48. Kap./3* Männerfantasien und Faschismus

Der Germanist und Schriftsteller Klaus Theweleit hat mit seinem Bestseller „Männerphantasien“ in der nach-68er Zeit wie kein anderer an Wilhelm Reich und seinen Ansatz der psychoanalytischen Faschismuskritik angeknüpft.[1] Obwohl er sich der kritischen Beurteilung von Wilhelm Reich durch die französischen Analytiker Gilles Deleuzes und Félix Guattari anschloss, bieb seine Analyse monoman auf die Produktion des faschistischen Mannes mit ihrem Höhepunkt im Nationalsozialismus gerichtet. Jene hatten in ihrem „Anti-Ödipus“ formuliert: „Er [Reich] als erster hatte es versucht, die analytische und die revolutionäre Maschine gemeinsam funktionieren zu lassen. Und am Ende hatte er nurmehr seine eigenen Wunschmaschinen, seine paranoischen, wundersamen, zölibatären Kästen mit ihren woll- und baumwollbesetzten Metallwänden.“[2] Aus dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten erscheint mir Theweleits Analyse − „die vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“, wie Rudolf Augstein 1977 in „Der Spiegel“ schrieb − zwar als eine fulminante Leistung, aber zugleich auch als ein typischer Ausdruck damals vorherrschender Klischees: Engführung psychoanalytischer Konstrukte, die zur Erklärung sozialpolitischer Verhältnisse herangezogen wurden; die Frau im Fluss, als „Menschin aus dem Wasser“, gegenüber dem Mann, der sich einen „Panzer gegen die Frau“ zugelegt hat; die absolute Fixierung auf die Ausmalung der Facetten der totalen Katastrophe ohne die utopischen Momente der Befreiung und Erleuchtung einzelner Menschen oder Menschengruppen auch in der schlimmsten Diktatur. Mit anderen Worten: Die Befangenheit im zeitgenössischen Diskurs erlaubte keinen kulturhistorisch geweiteten Blick über den ideologischen Tellerrand. Sie war seinerzeit nicht erstaunlich, da die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und seinen Folgen, konkret: mit der Generation der eigenen Eltern und insbesondere Väter, gerade erst begonnen hatte und die Blickrichtung fesselte.

Die diversen Versuche, Marx und Freud miteinander zu kombinieren, waren trotz ihrer fundamentalen Kritik an Kapitalismus und Staatssozialismus nicht dazu angetan, religiöse und kulturhistorische Betrachtungen anzustellen und die eigenen Denkmodelle historisch zu relativieren. So blieben die mystischen wie mythischen Aspekte der Sexualität ebenso außer Betracht wie die frühneuzeitlichen Ideen von der Magie der Natur und der Macht des Geistes. Die 68er Vordenker mochten sich einfach nicht vorstellen, dass es sich hierbei um mehr als nur um „Männerphantasien“ à la Theweleit gehandelt haben könnte. Die nach-68er Debatte über Sexualität und Gesellschaft war von einer gewissen Hilflosigkeit geprägt. Man wollte „Emanzipation“ und verfiel biologistischen Normvorstellungen, man wollte „Triebbefriedigung“ und sah diese an bestimmte Formen der Sexualität gebunden. Auch die professionelle Sexualwissenschaft konnte keine Lösung anbieten, wie das „Drama der Sexualität“ des Frankfurter Sexualwissenschaftlers Martin Danecker offenbart.[3] Die Abhandlung führt vor Augen, wie gut gemeintes emanzipatorisches Pathos ohne eine tiefer gehende ideengeschichtliche und kulturanthropologische Verankerung ins Leere läuft.

Inzwischen ist die von Wilhelm Reich inaugurierte Theorie von der unterdrückten Sexualität als Ursprung des faschistischen Massenmenschen, der mit seinem „Muskelpanzer“ die „emotionale Pest“ verursacht habe (siehe oben), widerlegt. Die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog kritisierte in ihrer Studie zur Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts die These der Neuen Linken bzw. der Studentenbewegung um 1968, dass die sexuelle Repression „nicht nur ein Charakteristikum dieser Bewegung [des Faschismus], sondern ihre Ursache“ gewesen sei.[4] Noch unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei es die Meinung der Zeitgenossen gewesen, „die Nationalsozialisten hätten im Gegenteil sexuelle Freizügigkeit gefördert und diese sexuelle ‚Unmoral’ sei sogar untrennbar mit dem barbarischen Völkermord verbunden gewesen.“ Aus diesem Blickwinkel sei die sexual-konservative Nachkriegskultur keine Fortführung des angeblich sexuell repressiven Faschismus gewesen, sondern habe sich „zumindest teilweise als Gegenreaktion zum Nationalsozialismus“ entwickelt: „gerade die von NS-Seite betriebene Ermunterung zu vor- und außerehelichen heterosexuellen Kontakten – nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung, sondern auch zur Lustbefriedigung – wurde in der Nachkriegszeit geflissentlich vergessen.“[5] Herzog hat für dieses Verhalten eine plausible Erklärung: Angesichts des NS-Regimes, das eine ungeheuerliche Vernichtungspolitik betrieben hatte, schien es ratsam, „die Erinnerung an die Empfänglichkeit der Bevölkerung für die lustfördernden Aspekte des Nationalsozialismus auszulöschen.“ Die Verbindung der sexuellen Tabubrüche mit denen beim Völkermord ließ es nach Herzog aus psychologischen wie politischen Gründen opportun erscheinen, „in der Rückschau gewisse Elemente auszublenden und andere herauszustellen.“ So sei es um 1960 zu einer „Reihe von Halbwahrheiten und ausgemachten Lügen“ gekommen, wonach beispielsweise im Nationalsozialismus keinerlei Mittel und Informationen zur Empfängnisverhütung zur Verfügung gestellt worden seien, um die Geburtenrate zu steigern.

Um die Sexualität im Dritten Reich zu verstehen, zog Herzog den Begriff der repressiven Entsublimierung heran, den der Vordenker der 68er Studentenbewegung Herbert Marcuse in seinem Werk „Der eindimensionale Mensch“ geprägt hatte.[6] Sie würdigte dessen Verdienst: Er habe als einer der Ersten dargelegt, „dass und auf welche Weise der überhebliche NS-Rassismus untrennbar mit dem Bemühen des Regimes verbunden war, das Sexualleben seiner Bürger neu zu organisieren; von welch zentraler Bedeutung die Politisierung des vormals eher privaten Bereichs der Sexualität für die politische Tagesordnung der Nationalsozialisten war “.[7] Dass die „repressive Entsublimierung“ für diverse „sexuelle Revolutionen“ im 20. Jahrhundert einschließlich ihrer sexualwissenschaftlichen Begleitung ein Grundproblem markiert, ist augenfällig.

