17. Kap./5 * Kraft von außen oder innen?

Um die paradigmatische Bedeutung von Braids „Hypnotismus“ zu ersehen, ist es hilfreich, Esdailes Verteidigung des klassischen Mesmerismus zur Kenntnis zu nehmen, auf den wir im nächsten Hauptabschnitt näher eingehen werden (Kap. 22–28). Um 1850 griff Esdaile wie kein anderer Autor in jener Zeit noch einmal Mesmers Fluidum-Theorie auf: Die mesmeristische Beeinflussung geschehe durch die physische Kraft, die ein Lebewesen auf ein anderes ausübe. Er sprach hier sogar von einer „diabolic theory“. Die Patienten wurden mit geschlossenen Augen, in einem dunklen Raum liegend und gänzlich ohne Wissen, was man mit ihnen vorhatte, mesmerisiert.[1] Er berief sich auf den berühmten französischen Anatomen Georges Cuvier, der festgestellt hatte, dass ein menschlicher Körper einen anderen in seiner Nähe direkt beeinflussen könne. Dies sei auf eine Kommunikation der beiden Nervensysteme zurückzuführen.[2] Cuvier hatte tatsächlich in seinen Leçons d’Anatomie Comparées darauf hingewiesen, dass es sehr schwierig sei, die Imagination einer Person von dem physischen Effekt (effect réel) einer anderen, die auf erstere einwirkt, zu unterscheiden. Solche Effekte seien Ausdruck einer « communication quelqonque qui s’établit entre leurs systêmes nerveux. »[3]

Esdaile führte auch Beispiele von mesmerisierten Tieren ins Feld, um seine „diabolic theory“ zu untermauern, etwa indianische Gebräuche, um verwaiste Büffelkälber oder wilde Pferde durch Pferde-Flüsterer (horse-whisperers) einzufangen. Aber seine Hauptargumente bezog er aus seiner ärztlichen Praxis und seinen zahlreichen experimentellen Erfahrungen, die systematisch darauf angelegt waren, den direkten Einfluss unter Umgehung jeder Imagination, Erwartung oder Suggestion nachzuweisen. So berichtete er, wie er aus anderen Räumen und über größere Entfernungen hinweg Patienten in Trance versetzt habe, ohne dass diese von seinem Vorhaben etwas wissen konnten. Höhepunkt seiner Experimente stellte das Mesmerisieren eines blinden Mannes dar, „to test the imagination theory“.[4] Angeblich konnte Esdaile diesen innerhalb des Krankenhauses aus jeder Entfernung in Trance versetzen. Sein erster Versuch zielte darauf ab, diesen Blinden aus einer Entfernung von 20 Yards Abstand über eine Wand hinweg zu beeinflussen, während dieser sein Abendessen einnahm: „He gradually ceased to eat, and in a quarter of an hour was profoundly entranced and cataleptic.“[5] Deshalb könne die Theorie der Suggestion, Erwartung und Imagination (suggestion, expectation, and imagination) die Phänomene nicht befriedigend erklären. Die Wirkung des magnetisierten Wassers war für ihn ein weiterer Beweis dafür, dass dem Wasser ein lebendiges Fluidum (vital fluid) zugesetzt werden könne. Ausführlich zitierte er Karl von Reichenbachs Experimente mit Sensitiven (Kap. 28).[6] Und er verwies auf den antiken Sophisten Älian, der von den „Psylli“ als Wunderheilern berichtet habe, die gegen extreme Schmerzen bei Verwundungen Wasser zu trinken gaben, das sie zuvor selbst im Mund gehalten hatten.[7]

Im Grunde behauptete Esdaile, dass er auf eine Weise beeinflussen könne, die später als Telepathie oder Mentalsuggestion bezeichnet wurde (Kap. 21). Dabei argumentierte er elektrophysiologisch und evolutionsbiologisch. Wenn der elektrische Fisch Elektrizität absondern könne, „and project it in the direction desired by the will, why should not man possess a modification ot the same power?[8] Der Mensch enthalte alle niedereren Stufen der Natur in sich, die oft latent seien, die sich aber unter außergewöhnlichen Umständen plötzlich und überraschend manifestieren könnten. Vital fluid, nervous fluid und animal electricity waren für ihn analoge, voneinander kaum abgrenzbare Kräfte – Medien, Überträgersubstanzen. Wie der göttliche Geist (Divine Mind) nur durch verschiedene Medien wirken können, wie etwa Hitze, Licht, Magnetismus und Elektrizität, so müsse man auch ein Nerven-Fluidum (nervous fluid) annehmen, durch welches das Gehirn auf den Körper einwirkte.[9] Auf diesem Boden entwickelte Esdaile sein Modell, wie ein fremder Wille von außen so verinnerlicht wird, dass er die Herrschaft über den eigenen übernimmt. Das Nerven-Fluidum könne nämlich bei fortgesetzter Willensanstrengung in einem (aktiven) Nervensystem über den eigenen Körper hinausfließen und mesmeristische Phänomene (mesmeric phenomena) bei einem anderen (passiven) Nervensystem hervorrufen.[10] Die Nervenimpulse von außen würden dann an den äußeren Nervenendigungen genauso akzeptiert, als wenn sie von den zerbralen Endigungen im eigenen Gehirn kommen würden. Die Übersendung (transmission) fremder Nervenimpulse vom Gehirn des Magnetiseurs zum Gehirn des Patienten geschehe durch das Nervensystem des letzteren. Es komme also zu einer Verkehrung (inversion) des normalen nervösen Prozesses.[11] Der magnetische Schlaf (coma) erschien somit also Folge der unnatürlichen Ausrichtung (preternatural determination) des Nerven-Fluidums zum Gehirn, „the influence of the master-will“. Dieses werde dann gleichsam überflutet. Die elektrische Telegraphie, eine zeitgenössische technische Innovation, lieferte für Esdaile das Erklärungsmodell. Das Gedanken-modifizierte Nerven-Fluidum des aktiven Gehirns werde vom passiven Gehirn des Patienten reflektiert und verstanden −„exactly as the passive end of an electric telegraph records the impulses recieved from the active extremity of the battery“.[12]

Esdaile war ein Draufgänger, der mit handgreiflichen Experimenten den Mesmerismus als Tatsache demonstrieren und therapeutisch nutzen wollte. Für ihn offenbarten sich damit die großen Geheimnisse der Natur (Nature’s great secrets), deren Gesetze es zu entdecken galt.[13] Unvoreingenommen wollte er experimentieren – wie ein Chemiker, der von der Entdeckung eines neuen Elements gehört habe und dieses nun selbst nachweisen wolle.[14] Betrug und Täuschung sollten durch wiederholte Emperimente, Anwesenheit seriöser Zeugen und genaues Protokollieren der Vorgänge ausgeschlossen werden. Sein erstes Experiment, das er als Chirurg im April 1845 an einem hinduistischen Strafgefangenen vornahm, war bezeichnend für seine Einstellung. Dieser litt an einer doppelseitigen Hycrocele und spürte starke Schmerzen nach der Operation. Esdaile magnetisierte ihn mit Handstrichen, wie er sie aus der Literatur kannte. Er erzeugte damit nach einiger Zeit eine völlige Gefühl- und Bewusstlosigkeit. Selbst auf Schmerzreize reagierte der Patient nicht mehr, etwa auf das Stechen mit der Nadel und Brennen der Haut. Die „Nadelprobe“ diente ja von den Hexenprozessen bis zur modernen Neurologie als diagnostische Methode. Nach dem Erwachen klagte der Patient mehr über schmerzhafte Folgen des Stechens und Brennens, als über seine ursprünglichen Schmerzen im Scrotum.[15] Esdaile schämte sich seiner Ungläubigkeit: “I will never put a patient to the ‚question’ in this way.”

