14. Kap./3 * Natürliche Magie, technischer Zauber

Wenn die zweite Natur die erste substituiert hat, tritt sie für den Menschen gleichsam in die Fußstapfen der ersten und scheint nun selbst mit magischen Qualitäten ausgestattet zu sein. Haben wir es mit einer magia naturalis secunda oder altera zu tun? Der Mensch wäre dann insofern in einer Selbstverzauberung befangen, als er von seinen eigenen Produkten, der von ihm hervorgebrachten zweiten Natur, beherrscht wird. Wir sind hier insbesondere mit dem Verhältnis von Natur und Technik konfrontiert, mit dem sich der Philosoph Hans Blumenberg schon früh auseinandergesetzt hat.[1] Die moderne Technik sei für den Menschen unverfügbar geworden, folge einer „Dynamik der Sache“, was sich in der Metapher von der „Dämonie der Technik“ niederschlage. Erst im Horizont der christlichen Ontologie könne der Mensch „seinem Wesen nach in Gegensatz und Auseinandersetzung mit der Natur und in ein Macht- und Vergewaltigungsverhältnis zur Natur treten“.[2] Er gehe nicht mehr nach antikem Verständnis aus der Natur hervor, sondern sei in sie „hineingestellt“. So komme es zu einem „tragischen Hiatus“: „Die Ursünde macht die Natur zum Widerpart seines Selbstbesitzes.“ Am Beginn der Neuzeit sei „die Einheit des Ursprungs von Wissenschaft, Technik, Kunst und Macht“ sichtbar geworden: „da die gotteschaffene Welt dem Menschen nicht zueigen werden kann, ist der Mensch in die Not gestürzt, seine eigene Welt aus eigener Kraft zu bilden.“ Es gehe nun nach Ficinos Programmbegriff um eine menschliche re-formatio.[3] Nicht absehbar seien die Tendenzen der „perfektionierten Maschinenwelt“ als zweiter Natur in ihrem Umgang mit der ersten.

Die Technikfeindlichkeit der modernen Ökologiebewegung geht von dem Konflikt zwischen erster und zweiter Natur aus. Andererseits zeigt gerade die Technikgeschichte, wie sehr Naturideale im Selbstverständnis der Technik eine Rolle spielten, lange bevor der Begriff „Bionik“ (bionics), der in den 1960er Jahren geprägt wurde, auftauchte. Der Bielefelder Wissenschaftshistoriker Joachim Radkau hat schon vor geraumer Zeit auf die „moderne Vieldeutigkeit und vielseitige Verwendbarkeit des Naturbegriffs“ und seine „verwirrende Paradoxie“ hingeweisen.[4] Er stellte eine gewisse Ambivalenz, „ein Schwanken zwischen liebevollem Respekt und Agressivität gegenüber der Natur“ fest. So habe die Konstruktion technischer Wunderwerke nicht selten den Respekt vor den „Wunderwerken der Natur“ erhöht. Überhaupt habe sich das Naturverständnis der (deutschen) Techniker von dem der Naturwissenschaftler unterschieden. Nicht das Bild der Entschleierung sei für jene maßgeblich gewesen, sondern eher das Element des Unberechenbaren, die Vorstellung, dass es auch „Gegenschläge der Natur“ gebe und Unfälle als Strafe der Natur für menschliche Fehler aufzufassen seien.[5] „Begeisterung für die Wunder der Natur und Naturzerstörung befinden sich nicht selten in enger historischer Nachbarschaft. Der Enthusiasmus vieler Wissenschaftler und Techniker für die Natur war gewiß echt; aber Liebe bekommt eben leicht eine aggresive Komponente.“[6]  

Radkau formulierte in den 1990er Jahren kritische und zum Teil tabuisierte Fragen. Er stellte die Öko-Bewegung in Deutschland als widersprüchlich dar. Sie sei aus einem „Bündnis von Wertkonservativen und Linken, Anthroposophen und Marxisten, von Sekten und Hedonisten hervorgegangen.“[7] Er setzte sich vor allem mit der verworrenen Geschichte der „Natur“-Ideen auseinamder, bei der „einfühlsame Naturerkenntnis und deformierende Manipulation der Natur“ häufig eng benachbart seien.[8] Er plädierte für den historischer Zugang als „Gegenmittel gegen Glaubenskriege“.[9]  Die Öko-Bewegung sei als das zu begreifen, was sie wirklich sei, nämlich „als historisch gewordenes Amalgam aus heterogenen, in jedem Fall aber um menschliche Interessen kreisende Bewegungen. Ein ahistorisch-systematischer ‚Approach’ zur gegenwärgien Öko-Bewegung mit dem Ehrgeiz, diese von einer einzigen Theorie her zu definieren, führt zwangsläufig in die Irre.“[10]