Es ist bemerkenswert, dass auch im „Dritten Reich“ das Motiv der Natura, wie wir es vom ausgehenden Mittelalter bis zum Jugendstil um 1900 verfolgt haben, in Illustrationen immer wieder auftaucht. Der naturphilosophisch-religiöse Hintergrund tritt zurück, wird gleichsam über dem ideologischen und propagandistischen Alltagsgeschäft vergessen. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen. Im Kampfblatt der SS „Das Schwarze Korps“ wurden im Oktober 1938 unter der Überschrift „SCHÖN UND REIN“ eine Serie von Fotografien abgebildet, die eine junge, schöne, nackte Frau in einer natürlichen Umgebung („Strandlandschaft“) zeigen. (Abb. [i]) Ihre göttliche Unnahbarkeit und Unschuld wird demonstriert, was an klassische Darstellungen der Natura erinnert. In der antisemitischen Wochenzeitung “Der Stürmer” wurde im April 1929 eine Karikatur mit der Legende „Nieder mit der Wahrheit!!!“ veröffentlicht. (Abb. [ii]) Sie zeigt eine nackte Frau, die gerade von Staatsanwalt und Polizei gefesselt wird und „die Wahrheit“ des Nationalsozialismus symbolisieren sollte, die von der staatlichen Gewalt niedergehalten wurde. Die Aufforderung an den Betrachter ist eindeutig: Diese gefesselte Wahrheit ist zu befreien, zu entfesseln. Interessant ist der angedeutete Heiligenschein der blonden Frau mit germanischen Gesichtszügen, der mit der Inschrift „Die Wahrheit“ versehen ist. Dies erinnert an „La Nature“, der man in der Französischen Revolution ein Monument errichtete und die man mit der raison und damit implizit mit der vérité identifizierte (Kap. 11) Dieses Motiv der gefesselten Wahrheit wurde noch einmal vom Stürmer“ im Februar 1930 mit unüberbietbarer religiöser Symbolik verschärft. Die Karikatur „Die Wahrheit am Kreuz“ zeigt anstelle von Christus eine nackte Frau mit Lendenschurz, deren Mund verbunden ist und die von „jüdischen Dunkelmännern“ lüstern angestarrt wird. (Abb. [iii]) Die antisemitische Hetze bediente sich hier des christlichen Antijudaismus, der sich traditionell an dem Umstand festmachte, dass Christus von den Juden ans Kreuz geschlagen worden war.

Nach der „Machtergreifung“ trat dann die „Wahrheit“ als strahlende Göttin auf. (Abb. [iv]) Unter der Überschrift „Seltsame Auswirkung“ erschien im „Stürmer“ im Januar 1935 eine vielsagende Karikatur. Die übergroße stattliche nackte Frau mit langem blondem Haar hält in ihrer rechten Hand einen Spiegel, der ein Lichtbündel nach unten reflektiert, wo entsetzte jüdische „Untermenschen“ stehen, denen der Satz in den Mund gelegt wird: „Das haben mer nu davon, mit unserm Geschrei machen mer bloß Reklame für die Wahrheit“. Mit der Rechten zieht die „Wahrheit“ einen Vorhang beiseite und enthüllt damit ein antisemitisches Schriftrelief an der Wand.

Anmerkung vom 16.01.2016

Die „Wahrheit“ als nackte Frau, umgeben von Dunkelmännern, ist auch in zwei Gemälden von Ferdinand Hodler zu sehen. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Auch hier bediente sich – wahrscheinlich den Machern selbst nicht bewusst – die Hetzpropaganda kulturhistorischer Versatzstücke. Die Frau personifiziert hier Isis-Natura, wobei der Spiegel an die göttliches Licht vermittelnde Natura in der frühneuzeitlichen Emblematik und der zurückgezogene Vorhang an die sich enthüllende Isis erinnert. Das viel besagte „kulturelle Gedächtnis“ war also im Nationalsozialismus keineswegs ausgeschaltet – im Gegenteil: Es wurde zu spezifischen Zwecken aktiviert.


[1] Theweleit [1977/78], 1980. [2] Zit. ebd., S. 405. [3] Dannecker, 1987. [4] Herzog, 2005, S. 10. [5] A. a. O., S. 80. [6] Marcuse, 1967, S. 76; Reiche, 1968, S. 45. [7] Marcuse, 1967, S. 26.


[i] Herzog, 1945, S. 48; → Abb. Schön und Rein 1938 [ii] Herzog, 1945, S. 29; → Abb. Nieder mit der Wahrheit 1929 [iii] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Wahrheit am Kreuz 1930 [iv] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Seltsame Auswirkung 1935

39. Kap./1 * Verehrung der „Gottheits-Amme“

Der Kult der „Großen Mutter“ war in den frühen Hochkulturen des Mittelmeerraums von zentraler Bedeutung. Insbesondere die Vorstellung einer Muttergottes (theotokos), die ein göttliches Kind zur Welt bringt und säugt, lässt sich für die vorchristliche Zeit nachweisen. Die altägyptische Göttin Isis, die Mutter des Horus, wäre hier als herausragende Gestalt zu nennen, deren Kult bis in die Spätzeit des römischen Reichs lebendig war und deren Heiligtümer auch nördlich der Alpen noch heute aufzuspüren sind. So wurde um das Jahr 2000 in Mainz ein Isis-Tempel ausgegraben, der nun – teilweise rekonstruiert – zu besichtigen ist.[1] Der Isis-Kult war in den nachchristlichen Jahrhunderten bei den Galliern verbreitet. Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann verwies auf die den Tod überwindende und zum Leben erweckende Macht der Isis. Ihr Geheimnis „dieser todüberwindenden Konnektivität liegt […] in der Liebe, die sie ins Werk setzt.“  Diese verleihe ihr „in ihren zauberkräftigen Riten und Rezitationen eine Bindekraft […], die das nicht mehr schlagende Herz des Osiris zu ersetzen und den Gott zum Leben zu erwecken vermag.“[2] Sie errettete also „durch die Rezitation zauberkräftiger, Wirklichkeit schaffender Sprüche.“[3] Man könne, so Assmann, „die Konstellation von Isis und Osiris auch mit Maria und Jesus vergleichen. Die Szene der Pietà, in der Maria den Leichnam des Gekreuzigten auf dem Schoß hält und beweint, gestaltet in vergleichbarer Weise die leibzentrierte Intensität der weiblichen Trauer, in der Maria ebenso von Maria Magdalena unterstützt wird, wie Isis von Nephthys.“[4]