Der Mesmerismus war für Esdaile wie gesagt ein rein physikalisches Phänomen, eine Realität wie die Gravitation oder die Eigenschaften von Opium.[16] Für ihn stand unumstößlich fest, dass keine Imagination, keine geistige Sympathie (mental sympathy), kein Einverständnis (consent) zwischen den Beteiligten bestehen muss und die Augen des Patienten geschlossen bleiben können. Der Mesmerismus war für ihn eine natürliche Kraft des menschlichen Körpers, die Nerven und Muskeln beeinflussen, Schmerzen ausschalten, bei funktioneller Nervenschwäche helfen und auch Entzündungen besiegen kann. Er bestägte die mesmeristische Überzeugung, dass der Einfluss auch in die Ferne und durch dichte Materialien übertragen werden könne.[17]

Wir wollen nun noch einmal auf die Gegenposition von James Braid zurückkommen. Solche Spekulationen, wie sie Esdaile im Sinne des Mesmerismus bilderbuchmäßig vortrug, wollte er grundsätzlich widerlegen, wobei er manchmal ähnlich wie sein Gegenspieler, jedoch in entgegengesetzter Absicht, mit detektivischer Schläue vorging. In einer Abendgesellschaft sollte eine Dame, die angeblich versteckte Magnete an ihrer Ausstrahlung erkennen und fühlen konnte, ihre außerordentliche Fähigkeit unter Beweis stellen. Braid saß als geladener Gast neben der Dame mit einem doppelt so starken Magneten in der Tasche als derjenige, den die Dame vergeblich im Zimmer suchte, ohne dass diese etwas von Braides Magneten bemerkte – Beweis genug für ihn, dass die beeinflussende Kraft nicht von außen einstrahlte.[18] Was später als „psychische Epidemie“ diskutiert werden sollte, kannte Braid aus der medizinhistorischen Literatur. Er bezog sich vor allem auf die Darstellung der mittelalterlichen Epidemien durch den Berliner Internisten J. C. F. Hecker, der die „Tanzwut“ (Veits- und Taranteltanz) unter die „Psychopathien des Mittelalter“ rechnete und auf den „Trieb der Nachahmung“ zurückführte.[19] Braid merkte hierzu an: „Die wunderbare Macht, welche Sympathie und Nachahmungstriebe auf eine gewisse Klasse von Personen ausüben, ist jedem Arzte bekannt.“[20]

Aus heutiger Sicht mag es Braids größtes Verdienst gewesen sein, dass er am eigenen Leib Selbsthypnose und Autosuggestion einsetzte und damit die Bedeutung von Selbsterfahrung und Selbsttherapie unterstrich. So schilderte er seine bereits 1843 angegebene Methode, wie sich Patienten in vielen Fällen selbst in Schlaf versetzen könnten: „Sobald sie eine bequeme Lage im Bett eingenommen haben, schließen sie die Augenlider und geben den Augapfel [sic] eine solche Stellung, als wollten sie nach einem entfernten Objekt, etwa einem Stern sehen, der sich etwas über oder hinter der Stirn befindet. […] Noch sicherer wird bei manchen Individuen der Schlaf herbeigeführt, wenn sie in der nämlichen Richtung einen kleinen, hellen, von einer entfernten Lichtquelle beleuchteten Gegenstand mit anhaltender Aufmerksamkeit und bei etwas verhaltenem Athem fixiren.“ [21] Braid verwies unter anderem auch auf seinen schottischen Landsmann, den Physiker David Brewster, den Erfinder des Kaleidoskops, der an sich selbst erfolgreich diese Methode angewandt habe, um sich willkürlich in Schlaf zu versetzen. Die Beobachtung, dass Patienten sich gegenseitig wie beim „gewöhnlichen Mesmerisiren“ hypnotisieren können, war für Braid ein weiterer Beweis gegen die Annahme von „magnetischen Polen“ und einer Übertragung von magnetischen Kräften: „Ich habe einmal 22 Patienten sich im Halbkreis aufstellen und sich gegenseitig bei den Händen fassen lassen und sämmtliche 22 fielen rasch in Schlaf.“[22] Nach mesmeristischer Lehre, so Braid, hätten ja nur diejenigen in Schlaf versetzt werden können, in welchen sich die angebliche magnetische Kraft angehäuft hätte.

Als Wissenschaftler wollte Braid seinem Selbstverständnis nach induktiv vorgehen. Er beanspruchte für seine Lehre die Wahrheit: „Unter allen Umständen glaube ich annehmen zu können, daß meine Anschauungen einen Fortschritt bezeichnen und sich der Wahrheit mehr nähern als die Theorie der Mesmeristen und der Elektro-Biologen.“[23] Bei näherer Betrachtung der Braid’schen Lehre zeigt sich, wie scharfsichtig sie die Probleme der modernen Psychotherapie erkannte und deren Begrifflichkeit wie Suggestibilität, posthypnotischer Auftrag, Widerstand oder Autosuggestion vorwegnahm. Sie trug entscheidend dazu bei, das Menschenbild der modernen Medizin und darüber hinaus zu prägen. Der einzelne Organismus mit seinem Nervensystem als Schaltzentrale war nun die Grundeinheit, die scharf von seiner Umwelt abgrenzbar schien. Psychosomatik imponierte als bio-psychologisches Kräftespiel, das zwar von außen angestoßen wurde, aber immer im Einzelorganismus verblieb. Die Aufhebung seiner Individualität und Verschmelzung mit anderen, was für den Mesmerismus charakterisch war, schien völlig ausgeschlossen.


[1] Esdaile [1852], 1975, 222 f. [2] A. a. O., S. 223. [3] Cuvier, 1805, S. 107 f. [4] Esdaile [1852], 1975, S. 227. [5] A. a. O., S. 228: Fußn. [6] A. a. O., S. 230. [7] A. a. O., S. 231. [8] A. a. O., S. 233. [9] A. a. O., S. 234. [10] A. a. O., s. 235. [11] A. a. O., S. 236. [12] A. a. O., S. 238. [13] A. a. O., S. 35. [14] A. a. O., S. 59. [15] A. a. O., S. 54. [16] A. a. O., S. 58. [17] A. a. O., S. 271 f. [18] Braid, 1882, S. 164. [19] Hecker, 1865, S. 121. [20] Braid, 1882, S. 163. [21] A. a. O., S. 169 f. [22] A. a. O., S. 172. [23] A. a. O., S. 175.

17. Kap./3 * „Die Macht des Geistes über den Körper“

Der Topos von der Macht des Geistes über den Körper, der bei James Braid, wie wir sogleich sehen werden, eine wichtige Rolle spielte, wurzelte im Magiebegriff, der in der romantischen Naturphilosophie eine letzte akademische Blüte erlebte. So formulierte der Hallenser Medizinprofessor Ludwig Hermann Friedlaender 1839: „Magie ist die reinste Herrschaft des Geistes über die Natur, welche der am erhabensten und wunderbarsten ausübt, dessen Gedanke die Welt aus dem Nichts hervorrief und sie fort und fort beseelt. Gott ist der höchste Magus, der aber auch einen Theil seiner magischen Kraft den Menschen zuwendet, wenn sie rein und sündlos durch Glauben und Andacht mit ihm eins sind.“[1] Daneben gebe es aber auch „eine Magie der Natur“, deren „bewusstlos thätige, geheim bildende und entbildende Kraft, in deren wunderbares Walten einzudringen und dasselbe sich anzueignen der Mensch besonders dann versucht, wenn er nicht mehr das Bewusstseyn der göttlichen Magie besitzt.“[2] So sei die ursprüngliche Heilkunde „eine Tochter der Religion und eine magische Kunst, die durch die Heilkraft des Geistes sich die Natur unterwarf.“[3] Wir werden nun die psychophysiologische Engführung dieses naturphilosophisch definierten Topos’ in der Lehre des Hypnotismus genauer beleuchten.

