49. Kap./9* „Mischung von Erotik und Mystik“ [+ Audio]

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Auch bei der „sexuellen Revolution“ und der Studentenbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entfalteten, spielte die Karezza-Idee keine nennenswerte Rolle. Die wenigen Publikationen waren in einem idealistisch-pädagogischen Tonfall verfasst und erreichten die Masse nicht, wenngleich einschlägige Schriften von Cesare A. Dorelli (zu dessen Biografie keine Informationen vorliegen, möglicherweise ein Pseudonym) zwischen 1955 und 1975 zahlreiche Auflagen erlebten. Er idealisierte die „Karezza-Liebe“ als „Himmel auf Erden“.[1] Denn „Karezzakraft ist Lebenselixier und Jungbrunnen in einem.“ Die kosmische Dimension wurde vom Autor in den Vordergrund gestellt. Es gehe um die Liebe, bei der die Liebenden „sich völlig dem anderen verschenken, indem sie sich selbst aufgeben, und ihm das Größte geben, das sie besitzen: Die vom Himmel stammende, geläuterte, schöpferische Kraft, die im Sexualorgan zentralisiert ist, aber durch Wunsch, Gefühl und Liebe gelöst und auf den ganzen Körper verteilt und auf den Liebespartner übertragen werden kann.“[2] Diese Ausbreitung der Karreza-Kraft auf den ganzen eigenen Körper und ihre Übertragung auf den des Liebespartners standen im Mittelpunkt der Technik. Ihr ging es um Aufsaugen, Umgestalten, Überströmen, um „eine Art Magnetismus, der von einem zum anderen überstrahlt.“ Freilich: „Die Gegenseitigkeit der Strahlungs-Aufnahme (also nicht nur der Überstrahlung) ist eine gebieterische Notwendigkeit.“[3] An anderer Stelle wird Karezza als „beiderseitiges, unbegrenztes Verströmen des Liebesodems“ bezeichnet, sodass die Liebe und Seligkeit mit jeder Karezza-Umarmung wachse.[4] Die betreffende Erbauungsschrift predigte die Erlösung vom irdischen Elend und das Erreichen geistigen Heils mittels dieser sexuellen Technik. Der Mensch solle zu einer anderen Persönlichkeit, der Liebespartner zu einem „kosmischen Partner“ werden.[5] Es gehe um „den Weg nach oben“, um die „Erhöhung“ des Menschen, „den Weg ins Paradies“.[6]

Neben den Publikationen von Dorelli erschien zu diesem Thema nur noch die kleine Schrift „Carezza“ einer gewissen Dr. med. Marie de Nannie, die in deutschen Bibliotheken Seltenheitswert hat.[7] Über die Biografie der Autorin ist nichts bekannt. Im Anschluss an die Erfahrungen der Oneida-Gemeinschaft und das Werk der US-amerikanischen Ärztin Alice Stockham plädierte sie für Karezza zur „Reinigung der Lebensgestaltung auf allen Gebieten der Natur.“[8] Liebe sei der „Gipfel der großen inneren Magie. Sie ist die letzte Heilkraft für alle seelischen Leiden.“[9] Durch die übliche Sexualität werde das Leben „sexuell ausgelaugt, geistig schal und leer“, unersetzliche Lebenskraft werde verschwendet.[10] Wie bei Dorelli soll „inniges Aneinanderschmiegen“ bei der Karezza-Liebe magnetische Kräfte auslösen, „die von dem einen zum andern überströmen und in einem anhaltenden, beseligenden Wohlgefühl die Höhen des menschlichen Daseins erreichen, den Himmel erahnen lassen.“[11] Somit wurde die „gegenseitige Stärkung in magisch belebender Kraft“ angestrebt.[12] Explizit bezog sich die Autorin auf Franz Anton Mesmer, welcher der Heilwirkung durch magnetische Berührung in Europa zum Durchbruch verholfen habe. Überhaupt erscheint der Mesmerismus hier als der wichtigste Bezugspunkt: „Wer Carezza [durchweg mit „C“ geschrieben] beherrscht, hat den Lebensmagnetismus in den Fingern, er strahlt ihm aus den Augen, schwingt in seinen Worten und überträgt seine Kraft oft sogar schon aus der Entfernung auf den geliebten Menschen.“[13] Die „magnetischen Kräfte“, die alle Körperorgane stärke, die „schenkend und empfangend“ beteiligt seien, werden in bunten Farben geschildert und in höchsten Tönen gelobt: „Im Austausch der magnetischen Kräfte fühlen sich die Liebenden ganz und gar eins, alles Trennende schwindet, der gleiche Blutstrom scheint in ihren Adern zu kreisen, Krankheit und Leiden werden durch die zielbewußten Wünsche des Gefährten gemildert, wunderbare Heilkräfte treten in Aktion.“[14] Diese würden auf der „Sublimierung der Begierden“ und auf „reiner Liebe“ aufbauen, niemals träten dabei „Übersättigung oder Monotonie“ ein, Karezza ermögliche eben „ein beliebig häufiges Beisammensein“.[15]

Als Ärztin wollte de Nannie vor allem die „primitive Einstellung zur Sexualität“ verändern, denn der Sexualtrieb sei entgegen der landläufigen Meinung durchaus beeinflussbar und besitze keine absolute Macht.[16] „Da aber der Geschlechtstrieb variabel ist, liegt es an uns, das Beste daraus zu machen und unser Liebesleben immer reicher auszugestalten, denn ‚jeder hat die Sexualität, die er verdient’.“[17] Sie kontrastierte die „trübe Trauer“ nach dem üblichen Koitus (gemäß dem Ausspruch des Aristoteles „post coitum omne animal triste est …“) mit der „frohen Beschwingtheit“ nach einer geglückten Karezza-Vereinigung.[18] Die gemeisterte Sexualverbindung in der „tiefsten Liebesverschmelzung“ führe im Gegensatz zum gewöhnlichen krampfartigen Vorgang der Begattung dazu, „die kosmische Intelligenz frei in uns strömen zu lassen.“[19] Die Autorin unterstrich noch einmal Stockhams These, dass bei richtiger Einstellung „ein solcher Verkehr ohne Samenerguß und ohne Krisis [Orgasmus]“ zu völliger Befriedigung führe.[20] Sie pries Karezza als „die große Kunst der Liebe“, die gerade auch von der Frau „Sanftmut und Geduld“ verlange. Ihre „zarte, magnetisch wirkende Berührung“ habe sowohl die Macht, „die stürmische Erregung zu dämpfen oder die beruhigten Fluten zu erneutem Strömen zu beleben.“[21] Freilich waren nicht die wunderbaren physiologischen Wirkungen das Hauptziel, sondern die Umwandlung der „in der Sexualzone aufgespeicherten Energien […] in schöpferische Gestaltungskräfte auf geistigem Gebiet.“[22] So strebte die Autorin nach der richtigen „Mischung von Erotik und Mystik“ unter der „Kontrolle der Geistseele“ und schwärmte in quasi theosophischer Manier von Wegen, „die aus der Finsternis der irdischen Bedrängnis in die Heimat des ewigen Lichtes führen.“