Die aufkommenden Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert, die eng mit den technischen Innovationen verbunden waren, zielten keineswegs nur auf eine aggressive Naturbeherrschung ab. Viele ihrer Vertreter äußerten nebenbei auch naturphilosophische Gedanken, wie etwa der Chemiker Justus Liebig, der im Hinblick auf die Problematik des von ihm entwickelten „Patentdüngers“ im Vergleich zum Stalldünger mit ironisch gebrochenem Enrst meinte:„Ich hatte mich an der Weisheit des Schöpfers versündigt und dafür meine gerechte Strafe empfangen. Ich wollte sein Werk verbessern, und in meiner Blindheit glaubte ich, daß in der wundervollen Kette von Gesetzen, welche das Leben an der Oberfläche der Erde fesseln und immer frisch erhalten, ein Glied vergessen sei, was ich, der schwache, ohnmächtige Wurm ersetzen müsse.“[11] Solcher Rekurs auf die Magie der primären Natur, auf die immer wieder Loblieder angestimmt wurden, geschah vorzugsweise im Falle des Misslingens eines Projektes, eines Versagens der Technik mit schädlichen Folgen für den Menschen. Dort, wo die technische Errungenschaft funktionierte und durch ihre Leistungsfähigkeit glänzte und Bewunderung hervorrief, übernahm sie stillschweigend die Rolle der primären Natur und erschien den Zeitgenossen als wunderbare Kraftquelle und Verwandlungskünstlerin. Erschienen in der alchemistischen Vorstellungswelt die Naturelemente und ihre Kräfte als erotische Agenten, die  sich vereinigen und Früchte hervorbringen konnten, so breitete sich nun die „Erotik der Maschinenwelt“ aus, wie sie die Zeichnung „Erzeugung des Dampfes“ sichtbar macht, die der Münchner Maler Wilhelm von Kaulbach 1859 anfertigte: „Vulkan, feuerspeiend, erobert eine Nymphe und aus dieser Begattung geht Dampf hervor, während, gleich daneben, ein eisernes Rad zu rollen beginnt.“[12] (Abb. [i]) Aus feministischer Sicht wird hier jedoch eine Vergewaltigung gezeigt: „Die Wasserfrau versucht Vulkan von sich zu stoßen, doch der ist deutlich stärker und hält sie mit festem Griff umklammert.“[13] Hier werde also „der Sieg der Technik über die Natur“ dargestellt. Die Kopulation lässt sich freilich auch naturphilosophisch interpretieren. Kaulbach wollte nämlich darstellen, wie aus den Naturelementen Feuer und Wasser der das Rad antreibende Wasserdampf entsteht. Er bediente sich der griechischen Mythologie: Der feuerspeiende Mann, an seinen geflügelten Füßen als Hermes zu erkennen, begattet die Köngistochter Herse. Sie zeugen Kephalos, der als kraftvoller Jüngling Dampf aus seinem  Mund ausstößt.