Wenden wir uns nun der „Lieblingsarbeit“ von James Braid zu, die für ihn einen wichtigen Bezugspunkt für seine späteren Studien darstellte.[4] 1846 erschien sein Artikel On the Power of the Mind over the Body“ in drei Folgen in der FachzeitschriftThe Medical Times“ mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „June 1846“.[5] Kurze Zeit später erschien dieser Artikel unter Weglassung des „on“ im Titel in The Edinburgh Medical and Surgical Journal“ mit einigen zusätzlichen Fußnoten mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „August 18, 1846“.[6] Letztere Version wurde Jahrzehnte später vom oben erwähnten Jenaer Physiologen Wilhelm Preyer unter Weglasssung einiger Anmerkungen zusammen mit einer Reihe anderer Schriften von Braid ins Deutsche übersetzt.[7] Braid kritisierte vor allem die mesmeristischen Spekulationen des Chemikers Karl von Reichenbach (Kap. 28) auf Grund eigener Beobachtungen „an hypnotischen Patienten“: Der Freiherr habe „einen irreleitenden Factor entweder garnicht gekannt oder völlig übersehen“, nämlich den Einfluss eines „geistigen“ Teils beim Vorgang seiner Experimente.[8] Braid berichtete, wie er sich zu deren Wiederholung entschlossen habe und zu Schlüssen gelangt sei, „die denen des Freiherrn von Reichenbach schnurstracks entgegenlaufen.“ Während Reichenbach von der „Existenz einer neuen Naturkraft“ überzeugt war, die freilich nur durch eine kleine Zahl „hochsensitiver und nervöser Personen“ empfunden werden konnte, hatte Braid entdeckt, dass bei solchen Menschen „ein anhaltendes Richten der Aufmerksamkeit auf einen beliebigen Körpertheil“ bereits genügte, um bei ihnen eine Funktionsänderung zu bewirken.[9] So könne eine „innere oder geistige Ursachen jede Art von Empfindung“ hervorrufen, unter anderem auch „Visionen jeder Form und Farbe“. Der menschliche Nerv sei eben ein zweifelhafter Prüfstein für die Einwirkung äußerer Kräfte, „da die nämlichen Erscheinungen in gleicher Weise durch einen inneren oder geistigen Einfluss“ (internal or mental influence) ohne Mithilfe eines „äußeren Anstoßes“ (external agency) hervorgebracht werden könnten.

Braid berief sich auf seine für ihn eindeutigen Versuchsergebnisse. Es lohnt sich, seine Experimente näher zu betrachten, die er häufig mit detektivischer List und Lust durchführte. So strich er bei Patienten im nervösen Schlaf, die in diesem Zustand nicht sehen konnten, einen Magneten über die Hand oder einen anderen Körperteil, ohne diesen zu berühren. Dies zeigte keine Wirkung bei ihnen. Nur wenn der Magnet so nahe an die Körperoberfläche herangeführt wurde, dass er ein Kältegefühl erzeugte, „machte der Schlafende ein zeichen des Mißbehagens“.[10] Damit war angeblich Reichenbachs Behauptung einer Anziehung durch den Magneten bei sensitiven Menschen widerlegt; diese rühre „allein von einem ‚geistigen Einfluß’“ her. Braid referierte ausführlich die von Reichbach durchgeführten Versuche mit Sensitiven, die verschiedenartige Lichtwahrnehmungen im Sinne der Od-Lehre im Dunkeln hatten, und schloss daraus: „Alle erwarteten vermuthlich etwas Leuchtendes zu sehen und sahen in Folge dessen Licht oder Flammen.“[11] Dabei stellte Braid fest, dass die „angeblich physischen Thatsachen“, die Formen und Farben der Emanationen, die von den einzelnen Personen wahrgenommen wurden, stark voneinander abwichen. „Wärend diese Flammen und Farben in Wahrheit physisch vorhanden, so würden die Widersprüche nicht vorkommen können“.[12] Für ihn waren Karl von Reichenbachs Od-Phänomene ein Beweis für „die wunderbare Kraft des Geistes [the wonderful power of the human mind] […], vermöge welcher sensitive Personen, wenn sie ihre gespannteste Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen Theil ihres Körpers richten, eine Veränderung der Funktionen desselben hervorrufen können, die sie leicht einer äußeren Einwirkung zuschreiben, während sie doch lediglich aus einer inneren oder geistigen Ursache entsteht.“[13]

Braid stellte in seinen Experimenten fest, dass die „Patienten“ – ob es sich um hypnotisierte oder nicht-hypnotisierte kranke oder gesunde Versuchspersonen handelte – keinerlei Lichtwahrnehmungen hatten, „wenn sie nicht zuvor auf derartige Ideen gebracht oder durch Fragen zu solchen Vorstellungen angeregt waren.“[14] In einer Versuchsreihe führte er nacheinander einen Magneten und einen anderen Gegenstand von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen, wobei die Versuchspersonen zusahen und anschließend über die verschiedenen (vermeintlichen) Wirkungen berichteten. „Forderte man sie auf, den Blick abzuwenden oder sich durch das Aufstellen eines Schirmes die Möglichkeit einer Beobachtung der Vorgänge nehmen zu lassen und sodann die Empfindungen anzugeben, die ihnen die Wiederaufnahme der Prozeduren verursache, so behaupteten sie selbst dann ähnliche Erscheinungen wahrzunehmen, wenn man sie nur ansah und ihre Aussagen protokollierte, sonst aber nicht das Mindeste that.“ Da sie glaubten, der vorherige Versuch werde wiederholt, hätten sie ihre Aufmerksamkeit so auf die betreffende Körperstelle gerichtet und sei infolgedessen deren „physische Thätigkeit“ so erregt worden, „dass sie ihre Empfindungen durch äußere Einwirkungen [external impression] hervorgerufen glaubten“.[15]

Die Macht des Geistes verändere die physische Thätigkeit und nicht ein von außen kommender Einfluss. Braid demonstrierte seine These mit immer neuen Experimenten, die alle auf dasselbe hinausliefen: zu zeigen, dass magnetische oder mesmeristische Einwirkungen aller Art einer Täuschung bzw. Selbsttäuschung unterliegen. Nicht der äußere Einfluss, sondern die auf einen Körperteil gerichtete Aufmerksamkeit, eben die „Macht des Geistes“, sei Ursache der hervorgerufenen Empfindungen. Der „von innen heraus kommende geistige Einfluß“ genüge.[16] Braid benutzte hin und wieder den Begriff der Einbildungskraft (imagination) und zitierte Virgils Ausspruch „Possunt, quia posse videntur“ (Sie können, weil sie es zu können glauben).[17] Es ist bemerkenswert, dass Braid in diesem Zusammenhang von „suggested ideas and concentration of consciousness“ sprach, was umständlich und nicht ganz zutreffend mit „Einimpfen gewisser Ideen und das Richten ihrer Aufmerksamkeit auf einen Punkt“ übersetzt wurde.[18] (Obwohl Braid hier von „suggested ideas“ und auch an anderer Stelle einmal von „to suggest to the mind the idea“ sprach und damit psychodynamische Vorgänge beschreiben wollte, kann von einem Suggestionsbegriff bei ihm keine Red sein.)[19] Die Versuchsergebnisse seien lediglich „jener merkwürdigen Wechselwirkung zwischen Geist und Körper zuzuschreiben“ [attributable to the remarkable reciprocal actions of the mind and body on each other].[20]

Braid überprüfte experimentell auch die angebliche Fähigkeit der Sensitiven, durch Magnete, Bestreichen oder Anhauchen magnetisiertes Wasser von nicht magnetisiertem zu unterscheiden. Keiner der im Wachzustand und im nervösen Schlaf geprüften Patienten sei imstande gewesen, einen solchen Unterschied festzustellen. Freilich könnten durch Anhauchen und Bestreichen scheinbare Erfolge erzielt werden, „weil höchstempfindliche Patienten die Athem- oder Hautdünste sehr leicht riechen oder wahrscheinlich auch schmecken.“[21] Auch sei ihm noch niemals „ein Beispiel von unfehlbarem Gedankenlesen vorgekommen.“ Solches beruhe auf einer Täuschung: Gedankenleser nützten nur die „sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke“ aus. Mit großer Akribie versuchte Braid, von Reichenbachs Od-Lehre Schritt für Schritt experimentell bzw. narrativ zu widerlegen. Dies betraf die diamagnetische Eigenschaft des menschlichen Körpers, die phosphorizierenden Erscheinungen auf Friedhöfen oder den Abdruck des Magneten auf einer lichtempfindlichen Platte („Daguerreotype“).[22]