Ein Arzt und Psychoanalytiker ist schließlich noch zu erwähnen, der sich ausführlich mit Karezza auseinandersetzte und ihre wohltuende Wirkung mit einer erstaunlichen Theorie würdigte. So weit ich die Literatur überblicke, stellt er wahrscheinlich die einzige Ausnahme in seinem Berufszweig dar. Rudolf Urbantschitsch, ein Freud-Schüler, den wir bereits im Kontext der Onaniedebatte erwähnt haben (Kap. 44), war ab 1908 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und musste dreißig Jahre später in die USA emigrieren. In seinem 1949 publizierten Buch „Sex Perfection and Marital Happiness“ ging er ausführlich auf Karezza und ähnliche Sexualpraktiken ein.[23] Er hatte es nach 45jähriger Praxis als „psychologischer Berater“ dem Richter Henry G. Jorgensen gewidmet, „Richter des Oberen Gerichtshofes im Bezirk Menterey, Californien“. Das fünfte Kapitel („Die sechs Gebote im Geschlechtsverkehr“), „der wichtigste Teil dieses Buches“, enthielt die „Quintessenz von einer mehr als dreißigjährigen Erfahrung.“[24] Man spürt die Überwindung, mit der der Autor hier eine Art confessio ablegt. Dreißig Jahre habe der Autor gezögert, seine Entdeckungen zu veröffentlichen, „weil er sie nicht wissenschaftlich beweisen konnte, trotzdem sie sich in der Praxis vollkommen bewährt hatten. Jetzt aber ist er entschlossen, seinen Lesern gewisse Erfahrungen bekanntzugeben, so unglaublich sie auch scheinen mögen.“

Gleich zu Anfang seiner Ausführungen betonte Urbantschitsch, dass seine technischen Ausdrücke „Elektrizität“, „Ausstrahlungen“ oder „bio-elektrische Potential-Differenz“ „eher vergleichsweise, denn wörtlich genommen werden [sollen].“ Denn die Theorie der Elektrizität sei, bezogen auf das Sexualleben, eben „noch nicht Allgemeingut der Wissenschaft geworden.“ Er ging von der Frage aus, warum ein Paar, das sich liebe, doch auseinandertreibe: „Warum wird die Frau frigid und reizbar und der Mann irritiert und nervös oder sogar impotent?“[25] Seine Antwort war schlicht und entsprach seinem naturalistisch-physiologischen Verständnis, das ihn zu erstaunlichen Schlussfolgerungen führen sollte: „Weil die Natur der Liebe und der Sexualität und die Gesetze, die ihre Äußerungen regieren, nicht verstanden worden sind.“ Urbantschitsch ging ausdrücklich von seiner eigenen Erfahrung aus, „daß zwischen den Körpern von Mann und Frau eine bio-elektrische Potenzialdifferenz herrscht, welche bei einem richtig geführten Sexualakt ausgeglichen werden kann, wonach sich beide Partner entspannt, glücklich und befriedigt fühlen.“ Um seine Auffassung zu belegen, führte er eine Reihe von „Tatsachen“ ins Feld. An erster Stelle schilderte er die „Erlebnisse eines orientalischen Ehepaars“, das er in seinem Tagebuch unter dem Datum des 6. Februar 1916 in Damaskus festgehalten hatte. Der Bericht stammte von einem gewissen Dr. A. B., einem ehemaligen Patienten seines „Cottage-Sanatoriums für Nerven- und Stoffwechselkranke“ im Wiener Gemeindebezirk Währing.

Einmal habe das Paar eine Stunde lang nackt auf einer Couch in einem verdunkelten Zimmer gelegen, „einander liebkosend, aber ohne die letzte Vereinigung zu vollziehen“. Als sie in völliger Dunkelheit aufstanden, sei die Frau plötzlich sichtbar gewesen: „Sie war von einem Schein grünlich-blauen, mystischen Lichts umgeben. Es war wie ein Heiligenschein, nur mit dem Unterschied, daß er nicht nur ihren Kopf, sondern ihren ganzen Körper umgab und nebelhaft dessen Umrisse zeigte.“ [26] Als er seine Hand nach ihr ausstreckte, sei eine elektrischer Funke von ihr auf ihn übergesprungen: „sichtbar, hörbar und schmerzhaft. Wir schraken beide zurück.“ Damit schien Reichenbachs „Od“-Lehre (Kap. 28) bestätigt, die Urbantschitsch zunächst nicht ernst genommen hatte. Eine bio-elektrische Spannung zwischen zwei menschlichen Wesen könne demnach, so unglaublich es scheine, groß genug werden, um sichtbare Funken zu erzeugen. Urbantschitsch war neugierig geworden und spekulierte über physiologische Erklärungen dieses Phänomens. Auf seinen Rat hin unternahmen die „Jungvermählten“ in den folgenden Wochen eine Reihe von Experimenten, „von denen sie mir dann mit allen Einzelheiten erzählten. Ihre Berichte bildeten die Grundlage für eine vollkommen neue Auffassung vom Mechanismus des Geschlechtsverkehrs.“[27]

Die Versuche ergaben Folgendes: Eine fünf Minuten dauernde „vollständige, sexuelle Vereinigung“ nach einer Stunde „in innigem körperlichen Kontakt“ führte trotz der Befriedigung durch den Orgasmus zum späteren Überspringen von Funken, ein Zeichen also, „daß […] die elektrische Spannung zwischen ihnen noch bestand.“ Aber auch nach einem 15 Minuten dauernden Geschlechtsakt einige Tage später waren „nachher Funken sichtbar.“ In einem weiteren Versuch gab es schließlich nach einer 27 Minuten dauernden sexuellen Vereinigung „zwischen den Liebenden keine Funkenübertragung mehr. Die 27-Minuten-Periode war der entscheidende Faktor.“ Dauerte der Sexualakt kürzer, vergrößerte sich der Abstand, den die Funken übersprangen, „ein Zeichen dafür, daß die Potentialdifferenz zwischen den Körpern der jungen Leute durch jeden kurzfristigen Geschlechtsakt vergrößert wurde.“[28] Dauerte er eine halbe Stunde oder länger, war er „von einer vollständigen Entspannung gefolgt und das Verlangen nach einer Wiederholung des Vorgangs erwachte nicht vor fünf oder sechs Tagen“. Ein einstündiger Akt, so habe sich ergeben, befriedigte das Paar für eine Woche, ein zweistündiger für zwei Wochen. „die gleich anhaltende Entspannung wurde auch bei längerem körperlichem Kontakt, ohne sexuelle Vereinigung, hervorgerufen.“[29]

Urbantschitsch fand diese Ergebnisse durch „Beobachtungen gewisser, sexueller Praktiken mancher Eingeborenenstämme“ bestätigt.[30] Er bezog sich auf die seinerzeit viel diskutierte Sexualmoral der „Eingeborenen auf den Trobriand-Inseln“, die vor allem durch den US-amerikanischen Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski thematisiert worden war. Dieser hatte 1929 sein epochemachendes Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ veröffentlicht und damit ein großes Echo bei Ethnologen, Sexualwissenschaftlern und Psychoanalytikern hervorgerufen. Der innige Hautkontakt der Mütter mit den Kleinkindern, das Geschlechtsleben der Mädchen auf Probe nach der Pubertät mit verschiedenen Partnern und die besondere Methode des Sexualakts belegten nach Urbantschitschs Auffassung die Wirkung der Bioelektrizität. „Wenn der Geschlechtsakt beginnt, liegen die Liebenden − bevor sie irgend eine Bewegung machen − wenigstens eine halbe Stunde, manchmal auch länger, innig vereint und ruhig da. Nach dem Höhepunkt der Vereinigung bleiben sie noch eine lange Zeit beieinander, bis − um in unserer Theorie zu bleiben − die zwischen ihnen bestandene elektrische Spannung vollkommen ausgeglichen ist.“[31] Auch in diesem Zusammenhang übernahm Urbantschitsch die Freud’sche Lehre von dem vaginalen Orgasmus der Frau als Norm (Kap. 44). Der Mann berühre niemals „die Clitoris seiner Gattin“, auch müsse sich die Frau solchen Gefühlen entsagen, die für das Kind charakteristisch seien: „Nach der Pubertät konzentrieren sich die Gefühle normalerweise in der Vagina.“ Offenbar gab es eine religiöse Motivation für dieses Sexualverhalten. Die Trobriander nahmen an, dass nach einer Stunde der Vereinigung die Seelen der Vorfahren diese segnen würden. Die vollkommene körperliche Entspannung und die bequeme Haltung waren hierfür erforderlich, auch das übliche Zusammenschlafen ohne Geschlechtsverkehr, „die beiden geöffneten Beinpaare ineinander verschlungen, wie zwei Zangen, auf eine Weise, dass die Sexualorgane in innigsten Kontakt kommen, doch ohne Eindringen in die Vagina.“[32] In der damals üblichen Idealisierung dieser Sexualmoral als Quelle allen Lebensglücks kam Urbantschitsch zum Schluss: „Die Ehen verlaufen harmonisch, Scheidungen sind unbekannt und Neurosen existieren nicht.“[33]