Wie Guillaume Marcel in seiner Geschichte der französischen Monarchie berichtete, stand der berühmteste Tempel bei Saint Germain de Pres bei Issy, weswegen man die dort Wohnenden Isiens und Bewohner der Isle de la Seine Parisiens“ genannt habe.[5] Der Kult hinterließ offenbar noch in der frühen Neuzeit in Paris seine Spuren. Man habe das Standbild (idole) der Göttin verehrt und sie angeschaut als „la Meere [mère] commune de toutes choses; & c’est pour cela qu’ils l’ont entourée de mammelles entassées les unes sur les autres, & qu’ils l’ont couronnée de Tours [ ?].[6] Die Bevölkerung hätte das idole berührt wie einst die Ägypter und die Göttin als Ernäherin und Lehrerin verehrt. Aber dann hätten es die Angehörigen der Abtei zerstört, nachdem eine Frau auf Knien vor der Statue gebetet habe, um etwas Verlorenes wieder zu erlangen. Marcel zeigte eine Abbildung des Idols mit der Legende aus den Saturnalien des Macrobius (I, 20). (Abb. [i]) Demnach erschien Isis als die alles ernährende Naturgöttin: „Isis cuncta religione celebratur, quae natura est vel terra, vel natura rerum subjacens Soli, hinc est quod continuatis uberibis corpus deae omne densatur; quia vel terrae vel rerum naturae altu nutritur universitas.“ Nach einer anderen Quelle wurde das Idol von Saint Germain immer beschützt, allerdings nicht um es anzubeten, sondern als Antiquität zu bewahren.[7] Bis 1514 sei es in der Kirche (L’Eglise sainct Vincent) geblieben. Die Geschichte mit der knienden Frau wurde hier näher ausgeführt: Sie sei gefragt worden, was sie da mache und habe geantwortet, dass ihr Schüler der Klosterschule den Rat gegeben hätten: „Allez a l’idole de sainct Germain, & vous trouverez de qu’avez perdu“. Das Standbild sei darauf hin zerstört worden, wie der Autor von vier Geistlichen erfahren haben will. An seiner Stelle wurde ein großes Kreuz errichtet, was heute noch zu sehen sei.

Wir sind hier mit dem Phänomen des Bildzaubers konfrontiert, das zu allen Zeiten zu beobachten ist, man denke nur an die medizinische Bedeutung der Heiligenbilder in der römisch-katholischen oder russisch-orthodoxen Kirche. Der Bildzauber wurde bereits im ägyptischen „Totenbuch“ dargestellt, das „Rituale für den Hausgebrauch“ enthält, wie Jan Assmann hervorhob: „Die Magie des Bildes und die Magie des Wortes ergänzen sich in ihrer Wirkung, um das Heilige zu vergegenwärtigen. Daher sind im neuen Reich die unterirdischen Gänge und Kammern der Köngisgräber auch mit Kompositionen aus Bildern und Texten ausgeschmückt.“[8]

Amulette zeigen Isis als stillende Mutter auf dem Thron sitzend.[9] Die Analogie zu Maria mit dem Jesuskind ist frappierend. Was im Hinblick auf unsere Thematik der Magie der Natur noch bedeutsamer ist: Isis galt in der ägptischen Mythologie als die große Magierin, als Sonnengöttin, als Göttin des Lebens und verkörperte somit Eigenschaften, die später der Göttin Natura zugeschrieben wurden. Sie erschien als eine mit der Sonne bekleidete Frau, was einer Vergöttlichung des Menschen gleichkam.[10] Es gibt auch andere ägpytische Bildzeugnisse, die das Motiv der stillenden Göttin darstellen, die einem königlichen Kind die Brust gibt. Der Akt des Säugens wurde dabei doppelt dargestellt. (Abb. [ii]) Eine analoge Illustration zeigt Pharao Ramses II, der wiederum doppelt von Göttinnen gestillt wird. (Abb. [iii])

Im Neuen Testament eerschien die Gottesmutter auch als apokalyptische Frau, die im Gebären mit dem Drachen zu kämpfen hatte. „Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf goldenen Sternen.“[11] In ihrem Schoß nahm der mit dem Vater zu identifizierende logos menschliche Gestalt an, so dass die Verbindung von menschlicher Natur und göttlichem logos als Vergöttlichung der menschlichen Natur interpretiert werden konnte.[12] Die Marienverehrung war im hohen Mittelalter in Europa verbreitet, nicht zuletzt in Frankreich.[13] Sie war ein wichtiges Element der Deutschen Mystik, wo sie die Form einer Marienmystik an.[14] So verehrte die heilkundige Klosterfrau Hildegard von Bingen, deren mystisches Erlebem primär auf Christus als „Bräutigam“ ausgerichtet war, zugleich Maria, durch die Christus seinen Körper empfangen habe. So sei die Welt durch weibliches Fleisch erneuert worden: Sie pries Mariens Körper als Tempel und Zelt, in dem der Körper Gottes gebildet worden sei.[15]

