“ wiederherstellen.


[1] Mesmer, 1814, S. 117. [2] A. a. O., S. 46. [3] A. a. O., S. 119. [4] A. a. O., s. 118. [5] A. a. O., S. 112. [6] Bose, 1744, S. VII u. XXXIII. [7] A. a. O., S. 113. [8] A. a. O., S. 114. [9] A. a. O., S. 115 f.  [10] A. a. O., S. 163. [11] A. a. O., S. 168. [12] A. a. O., S. 169. [13] A. a. O., S. 170. [14] A. a. O., S. 171. [15] A. a. O., S. 173. [16] A. a. O., S. 172. [17] A. a. O., S. 175. [18] A. a. O., S. 176. [19] A. a. O., S. 177. [20] A. a. O., S. 187. [21] A. a. O., S. 196.

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