Die Magie der Natur und die Wunder der Technik konnten als gerade in der Kunst miteinander verschmolzen werden. Ein illustres Beispiel bietet der 1871 enthüllte Tylor Davidson Fountain in Cincinnati (Ohio), die größte und meistbesuchte Brunnenanlage in den USA. Auf ihrer Spitze steht „The Genius of Water“, eine Frau, deren weiblichen Formen auch durch den langen Überhang hindurch erkennbar bleiben. (Abb. [ii]) Sie hat beide Arme waagerecht ausgebreitet und aus ihren nach unten gerichteten Handflächen rieselt das Wasser in feinem Strahl. Es benetzt die riesige Brunnenanlage mit vielen Figuren, die den „Wert des Wassers für die Menschheit symbolisieren“. [14]  Direkt unterhalb von ihr befinden sich vier männliche Gestalten, „die den Nutzen des Wassers für alles Leben verkörpern“. Auf weitere Details soll nicht eingegangen werden. Die Entstehungsgeschichte des „Genius of Water“ als Hauptfigur des Brunnens ist interessant. Ferdinand von Miller, der Inspektor der Königlichen Erzgießerei in München, und der Bildhauer und Maler August von Kreling hatten „bereits in den 1840er Jahren an Entwürfen für einen derartigen Brunnen gearbeitet. Inspiriert worden waren sie dazu durch eine Mariendarstellung in Frankreich. Maria hielt hier ihre ausgestreckten Arme nach oben und von ihren Handflächen gingen Lichtstrahlen aus. Diese Lichtstrahlen sollten bei der geplanten Brunnenfigur durch Wasserstrahlen ersetzt werden.“[15] Übrigens heiratete von Kreling 1854 eine Tochter des oben erwähnten Malers Wilhelm von Kaulbach. 1867 wurde dann ein Vertrag mit einem reichen Geschäftsmann aus Cincinnati über die Herstellung der Brunnenfigur auf der Grundlage früherer Skizzen abgeschlossen, die Ferdinand von Miller dann in Bronze goß. Vor diesem Hintergrund entpuppt sich der „Genius des Wassers“ ideengeschichtlich überdeterminiert. Er stellt eine Mischfigur von Maria und Natura dar (Kap. 40), eine dem irdischen Leben von oben Kraft spendende Frau. Sie agiert im Sinne des Mesmerismus: Die feinen Wasserfontainen aus den Handflächen gleichen magnetischen Handstrahlen, mit denen das „Fluidum“ übertragen wird. Aber das Besondere an diesem Brunnen war seine Qualität als ein raffiniertes technisches Kunstwerk, dass seinerzeit aus technologischen Gründen (noch) nicht in den USA hergestellt werden konnte.

Anmerkung vom 21.09.2015

Eine andere Art lebensspendender Brunnen(jung)frau zeigt der Vier-Jahreszeiten- oder Gewandbrunnen in Halle (Saale). Näheres siehe mein Supplementary News Blog

In der Mitte des 19. Jahrhunderts geriet der akademische Diskurs in einen merkwürdigen Schwebezustand: Einerseits wird die magia naturalis immer noch ernsthaft im Sinne der Naturphilosophie abgehandelt, etwa von dem „spätromantischen“ Arzt und Landschaftsmaler Carl Gustav Carus;[16] andererseits diente sie nur noch als historische Kulisse für technische Zaubertricks. So verfasste der „ordentliche Professor der Technologie an der Universität zu Tübingen” Johann Heinrich Moritz von Poppe einen „Neuen Wunder-Schauplatz der Künste“, der Aufschlüsse über die „interessantesten Erscheinungen im Gebiete der Magie, Alchymie, Chemie, Physik, Geheimnisse und Kräfte der Natur, Magnetismus, Sympathie und verwandte Wissenschaften“ geben sollte.[17] Dabei berief er sich namentlich auf „Theophrastus Paracelsus“. Die darin aufgeführten „mechanischen“ und „elektrischen Kunsstücke“ stellten im Sinne einer Gebrauchsanweisung reine Zaubertricks dar. Im Gegensatz zum bombastischen Anspruch im Buchtitel verzichtete der Autor gänzlich auf historische Bezüge und naturphilosophische Erklärungen oder Spekulationen. Es ging ihm ausschließlich um Taschenspielereien, die er mit einem marktfähigen magischen Anstrich versah.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in Literatur, Kunst, Wissenschaft und Technik ein spannungsvolles Mischbild: „Erste“ und „zweite Natur“ begegneten sich in Form von Biedermeier und Spätromantik einerseits und Industrialisierung und Gründerzeit andererseits. Eine gewisse Wehmut über die gute alte Zeit, die am Verschwinden war, schlug sich in Literatur und Kunst nieder. Joseph von Eichendorffs Poesie traf diesen melancholischen Grundton einer Übergangszeit meisterhaft, in der die Magie der Natur von der Magie der Technik abgeöst wurde. Ein illustratives Beispiel bietet das Titelblatt eines Bildbandes über die Rheinpfalz, auf dem „Palatia, die blonde Tocher der Germania zu sehen ist. (Abb. [iii])  Es wird eingehend erklärt.[18] Palatia trägt die Kurkrone auf dem Haupt, von dem ein Schleier herabfällt, der ihre Gestalt halb umhüllt, einen Arm hat sie dem jungenhaften Bacchus über die Schulter gelegt. Vater Rhein sitzt zu ihren Füßen und treibt mit seinem Wasserstrahl offenbar Räder wie bei einer Mühle an, die mit rauchenden Industrieschloten in Verbindung gebracht werden, möglicherweise ein Hinweis auf einen Mannheimer Vorläufer der BASF in Ludwigshafen. Auf der anderen Rheinseite hebt grüßend der „kräftige Gambrinus“ seinen Bierkrug, der legendäre Erfinder des Bierbrauens, der das „Bruderland Bayern“ symbolisiert. Palatia, Bacchus, Rhein und Gambrinus sind wegen ihrer Körpergröße quasi göttliche Gestalten gegenüber den kleinen Menschen, die als Winzer, Bergleute und Händler ihren Alltagsgeschäften nachgehen. Das Zusammengehen von alter und neuer Zeit wird in einem Detail besonders deutlich: Eine Lokomotive „mit den Bergschätzen des Westrichs“ kommt mit rauchendem Schlot aus dem Tunnel gefahren, während um die Tunnelöffnung herum zwergenhafte „Berggeister“ mit Zipfelmützen sitzen, „welche durch das schnaubende Ungethüm aus der Tiefe aufgescheucht, neugierig nach dem neuen Wunder schauen.“ Bergmännlein und Lokomotive bilden hier eine harmonische Idylle, wobei die sagenhaften Elementargeister, zu denen Paracelsus die Bergmännlein zählte, freilich dem „Dampfross“ zu weichen haben.