Als weiteren Beleg für seine „bioelektrische“ Lehre zog Urbantschitsch die „Karezza-Methode“ heran. Dabei unterliefen ihm einige Fehler. So meinte er, das Wort „Karezza“ (Liebkosen) bedeute „Aufgeben“, „Entsagen“. Man habe nur der „männlichen Ejakulation“ zu entsagen, sonst ändere sich an der sexuellen Vereinigung nichts. Dies war nicht ganz zutreffend, da ja auch von der Frau eine zügelnde Kontrolle verlangt wurde. Im Übrigen aber sah Urbantschitsch in dieser Sexualpraktik eine Bestätigung seiner Lehre, nämlich „daß während dieser besonderen Art der Umarmung ein noch viel vollkommenerer Ausgleich [als beim normalen Geschlechtsakt] der elektrischen Spannung zwischen den beiden Partnern eintritt und sie sich deshalb nachher so befriedigt und beglückt fühlen wie nie zuvor.“[34] Im Hinblick auf Platons Ausführungen über die Liebe im „Symposion“ meinte Urbantschitsch schließlich, dieser Philosoph hätte, wenn er in der Gegenwart lebte, sich „vorstellen müssen, daß in dem Austausch der Ausstrahlungen zwischen zwei Liebenden eine köstlichere und tiefere Befriedigung liegt, als in dem Sexualakt selber. Denn dieser Austausch ruft ein Gefühl des Entzückens hervor, das nicht nur zwei oder drei Stunden, sondern oft auch taglang anhält.“[35] Gleichwohl war der undogmatische Analytiker weit davon entfernt, eine neue sexuelle Heilslehre für alle in die Welt zu setzen. Die „Karezza-Methode“ erforderte in seinen Augen große charakterliche Stärke. Sie könne „nur wenigen, auserwählten Männern empfohlen werden“.

Die soeben vorgestellten Publikationen von Dorelli, de Nannie und Urbantschitsch waren in der Nachriegszeit singulär. Die „bioelektrische“ Rationalisierung von „orientalischen“ Sexualpraktiken und Karezza durch Letzteren sowie die biologieferne Anlehnung an Mesmerismus und Mystik der beiden Ersteren widersprachen dem Zeitgeist und dem sexualwissenschaftlichen Credo von der unterdrückten Sexualität und ihrer Pathogenität. Denn befriedigende Sexualität ohne manifesten Orgasmus im Sinne des „Höhepunkts“ schien ein Widerspruch in sich darzustellen und mögliche Verbindungen zwischen Sexualität und Mystik zu sehen schien gänzlich abwegig zu sein. Solche esoterisch anmutenden Überlegungen abseits des main stream erhielten zwar durch die Hippie-Bewegung und die New Age-Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auftrieb. Ihre Impulse verebbten aber mehr oder weniger in der neuen Wellness-Kultur, die nicht zuletzt durch Massage-Techniken (sogenanntes „Tantra“) erotisch aufgeladen wurde. Auch gegenwärtige „Kuschelparties“ als erotische Gruppenereignisse gehören zu dieser neuen Wohlfühl- und Entspannungskultur, die man in Analogie zu „Neo-Nature“ (Kap. 13) und zu „Neosexualitäten“ (Kap. 34) als „Neo-Eroticism“ bezeichnen könnte. Die kosmischen Dimensionen der Liebe und ihr Aufspüren im (zwischen-) menschlichen Erleben, ein Generalthema in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte von der antiken Mythologie bis hin zur neuzeitlichen magia naturalis, Alchemie und Theosophie werden zwar mitunter angesprochen, dann aber flugs an das Konsumangebot der Wellness-Industrie angepasst. Erotik wurde zu einer anscheinend verfügbaren und bezahlbaren Ware, in ihrer primitivsten Form in einem „Eros Center“ erhältlich.

Demgegenüber hat die sexuelle Enthaltsamkeit oder Keuschheit, die unterschiedlich definiert sein kann, heutzutage im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Sie wird nämlich als pathogene Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs angesehen. Dies gilt insbesondere für radikale Methoden der Askese, wie sie in hinduistischer Tradition als „Brahmacharya“ praktiziert werden. In dieser Lebensweise soll der menschliche Körper und Geist auf dem Wege zur göttlichen Erleuchtung von allen sexuellen Bedürfnissen und Begehrlichkeiten gereinigt werden. Die leitende Vorstellung dabei ist, dass die individuelle Liebe, etwa die zwischen Mann und Frau, in einer universellen göttlichen Liebe aufgehen soll. Mahatma Gandhi war wohl der prominenteste Vertreter dieser Lebensweise im 20. Jahrhundert. Er hatte als Ehemann und Vater mehrerer Kinder bereits 1906 im Alter von 37 Jahren sein Brahmacharya-Gelübde abgelegt.[36] Er stellte einmal Frage: „Wenn der Mann seine Liebe nur auf eine Frau richtet und eine Frau die ihre nur auf einen Mann, was bleibt dann an Liebe für die ganze übrige Welt?“[37]

Anmerkung vom 19.08.2016:

Es gibt einen interessanten Briefwechsel zwischen Gandhi und Leo Tolstoi kurz vor dessen Tod 1910 zum Verhältnis von Liebe und Gewalt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Die Beschränkung auf die Überwindung der sinnlichen Begierde, die Reduktion von Brahamacharya auf den sexuellen Aspekt, lehnte Gandhi jedoch ab: „Brahmacharya meint die Beherrschung aller Sinnesorgane. Wer nur ein Organ zu kontrollieren versucht und allen anderen freie Bahn lässt, wird feststellen, dass seine Bemühungen vergeblich sind.“[38] Vor allem Nahrungsbeschränkungen und Fasten waren ihm wichtig. Allerdings könne, so Gandhi, ein Geist, „der wissentlich unrein gehalten wird, […] nicht durch Fasten gereinigt werden. […] Solange der Geist nicht Herr, sondern Sklave der Sinne ist, braucht der Körper immer reine, nichtstimulierende Nahrung und periodisches Fasten.“[39] Für Gandhi bedeutete umfassende Selbstbeherrschung eine Art Lebenselixier: „Bei einem wirklich selbstbeherrschten Menschen nehmen Kraft und innerer Friede von Tag zu Tag zu. Der allererste Schritt zur Selbstbeherrschung ist die Zügelung der Gedanken.“[40] Was Kritikern als Unterdrückung der natürlichen Triebe erscheint, bedeutet für einen solchen Asketen den Weg zur geistigen Freiheit, zur göttlichen unio mystica. Es kommt auf die Perspektive des Betrachters an, ob er dies als höchstes Liebesglück oder als pathologische Entartung, ja Perversion ansieht. Friedrich Nietzsche und mit ihm die westlich orientierte Kultur tendiert zur letzteren Einschätzung, wonach der „asketische Priester“, einer „lebensfeindliche[n] Spezies“ angehöre und „Leben gegen das Leben […] physiologisch […] einfach Unsinn“ sei, wie Nietzsches Verdikt in der „Genealogie der Moral“ (III/11 bzw. 8) lautet.