Braid hielt also die „Wirkungen eines neuentdeckten imponderabeln Agens“, wie sie Karl von Reichbach beschrieben hatte, nachweisbar für „irrig“.[23] Allerdings billigte er den Akteuren entsprechende Sinneswahrnehmungen zu. So könnten bestimmte leicht erregbare Menschen „elektrische, wärmeerzeugende und heilkräftige Eigenschaften“ an Gegenständen entdecken, „welche nicht nur von anderen, sondern auch von ihnen selbst nicht bemerkt werden, wenn sie sich in einem normalen, minder sensitiven Zustande befinden.“ Auch der Magnetiseur werde kraft der „die physische Thätigkeit veränderenden geistigen Einwirkung höchst wahrscheinlich eine Strömung in seinen Fingerspitzen wahrnehmen“. Gerade solche Sinneseindrücke würden den Glauben der Mesmer-Anhänger „an die physische Existenz des betreffenden Agens“ befestigen.[24]

Braid warf noch ein schlagendes Argument in die Waagschale. Es gebe Patienten, die sich selbst in nervösen Schlaf versetzen „und die dem Mesmerismus eigenen Erscheinungen ohne fremde Hülfe durch eigene Bemühungen erzeugen können, indem sie ihren Blick, sowie ihre ganze Geistesthätigkeit mit voller Energie unverwandt einem einzigen Punkt, z. B. ihrer Finger- oder Nasenspitze zuwenden“.[25] Wer sich selbst magnetisiere, könne mindestens ebenso große Wunder „wahrzunehmen wähnen, als die Menschen, welche unsere erfolgreichsten Magnetiseure durch Anwendung ihres vermeintlichen Fluidums behandelt haben.“ Nicht ein äußeres Fluidum erzeuge die mesmeristischen Phänomene, sondern die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Offenbar war ihm entgangen, dass die Mesmeristen sehr wohl die Methode der „Selbstmagnetisierung“ kannten und verschiedentlich diskutierten (Kap. 25). Freilich stand diese nicht im Zentrum der magnetischen Behandlungstechnik, bei der es ja primär auf die speziellen „Manipulationen“ der Magnetiseure ankam.

Wie Braid durch ein eindrucksvolles Experiment mit einer Patientin gegenüber einem ärztlichen Kollegen in London demonstierte, würde die „Überreizung der Einbildungskraft“ (vividness of […] imagination) zur Selbsttäuschung führen, sodass alle möglichen vorgespiegelten Phantasiegebilde für wirklich gehalten würden. Auch Visionen und Halluzinationen bestimmter Menschen im Wachzustand, die so genannten „vigilanten Phänomene“ (vigilant phenomena) seien kein physischer Eindruck von außen, sondern „ein von innen heraus wirkendes geistiges Blendwerk“ (a mental delusion from within), der den Verstand so weit lähme, dass die betreffenden Personen von einem anderen „unbedingt beherrscht und als bloße Marionetten [mere puppets]gehandhabt“ werden könnten.[26] Sobald man diese Patienten dahin bringen könne, „der sich äußernden Kraft eines fremden Willens die eigene Kraft selbständig entgegenzusetzen [exercise their own independent powers in opposition to], ist der Zauber [spell] behoben.“ Die dem magnetischen Fluidum zugeschriebenen physischen Veränderungen müssten „auf das geistige und körperliche Conto [resources] des Patienten und nicht etwa auf das des Experimentirenden und seiner Mittel gesetzt werden.“[27] Am Ende seiner Abhandlung unterstrich Braid die therapeutische Relevanz seiner Lehre: Die „richtige Beachtung und Beherrschung dieser Kraft des menschlichen Geistes [human mind] über seine leibliche Hülle [physical frame] und umgekehrt“ könnten zur Linderung von Leiden eingesetzt werden. Übrigens verwandte Braid Geist (mind) und Seele (soul) synonym – „soul or mind“, wie es an einer Stelle seiner „Neurypnology“ heißt –[28] wenngleich er ungleich häufiger „mind“ benutzte. Im Schlusssatz der soeben referierten Abhandlung benutzte er beide Termini in einem Atemzug: „My experiments […] beautifully prove the unity of the mind, and the remarkable power of the soul over the body.“[29]

So scharf sich die Protagonisten des Mesmerismus und des Hypnotismus (Braidismus) auch voneinander abgrenzten, so unscharf wurden beiden Konzepte in der Laienmedizin und insbesondere in deren Ratgeberliteratur miteinander vermengt, ja oftmals miteinander gleichgesetzt. Sie beeinflussten nachhaltig die in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufblühende „Neugeist-Bewegung“ (New Thought Movement) und die von dieser Strömung propagierte Geistheilung (mental healing). Im Mittelpunkt der verschiedenen Ansätze  stand die Idee, dass der Geist sozusagen Berge versetzen und vor allem heilen könne. Hierbei spielte der Begriff der Suggestion ein zentrale Rolle. So meinte Henry Wood, ein Mentor des New Thought, die ideale Suggestion sei das „Photographieren von reinen und vollkommenen Idealen direkt auf unseren Geist durch das Medium des Gesichstssinns“ (the photographing of pure and perfect ideals directly upon the mind through the medium of the sense of sight).[30] Die gebündelte Energie der Gedankenkonzentration (thought concentration) würde eine wunderbare Kraft entwickeln. Er gab im Stile eines Übungsbuches eine Reihe von insgesamt 35 „meditations and suggestions“ an, deren richtigen Gebrauch er im Einzelnen im Grußdruck durchdeklinierte: von „GOD IS HERE“ und „DIVINE LOVE FILLS ME“ bis hin zu „I AM HEALED“ und „BE YE THEREFORE PERFECT“. Die Verinnerlichung der Suggestionen könnten nur durch ständiges Üben erreicht werden. Diese Kur der „idealen Suggestion“ sei nicht magisch, sondern bedeute natürliches Wachsum (natural growth).[31] Mesmerismus und Hypnotismus boten den Heilbestrebungen der Neugeist-Bewegung einen wunderbaren Nährboden. Sie importierten magnetische und hypnotische Techniken, die primär in der Medizin entwickelt worden waren, in ihr religiöses Feld und verknüpften sie mit dessen Denkwelt. Am bekanntesten wurde die Christian Science von Mary Baker-Eddy, die von dem US-amerikanischen Mesmeristen Phineas Quimby behandelt und stark beeinflusst worden war, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll.[32] Der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig war mit seiner Schrift „Die Heilung durch den Geist“ (1932) wohl der erste, der den medizinhistorischen Bogen von Franz Anton Mesmer zu Sigmund Freud schlug und dabei Baker-Eddys Lehre als Zwischenstufe in der Geschichte der Psychotherapie würdigte.[33] Erst mit Henri Ellenbergers „Die Entdeckung des Unbewussten“ (1970) wurde die Bedeutung des Mesmerismus für die Geschichte der „dynamischen Psychiatrie“ erkannt.[34]


[1] Fiedländer, 1839, S. 21. [2] A. a. O., S. 22. [3] A. a. O., S. 24. [4] Preyer in: Braid, 1882, S. VI. [5] Braid, 1846 [a].[6] Braid, 1846 [b]. [7] Braid [1846], 1882. [8] Ebd., S. 4. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 6. [11] A. a. O., S. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 12. [14] A. a. O., S. 13. [15] A. a. O., S. 14. [16] A. a. O., S. 20. [17] A. a. O., S. 22. [18] Braid, 1846 [b], S. 300; Braid [1846], 1882, S. 23. [19] Braid, 1843, S. 147. [20] Braid [1846], 1882. S.  24; Braid 1846 [b], S. 300. [21] Braid [1846], 1882, S. 25. [22] A. a. O., S. 26-29. [23] Ebd., S. 29. [24] A. a. O., S. 30. [25] A. a. O., S. 31. [26] A. a. O., S. 34. [27] A. a. O., S. 36. [28] Braid, 1843, S. 83. [29] Braid, 1846 [a], S. 274. [30] Wood, 1893, S. 7. [31] A. a. O., S. 109. [32] http://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Baker_Eddy (29.04.2012). [33] Zweig, 1932. [34] Ellenberger, 1970; 1973.