Nach der Einteilung der polnischen Germanistin Marzena Górecka können folgende zehn „Marientypen“ voneinander unterschieden werden: (1) theotokos – dei genitrix, ( 2) virgo perpetua, (3) typus ecclesiae, (4) sponsa dei (Gemahlin Gottes), (5) virtutes (u. a. Demut – humilitas), (6) sanctaimmaculata, (7) assumpta, (8) advocatrixmediatrix, (9) regina coeli,  (10) mater dolorosa.[16] Für die Entfaltung der Naturphilosophie wurde vor allem der Marientyp der Himmelsgöttin (regina coeli) wichtig, da in der Frühscholastik die Gottesmutter zur Königin des Universums (regina coeli et terrae) erklärt und in dieser Perspektive als nostra regina salutis (Alkuin) angesehen wurde, als „Mittlerin zwischen Gott und dem Menschen“.[17] Offenbar wurde in der karolingischen Epoche Maria von der Stellung der Magd (ancilla) zu einer göttlichen Gestalt (Dei genitrix gloriosa) erhoben.[18] Entsprechend formulierte Alkuin: „Tuque dei genitrix, sanctissima, virgo Maria, / Auxiliare preces famulorum, virgo tuorum.“ [19] So kam es im 12. Jahrhundert zu einer Neuerung des Marienbildes. Ihre Lebenserfahrungen wurden als Momente der Vereinigung mit Gott, als unübertreffliches Paradigma einer unio mystica, verstanden und bildeten den Kern der sich ausbreitenden Marienmystik.[20] Diese bestand in der Nachahmung (imitatio Mariae), die in der mystischen Vereinigung mit ihr gipfelte.[21] Heinrich Seuses Mystik wäre hierfür ein Beispiel. Bei seiner Lobpreisung der Körperteile der Madonna spielten die Brüste eine herausragende Rolle: „und wenn auch alles, was an dir ist, mit dem Zirkel der Göttlichen Weisheit klug geformt und edel geschmückt worden ist, so schmecken uns Elenden dennoch deine Brüste, welche unseren König und Herrn nährten [ubera tua, quae lactaverunt regem dominum], besonders süß, das aus ihnen das Leben hervorgeht und eine Süße fließt,welche alle Lauen heilt.“[22] „Denn deine Brüste sind besser als Wein [meliora sunt ubera tua vino], sie duften nach dem besten Salböl. […] Wer davon gekostet hat, weiß, wie schnell und vollständig jegliche fleischliche Begierde dahinschwindet, wenn er von der Milch deiner Gnade kostete.“[23]

Im Marienlob der „Goldenen Schmiede“ des Konrad von Würzburg finden wir eine eindrucksvolle Schilderung der Himmelskönigin, auch in ihrer Funktion als Amme. Der Verfasser ließ seine genau 1000 Reimpaare ohne Titel, doch sie wurden schon in Handschriften des 14. Jahrhunderts als „Goldenen Schmiede“ bezeichnet und sollten im Sinne ihres Verfassers eher „Goldenes Geschmeide“ heißen, wie ein Interpret meinte.[24] Der Herausgeber Wilhelm Grimm erläuterte die Dichtung in naturphilosophischer Perspektive.[25] Gott erschien ihm gleichsam als Sonnenkönig, der mit der Menschwerdung Christi als „neue Sonne“ von neuem zu leuchten beginne. „Er, der neue Tag [Christus], wird geboren aus der Nacht und das ist Maria, die schwarze, zu deren Füßen sich der Mond schmiegt und der die Planeten, zur Krone gereiht, auf dem Haupte leuchten. Nun erscheint sie, wie im alten Dienst, jene große Göttin, welche in verschiedenen Äußerungen Mja, Bhawani, Isis, Ceres, Proserpina heißt. Die Himmelskönigin ist die Nacht, in welche sich ebenso alles Leben versenkt, als es aus ihr quillt: jene geheimnisvolle Verbindung des Todes mit dem Leben.“ Maria wurde von Konrad als „ein gotheits-ammen“ bezeichnet, die der Heilige Geist entzündet und entflammt habe.[26]

Die Sage, wonach Maria krank Darniederliegenden erschienen sei und heilsame Milch aus ihrer Brust habe trinken lassen, scheine sich, so Grimm, „gleichfalls auf die Idee der All-Mutter, Artemis, zu beziehen.“[27]Wir werden sehen, wie sehr die Milch Marias als legendäres Heilmittel gepriesen wurde. Das Mutter-Kind-Bild konnte in unterschiedlicher Perspektive Gegenstand der Identifikation werden. „Die liebende Seele kann Mutter sein, die in der imitatio Mariae und ihrer compassio mit dem Gekreuzigten mitleidet. Sie kann aber auch das Kind sein, das sich Maria oder der Ewigen Weisheit hingibt.“[28] Von einigen Strömungen wurde Maria als eine Lehrerin des mystischen Lebens angesehen, welche die mystische Vereinigung mit Gott ermöglichen kann.[29]

Der Dichter Heinrich von Meißen genannt Frauenlob, der von Konrad von Würzburg beeinflusst wurde, assoziierte in dem Liebesgedicht „an Maria von Buchhorn“ deren Namen mit der Gottesmutter, deren himmlische Macht die Liebenden zusammenführe:

„Und Dein Name, Deine Minne und Dein ganzes Wesen

Schlingt uns an die Gottesmutter an,

Beide sind wir von ihr auserlesen,

Beide zieht sie uns zu sich hinan.

Sollte mit des Herzens ärgsten Wehen

Der Verheißungstraum auch in Erfüllung gehen,

Unser Widersehen ist kein Wahn.“ [30]

Wie ein Interpret aus unserer Zeit feststellte, verknüpfte Frauenlob offenbar „Naturphilosophie und Mariologie, indem er gelegentlich Natura und Maria miteinander verschmelzen läßt. Vielleicht will er damit der Gefahr der Verdächtigung pantheistischer Anschauungen entgehen.“[31] So kam es zu einer Überkreuzung naturphilosophischer und theologischer Perspektiven, bei der die Grenze zwischen Maria und Natura aufgehoben war. Auch im Gedicht „Auf das Heimgehen meiner geliebten Nährmutter“ setzte der Dichter seine Amme regelrecht mit der Mutter Gottes gleich, wodurch er sich  implizit mit dem Jesuskind identifizierte, nicht zuletzt im Hinblick auf das Trinken an der Brust. Gerade deswegen konnte einem im hohen Mittelalter eine Amme dem religiösen Empfinden nach näher stehen, als die leibliche Mutter:

„Ein Mutterherz ist leicht zu kennen,

Es ist der Liebe Heiligthum,

Die Milch der Mutter muß man nennen

Das Lebensöl vom Menschenthum.