Es ist ein Unterschied, ob sich ein Mönch viele Jahre lang in einem Kloster geistigen Übungen unterzieht oder ob jemand an einem zweiwöchigen Meditationskurs teilnimmt, der ihm eine innere Wandlung als Kursziel verheißt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieser Unterschied auch auf dem Gebiet des Sexuallebens respektiert würde. Im Grunde gilt das für jede Art von Lebenskunst, die nicht mit gieriger Kurzatmigkeit, sondern nur mit langem Atem gelingen kann. Vor allem gilt es für das Gebiet von Erotik und Sexualität, das man dem umfassenderen Begriff der Liebe zuordnen kann. Die Ideengeschichte der Heilkunst führt uns in historischen Variationen wie in einem Kaleidoskop vor Augen, dass wir gerade auf diesem weiten Feld das Geheimnis und die Kunst des Heilens zu lokalisieren und neu zu entdecken haben, auch wenn wir sie nicht mit der Methodik der Evidenz-basierten Medizin feststellen können.


[1] Dorelli, 1962, S. 141. [2] A. a. O., S. 140. [3] A. a. O., S. 144. [4] A. a. O., S. 146 f. [5] A. a. O., S. 151. [6] A. a. O., S. 155. [7] Nannie, 1964. [8] Ebd., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 10. [11] A. a. O., S. 13. [12] A. a. O., S. 14. [13] A. a. O., S. 16. [14] A. a. O., S. 30. [15] A. a. O., S. 51 f. [16] A. a. O., S. 19. [17] A. a. O., S. 21. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a. O., S. 29. [20] A. a. O., S. 30. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 63 f. [23] Urbantschitsch [1949], 1951. [24] Ebd., S. 90. [25] A. a. O., S. 91. [26] A. a. O., S. 93. [27] A. a. O., S. 94. [28] A. a. O., S. 95. [29] A. a. O., S. 96. [30] A. a. O., S. 97. [31] A. a. O., S. 99. [32] A. a. O., S. 100. [33] A. a. O., S. 101. [34] A. a. O., S. 102. [35] A. a. O., S. 104. [36] Gandhi [1942], 2011, S. 338. [37] Gandhi [1932], 2011, S. 179. [38] A. a. O., S. 181. [39] Gandhi [1929], 2011, S. 360. [40] Gandhi [1927], 2011, S. 122.

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28. Kap./4 * Sensitive Wahrnehmungen des „Od“

Um 1850 wandte sich der aus Stuttgart stammende Chemiker und Industrielle Karl von Reichenbach dem Studium der so genannten Od-Strahlen zu, die er als Ausdruck einer Kraft in der Natur ansah, die von „sensitiven“ Menschen wahrgenommen werden könne. Er glaubte, damit eine bisher verborgene Naturkraft entdeckt zu haben, die sich vor allem als Licht zu erkennen gebe. Reichbach war ein unruhiger Geist, abenteuerlustig und von einem starken Forscherdrang getrieben. Auf seine recht bedeutenden chemischen Entdeckungen und wirtschaftlichen Erfolge soll hier nicht eingegangen werden. 1835 konnte er das Schloss Reisenberg bei Wien, das sogenannte „Cobenzl“, erwerben, in dem er eine Art naturkundliches Museum und chemisch-physikalisches Laboratorium einrichtete. Der Begriff „Od“ sollte für alle physikalischen Erscheinungen gelten, die sich bei seinen Untersuchungen ergeben hätten „welche unter die Begriffe der bis jetzt angenommenen Dynamide nicht gebracht werden können, sammt der vis occulta, von welcher sie herrühren.“[1] Eine Anekdote, die Reichenbach ausführlich schilderte, war wohl typisch für seinen subjektiven Forschungsstil. Als die „deutsche Naturforscher-Versammlung“ in Wien getagt habe – es handelte sich um die 32. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte vom 16. September bis 3. Oktober 1856[2] –, sei eine „Gesellschaft von etwa 25 Mitgliedern und Frauen derselben“ zu ihm „herauf nach Schloß-Reisenberg“ gekommen. Die Räume seiner Sammlungen, Geräte und Präparate konnten vollkommen abgedunkelt werden, was ja eine Voraussetzung seiner Od-Forschungen war. In ein solches Zimmer, das er „Dunkelkammer“ zu nennen pflegte, führte er die Gesellschaft. „Als meine Freunde hier beisammen waren, schloß ich die Klappe und augenblicklich war die ganze Gesellschaft in vollkommene Finsteniß versenkt.“ [3] Nach einer Weile nahmen manche Personen Lichterscheinungen an den eigenen Händen und den Körperteilen von anderen wahr. Da von außen kein Licht eindrang, schien bewiesen, dass die Körper „eigenes Licht von sich aussenden mussten“. Reichenbach schloss daraus, „daß die wahrgenommenen Glieder Selbstleuchter waren“.

Zwei Grundgedanken zogen sich durch Reichenbachs Od-Lehre. Zum einen gibt es „zweierlei Menschen“: die „Sensitiven“, die unter gewissen Umständen das „Od“ sehen und empfinden können, und diejenigen, die es auf keinen Fall wahrnehmen können, also „Leute, die so blind sind, wie ich“.[4] Reichenbach zählte sich also selber zu den „blinden“, das heißt nicht sensitiven Menschen. Zum anderen stellte er eine Polarität in den Od-Ausstrahlungen wie in den Od-Wahrnehmungen fest. Zunächst sei die „Polarität“ des Lichts auffällig, das polare Körper wie Kristalle und Magnete ausstrahlen: An einem Pol erscheint es „heller und mehr röthlichgelb“, am anderen „dunkler und mehr graubläulich“. Diese Polarität zeige sich auch am menschlichen Körper. Die linke Hand erscheine heller, die rechte matter, bläulicher. Reichbach bemerkte nun bei den Sensitiven einen „Dualismus“ der Od-Warhnehmungen: „Entweder waren die Empfindungen, welche die fühlende Hand erfuhr, widrig laulich oder sie waren wohlbehaglich kühl und in diese beiden Sensationen theilten sich alle Einwirkungen, die hier wahrgnommen wurden.“[5] Wenn gleichfarbige Lichterscheinungen – zum Beispiel die bl äulich leuchtende rechte Hand und der bläulich leuchtende Pol eines Magneten – aufeinandertrafen, fielen die Empfindungen „lauwidrig“ aus, trafen sich ungleichfarbie Lichterscheinungen, waren sie „wohlkühl“. Reichenbach formulierte den allgemeinen Grundsatz einer „odischen Anziehung und Abstoßung“, der nicht nur Menschen untereinander und im Kontakt mit den Naturdingen, sondern auch letztere in ihrem Verhältnis zueinander betraf, „daß nämlich ungleichnamiges Od sich gegenseitig vereingt, verstärkt und anzieht, gleichnamiges sich flieht, schwächt und abstößt.“[6]