17. Kap./2 * Die Erklärung „magnetischer“ Phänomne

Braid bezog sich positiv auf die große Abhandlung über Magie und Geheimwissenschaften („History of Magic“) des schottischen religiösen Schriftstellers John Campbell Colquhoun, dessen Beispiele „ein starke Stütze“ für seine eigene Theorie bildeten.[1] Dieser Autor hatte zudem ein zweibändiges Werk über den animalischen Magnetismus unter dem vielsagenden Titel „Isis revelata“ verfasst.[2] Die kultische Verehrung der Isis als Personifizierung der Natur und der Wahrheit sowie die Metapher des Tempels als Ort der Naturforschung war auch noch im 19. Jahrhundert verbreitet (Kap. 11). Das Titelblatt zum ersten Band zeigt jedoch im Unterschied zu anderen bildlichen Darstellungen und auch zu Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ eine Göttin, die selbst den Schleier anhebt, so dass sich ihr Gesicht zeigt. (Abb. [i]) Im linken Arm hält sie einen geflügelten Stab mit zwei Schlangen, einen so genannten Hermesstab. Das Bildmotiv des Titelblatts ist nicht weiter erstaunlich, wenn wir berücksichtigen, dass der Autor in Isis eine Heilgöttin sah und vermutete, dass der „Tempelschlaf in den Heiligthümern der Isis“ wohl durch „magnetische Proceduren“ hervorgebracht worden sei.[3] Überhaupt erschienen dem Autor alle „heiligen Mysterien“ in der Religionsgeschichte, namentlich der indische Brahmaismus und die Lehren Zoroasters, die von den Griechen aufgenommen und an die Römer weitergegeben wurden, bis hin zu Athanasius Kircher sowie Pater Hell und Franz Anton Mesmer in Wien, Zeugnisse für „das hohe Alter der Doctrin vom animalen Magnetismus“.

Colquhoun erblickte im Magnetismus „die primitive, die Urheilkunst“.[4] Mesmer könne man nun „den modernen Entdecker oder Wiederentdecker des animalen Magnetismus“ nennen.[5] Unglücklicherweise habe Mesmer die von ihm hervorgerufenen Tatsachen mit einer zweifelhaften Theorie verbunden, auf welche sich die Gegner eingeschossen hätten. Colquhoun plädierte für eine wissenschaftliche vorurteilsfreie Erforschung dieses universellen Heilmittels. Sein Argument glich dem, was bereits von Vertretern der frühneuzeitlichen magia naturalis gegen alle möglichen Gegner ins Feld geführt worden war: Die empirische Forschung sollte, „nach philosophischen und psychologischen Principien, viele erstaunenswerthe Erscheinungen erklären […] können, welche früher als geheimnißvoll, als übernatürlich und daher als außerhalb des Bereiches menschlicher Speculation stehend, betrachtet wurden“.[6]

Während Colquhoun sich im Namen wissenschaftlicher Redlichkeit noch relativ offen für die mesmeristischen Spekulationen zeigte, war Braids Antwort auf alle spekulativen Anmutungen des Mesmerismus und der Magie einfach und radikal: Es handele sich bei allen Phänomenen stets um Rückwirkungen des eigenen Gemüts auf den Körper. Wie sollten auch anders die „Krampfanfälle in St. Medard“ am Grab des Abbé Pâris zu erklären sein, die angeblich von dessen Asche ausgingen?[7] Braid bezog sich hier auf das Massenspektakel um 1730, das ekstatische Frauen (convulsionaires) über Jahre hinweg auf dem Friedhof der Kirche Saint-Médard einem großen Publikum darboten. Solche „neuen Formen von Erregungszuständen“ ließen sich „ohne die Annahme der Übertragung eines verborgenen Einflusses von einem Menschen auf den anderen erklären“. [8] Hoffnung und Vertrauen, nicht Kraftübertragung seien die Ursache: „Ich glaube nicht, daß in solchen Fällen A soviel Kraft verliert, als B gewinnt.“ Die magnetischen Phänomene hätten also subjektive, keine objektive Ursachen. Seine Experimente könnten den Beweis liefern, „daß solche subjektiven Zustände allein schon hinreichen, die ersteren hervorzurufen, ohne daß ein besonderer Einfluß von einer Person auf die andere im Spiel ist. Auf der anderen Seite sind die Mesmeristen außer Stande, zu beweisen, daß solche subjektive Ursachen während der Ausübung des Mesmerisirens nicht in Wirksamkeit sind.“[9]

Braid glaubte an die objektive Wirksamkeit gewisser Arzneimittel, „ganz unabhängig von den physischen und geistigen Eigenthümlichkeiten wie von den Manieren der ordinirenden Person.“[10] Insbesondere wies er die Theorie von einem besonderen „magnetischen Temperament“ zurück, das ihm die Mesmeristen persönlich unterstellten. Die Wirksamkeit der Hypnose beruhte nach seiner Auffassung nicht auf einer Art Placebo-Effekt, wie man heute sagen würde. Aus Sicht der Mesmeristen „müßte die Wirksamkeit der angewendeten Mittel ganz und gar dem magnetischen Temperament und dem energischen Willen wie den guten Absichten der mesmerisirenden Person oder des ordinirenden Arztes zugeschrieben werden.“[11] Braid machte sich über das ihm unterstellte „magnetische Temperament“ in einer Anekdote lustig. Er habe einmal einen „Häuptling aus den Reihen der Mesmeristen“ besucht, der Braids Erfolge „dem Besitz eines ungewöhnlich wirkungsvollen magnetischen Temperaments zugeschrieben“ habe und zur Überzeugung gelangt sei, „daß ich ein großes Gehirn, eine weite, geräumige Brust und beträchtliche geistige Energie, d. h. einen determinirten Willen besitzen müsse.“ Seine Vermutungen seien beim Anblick von Braid bestätigt worden. Dieser gab zu bedenken: „Ich habe indessen meine Erfolge ganz anderen und weniger mystischen oder absonderlichen Ursachen zugeschrieben.“ Eine interessante Konstellation: Der Mesmerist erklärte den Hypnotiseur zu einem Magnetiseur, der Hypnotiseur erklärte den Magnetiseur zu einem Hypnotiseur.

Interessanterweise hat der katholische Publizist Joseph Görres in Anlehnung an den Mesmerismus den „spontanen Somnambulismus” als einen „Rapport mit sich selbst“ begriffen: ”Gibt es nämlich magische Rapporte zwischen dieser Persönlichkeit und Allem, was näher oder ferner sie umsteht und umströmt; Rapporte, die von ihr aus in mit ihren Gegenständen sich erweiternden Sphären sich aufthun; dann wird, da sie selbst, zugleich Unterwurf und Gegenwurf, sich gegenübersteht, auch ein engster Rapport zwischen dem Subjectiven und Objectiven in ihr eintreten können, indem sie sich selbst, von einem zum andern magisch bestimmt, und in außergewöhnliche Zustände sich versetzt.” Görres kam hier der Idee der Autosuggestion recht nahe, wobei er den gefährlichen, krankmachenden Rapport als ein Rapport mit dem moralisch Bösen charakterisierte, der eine „Zaubersünde“ darstelle (Kap. 19 und 27).