Seh’ ich die Mutter Gottes an,

Wie sie die reine Wickelbinde

Dem kleinen Jesus umgethan,

Die Brust gereicht dem Gotteskinde

[…]

Für deinen Pflegesohn

Bei Gottes Mutter bitte,

Daß sie vom Sternenthron

Bewache seine Schritte“. [32]

 

Der Mediävist Rudolph Krayer sprach im Hinblick auf Frauenlobs „Marienleich“ von der „Mittlergestalt Marias“ als dem Schlussstein, „der dem zwischen Gott und Welt gespannten Bogen seine Tragfähigkeit gibt.“[33] Sie gebe dem Denken des Dichters „seinen inneren Zusammenhalt.“ Maria und Natura verschmelzen zusammen mit Sapienta: „Maria ist die Minne in jenem doppelten Sinn der Natura und der biblischen Sapientia (dei), die Erfüllerin und Überwinderin der Natur zugleich.“[34] Die Weisheit Gottes, die auf Griechisch „Sophia“ genannt wurde, galt Frauenlob „als empfangender Keimgrund und Mutterschoß des Schöpfungsentwurfs“: „omnes enim rationes exemplares concipiuntur ab aeterno in vulva [!!] aeternae sapientiae.[35] Somit sei es zur Verschmelzung des religiösen und naturphilosophischen Sinnbilds der Mittlerschaft gekommen, „zu einer Verkörperung der ewigen Ordnungsmächte“: „Maria als mystische Verkörperung der Schöpfung, Natura als vicaria dei und Sinnbild Marias.“[36]

Die Marienverehrung im hohen bzw. ausgehenden Mittelalter drückte sich vor allem in den „schönen Madonnen“ aus, die großenteils relativ gut erhalten sind. Zwar versuchen die heutigen Interpreten und Ausstellungsmacher, diese in den kultur- und kunsthistorischen Kontext einzuordnen, vernachlässigen dabei aber Wissenschaftsgeschichte und Naturphilosophie, wie sich am Beispiel einer Bonner Ausstellung zeigen lässt, die Ende 2009 im Rheinsichen Landesmuseum eröffnet wurde.[37] Zwar wird in einer diesbezüglichen Besprechung die „größere Lebensnähe“ der nach 1350 geschaffenen Madonnen angemerkt: „Himmel und Erde rücken näher zusammen und das ‚Ave’, mit dem der Verkündigungsengel Maria grüßte, lässt sich nun sinnfällig in der Umkehrung als ‚Eva’ lesen“ –, aber die mögliche Überblendung der Maria durch Natura bleibt außer Betracht und wird nicht weiter diskutiert.[38] Immerhin erinnert die Anbetung der Madonna durch kniende Personen, wie sie auf einzelnen Abbildungen zu sehen ist, an die demütige Haltung der Kunst (ars) gegenüber der Natura. (Kap. 36) Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen. In einer französischen Handschrift aus dem 12. Jahrhundert sieht man Petrus Venerabilis, den Abt von Cluny, vor der Madonna beten. (Abb. [iv]) Die naturphilosophische Hierarchie Gott –Natur – Mensch entprach der religiösen Hierarchie Jesus (Gott)– Maria – Mensch. Letztere ist aber unvergleichlich komplexer, da Gott zugleich Mensch wird und nicht als himmlische Lichtquelle oder Vatergestalt per se, sondern als Sohn auf Mariens Schoß erscheint. Eine analoge Bildkomposition zeigt der Shaftesbury Psalter West Country um 1130/40. Hier ist eine Frau im Gebet vor der Madonna zu sehen, die mit den Attributen einer Königin auf einem Thron sitzt. (Abb. [v])

Anmerkung vom 9.08.2015

Eine wunderschöne aus Elfenbein geschnitzte Madonna aus den 13. Jahrhundert befindet sich im Taft Museum of Art in Cincinnati (Ohio). Näheres siehe Supplementary News Blog.

Ein Faszinosum stellten die für lebendig gehaltenen Marienstatuen dar, die sich angeblich bewegten, Schweiß oder Blut absonderten oder sich anderweitig äußerten. Es wird sogar berichtet, wie sich der „Rebellenkleriker Tanchelm, der von den Utrechter Kanonikern zum Häretiker erklärt worden war, öffentlich mit einer Marienstatue [verlobte], worauf er von der versammelten Zuschauerschaft Hochzeitsgeschenke verlangte und auch erhielt.“[39] Dies war keineswegs ein Einzelfall. Marienbildnisse wurden rituell bekleidet und entkleidet, mit Kronen, Umhängen und Schmuck versehen, ja sogar gebadet, um heilkräftiges Wasser zu erhalten.[40] Der Brauch, Reliquien oder Bildnisse zu diesem Zweck zu waschen, lässt sich bereits im frühen Mittelalter feststellen. Manche Bildnisse waren durch ihre Bemalung so anziehend, dass sie fromme Betrachter dazu verlockten, das Gesicht der Maria zu küssen, was im Bereich der griechisch-orthodoxen Kirche auch heute noch zu beobachten ist. Es bedeutet einen Unterschied, ob ein Bildnis als Symbol (signum) oder als Sache (res) angesehen wird. Je nach dem kann es in der herrschenden Meinung als göttlich oder als teuflisch empfunden werden.[41] Die lebenden Marienstatuen wurden nicht mehr nur als symbolisches Abbild, sondern als lebendiges Gegenüber wahrgenommen. Diese Einstellung wurde natürlich von denen als Götzendienst verteufelt, die hier nur ein abstraktes Gebilde ohne göttliche Ausstrahlung sehen wollten. 

In den marianischen Wundergeschichten des 12. und 13. Jahrhunderts waren die „lebenden“ Bildnisse der Heiligen Jungfrau weit verbreitet. Sie dienten dabei, wie die US-amerikanische Kulturhistorikerin Katherin Smith darlegt, nicht nur der theologischen Veranschaulichung der Inkarnation der Himmelskönigin, sondern auch der Sichtbarmachung ihres schönen weiblichen Körpers.[42] „Thus Marian images were endowed not only with the transcendental spiritual beauty of the divine mysteries they represented, but with a feminized, earthly beauty as well.”[43]Ihre Attraktivität habe auf männliche Betrachter wohl eher verführerisch, auf weiblich eher mütterlich gewirkt, obwohl auch Männern Maria in mütterlicher Rolle erschienen sei. Laien und Kleriker unterschieden sich offenbar kaum in der Art und Weise ihrer Verehrung solcher „lebenden“ Marienbildnisse – entgegen der weitverbreiteten Auffassung, wonach die intensive körperliche Marienverehrung nur Ausdruck der Volksfrömmigkeit bzw. des „Aberglaubens“ gewesen sei.[44] Offenbar war eine solche emotionale Hinwendung zu Maria gerade im Diskurs der Kleriker präsent. Hierfür spricht die vielfältige literugische Verwendung der Bildnisse, nicht zuletzt auch zur Symbolisierung der Kirche als Braut Christi.[45] Der Zisterzienser Mönch Caearius von Heisterbach bezeugte in seinem „Dialogus miraculorum“ die Macht der „lebenden“ Marienbildnisse, ein Beleg dafür, dass solche Warhnehmungen von den Autoritäten keineswegs pauschal dem so genannten Volksaberglauben zugeordnet wurden.    