Das methodische Problem ergab sich aus der vermeintlichen Tatsache, dass nur Sensitive die betreffenden Wirkungen wahrnehmen konnten, die Nichtsensitiven aber „keinen unmittelbaren Maßstab“ besaßen, die „odische Intensität“ festzustellen. In langen Versuchsreihen mit Sensitiven wollte Reichenbach objektive Maßeinheiten für die odische Intensität finden, etwa die Fernwirkung von Metallen. Über relative vage Feststellungen wie derjenigen, dass mit der Dickenvergrößerung odischer Substanzen auch die „Intensität ihrer odischen Wirkung“ wachse, kam er jedoch nicht hinaus.[7] Die subjektiven Wahrnehmungen ließen sich objektiv nicht quantifizieren, obwohl Reichenbach diese Zielvorstellung wohl nie aufgab. Seine rührenden Bemühungen zeigten sich auch in dem Versuch, die „odische Kraft“ seiner beiden Hände zu messen. Sensitive schätzten ihre Ausstrahlung „gleich der eines Hufeisens von 7½ Pfund Tragkraft.“[8] Einer Quantifizierung entzogen sich vollends die „odischen Ausströmungen von jeder einzelnen Person“, welche Sensitive im Finstern an ihrer „odischen Atmosphäre“ identifizieren konnten. „Sogar das geodete Wasser, versicherten die Hochsensitiven, unterschieden sie stets, je nachdem es von dem einen oder dem andern Arzte oder sonst wem immerhin erzeugt worden sey.“[9]    

In seinem fast 1600 Seiten umfassenden Hauptwerk „Der sensitive Mensch“ erwähnte Reichenbach Franz Anton Mesmer und den Mesmerismus nur beiläufig in wenigen Zeilen seiner „Vorrede“. Dies ist höchst auffällig, erscheint die Od-Lehre doch weithin als eine experimentelle Eruierung mesmeristischer Phänomene und theoretische Spezifizierung ihrer Gesetzmäßigkeiten. Reichenbach entledigte sich des Mesmerismus durch einen Kunstgriff. Er subsumierte ihn seiner Lehre als eine untergeordnete Spezialität: „Der sogenannte Mesmerismus, das magnetische Kuriren ist eine spezielle Anwendung des odischen Dynamids im Heilverfahren, bis hieher leider ohne allen wissenschaftlchen Verband und aus einem bloßen Aggregate unzusammenhängender Wahrnehmungen bestehend. […] Od ist eine Weltkraft und umfaßt die ganze Schöpfung in unendlichem Ergreifen; Mesmerismus ist eine von Dr. Mesmer eingeführte spezielle Anwendung des Odes im Heilverfahren.“[10] Reichenbachs Zielsetzung war von einem ehrgeizigen Wunsch geprägt: Er wollte die „Naturforschung im weitesten Sinne“ von seinen „kernhaften Thatsachen“, die er wissenschaftlich belegen zu können meinte, überzeugen. Die Physik könne nicht das „Krystall-Licht“, die Chemie nicht das „Auftauchen der odchemischen Reihe“, die Physiologie nicht die „Polarität des menschlichen Leibes“, die Medizin nicht  „Krampfstillung und Krampferzeugung durch Odstriche“, die „Magnetiseurs“ nicht die Verladung „positiven und negativen Odes“ aus Sonnenlicht auf ein Stück Holz und die Psychologie nicht die Beraubung des Bewußstseins durch „bloße Berührung der Zehenspitze“ verleugnen.[11] Für Reichbach war der „wissenschaftliche Verband“ und das „konsequent durchgeführte thereoretische Gebäude“, die er hervorgebracht habe, Grund für die Ablehnung durch „so viele gelehrte Gewohnheitsmenschen“.      

Er legte größten Wert darauf, dass alle seine Ergebnisse „nach der heutigen Methode der Naturforschung“ gewonnen wurden. Er wollte sich nur auf das verlassen, was er „unmittelbar selbst erprobt“ hatte.[12] Ein einziges Mal habe er der Arbeit eines anderen vertraut und sei enttäuscht worden. Ein Daguerreotypist habe in seinem Auftrag versucht, „Lichtbilder mittelst Odlicht“ darzustellen. Das positive Ergebnis, das auch publiziert wurde, konnte Reichenbach aber selbst nicht replizieren und musste es deshalb widerrufen. „Trau nie einem anderen“, schon gar nicht den Wundergeschichten von Magnetiseuren, so könnte man Reichenbachs Schlussfolgerung verstehen. Er habe sich nicht von den „somnambulen und kataleptischen Erstaunlichkeiten“ fortreißen lassen und sich „zu den höchsten geistigen und geisterhaften Regionen hinauf“ verstiegen, sondern habe den umgekehrten Weg eingeschlagen: „ich habe mich vom Zusammengesetzten in rückgängiger Zergliederung nach dem Einfacheren hingewendet, a posteriori ad prius; und so ist es mir gelungen, inbeständig analytischem Verfahren zu den Ursprüngen der Erscheinungen […] vorzudringen“.[13] Reichenbach beschränkte sich aber keineswegs auf die Analyse. Er wollte vor allem den Ärzten mit seiner Od-Lehre ein neues Hilfsmittel in die Hand geben. „Auf ganze Abschnitte der Medicin muß die gegenwärtige und künftige Entschleierung der Gesetze des Odes einen nahezu umwälzenden Einfluß nehmen.“[14]     

Äußerst erbittert und langatmig reagierte Reichenbach in seiner „Vorrede“ des soeben referierten Buchs auf die Ablehnung des Chemikers Justus von Liebig. Dieser hatte in seiner Münchner Antrittsvorlesung geäußert, die „neue Odwissenschaft habe keinen Eingang in die Naturforschung gefunden“.[15] Immerhin waren zuvor mehrere Arbeiten von Reichenbach in Liebigs Zeitschrift veröffentlicht worden. Liebigs Vorwurf war, dass die Sensitiven als Nervenkranke für Versuche ungeignet und die Untersuchungsergebnisse deshalb unbrauchbar seien. Dem widersprach Reichenbach heftig: „Die Sensitiven sind nervenreizbarer als Nichtsensitive, aber nicht nervenschwächer. […] Sensitive sind auf keine Weise schwach, sondern nervenstark, wenigstens in der Partie ihrer odischen Empfänglichkeit.“[16] Die meisten Sensitiven, mit denen er gearbeitet habe, seien „(im gewöhnlichen Sinne) Gesunde“ gewesen.[17] Er wollte Liebigs Voreingenommenheit mit dem Syllogismus entlarven: „Alle Sensitiven haben nichtgesunde Nervenapparate; nichtgesunde Nervenapparate sind zu Beobachtungen durchaus ungeeignet; Ergo sind Sensitive zu Beobachtungen durchaus ungeeignet.“[18]

Am meisten aber war Reichenbach über Liebigs Einwand erbost, die Od-Phänomene seien lediglich Effekte der Suggestion. Die Sensitiven hätten, so Liebig, von Reichbach, dem „Fragesteller“, auf die Erscheinungen erst „durch seine Fragen aufmerksam gemacht und geleitet werden müssen.“ Reichenbach fühlte sich in seiner Ehre als Naturforscher gekränkt: „Was Hr. von Liebig sich hier herausnimmt, ist nichs weniger als mir öffentlich Versuchsfälschungen zur Last zu legen, indem ich die Reaktionen suggerirt haben soll, die ich dann der Welt als neu gefundene Wahrheiten verkaufe?“ Sein Urteil ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Herr Liebig gleiche „jenem Blinden, der weil Er kein Licht sah, die Dreistigkeit hatte zu behaupten, Licht und Farben existiren nicht.“[19] Reichenbach glaubte auch die Quelle von Liebigs ablehnenden Äußerungen ausfindig machen zu können. Offenbar hatten ihn „einige Herren von der Naturwissenschaft“ auf seinem Schloss besucht, mit denen er nur den „Cicerone“ gemacht und in der Dunkelkammer das Odlicht demonstrierte habe, um ihre Wissbegierde zu befriedigen. Diese seien dann nach Wiesbaden zur Naturforscherverammlung gereist und hätten im Vorbeigehen Herrn von Liebig darüber berichtet. Dies habe Letzterem ausgereicht, „mir und dem Ode gelegentlich – die Bestattung zu ertheilen.“ Liebig hatte tatsächlich nur wenige Sätze über Reichenbachs „Odwissenschaft“ fallen lassen. Diese reichten aber aus, um Reichenbach aufs Äußerste zu reizen. Er spürte sehr genau das siegesbewusste Triumphgefühl eines erfolgreichen Naturwissenschaftlers auf der Gegenseite, der die deutsche (romantische) Naturphilosophie als einen „abgestorbenen Baum“ ansah und alle Spekulationen über okkulte Naturkräfte aus der Naturforschung verbannen wollte.