Es ist das Verdienst von James Braid, mit der Idee der Selbstbeeinflussung den späteren Begriff der Autosuggestion im Kern vorweggenommen zu haben. Der Erfolg hänge weder vom Willen und Vorstellen, noch von den physischen Bemühungen des Hypnotiseurs ab, „sondern lediglich von dem Einfluß […], den das Gemüth der Kranken auf ihren eigenen Körper auszuüben im Stande war“.[12] Selbstverstänlich lehnte Braid Fernwirkungen, Hellsehen und Ähnliches ab. Sie seien „lediglich das Resultat concentrirter Aufmerksamkeit, eines lebendigen Gedächtnisses und der Erregung der Sinnesorgane, verbunden mit Selbstvertrauen und sorgfältigen Erwägungen über die mögliche Gestaltung der Zukunft“.[13] Der hypnotische Schlaf zeichne sich im Gegensatz zum gewöhnlichen Schlaf durch die Fähigkeit aus, seine Aufmerksamkeit zu konzentrieren.[14] Braid gab eine praktische Anleitung zur Induktion der Hypnose, die als klasisches Verfahren in die Geschichte der Psychotherapie einging: „Dem bequem sitzenden oder stehenden Kranken wird irgend ein kleiner glänzender Gegenstand [B. benutzte gewöhnlich ein Lanzettfutteral] 10-12 Zoll vor und über die Mitte der Stirn gehalten, so daß es seinerseits einer kleinen Anstrengung bedarf, um das Objekt gleichmäßig und ruhig und mit möglichst concentrirter Aufmerksamkeit zu fixieren. Gleichzeitig ermahne ich den Kranken, sobald er Neigung zum Schlaf verspürt, derselben nachzugeben.“[15] Braid antizipierte den späteren Begriff der Suggestibilität, indem er eine unterschiedliche „Empfänglichkeit gegenüber hypnotisirenden Einflüssen“ feststellte.[16]

In diesem Zusammenhang tauchte der Begriff des Widerstands auf, der sowohl für die Bernheim’sche Suggestionslehre wie für die Freud’sche Psychoanalyse, wenn auch mit unterschiedlicher Blickrichtung, von zentraler Bedeutung werden sollte – eine Tatsache, die in der Historiographie der Psychiatrie und Psychoanalyse regelmäßig übersehen wurde. Es war schließlich Ellenbergers Verdienst aufzudecken, dass die Phänomene von „Widerstand“ und „Übertragung“ den Magnetiseuren und Hypnotiseuren durchaus bekannt waren – lange vor Freud, der sie dann als therapeutisches Hauptinstrument der Analyse nutzte.[17] Die hypnotische Behandlung, so Braid, könne nur gelingen, wenn der Widerstand des Patienten überwunden werden könne: „Es ist daher, wenn die Patienten sehr widerstandsfähig sind, immer wünschenswerth, den Einfluss von Sympathie und Nachahmungstrieb, wie den von Einflüsterungen und von Erregung der Erwartung zur Geltung zu bringen, wobei der Arzt Zuversichtlichkeit im Ton und ihm Benehmen zur Schau tragen und dem Patienten so nachdrücklich als möglich die Überzeugung aufdrängen muß, daß er außer Stande ist, diesen Einflüssen Widerstand zu leisten.“[18] Für den Erfolg sei es günstig, wenn der Patient sich der Manipulation „gerne unterzogen oder […] wenigstens keinen Widerstand entgegengebracht hat.“

Doch wie finden äußere Einwirkungen Anklang im Subjekt? Braid griff auf die gängige Metaphorik der Sympathie zurück, nämlich die Resonanz von Saiten, um sich sogleich von dem romantischen Modell intersubjektiver Wechselwirkungen zu distanzieren: “Die Perception äußerer Einwirkungen und das Vermögen, dieselben durch Bildung gleichartiger Vorstellungen zu beantworten, sind außerordentlich geschärft. Jede Saite, die durch den Inhalt der gesprochenen Worte, wie durch den Ton, in welchem sie geäußert werden, angeschlagen wird, findet sofort in einer so überraschenden Weise Anklang, daß viele darin die Wirkung einer Art Intuition oder Inspiration zu erkennen glauben.“[19] Braids Erklärung der mesmeristischen Striche („ des tractim tangere der Römer“), etwa beim Handauflegen zur Schmerzlinderung, war eindeutig. Die Wirkung gehe nicht von einer Person auf die andere über. Sie entstehe vielmehr „dadurch, daß ein ausgedehnter Eindruck auf die Sinnesnerven der Körperoberfläche gemacht und damit die Aufmerksamkeit von der verletzten Stelle abgelenkt oder vertheilt wird. Auf diesem Wege erkläre ich mir die Wirksamkeit des tractim tangere oder der sanften Reibungen und Berührungen mittelst der menschlichen Hand.“[20]

Braid sprach vom „doppelten Bewußtsein“, das er auch als „zweites“ oder „sekundäres Bewußtsein“ bezeichnete, lange vor der Diskussion über die multiple personality. „Alles was in dem geeigneten Stadium des Schlafs der Seele eingeprägt worden ist, vertieft sich zu Vortheil oder Nachtheil des Betreffenden und kann bei empfänglichen Naturen (nach dem Gesetz des doppelten Bewußtsein) wieder in das Gedächtniß zurückgerufen werden, sobald sie später wieder in das gleiche Stadium des Schlafs versetzt werden.“[21] Patienten, die in das „Stadium des tiefen Schlafs mit doppeltem Bewußtsein“ übergehen, könnten am wirksamsten beeinflusst werden. Die Hypnose mit ihrer gezielten Verfahrensweise sei dem Mesmerismus überlegen, da die Mesmeristen das besondere Schlafstadium übersehen und sich allzu sehr „auf die Wirksamkeit ihres vermeintlichen magnetischen oder odartigen Fluidums“ verlassen würden.[22]

Braid vertrat einen sensualistischen Standpunkt, um den Mechanismus der Hypnose zu erklären. Die Eindrücke müssten auf die Sinnesorgange oder sensiblen Nerven derart einwirken, dass bestimmte Ideen „dadurch auf dem Wege der Association geweckt werden.“[23] Deshalb sei der Einfluss auf beträchtliche Entfernungen hin wahrscheinlich eine Täuschung. Auch andere Beobachtungen der Mesmeristen stellte Braid in Abrede. So konnte er bei Hypnotisierten nie beobachten, dass diese durch die Annährung fremder Personen gestört worden seien („Gegenmesmerismus“).[24] Auch beim Voraussehen oder intuitiven Erkennen handele es sich um eine Täuschung. Sie komme durch Mitteilung anderer zustande oder durch Ideen, „welche lange Zeit in uns schlummerten und spontan während des Schlafs auftauchen, wenn gleichgestimmte Saiten des geistigen Lebens in Schwingungen versetzt werden.“ Auch hier benutzte Braid wieder die Metapher der musikalischen Resonanz. Er deutete an einer Stelle die Möglichkeit des später so genannten posthypnotischen Auftrags an, nämlich das Bedürfnis, „den stattgehabten Beeinflussungen gemäß zur entsprechenden Zeit zu handeln.“[25]


[1] Braid [1852], 1882, S. 120; Colquhoun, 1851 / [1853], 1971. [2] Colquhoun, 1836. [3] Colquhoun [1853], 1971, S. 518. [4] A. a. O., S. 519. [5] A. a. O., S. 520. [6] A. a.O., S. 524 f. [7] Braid [1852], 1882, S. 120. [8] A. a. O., S. 121. [9] A. a. O., S. 129 f. [10] A. a. O., S. 130. [11] A. a. O., S. 131. [12] A. a. O., S. 135. [13] A. a. O., S. 136. [14] A. a. O., S. 138. [15] A. a. O., S. 139. [16] A. a. O., S. 140. [17] Ellenberger, 1970, S. 490. [18] Braid [1852], 1882, S. 141. [19] A. a. O., S. 142. [20] A. a. O., S. 144 f. [21] A. a. O., S. 145. [22] A. a. O., S. 146. [23] A. a. O., S. 151. [24] A. a. O., S. 152 f. [25] A. a. O., S. 155.