Für Darstellungen der Palatia in der bayerischen Rheinpfalz um 1900 habe ich kürzlich zwei weitere Beispiele gefunden. Es handelt sich um eine Skulptur in Bayern und eine in München. Sie werden im Supplementary News Blog vorgestellt:

Da die Elektrizität seit ihrer ersten künstlichen Erzeugung in der Mitte des 18. Jahrhunderts als Offenbarung der verbogenen göttlichen Naturkräfte empfunden wurde, nimmt es nicht Wunder, dass sie um 1900 analog zu anderen technischen Neuerungen immer noch mit magischen Attributen versehen war: Elektrische Himmelsgöttin, elektrisch aufgeladene Paare, elektrische Blitze boten beliebte Motive in der Kunst des Jugendstils, die an frühere Darstellungen der Natura erinnern. (Abb. [iv])

Anmerkung vom 22.09.2015

Elektrische Blitze sieht man auch am Hauptpostamt Wittenberg, das Anfang der 1890er Jahre errichtet wurde — wohl in Erinnerung an Wilhelm Weber, den Entwickler des elektromagnetischen Telegrafen. Näheres im Supplementary news Blog. 

So schilderte der deutsche Militärarzt Felix Buttersack die Luftelektrizität mit magisch anmutenden Bildern: „Dieses elektrische Meer, in dem wir leben, ist ebenso gut wie die Armosphäre, die uns stets umgibt, in einer ewigen Bewegung“. Das „atmosphärische Fluidum“ bestimme Wohl und Wehe der Menschen, und durch ein Gewitter könnten allerlei Störungen in „erkrankten oder labilen Nervenapparaten“ ausgelöst werden.[19] Am Beispiel von Buttersack, der ein Vordenker der NS-Euthanaise war, haben wir bereits gesehen, wie selbstverständlich Schulmedizin und Naturheilkunde, naturmagisches und völkisches Denken, mystische und technische Einstellungen ineinander übergehen konnten (Kap. 12).


[1] Blumenberg, 1951. [2] Ebd., S. 464. [3] A. a. O., S. 466. [4] Radkau, 1994, S. 284. [5] A. a. O., S. 305. [6] A. a. O., S. 309. [7] Radkau, 1993, S. 91. [8] A. a. O., S. 93. [9] A. a. O., S. 104. [10] A. a. O., S. 106. [11] Zit. n. Manstein, 1961, S. 33. [12] Asendorf, 1984, S. 76. [13] E. Frietsch, 2006, S. 172. [14] http://de.wikipedia.org/wiki/Tyler_Davidson_Fountain (5.02.2013). [15] Ebd. [16] Carus, 1857. [17] Poppe, 1839/1982. [18] Weiss [1855], 1979 [„Erklärung des Titelbilds“]. [19] Buttersack, 1903, S. 177.