Wissenschaftshistorisch bedeutender als Liebigs Vorbehalt gegen Reichenbach war James Braids experimentelle Widerlegung der Od-Lehre in deren Anfangszeit, womit er demonstrativ den „Hypnotismus“ vom Mesmerismus abgrenzen wollte. 1841 hatte Karl von Reichbach, „der Zauberer vom Cobenzl“, auf seinem Schloss bei Wien mit seinen Od-Forschungen begonnen. 1846 erschien dann Braids kritische Untersuchung „The Power of the Mind over the Body“, deren Untertitel in deutscher Übersetzung lautete: „Eine experimentelle Untersuchung der vom Baron Reichenbach und Anderen einem ‚neuen imponderabeln’ Agens zugeschriebenen Erscheinungen.“[20] Sie wurde an anderer Stelle bereits ausführlich erläutert. (Kap. 17)

Reichbachs Od-Lehre hatte eine große Ausstrahlung und regte insbesondere Literaten an, sich erneut mit dem Mesmerismus und seinen Grenzgebieten auseinanderzusetzen. So verfasste der  populärwissenschaftliche Schriftsteller Carl Gottfried Wilhelm Vollmer unter dem Pseudonym W. F. A. Zimmermann eine romanhafte Erzählung, die in ironischer Weise durch die schillernde Welt des Mesmerismus führte.[21] Das Frontispiz im Querformat (zwischen Titelblatt und Textbeginn) zeigt eine magnetische-hypnotische Szene: Auf der chaise longue liegt im Scheine einer hellen Lampe eine mit einem Tuch bedeckte junge Dame mit geschlossenen Augen und entspanntem Gesichtsausdruck. (Abb. [i]) Neben ihr steht ein Herr in dunklem Gehrock, der sie aufmerksam beobachtet. Die Unterschrift lautet: „Wie wunderbar! Welch langer Schlaf.“ Die Position der Frau verweist auf ihre Funktion als Medium. Auch wenn der männliche Beobachter auf sie herabblickt, ist der Strahlengang eindeutig: Das Licht kommt von oben, von der Lampe als einer Ersatz-Sonne, die Frau spiegelt dieses Licht in ihrem magnetischen Schlaf, während der männliche Beobachter den Abglanz zu erhaschen versucht. Auch wenn dieses Abbildung ironisch gemeint war, brachte sie doch den naturphilosophischen Kern des Somnambulismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck. Ausgiebig stellte der Autor Karl von Reichenbachs „Odlicht“ dar und zitierte aus seinen „odisch-magnetischen Briefen“ (1852). Schließlich gelangte der Icherzähler zur „Heiligsprechung des Herrn von Reichenbach“. Er schilderte dabei seine Erlebnisse in Reichenbachs legendärer Dunkelkammer: „’Oftmals hörte ich in der Dunkelkammer die Bemerkung aussprechen, mein Kopf sei mit einer Strahlenkrone umgeben; ich sei in einem Heiligenschein eingehüllt’ – was Wunder, wer solche Entdeckungen macht, wer so den einzelnen Gegenständen des menschlichen Geistes seinen Platz anweis’t, der muß ja wohl ein Heiliger sein. Wie der Nepomuk, der Heilige des Wassers, wie Florian, der Heilige des Feuers so Reichenbach, der Heilige der Faulenzer“.[22]


[1] Reichenbach, 1849, 2.Bd., S. 20. [2] http://www.oeaw.ac.at/biblio/Archiv/pdf/Naturforscher.pdf (8.04.2010). [3] Reichenbach, 1858, S. 1f. [4] A. a. O., S. 3 f. [5] A. a. O., S. 5. [6] A. a. O., S. 91. [7] Reichenbach, 1855, S. 501. [8] A. a. O., S. 509. [9] A. a. O., S. 510. [10] Reichenbach, 1854, S. XXIX. [11] A. a. O., s. XXX. [12] A. a. O., s. XXXI. [13] A. a. O., S. XXXIII. [14] A. a. O., S. XXXIV. [15] Zit. a. a. O., S. VI.; Liebig, 1852, S. 18 f. [16] A. a. O., S. VIII. [17] A. a. O., S. XI. [18] A. a. O., S. XX. [19] A. a. O., s. XV. [20] Braid [1846], 1982. [21] W. F. A. Zimmermann, 1863. [22] Ebd., S. 536.


[i] W. F. A. Zimmermann, 1863: Frontispiz; → Abb. Zimmermann 1863

17. Kap./3 * „Die Macht des Geistes über den Körper“

Der Topos von der Macht des Geistes über den Körper, der bei James Braid, wie wir sogleich sehen werden, eine wichtige Rolle spielte, wurzelte im Magiebegriff, der in der romantischen Naturphilosophie eine letzte akademische Blüte erlebte. So formulierte der Hallenser Medizinprofessor Ludwig Hermann Friedlaender 1839: „Magie ist die reinste Herrschaft des Geistes über die Natur, welche der am erhabensten und wunderbarsten ausübt, dessen Gedanke die Welt aus dem Nichts hervorrief und sie fort und fort beseelt. Gott ist der höchste Magus, der aber auch einen Theil seiner magischen Kraft den Menschen zuwendet, wenn sie rein und sündlos durch Glauben und Andacht mit ihm eins sind.“[1] Daneben gebe es aber auch „eine Magie der Natur“, deren „bewusstlos thätige, geheim bildende und entbildende Kraft, in deren wunderbares Walten einzudringen und dasselbe sich anzueignen der Mensch besonders dann versucht, wenn er nicht mehr das Bewusstseyn der göttlichen Magie besitzt.“[2] So sei die ursprüngliche Heilkunde „eine Tochter der Religion und eine magische Kunst, die durch die Heilkraft des Geistes sich die Natur unterwarf.“[3] Wir werden nun die psychophysiologische Engführung dieses naturphilosophisch definierten Topos’ in der Lehre des Hypnotismus genauer beleuchten.