Anmmerkung zur Madonna im Speyerer Dom in meinem Supplementary Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/09/20/die-madonna-im-dom-zu-speyer/


[1] http://www.roemisches-mainz.de/ (30.04.2009). [2] J. Assmann, 2001, S. 44. [3] A. a.O., S. 46. [4] A. a. O., S. 190. [5] Marcel, 1668, S. 40. [6] A. a. O., S. 41. [7] Du Breul, 1612, S. 339. [8] Assmann, 2001, S. 337; Eschweiler, 1994. [9] Handbuch der Marienkunde, Bd.1, S. 154; → Abb. Isis mit dem Horusknaben (http://www.leuninger-herbert.de/feste /Weihnachten_05/Isis_Horus_1.gif ; 30.04.2009). [10] Handbuch der Marienkunde, Bd.1, S. 377-379. [11] Offb 12,1; Lutherbibel 1912: http://www.bibel-online.net/buch/66.offenbarung/12.html#12,1 (30.04.2009). [12] Handbuch der Marienkunde, Bd. 1, S. 378. [13] Andresen, 1891. [14] Górecka, 1999. [15] Schreiner, 1994, S. 499. [16] Górecka, S. 97-105. [17] Ebd., S. 103. [18] A. a. O., S. 62. [19] Schriftquellen, 1892, S. 222 (Nr. 693; Alcuini carm. 66, 2).  [20] A. A. O., S. 618. [21] A. a. O., S. 619 f. [22] Zit. n. Fenten, 2007, S. 65; Seuse, Ed. Künzle, 1977, S. 507. [23] Zit. n. Fenten, 2007, S. 68; Seuse, Ed. Künzle, 1977, S. 509. [24] Edward Schröder in: Konrad von Würzburg, 1926, S. 84. [25] Grimm in Konrad von Würzburg, 1816, S. 12-17. [26] Konrad von Würzburg, 1816, S. 37 f. (Verse 290-294). [27] Grimm in Konrad von Würzburg, 1816, S. 15. [28] Fenten, 2007, S. 79. [29] Górecka, 1999, S. 623. [30] Boerckel, 1880, S. 45-47. [31] Krewitt, 1990, S. 29. [32] A. a. O., S. 47-49. [33] Krayer, 1960, S. 177. [34] A. a. O., S. 178. [35] A. a. O., S. 179. [36] A. a. O., S. 180. [37] Suckale (Hg.), 2009. [38] Maidt-Zinke, 2009. [39] Hamburger, 2009, S. 131; Smith, 2006, S.  167. [40] Smith, 2006, S. 168. [41] Schmitt, 2010, S. 33 f. [42] A. a. O., S. 170. [43] A. a. O., S. 174. [44] A. a. O., S. 171. [45] A. a. O., S. 172.


[i] Marcel, 1668, S. 41; → Abb. Marcel 1686 Isis  [ii] Moret, 1902, S. 58 (Fig. 8); → Abb. Säugen des königl. Kindes Moret, A. (1902) Fig. 8 [iii] Moret, 1902, S. 60 (Fig. 10) → Abb. Ramses wird gesäugt Moret, A. (1902), Fig. 10 [iv] Hamburger, 2009; Kompendium Paris (St.- Martin-des- Champs), nach 1189, Paris, BnF, Ms.lat. 17716, fol. 23r; → Abb. Petrus Venerabilis vor der Madonna [v] Hamburger, 2009; London St. Lansdowne MS. 383, fol. 165v; → Abb. Frau vor der Madonna

11. Kap./2 * Die verschleierte Göttin

Vom Ausspruch „Zurück zur Natur!“, der Jean-Jacques Rousseau (nicht ganz zutreffend) zugeschrieben wird, bis hin zu Immanuel Kants Maxime „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[1] wurden im Zeitalter der Aufklärung immer wieder zwei höchste Instanzen angerufen: Natur und Vernunft. Sie erschienen als die maßgeblichen Richtgrößen für das philosophische Denken und wurden ideologisch miteinander verschmolzen. Dies lässt sich an der reichhaltigen Metaphorik vom „Tempel der Natur“ ablesen, die dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Form des naturwissenschaftlichen Laboratoriums zum „Tempel der Wissenschaft“ mutierte (Kap. 5). In diesem Tempel wurde die Natur gewissermaßen als Göttin verehrt, was auf antike Vorbilder wie Isis, Artemis, Demeter oder Diana verwies. In den „Salons“ von Denis Diderot findet sich eine interessante Zeichnung von Charles-Nicolas Cochin, das als Frontispiz für die „Enzyklopädie“ vorgesehen war. (Abb. [i]) Die durchsichtig verschleierte Frauengestalt personifiziert die Wahrheit (la Vérité). Sie ist von Lichtstrahlen umgeben, die nicht von oben kommen, sondern ihr selbst zugehören. Die Wahrheit wird hier offensichtlich mit Natura und Sophia, Natur und göttlicher Weisheit in eins gesetzt. In der Beschreibung heißt es, ins Deutsche übersetzt: „Die Vernunft und die Metaphysik versuchen, ihr [der Wahrheit] den Schleier wegzuziehen. Die Theologie erwartet ihr Licht von einem Strahl, der vom Himmel kommt; nahe bei ihr die Erinnerung (Mémoire) und die alte und neue Geschichte. Auf der anderen Seite nähert sich die Imagination mit einer Girlande, um die Wahrheit zu schmücken. Darunter befinden sich die verschiedenen Poesien (Poésies) und die Künste [foule de philosophes speculatifs] [2]. Ganz unten sind mehrere Talente (Talens), die von den Wissenschaften und Künsten abstammen [la troupe des artistes].“[3] Das Motiv der Enthüllung der Göttin als Symbol der Naturforschung trat in der bildenden Kunst in den Vordergrund und sollte im Zeitalter der Französischen Revolution eine Hochzeit erfahren. Auf die wissenschaftshistorische bzw. epistemologische Bedeutung der Enthüllungsmetaphorik sind wir bereits eingegangen (Kap. 4).