[i] Colquhoun, 1836, vo. 2.: Titelblatt; → Abb. Isis revelata 1836

17. Kap./1 * „Nervöser Schlaf“

James Braid definierte in seinem oben erwähnten Buch „Neurypnology“ (1843) erstmals den „Hypnotismus“. Er sprach nicht mehr vom „magnetischen“, sondern vom „nervösen Schlaf“ (nervous sleep), der den „hypnotism“ kennzeichne. Damit wollte er den Mesmerismus und Somnambulismus wissenschaftlich entzaubern und seine Phänomene neurophysiologisch erklären. Braid führte den hypnotischen Zustand durch seine Methode der Fixation der Augen auf einen Punkt ein, was einen „Monoideismus“ hervorrufe. Während des nervösen Schlafs konnten die „nervösen Energien“ vom Hypnotiseur im Organismus des Hypnotisierten so gelenkt werden, dass sie bestimmte physiologische Reaktionen hervorriefen, beispielsweise die Muskelspannung oder die kapillare Durchblutung veränderten. Braid verwarf die Fluidumtheorie des Mesmerismus und hatte auch mit dem tiefenpsychologisch orientierten Konzept des Somnambulismus wenig im Sinn.

Interessant ist die Entdeckungsgeschichte, die Braid in „Neurypnology“ ausführlich schilderte  und die sein deutscher Anhänger und Übersetzer Wilhelm Preyer später zusammengefasst hat.[1] Im Novemer 1841, so berichtete Braid, habe er sich vorgenommen, die Behauptungen des Mesmerismus zu erforschen und seine Fehlerquelle (source of fallacy) bei bestimmten Phänomenen aufzudecken.[2] Er hatte von den Aufsehen erregenden mesmeristischen Demonstrationen (conversazioni) des französischen Magnetiseurs Charles Lafontaine gehört und besuchte eine davon am 13. November 1841.[3] Er sah seine Vorbehalte bestätigt. Bei einer zweiten Demonstration sechs Tage später fiel ihm auf, dass ein Patient (patient) die Augenlider nicht geöffnet halten konnte. Er sah dies als ein reales Phänomen an, dessen physiologische Ursache er erforschen wollte. Einen Tag später beobachtete der bei einer weiteren Sitzung dasselbe Phänomen und war sich sicher, die Ursache entdeckt zu haben, wollte damit aber nicht an die Öffentlichkeit gehen, bevor er nicht selbst entsprechende Experimente und Beobachtungen angestellt hätte. Zwei Tage später begann er in Anwesenheit seines Freundes „Captain Brown“ und seiner Familie mit einer Versuchsserie. Er wollte die Richtigkeit seiner Theorie beweisen, dass durch ein fortgesetztes fixiertes Blicken die Nervenzentren des Auges und seines muskulären Anhangs gelähmt würden, das nervöse Gleichgewicht verloren gehe und dadurch die Phänomene des Schlafs hervorgerufen würden. Die Unmöglichkeit, die Augen zu öffnen, wurde seiner Meinung nach durch eine Lähmung der Lidhebermuskeln als Folge des andauernden Fixierens verursacht und hatte somit einen  physischen Grund.[4] In einer Fußnote betonte Braid ausdrücklich, dass seiner Meinung nach die Unmöglichkeit, die Augen zu öffnen, nicht nur eingebildet (only imaginary) sei, also eine mentale Ursache habe, sondern eine physische Ursache („physical cause“) habe. Als Chirurg, der zahlreiche Schieloperationen durchgeführt hatte, war Braid besonders für die Funktion der Augenmuskeln sensibilisiert.

So stellte er ein weiteres Experiment an, womit die Methode der Augenfixation evaluiert werden sollte.  Preyer umschrieb es folgendermaßen: „Ein junger Mann in sitzender Stellung in Braid’s Zimmer wurde ersucht, starr die Mündung einer Weinflasche zu fixieren, welche so hoch und so nahe gestellt war, daß es eine beträchtliche Anstrengung der inneren geraden Augenmuskeln und Augenlidheber erforderte, sie stetig anzusehen. Nach drei Minuten senkten sich die Lider, ein Thränenstrom lief über die Wangen, sein Kopf neigte sich, sein Gesicht verzerrte sich etwas, er stöhnte und verfiel sogleich in einen tiefen Schlaf, wobei die Athmung sich verlangsamte, vertiefte und pfeifend wurde, während der rechts Arm umd Hand leichte krampfhafte Bewegungen machten. Nach 4 Minuten wurde daher der Versuch abgebrochen.“[5] Diese Erscheinungen bestätigten Braid: „I had got the key to the solution of mesmerism“.[6] Braids Frau war über die heftige Reaktion des jungen Mannes sehr erstaunt, zumal ihr Mann von diesem entfernt war und ihn in keiner Weise berührte. Sie stellte sich als weitere Versuchsperson zur Verfügung, um den Anwesenden zu zeigen, dass sie nicht so leicht beeindruckbar war. Braid hielt ihr eine chinesische Zuckerdose genau in derselben Position über die Augen, wie die Weinflasche im vorherigen Experiment. Nach zweieinhalb Minuten schloss sie die Augenlider krampfartig (convulsively), ihr Mund verzog sich, sie seufzte tief und entwickelte offenbar einen hysterischen Krampfanfall (hysteric paroxysm), wobei ihr Puls auf 180 Schläge pro Minute anstieg. Auch weitere Experimente mit anderen Personen ergaben ähnliche Resultate. Damit sah sich Braid völlig in seiner Auffassung bestätigt, das die Phänomene des Mesmerismus grundsätzlich auf einer Störung (derangement) der cerebro-spinalen Zentren und einer dadurch induzierten Störung des Gefäß-, Atmungs- und Muskelsystems beruhten.[7]

Mit seiner psychophysiologischen Argumentation wollte Braid den Hypnotismus wissenschaftlich begründen. Er war überzeugt, dass die hypnotischen Phänomene durch „Einfluß auf die Nervenzentren zustande kommen, ferner durch die körperliche und psychische Verfassung des Patienten, nicht aber durch die Ausstrahlung eines anderen. Denn jedermann kann sich selbst hypnotisieren, wenn er sich genau an die niedergelegten einfachen Regeln hält.“[8] (I feel confident that the phenomena are induced solely by an impression made on the nervous centres, by the physical and psychical condition of the patient, irrespective of any agency proceeding from, or excited into action by another — as any one can hypnotize himself by attending strictly to the simple rules I lay down”.)[9] Wenn Braid hier die Tatsache gegen den Mesmerismus ins Feld führte, man könne sich selbst hypnotisieren und deshalb sei die mesmeristische Vorstellung von einem Fluidum widerlegt, das von einer anderen Person ausstrahle, so kannte er offenbar nicht die Technik des „Selbstmagnetisierens“, wie sie u. a. im bekannten Lehrbuch des animalischen Magnetismus von C. A. F. Kluge erwähnt wurde (Kap. 25). Diese spielte zwar im klassischen Mesmerismus keine nennenswerte Rolle, da es hier in der Tat um die Übertragung des Fluidums vom Magnetiseur auf die zu magnetisierte Person(en) ging. Aber beim Somnambulismus als der psychologisch-romantischen Variante des animalischen Magnetismus imponierte das Sich-Selbst-Magnetisieren als eine besondere Art der Selbsttherapie. So verordnete sich Jusinus Kerners „Seherin von Prevorst“ (Friederike Hauffe) in der Regel selbst Art, Umfang und Zeitpunkt der „magnetischen Manipulationen“ und benutzte in eigener Regie den „Nervenstimmer“ als Sonderform eines magnetischen Kübels (baquet magnetique) (Kap. 24).[10]

Der Jenaer Physiologe Wilhelm Preyer war der wichtigste Anhänger des „Braidismus“ in Deutschland. 1881 stellte der die Entdeckungsgeschichte des Hypnotismus dar, im darauf folgenden Jahre veröffentlichte er ausgewählte Schriften von James Braid in deutscher Übersetzung.[11] Gerade in dieser Zeit entwickelten Liébeault und Bernheim die Suggestionslehre, die sich in den 1880er Jahren rasch durchsetzen konnte und neue Maßstäbe schuf. Preyer nahm davon kaum Notiz, so dass August Forel zu seinem 1890 erschienenen Buch „Der Hypnotismus“ kritisch anmerkte: „Liébeault und Bernheim werden darin nur flüchtig erwähnt! Preyer steht noch auf Braid’s Standpunkt.“[12] Braid grenzte in seiner Schrift „Magie, Hexerei, thierischer Magnetismus, Hypnotismus und Elektrotherpie“, die in dritter Auflage 1852 erschien, wiederum den Hypnotismus gegenüber dem Mesmerismus und anderen magisch anmutenden Konzepten ab. Diese Publikation sollte als Ersatz für eine Zweitauflage von „Neurypnology“ dienen. Die deutsche Übersetzung wich durch bestimmte Auslassungen – so sei „das rein Polemische“ fortgelassen worden – erheblich vom englischen Original ab.[13]