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[i] Asendorf, 1984, S. 77; → Abb. Kaulbach 1859  [ii] http://en.wikipedia.org/wiki/File:Cincinnati-fountain-genius-of-water.jpg (5.02.2013); →Abb. Tylor Davidson Fountain [iii] Carl, 1998: Frontispiz „Palatina“ [sic]; Weiss [1855], 1979; → Abb. Palatia [iv] Asendorf, 1984, S. 118; → Abb. Elektrizität um 1900

4. Kap./1 * Annäherung an die „Wahrheit“

Max Weber stellte in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ (1922 veröffentlicht) die Frage, welchen „über das rein Praktische und Technische hinausgehenden Sinn“ der wissenschaftliche Fortschritt und die damit verbundene „Entzauberung der Welt“ überhaupt hätten. Die Antwort fand er in den Werken Leo Tolstojs. Der Tod habe für den Kulturmenschen keinen Sinn, „weil ja das ziviliserte, in den ‚Fortschritt’, in das Unendliche hineingestellte einzelne Leben seinem eigenen immenanten Sinn nach kein Ende haben dürfte.“[1] Weil der Tod sinnlos sei, sei es auch das Kulturleben als solches, „welches ja eben durch seine sinnlose ‚Fortschrittlichkeit’ den Tod zur Sinnlosigkeit stempelt.“ Max Weber unterschied das „wissenschaftliche Geschäft“ strikt von der religiösen „Offenbarung“. Wenn kein Prophet oder Heiland mehr da sei bzw. nicht mehr an einen solchen geglaubt werde, können man ihn nicht dadruch auf die Erde zwingen, „dass Tausende von Professoren als staatlich besondete oder privilegierte kleine Propheten in ihren Hörsälen ihm seine Rolle abzunehmen versuchen.“[2] Dem „inneren Interesse eines wirklich religiös ‚musikalischen’ Menschen“ könne nicht damit gedient sein, ihm „durch ein Surrogat, wie es alle diese Katheterprophetien sind“, zu verhüllen, dass er in einer „gottfremden, prophetenlosen Zeit“ zu leben habe. Wir werden sogleich sehen, dass die Weber’sche Skepsis gegenüber einer Fortschritt verheißenden Wissenschaft, die er „Katheterprophetie“ nannte, der Verunsicherung vieler Intellektueller in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entsprach und im Gegensatz zur selbstgewissen wissenschaftlichen Weltanschauung im Deutschen Kaiserreich stand.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts ereignete sich ein folgenschwerer Umbruch. Die modernen Naturwissenschaften mit ihrer experimentellen Methodik und ihrer Absage an die romantische Naturphilosophie eroberten das Feld. Die Münchner Antrittsvorlesung des Chemikers Justus von Liebig von 1852 war für die neue wissenschaftliche Weltanschauung beispielhaft. Aber auch er bediente sich traditioneller Metaphern, um sein Publikum zu überzeugen. Die Natur sei „das mit unbekannten Chiffren beschriebene Buch“ und die Worte seien „Chiffren besonderer Art“. Man könne die Naturerscheinungen „als Alphabet betrachten, womit wir das Buch entziffern.“[3] Eine „falsche Philosophie“ habe den „außerordentlichen Fortschritt“, den man „Bacon und Galiläi [sic]“ verdanke, verdrängt, der aber durch „Siege im Interesse der Menschheit“ immer mehr an Boden gewinne.[4] Auf die deutsche (romantische) Naturphilosophie blickte Liebig zurück „wie auf einen abgestorbenen Baum, der das schönste Laub, die prächtigsten Blüthen aber keine Früchte trug. Mit einem unendlichen Aufwand von Geist und Scharfsinn schuf man nur Bilder, aber auch die glänzendsten Farben sind, wie Göthe in seiner Farbenlehre behauptete, nur getrübtes Licht. Wir aber wollen und suchen das reine Licht und dieß ist die Wahrheit.“ Von der wissenschaftlichen Wahrheit waren demnanch naturphilosophische und okkulte Einstellungen wie der Glaube an Gespenster per definitionem ausgeschlossen. Liebigs Argumentation war in dieser Hinsicht äußerst simpel. Er formulierte einen einfachen Syllogismus: Gespenster seien körperlose Wesen, da aber nur Körper Licht reflektieren würden, könnten Gespenster nicht gesehen werden. Insofern gehöre der Glaube an Gespenster nicht zur Wissenschaft: “er ist des Wissens schlimmster Feind, denn das Wissen ist dieses Glaubens Tod.“[5] Auch die seinerzeit von vielen Naturforschern und Ärzten beachtete „Odwissenschaft“ des renommierten deutschen Chemikers und Industriellen Karl von Reichenbach kanzelte Liebig als „falsche Methode“ ab (Kap. 28). Erscheinungen, „welche in nervenschwachen, kranken Personen hervorgerufen werden“, könnten nicht die „Existenz einer neuen Naturkraft“ begründen.[6]