Die Inthronisierung der emanzipatorischen Vernunft im Kontext von Aufklärung, Deutschem Idealismus und Französischer Revolution ging mit einem Rekurs auf mythologische Stoffe einher, so, als habe sich die Revolution ihren eigenen Mythos auf dem Boden der alten Mythologie schaffen wollen. Der griechische Schriftsteller Plutarch zitierte bekanntlich die Inschrift „[…] noch kein Sterblicher hat jemals mein Gewand gelüftet“ am „Thronsitz der Athene in Sais, die man auch für die Isis hält“.[4] Nach der Überlieferung des Neuplatonikers Proklos umfasste die Inschrift noch eine weitere Aussage: „[…] mein Gewand hat noch niemand gelüftet. Die Frucht, die ich gebar, wurde die Sonne“.[5] Die auch als „Jungfrau“ bezeichnete Göttin habe keinen Geschlechtsverkehr gehabt und die Sonne aus sich allein geboren.[6] Eine gewisse Analogie zur Heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria ist nicht zu übersehen (Kap. 39).

Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp untersuchte dieses Enthüllungsmotiv im Rahmen seiner grundlegenden ikonographischen Studie zur Geschichte der Natur-Allegorie. Demnach erwähnte erstmals Plutarch die Entschleierung der Isis und sprach vom „Thronsitz der Athene in Sais“.[7] Diese Legende diente vor allem um 1800 als Vorbild für den Topos von der Entschleierung der „Wahrheit“ durch die (Natur)Wissenschaft.[8] Neben anderen nahm auch Kant zum Isis-Natura-Motiv Stellung.[9] Er bezog sich in der „Kritik der Urteilskraft“ dabei auf die Vignette in Segners „Einleitung in die Naturlehre“. (Abb. [ii]) Die betreffende Fußnote von Kant lautet: „Vielleicht ist nie etwas Erhabneres gesagt, oder ein Gedanke erhabener ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift über dem Tempel der Isis (der Mutter Natur): ‚Ich bin alles was da ist, was da war, und was da sein wird, und meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt’. Segner benutzte diese Idee, durch eine sinnreiche seiner Naturlehre vorgesetzte Vignette, um seinen Lehrling, den er in diesen Tempel zu führen bereit war, vorher mit dem heiligen Schauer zu erfüllen, der das Gemüt zu feierlicher Aufmerksamkeit stimmen soll.“[10] Die Illustration zeigt, wie die in einen Mantel mit den Symbolen der vier Elemente eingehüllte Isis, auf dem Haupt eine Sternenkrone, in der Hand eine Leier (Lyra), vor einem antiken, halb verfallenen Monument dahinschreitet.[11] Drei puttenartig gestaltete Forscher sind zu sehen, einer davon versucht listig, einen Zipfel des Gewandes der Göttin, emporzuheben − soweit es erlaubt ist, wie die Unterschrift „Qua licet“ andeutet.

Anmerkung vom 12.11.2014

Das Motiv der verschleierten Frau taucht auch in der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts auf. Ein Gemälde von Joseph Stella von 1925/26 ist hier besonders eindrucksvoll. Näheres siehe meinen Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/12/anmerkung-zu-11-kap-2-die-verschleierte-gottin-der-durchsichtige-schleier-der-gottlichen-frau/

Dieses Motiv tauchte aber auch schon früher in der wissenschaftlichen Literatur der Neuzeit auf, erstmals nach Kemp im Frontispiz zu einem Werk über vergleichende Tieranatomie aus dem Jahr 1681, das freilich keine Legende aufweist (Abb. [iii]). Kemp meinte hierzu: „Dort entschleiert die Allgorie der Natur den Augen des Betrachters die vielbrüstige, mit Geier und Szepter als Attributen ausgerüstete Gestalt der Natura.“[12] Es sei dahin gestellt, ob man den Akt auch als eine Art Selbstentschleierung der Natur dueten könnte. Jedenfalls sind zwei Frauengestalten zu sehen: Die eine, vielbrüstige Frau erscheint als Standbild, die den Makrokosmos darstellt; auf ihr sind Planetensymbole, in der Mitte die Sonne und unten die Mondsichel eingezeichnet. Die andere, enthüllende Frau hält in der einen Hand eine Lupe, in der anderen ein Skalpell, auf dem Kopf trägt sie ein rauchendes Weihrauchgefäß. Man kann sie wohl als die Personifikation von Ars, von Kunst und Wissenschaft, ansehen. Es blieb freilich der Französischen Revolution vorbehalten, die Entschleierung der Göttin in einem öffentlichen Kult der Vernunft (Raison) zu inszenieren. Beim berühmten Verfassungsfest, dem „Fest der Vernunft“ wurde am 10. August 1793 „eine als Raison ausgegebene Frau entschleiert […]. Die Provinz folgte bald dem Pariser Vorbild. In Chartres wurde zur Einweihung der Kathedrale als Tempel der Vernunft an Stelle des Hochaltars ein künstlicher Berg errichtet.“[13] Diesen krönte auf der Spitze eine Allegorie der Natur.

Der Maler Jacques-Louis David, ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, entwarf für den Brunnen „Fontaine de la Régénération“, der auf den Trümmern der Bastille errichtet worden war, die monumentale Statue La Nature“. Sie saß auf einem erhöhten Thron und erinnerte mit ihrem Kopfputz an Isis.[14] Die Inschrift auf dem Sockel lautete: „Nous sommes tous ses enfants.“ Die Statue wurde beim oben erwähnten Fest eingeweiht (Abb. [iv]). Vertreter der Departements tranken in einem Zeremoniell aus einem Pokal, der mit dem Wasser aus den Brüsten der Statue gefüllt war, wobei jeder eine Ansprache hielt. Ein Redner sprach von den „heiligen Quellen“ (sources sacrées), aus denen das Wasser der geistigen Wiedergeburt fließe.[15] Dies hatte hohen symbolischen Wert: Die Menschen sollten sich wieder wie Kinder der Mutter Natur zuwenden und zum harmonischen Zustand des ordre naturel zurückfinden.[16] Das Fünf-Décime-Stück mit der Darstellung des Brunnens von David wurde am 31. Dezember 1793 ausgegeben und hatte das Motto auf dem Revers: „Régéneration Française“.[17]