Wenden wir uns nun der „Lieblingsarbeit“ von James Braid zu, die für ihn einen wichtigen Bezugspunkt für seine späteren Studien darstellte.[4] 1846 erschien sein Artikel On the Power of the Mind over the Body“ in drei Folgen in der FachzeitschriftThe Medical Times“ mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „June 1846“.[5] Kurze Zeit später erschien dieser Artikel unter Weglassung des „on“ im Titel in The Edinburgh Medical and Surgical Journal“ mit einigen zusätzlichen Fußnoten mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „August 18, 1846“.[6] Letztere Version wurde Jahrzehnte später vom oben erwähnten Jenaer Physiologen Wilhelm Preyer unter Weglasssung einiger Anmerkungen zusammen mit einer Reihe anderer Schriften von Braid ins Deutsche übersetzt.[7] Braid kritisierte vor allem die mesmeristischen Spekulationen des Chemikers Karl von Reichenbach (Kap. 28) auf Grund eigener Beobachtungen „an hypnotischen Patienten“: Der Freiherr habe „einen irreleitenden Factor entweder garnicht gekannt oder völlig übersehen“, nämlich den Einfluss eines „geistigen“ Teils beim Vorgang seiner Experimente.[8] Braid berichtete, wie er sich zu deren Wiederholung entschlossen habe und zu Schlüssen gelangt sei, „die denen des Freiherrn von Reichenbach schnurstracks entgegenlaufen.“ Während Reichenbach von der „Existenz einer neuen Naturkraft“ überzeugt war, die freilich nur durch eine kleine Zahl „hochsensitiver und nervöser Personen“ empfunden werden konnte, hatte Braid entdeckt, dass bei solchen Menschen „ein anhaltendes Richten der Aufmerksamkeit auf einen beliebigen Körpertheil“ bereits genügte, um bei ihnen eine Funktionsänderung zu bewirken.[9] So könne eine „innere oder geistige Ursachen jede Art von Empfindung“ hervorrufen, unter anderem auch „Visionen jeder Form und Farbe“. Der menschliche Nerv sei eben ein zweifelhafter Prüfstein für die Einwirkung äußerer Kräfte, „da die nämlichen Erscheinungen in gleicher Weise durch einen inneren oder geistigen Einfluss“ (internal or mental influence) ohne Mithilfe eines „äußeren Anstoßes“ (external agency) hervorgebracht werden könnten.

Braid berief sich auf seine für ihn eindeutigen Versuchsergebnisse. Es lohnt sich, seine Experimente näher zu betrachten, die er häufig mit detektivischer List und Lust durchführte. So strich er bei Patienten im nervösen Schlaf, die in diesem Zustand nicht sehen konnten, einen Magneten über die Hand oder einen anderen Körperteil, ohne diesen zu berühren. Dies zeigte keine Wirkung bei ihnen. Nur wenn der Magnet so nahe an die Körperoberfläche herangeführt wurde, dass er ein Kältegefühl erzeugte, „machte der Schlafende ein zeichen des Mißbehagens“.[10] Damit war angeblich Reichenbachs Behauptung einer Anziehung durch den Magneten bei sensitiven Menschen widerlegt; diese rühre „allein von einem ‚geistigen Einfluß’“ her. Braid referierte ausführlich die von Reichbach durchgeführten Versuche mit Sensitiven, die verschiedenartige Lichtwahrnehmungen im Sinne der Od-Lehre im Dunkeln hatten, und schloss daraus: „Alle erwarteten vermuthlich etwas Leuchtendes zu sehen und sahen in Folge dessen Licht oder Flammen.“[11] Dabei stellte Braid fest, dass die „angeblich physischen Thatsachen“, die Formen und Farben der Emanationen, die von den einzelnen Personen wahrgenommen wurden, stark voneinander abwichen. „Wärend diese Flammen und Farben in Wahrheit physisch vorhanden, so würden die Widersprüche nicht vorkommen können“.[12] Für ihn waren Karl von Reichenbachs Od-Phänomene ein Beweis für „die wunderbare Kraft des Geistes [the wonderful power of the human mind] […], vermöge welcher sensitive Personen, wenn sie ihre gespannteste Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen Theil ihres Körpers richten, eine Veränderung der Funktionen desselben hervorrufen können, die sie leicht einer äußeren Einwirkung zuschreiben, während sie doch lediglich aus einer inneren oder geistigen Ursache entsteht.“[13]

Braid stellte in seinen Experimenten fest, dass die „Patienten“ – ob es sich um hypnotisierte oder nicht-hypnotisierte kranke oder gesunde Versuchspersonen handelte – keinerlei Lichtwahrnehmungen hatten, „wenn sie nicht zuvor auf derartige Ideen gebracht oder durch Fragen zu solchen Vorstellungen angeregt waren.“[14] In einer Versuchsreihe führte er nacheinander einen Magneten und einen anderen Gegenstand von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen, wobei die Versuchspersonen zusahen und anschließend über die verschiedenen (vermeintlichen) Wirkungen berichteten. „Forderte man sie auf, den Blick abzuwenden oder sich durch das Aufstellen eines Schirmes die Möglichkeit einer Beobachtung der Vorgänge nehmen zu lassen und sodann die Empfindungen anzugeben, die ihnen die Wiederaufnahme der Prozeduren verursache, so behaupteten sie selbst dann ähnliche Erscheinungen wahrzunehmen, wenn man sie nur ansah und ihre Aussagen protokollierte, sonst aber nicht das Mindeste that.“ Da sie glaubten, der vorherige Versuch werde wiederholt, hätten sie ihre Aufmerksamkeit so auf die betreffende Körperstelle gerichtet und sei infolgedessen deren „physische Thätigkeit“ so erregt worden, „dass sie ihre Empfindungen durch äußere Einwirkungen [external impression] hervorgerufen glaubten“.[15]

Die Macht des Geistes verändere die physische Thätigkeit und nicht ein von außen kommender Einfluss. Braid demonstrierte seine These mit immer neuen Experimenten, die alle auf dasselbe hinausliefen: zu zeigen, dass magnetische oder mesmeristische Einwirkungen aller Art einer Täuschung bzw. Selbsttäuschung unterliegen. Nicht der äußere Einfluss, sondern die auf einen Körperteil gerichtete Aufmerksamkeit, eben die „Macht des Geistes“, sei Ursache der hervorgerufenen Empfindungen. Der „von innen heraus kommende geistige Einfluß“ genüge.[16] Braid benutzte hin und wieder den Begriff der Einbildungskraft (imagination) und zitierte Virgils Ausspruch „Possunt, quia posse videntur“ (Sie können, weil sie es zu können glauben).[17] Es ist bemerkenswert, dass Braid in diesem Zusammenhang von „suggested ideas and concentration of consciousness“ sprach, was umständlich und nicht ganz zutreffend mit „Einimpfen gewisser Ideen und das Richten ihrer Aufmerksamkeit auf einen Punkt“ übersetzt wurde.[18] (Obwohl Braid hier von „suggested ideas“ und auch an anderer Stelle einmal von „to suggest to the mind the idea“ sprach und damit psychodynamische Vorgänge beschreiben wollte, kann von einem Suggestionsbegriff bei ihm keine Red sein.)[19] Die Versuchsergebnisse seien lediglich „jener merkwürdigen Wechselwirkung zwischen Geist und Körper zuzuschreiben“ [attributable to the remarkable reciprocal actions of the mind and body on each other].[20]

Braid überprüfte experimentell auch die angebliche Fähigkeit der Sensitiven, durch Magnete, Bestreichen oder Anhauchen magnetisiertes Wasser von nicht magnetisiertem zu unterscheiden. Keiner der im Wachzustand und im nervösen Schlaf geprüften Patienten sei imstande gewesen, einen solchen Unterschied festzustellen. Freilich könnten durch Anhauchen und Bestreichen scheinbare Erfolge erzielt werden, „weil höchstempfindliche Patienten die Athem- oder Hautdünste sehr leicht riechen oder wahrscheinlich auch schmecken.“[21] Auch sei ihm noch niemals „ein Beispiel von unfehlbarem Gedankenlesen vorgekommen.“ Solches beruhe auf einer Täuschung: Gedankenleser nützten nur die „sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke“ aus. Mit großer Akribie versuchte Braid, von Reichenbachs Od-Lehre Schritt für Schritt experimentell bzw. narrativ zu widerlegen. Dies betraf die diamagnetische Eigenschaft des menschlichen Körpers, die phosphorizierenden Erscheinungen auf Friedhöfen oder den Abdruck des Magneten auf einer lichtempfindlichen Platte („Daguerreotype“).[22]