Für den Protagonisten der naturwissenschaftlichen Medizin, den Berliner Physiologen Emil Du Bois-Reymond war die „Entwicklungsgeschichte“ eine zentrale Idee, welche für biologische, soziale und wissenschaftliche Gegebenheiten gleichermaßen sinnstiftend war und objektive Zusammenhänge aufzeigen konnte. Auch seine eigene Arbeit subsumierte er unter die Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft, wie er in seiner Rede „Über Geschichte der Wissenschaft“ (1872) ausführte: „Wer die Wissenschaft als ein Werdendes überliefert erhielt, fühlt sich gleichsam aufgefordert, selber an deren Ausbau sich zu beteiligen.“[7] Indem Du Bois-Reymond die Lehre von der Lebenskraft, die um 1800 im Brennpunkt des medizinischen Diskurses stand, ablehnte, wollte er bewusst einen Schritt in die seiner Meinung nach einzig richtige Richtung tun und den „Entwicklungsgang der Wissenschaft“ voranbringen: „Betrachtet man den Entwicklungsgang unserer Wissenschaft, so ist nicht zu verkennen, wie das der Lebenskraft zugeschriebene Gebiet von Erscheinungen mit jedem Tage mehr zusammenschrumpft, wie immer neue Landstriche unter die Botmäßigkeit der physikalischen und chemischen Kräfte geraten.“ Ja, es könne sein, daß die Physiologie „ganz sich auflöst in organische Physik und Chemie“.[8]

Du Bois-Reymonds imperialer Anspruch kam in solcher Eroberungsmetaphorik zum Ausdruck, wobei er sich der begrenzten Macht der Wissenschaft bewusst war. Denn der objektive wissenschaftliche Fortschritt zerstöre keineswegs automatisch die Illusionen der Menschen. So sei der Glaube an die Lebenskraft, wie er in diesem Zusammenhang feststellte, „wegen des gemütlichen Bedürfnisses für gewisse Organisation“, was er freilich nicht weiter erklärte, „unvertilgbar“. Die naturwissenschaftliche, biologische Medizin ließ sich in ihrem Fortschrittsglauben, wie er sich im ausgehenden 19. Jahrhundert im Sinne Du Bois-Reymonds machtvoll entfaltete, auch durch die monströsen Verirrungen der Weltkriege und Diktaturen des 20. Jahrhunderts, an denen sie mitgewirkt hatte, in ihrem Selbstverständnis nicht erschüttern, der Wahrheitsfindung und damit dem wissenschaftlichen Fortschritt gedient zu haben.

Was jeweils als wissenschaftliche Wahrheit angepeilt wird, ist an der Ausrichtung einschlägiger Forschungsprogramme von Förderereinrichtungen leicht ablesbar. Im Zeitalter der molekularen Biomedizin konzentriert sich das Interesse auf das Genom: Die „Buchstaben des Lebens“ sollen so weit als möglich und tendenziell bei allen Menschen entschlüsselt werden. Dabei geht es einerseits um die prädiktive Diagnostik und die damit verbundene Prävention sich anzeigender gesundheitlicher Gefahren, andererseits um eine maßgeschneiderte Therapie bei schon eingetretener Krankheit. Auf die Problematik des homo geneticus sind wir an anderer Stelle eingegangen (Kap 3). Die letzte oder höchste Wahrheit scheint für die wissenschaftliche Medizin seit wenigen Jahrzehnten in den Genen zu liegen, und so zielt die biomedizinische Forschung auf deren spezifische Erfassung ab. Als Beispiel sei hier nur auf die handgreiflichen Fortschritte der Krebsforschung verwiesen. Heute gilt die virologische Identifizierung des Erregers des Zervixkarzinoms als ein Meilenstein, der – Jahrzehnte nach der betreffenden Entdeckung – im Jahr 2008 mit dem Nobelpreis an den deutschen Virologen Harald zur Hausen gewürdigt wurde. Zur Vorbeugung dieser Krebserkrankung wurde 2006 der Impstoff Gardasil® gegen Humane Papillomaviren (HPV) für Europa zugelassen und damit in die medizinische Praxis eingeführt.[9]