Die Ägyptenfaszination um 1800 war wohl im nachrevolutionären Frankreich, stimuliert durch den napoleonischen Ägyptenfeldzug (1798-1802), besonders stark.[18] Es ging nun auch in kolonialpolitischer Hinsicht um eine Entschleierung, wie die Medaille „Gallia Victrice Aegyptus Rediviva. 1798“ von Jean-Jacques Barré aus dem Jahr 1826 erkennen lässt: Der militärische Genius Frankreichs in Gestalt eines gallischen Kriegers lüftet den Schleier der vor ihm liegenden Isis als Allegorie Ägyptens. Jan Assmann zeigte in seinem Buch über die „Zauberflöte“, wie sehr die Intellektuellen in jener Epoche vom alten Ägypten fasziniert waren.[19] Dies betraf insbesondere die Freimaurerbewegung des 18. Jahrhunderts. So legten wohlhabendere Freimaurer „hieroglyphische Gärten“ mit „hermetischen Grotten“ an.[20] Georg Forster schilderte ehrfürchtig seinen Besuch der Grotte im Garten des Grafen Johann Philipp Cobenzl auf dem Reisenberg bei Wien: „Eine Grotte, bei deren Eintritt heilige Schauer uns ergreifen, ganze Adern von Erz, von Edelstein und Kristallisationen in ihren Wänden“.[21] Die ägyptische Göttin Isis erschien in dieser  Gartenkunst als Dea Natura schlechtin: „In der Mythologie und Ikonologie der Zeit galt Isis als die Göttin der Natur und wurde im Bildtypus der Diana von Ephesos als multimammia, ‚vielbrüstig’, dargestellt. […] Auch im Neuen Garten in Potsdam steht eine Isis im Bildtypus der Diana multimammia auf einer Lichtung im Wald.“[22]  Isis galt auch „als eine Dea Panthea, eine allumfassende, alle Götter und alles Göttliche in sich einbegreifende Gottheit.“[23] Isis als die „All-Eine“ und „Verborgene“ habe sich in der Natur offenbart, „die sie verhüllte.“[24] So meinte der aufklärerische Philosoph Carl Leonhard Reinhold, Mitglied der Wiener Loge „Zur Wahren Eintracht“, die Selbstoffenbarung der Isis auf der Sockelinschrift entspreche der Offenbarung Gottes an Mose: Mose habe nichts anderes versucht, „als den Hebräern die Gottheit, die er in den ägyptischen Mysterien kennengelernt hat, in einer ihnen faßbaren Begrifflichkeit näherzubringen.“[25]

Mit der Isis-Thematik war das Verhältnis von Natur und Wissenschaft angesprochen, vor allem die Frage nach der richtigen und zulässigen Art und Weise, wie die Wissenschaft mit der Natur umzugehen habe. Der politische Schriftsteller Joseph Görres, der zunächst mit der Französischen Revolution sympathisierte, meinte 1805, dass sich Wissenschaft und Kunst „[w]ie zwey Geschlechter“ einander gegenüberträten: „in holdem Liebreiz steht die Eine wie ein Bild der sanften Jungfrau da, verschleiert ihr Angesicht, ihr zarter Leib von dem Gewand verhüllt, […] die ganze Weiblichkeit ein reitzendes Geheimniß, von der zarten, schüchternen Schaam bewahrt, durch die Schönheit angedeutet, in der Liebe ausgesprochen, aber seine Räthsel nimmer, nimmer ganz gelöst. […] Festen Schritts tritt dagegen das Wissen auf, keck schaut das freye Auge um sich herum, drotzig bricht der Geist die Schranken durch, das Festeste muß in dem Brennpunkt seiner Strahlen sich verflüchtigen, […] Gewalt muß alle Räthsel lösen, jeder Schleier wird zerrissen, wo gewaltsam seine Energie gebietet“.[26] Die Natur ist nach Görres weiblich − wie die Kunst und Einbildungskraft. „Denn Liebe ist das innerste Geheimnis der Weiblichkeit, verborgen in ihrer Mitte ruht der Schwerpunkt der Geisterwelt, und alle ihre Elemente bindet dieser Punkt mit stiller Neigung aneinandander, und lenkt sie mit unwiderstehlichem Zug in seine unergründlichen Tiefen hin. Und die Liebe bedarf der Wahrheit nicht, daß sie ihr mit ihrem Strahle leuchte, Psyches Lampe macht den Amor flüchten“.[27] Für ihn war „die Wissenschaft wie die Vernunft […] von der Natur des Männlichen“. Vorrang hatte „dieser freye Geistesblick, der die Gegenstände durch sein Sehen selbst beleuchtet“.[28]


[1] Kant, 1784, S. 481. [2] A. a. O., S. 231. [3] A. a. O., S. 51. [4] Plutarch, 1941, S. 8. [5] Zit. a. a. O., S. 83 [Kommentar]. [6] A. a. O., S. 84 [Kommentar]. [7] Plutarch [1941], S. 7 f. (De Iside et Osiride, 9). [8] Kemp, 1973, S. 164.[9] A. a. O., S. 165. [10] Kant [1790], 1913, S. 316 (§49). [11] Goesch, 1995, S. 221. [12] Zit. n. Goesch, 1995, S. 164. [13] Kemp, 1973, S. 169. [14] Goesch. 1995, S. 195. [15] A. a. O., S. 196. [16] Kemp, 1973, S. 173. [17] A. a. O., S. 171. [18] Utz, 2012, S. 59. [19] Assmann, 2005. [20] Ebd., S. 106-121. [21] Zit. ebd., S. 109. [22] A. a. O., S. 116. [23] A. a. O., S. 117. [24] A. a. O., S. 118. [25] Zit. a. a. O., S. 119. [26] Görres, 1805 [a], S. 95. [27] Görres, 1805 [a], S. 90. [28] A. a. O., S. 88.


[i] Diderot [1765], 1960, Tafel 97; → Abb. Diderot 1960 [ii] Segner, 1770: Titelblatt; → Abb. Segner 1770 [iii] Blasius, 1681: Frontispiz; → Abb. Blasius 1681 Frontispiz [iv] Goesch, 1995, S. 348; → Abb. Fontaine 1793