[1] Preyer, 1881, S. 6 f. [2] Braid, 1843, S. 2. [3] A. a. O., S. 16. [4] A. a. O., S. 17. [5] Preyer, 1881, S. 6. [6] Braid, 1843, S. 18. [7] A. a. O., S. 19. [8] Zit. n. H. Schott, 1984 [b], S. 40. [9] Braid, 1843, S. 32. [10] Schott, 2003. [11] Preyer, 1881; Preyer (Hg.), 1882. [12] Forel, 1891, S. X. [13] Preyer (Hg.), 1882, S. VIII [„Vorrede“], in: Braid, 1882.

# 17. Kap. Hypnose: Widerlegung von Magie und Magnetismus

Der Schlüsselbegriff der Suggestion entstand auf dem Boden des so genannten Hypnotismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als therapeutisches Konzept und Gegenstand psychologischer Forschung in Erscheinung trat. Er verstand sich nicht als Gegenentwurf zur naturwissenschaftlichen Medizin, sondern als deren psychologische Ergänzung. Es ist bemerkenswert, dass mit dem naturwissenschaftlichen Umbruch der Medizin in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Hypnotismus als neues „Paradigma“ begründet wurde. Die Definition des „nervösen Schlafs“ durch den schottischen Chirurgen James Braid und sein programmatischer Buchtitel „Neurypnology; or, the rationale of nervous sleep considered in realtion with animal magnetism“ legten die Grundlage für eine mit der naturwissenschaftlichen Medizin kompatible Psychotherapie.[1] Freilich haftete der Hypnose in der öffentlichen Wahrnehmung über Jahrzehnte hinweg etwas Zwielichtiges und Gefährliches an, provoziert durch dubiose Schauhypnosen auf öffentlicher Bühne sowie durch spiritistische bzw. parapsychologische Experimente im Halbdunkel abgeschirmter Séancen. Gleichwohl wurde der Hypnotismus zum Nährboden der modernen Psychotherapie, die der kanadische Psychiater und Medizinhistortiker Henri F. Ellenberger in seinem epochemachenden Werk „Die Entdeckung des Unbewußten“ als „dynamische Psychiatrie“ (dynamic psychiatry) bezeichnet hat.[2]


[1] Braid, 1843. [2] Ellenberger, 1970.

# 15. Heilsame Suggestion: Therapeutische Psychodynamik

Als die naturwissenschaftliche Medizin sich anschickte, das Erbe der romantischen Naturphilosophie mit ihren magischen Implikationen endgültig zu überwinden, entstand als große Gegenbewegung die Naturheilkunde, die traditionelle Elemente der natürlichen Magie übernahm und somit am Leben erhielt. Aber auch in der Universitätsmedizin selbst wurden solche Elemente unter neuer Begrifflichkeit auf die Tagesordnung gesetzt. Es ist bezeichnend, dass nun Schlaf und Traum zum Ausgangspunkt für Psychotherapie und dynamischer Psychiatrie wurden. Der Arzt und Naturphilosoph Gotthilf Heinrich Schubert hatte den Topos von der „Nachtseite der Naturwissenschaft“ geprägt.[1] Magische Erscheinungen hatten demnach einen besonderen Bezug zum Dunklen, zur Nacht, zu Schlaf, Traum und Somnambulismus. Dem entsprechend sollte, so die Überzeugung der romantischen Ärzte, die Naturforschung auf diesem okkulten Felde ansetzen. Es ist bemerkenswert, dass gerade auch jene, die den Mesmerismus zugunsten einer individuellen Psycho-physiologie überwinden wollten, wiederum am Schlaf ansetzten, um ihn umzuinterpretieren. So wurde aus dem „magnetischen“ der „nervöse“ Schlaf und aus dem „somnambulen“ der „hypnotische“ Zustand. Hellsehende, weissagende Träume, Fernwirkungen oder sensitive Wahrnehmungen erschienen als Illusionen der Einbildung, als Phantasieprodukte, als Belege dafür, wie die „Macht des Geistes über den Körper“ wirke.[2]

Das als Motto vorangestellte Bernheim-Zitat macht deutlich, warum der Begriff der Suggestion für unser Thema „Magie der Natur“ so überaus wichtig ist. Er markiert eine einschneidende Wende und kann als – letztlich bis heute gültiges – Paradigma der Psychotherapie und Psychosomatik sowie der (medizinischen) Psychologie angesehen werden. Dieses sei zunächst vorgestellt, um anschließend im Einzelnen seinen medizinhistorischen Hintergrund sowie seine Voraussetzungen und Folgen zu beleuchten. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war es möglich, über magische Naturerscheinungen und magisch anmutende Behandlungsmethoden als aktuellen Gegenständen der Naturwissenschaften und der Medizin zu berichten, wie es beispielsweise Carl Gustav Carus mit seiner späten Schrift „Ueber Lebensmagnetismus und die magischen Wirkungen überhaupt“ getan hat.[3] Spätestens um 1880 vollzog sich dann aber eine fundamentale Historisierung dieser Thematik. Jegliche Naturmagie mitsamt allen denkbaren magischen Künsten wurde nun zu einer historisch und damit wissenschaftlich überholten Angelegenheit erklärt, zum Aberglauben, zur Scharlatenerie oder zur Schwärmerei. Bildlich gesprochen: Die Wasserscheide zwischen der obsoleten Vergangenheit und der zukunftsträchtigen Gegenwart bildete der Suggestionsbegriff. Mit seiner Hilfe konnte die gesamte Wissenschafts- und Kulturgeschichte, die vor seinem Auftreten lag, als Vorgeschichte der wahren wissenschaftlichen Erkenntnis deklariert werden. Die vormaligen Rätsel schienen gelöst, die Geheimnisse gelüftet. „Suggestion“ wurde zum Zauberwort für die psychologische Medizin, vor allem für die Psychotherapie einschließlich der Psychoanalyse.


[1] Schubert, 1808. [2] Braid [1846], 1882. [3] Carus, 1857.

Suggestion – Das Unbewusste als Zauberformel der Entzauberung [Überschrift und Motto für Kap. 15-21]

Seitdem die Welt besteht, ist sie [die moderne Suggestivtherapie] ausgeübt worden,  aber verknüpft mit den gröbsten Ausschweifungen der Unwissenheit, des Aberglaubens und des Betrugs, vesteckt wie eingesprengtes Gold mitten in einer dicken Schicht von taubem Gestein. Nichts anderes als Suggestivtherapie steckt hinter allem geheimen Kram der alten Magie, steckt noch jetzt hinter den magischen Künsten wilder Völker […]; sie war in den ebenso mannigfaltigen als unwissenschaftlichen Proceduren des thierischen Magnetismus enthalten, ja sie verbarg sich noch hinter den Hypnotisirmethoden Braid’s.[…]  Alle Wunder rühren von der menschlichen Phantasie her. Unserem Zeitalter blieb es vorbehalten, das volle Licht über diesen Gegenstand zu verbreiten, einen klaren Begriff der wissenschaftlichen Lehre von der Suggestion zu bilden, vor dem alle Verirrungen der Phantasie und alle Ausschweifungen des Aberglaubens, welche die arme Menschheit so lange verblendet haben, schwinden müssen.

Bernheim: Neue Studie über Hypnotismus,Suggestion und Psychotherapie (1892)[1]                   

 


[1] Bernheim, 1892, S. 15.