Heute herrscht sowohl in der medizinischen Fachwelt als auch in der breiten Öffentlichkeit die Vorstellung, dass die wissenschaftliche Forschung Schritt für Schritt letztlich alle Rätsel lösen, die „wahren“ Ursachen der Krankheiten aufdecken und die „wahren“ Arzneimitteln aufspüren oder herstellen könne. Der wissenschaftliche Fortschritt scheint sich asymptotisch an die Wahrheitskoordinate anzunähern. Auf eine philosophische Bestimmung des Wahrheitsbegriffs soll es hier nicht ankommen. Nach meinem Eindruck herrscht in der Medizin eindeutig die mit der aristotelischen Tradition in Verbindung gebrachte „Korrespondenztheorie“ vor, wonach Wahrheit als Übereinstimmung von Wissen und Gegenstand aufgefasst wird (veritas consistit in adaequatione intellectus et rei).[10] Ein prominentes Beispiel lieferte der deutsch-jüdische Soziologe und Kulturhistoriker Norbert Elias. Für ihn waren „realitätsgerechte Symbole“ für eine Menschengruppe entscheidende Überlebensinstrumente. Solche Symbole seien wandelbar, aber sie könnten auch, wie im Fall der Sonne, vollkommen und endgültig sein: „Erst in diesem Jahrhundert ist das Wortsymbol ‚Sonne’ in höchstem Maße wirklichkeitsgerecht geworden. Man weiß, es handelt sich um einen Heliummeiler, der in ein paar Milliarden Jahren ausgebrannt sein wird. Natürlich kann dieses Sachwissen noch verbessert werden; aber im wesentlichen weiß man jetzt, was die Sonne ist.“[11]

Das bisher verschleierte Bild der Natur scheint also, was das Zentralgestirn für die Erde betrifft, enthüllt zu sein. Nach Elias weiß man jetzt angeblich, „was die Sonne ist“. Vor diesem Wissen verblassen scheinbar alle früheren Wissenschaften und Religionen, die sich je mit der Sonne befasst haben – und welche hätten das nicht getan? Denn diese wussten offenbar nicht, dass die Sonne ein ausbrennender „Heliummeiler“ ist. Zu dieser Wahrheit, und eine andere steht nicht zur Debatte, konnte nach Elias nur die moderne Naturwissenschaft gelangen. Analoge Argumentationen lassen sich, wie wir noch sehen werden, in der modernen Medizin zuhauf finden, und sie sind besonders auffallend, wenn es um den Placebo-Effekt geht.

Das Finden der Wahrheit, der Erwerb des Wissens, das der Wirklichkeit entsprechen soll, wird in der Wissenschaftsgeschichte in der Regel mit dem Begriff der Entdeckung in Zusammenhang gebracht. Wie im Begriff „Ent-Deckung“ anklingt, wird hier ein Vorgang des Aufdeckens, Enthüllens, Entschleierns angezeigt. Die Entdeckung Amerikas durch Christopher Kolumbus 1492, die Entdeckung des großen Blutkreislaufs durch William Harvey 1628 oder die Entdeckung der X-Strahlen durch Robert Röntgen 1895 sind herausragende Beispiele für das Auffinden neuer Wahrheiten durch empirische bzw. experimentelle Forschungsstrategien. Diese wiederum hängen von bestimmten Erfindungen ab, Instrumenten, Apparaten, Messmethoden, welche neuartige Zugriffe auf bisher unbekanntem Terrain ermöglichen. Der Begriff der wissenschaftlichen Revolution im Sinne von Thomas Kuhn, der sich ursprünglich auf die Geschichte der Physik bezog, hatte einige Jahrzehnte lang auch in der Medizingeschichte Konjunktur. Wahrscheinlich hat er die Erkenntnis der geschichtlichen Aufladung der Gegenwart mehr verdunkelt als erhellt, nicht zuletzt im Hinblick auf die „Aufklärung“ im 18. Jahrhundert.[12] Denn Kuhns Revolutionsbegriff orientierte sich am Regimewechsel herrschender Leitideen oder „Paradigmen“ und interessierte sich dafür, wie sich deren Wahrheitsanspruch durchsetzte. Überwundene Konzepte spielten dann nach der Wende keine Rolle mehr und landeten sozusagen auf dem Müllhaufen der Wissenschaftsgeschichte. Im Grunde entsprach dieser Ansatz der oben erwähnten Blickrichtung von Norbert Elias. Kuhns „Paradigmen“ erscheinen jeweils als die adäquaten „realitätsgerechten Symbole“, die sich kontinuierlich der endgültigen Erkenntnis der Wirklichkeit annähern und letztlich die Wahrheit aufdecken.

Die Kulturgeschichte bietet zum epistemologischen Problem der Wahrheitsfindung reichhaltigen Stoff. Vor allem die Mythologie kann für uns aufschlussreich sein, wie Friedrich Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ zeigt. Die ägyptische Göttin Isis wurde als mütterliche Naturgottheit in zahlreichen Tempeln der Antike verehrt. Plutarch berichtete: “In Sais trägt das Sitzbild der Athene, die sie auch für Isis halten, die folgende Inschrift: ‚Ich bin alles, was da war, ist und sein wird; und kein Sterblicher hat je meine Gewand aufgedeckt.’“[13] In Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ wird das Verbot, die verhüllte Wahrheit zu entschleiern, von einem griechischen Jüngling übertreten. Die Idealvorstellung einer Göttin, die sich vor den Augen ihres Verehrers selbst enthüllt, wird durch den gewaltsamen Enthüllungsakt des Neugierigen missachtet. Er sieht die Wahrheit. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Geistige und körperliche Zerrüttung, früher Tod. Aber wodurch die Strafe bewirkt wird, bleibt bei Schiller im Dunkeln. Denn was der Jüngling konkret gesehen und erlebt hat, kann er nicht mehr mitteilen: „[…] Auf ewig / War seines Lebens Heiterkeit dahin, / Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe. / ‚Weh dem’, dies war sein warnungsvolles Wort; / Wenn ungestüme Frager in ihn drangen, / ‚Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld / Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.’“[14] Nicht der Anblick der entblößten Göttin erschien als Frevel, sondern deren gewaltsame Entschleierung. Schillers Ballade kann als aktuelle Mahnung an die wissenschaftliche Hybris unserer Zeit gelesen werden, wie dies der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann getan hat.[15]

Letztlich ist diese Mahnung so alt wie die Wissenschaftsgeschichte im weitesten Sinn. In der biblischen Schöpfungsgeschichte verbietet Gott dem Adam, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen. Diese Warnung vor der gewaltsamen Enthüllung der Natur wurde bereits in der Antike von christlichen Autoren problematisiert, die meinten, Gott habe die Natur verbergen wollen und insofern sei curiositas verwerflich. Der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker William Eamons hat in diesem Zusammenhang auf den Kirchenvater Laktanz hingeweisen. Dieser erklärte, dass Gott, um die Geheimnisse der Natur vor den gierigen Augen des Menschen zu verbergen, Adam als letztes Geschöpf geschaffen habe, damit er keine Kenntnis vom Schöpfungsprozess gewinnen könne.[16] „In confirmation of this, the popular image of the goddess Natura implied that nature covers herself with a veil in order to hide her secrets from mortals.”Das Einbrechen in die Mysterien der Natur, die Gott habe verbergen wollen, wie es die unverschämten Magier versuchten, schien die Grenze der zulässigen intellektuellen Forschung zu verletzen und auf ein verbotenes Terrain vorzudringen. Wir werden auf diesen Epochen übergreifenden Topos der Entschleierung oder Enthüllung, der für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte so überaus bedeutsam war, verschiedentlich zurückkommen.


[1] http://www.textlog.de/2321.html (19.07.2011)[2] http://www.textlog.de/2330.html (19.07.2011) [3] Liebig, 1852, S. 6. [4] A. a. O., S. 12. [5] A. a. O., S. 13. [6] A. a. O., S. 19. [7] Zit. a. a. O., S. 263. [8] Du Bois-Reymond, 1848, S. 23. [9] Vgl. Strauch, 2008. [10] Thomas von Aquin: Summa theologiae I,q.21 a.2. (22.02.2009) [11] Elias, 1996, S. 1036. [12] Schott (Hg.), 1998, S. 343. [13]Plutarch: De Iside et Osiride, Kap. 9; zit. n. J. Assmann, 2001, S. 271. [14]http://de.wikisource.org/wiki/Das_verschleierte_Bild_zu_Sais (2.1.2008) [15] J. Assmann, 1999, S. 49 f.; Huber 2004. [16] Eamon, 1954, S. 59 f.