Braid hielt also die „Wirkungen eines neuentdeckten imponderabeln Agens“, wie sie Karl von Reichbach beschrieben hatte, nachweisbar für „irrig“.[23] Allerdings billigte er den Akteuren entsprechende Sinneswahrnehmungen zu. So könnten bestimmte leicht erregbare Menschen „elektrische, wärmeerzeugende und heilkräftige Eigenschaften“ an Gegenständen entdecken, „welche nicht nur von anderen, sondern auch von ihnen selbst nicht bemerkt werden, wenn sie sich in einem normalen, minder sensitiven Zustande befinden.“ Auch der Magnetiseur werde kraft der „die physische Thätigkeit veränderenden geistigen Einwirkung höchst wahrscheinlich eine Strömung in seinen Fingerspitzen wahrnehmen“. Gerade solche Sinneseindrücke würden den Glauben der Mesmer-Anhänger „an die physische Existenz des betreffenden Agens“ befestigen.[24]

Braid warf noch ein schlagendes Argument in die Waagschale. Es gebe Patienten, die sich selbst in nervösen Schlaf versetzen „und die dem Mesmerismus eigenen Erscheinungen ohne fremde Hülfe durch eigene Bemühungen erzeugen können, indem sie ihren Blick, sowie ihre ganze Geistesthätigkeit mit voller Energie unverwandt einem einzigen Punkt, z. B. ihrer Finger- oder Nasenspitze zuwenden“.[25] Wer sich selbst magnetisiere, könne mindestens ebenso große Wunder „wahrzunehmen wähnen, als die Menschen, welche unsere erfolgreichsten Magnetiseure durch Anwendung ihres vermeintlichen Fluidums behandelt haben.“ Nicht ein äußeres Fluidum erzeuge die mesmeristischen Phänomene, sondern die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Offenbar war ihm entgangen, dass die Mesmeristen sehr wohl die Methode der „Selbstmagnetisierung“ kannten und verschiedentlich diskutierten (Kap. 25). Freilich stand diese nicht im Zentrum der magnetischen Behandlungstechnik, bei der es ja primär auf die speziellen „Manipulationen“ der Magnetiseure ankam.

Wie Braid durch ein eindrucksvolles Experiment mit einer Patientin gegenüber einem ärztlichen Kollegen in London demonstierte, würde die „Überreizung der Einbildungskraft“ (vividness of […] imagination) zur Selbsttäuschung führen, sodass alle möglichen vorgespiegelten Phantasiegebilde für wirklich gehalten würden. Auch Visionen und Halluzinationen bestimmter Menschen im Wachzustand, die so genannten „vigilanten Phänomene“ (vigilant phenomena) seien kein physischer Eindruck von außen, sondern „ein von innen heraus wirkendes geistiges Blendwerk“ (a mental delusion from within), der den Verstand so weit lähme, dass die betreffenden Personen von einem anderen „unbedingt beherrscht und als bloße Marionetten [mere puppets]gehandhabt“ werden könnten.[26] Sobald man diese Patienten dahin bringen könne, „der sich äußernden Kraft eines fremden Willens die eigene Kraft selbständig entgegenzusetzen [exercise their own independent powers in opposition to], ist der Zauber [spell] behoben.“ Die dem magnetischen Fluidum zugeschriebenen physischen Veränderungen müssten „auf das geistige und körperliche Conto [resources] des Patienten und nicht etwa auf das des Experimentirenden und seiner Mittel gesetzt werden.“[27] Am Ende seiner Abhandlung unterstrich Braid die therapeutische Relevanz seiner Lehre: Die „richtige Beachtung und Beherrschung dieser Kraft des menschlichen Geistes [human mind] über seine leibliche Hülle [physical frame] und umgekehrt“ könnten zur Linderung von Leiden eingesetzt werden. Übrigens verwandte Braid Geist (mind) und Seele (soul) synonym – „soul or mind“, wie es an einer Stelle seiner „Neurypnology“ heißt –[28] wenngleich er ungleich häufiger „mind“ benutzte. Im Schlusssatz der soeben referierten Abhandlung benutzte er beide Termini in einem Atemzug: „My experiments […] beautifully prove the unity of the mind, and the remarkable power of the soul over the body.“[29]

So scharf sich die Protagonisten des Mesmerismus und des Hypnotismus (Braidismus) auch voneinander abgrenzten, so unscharf wurden beiden Konzepte in der Laienmedizin und insbesondere in deren Ratgeberliteratur miteinander vermengt, ja oftmals miteinander gleichgesetzt. Sie beeinflussten nachhaltig die in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufblühende „Neugeist-Bewegung“ (New Thought Movement) und die von dieser Strömung propagierte Geistheilung (mental healing). Im Mittelpunkt der verschiedenen Ansätze  stand die Idee, dass der Geist sozusagen Berge versetzen und vor allem heilen könne. Hierbei spielte der Begriff der Suggestion ein zentrale Rolle. So meinte Henry Wood, ein Mentor des New Thought, die ideale Suggestion sei das „Photographieren von reinen und vollkommenen Idealen direkt auf unseren Geist durch das Medium des Gesichstssinns“ (the photographing of pure and perfect ideals directly upon the mind through the medium of the sense of sight).[30] Die gebündelte Energie der Gedankenkonzentration (thought concentration) würde eine wunderbare Kraft entwickeln. Er gab im Stile eines Übungsbuches eine Reihe von insgesamt 35 „meditations and suggestions“ an, deren richtigen Gebrauch er im Einzelnen im Grußdruck durchdeklinierte: von „GOD IS HERE“ und „DIVINE LOVE FILLS ME“ bis hin zu „I AM HEALED“ und „BE YE THEREFORE PERFECT“. Die Verinnerlichung der Suggestionen könnten nur durch ständiges Üben erreicht werden. Diese Kur der „idealen Suggestion“ sei nicht magisch, sondern bedeute natürliches Wachsum (natural growth).[31] Mesmerismus und Hypnotismus boten den Heilbestrebungen der Neugeist-Bewegung einen wunderbaren Nährboden. Sie importierten magnetische und hypnotische Techniken, die primär in der Medizin entwickelt worden waren, in ihr religiöses Feld und verknüpften sie mit dessen Denkwelt. Am bekanntesten wurde die Christian Science von Mary Baker-Eddy, die von dem US-amerikanischen Mesmeristen Phineas Quimby behandelt und stark beeinflusst worden war, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll.[32] Der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig war mit seiner Schrift „Die Heilung durch den Geist“ (1932) wohl der erste, der den medizinhistorischen Bogen von Franz Anton Mesmer zu Sigmund Freud schlug und dabei Baker-Eddys Lehre als Zwischenstufe in der Geschichte der Psychotherapie würdigte.[33] Erst mit Henri Ellenbergers „Die Entdeckung des Unbewussten“ (1970) wurde die Bedeutung des Mesmerismus für die Geschichte der „dynamischen Psychiatrie“ erkannt.[34]


[1] Fiedländer, 1839, S. 21. [2] A. a. O., S. 22. [3] A. a. O., S. 24. [4] Preyer in: Braid, 1882, S. VI. [5] Braid, 1846 [a].[6] Braid, 1846 [b]. [7] Braid [1846], 1882. [8] Ebd., S. 4. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 6. [11] A. a. O., S. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 12. [14] A. a. O., S. 13. [15] A. a. O., S. 14. [16] A. a. O., S. 20. [17] A. a. O., S. 22. [18] Braid, 1846 [b], S. 300; Braid [1846], 1882, S. 23. [19] Braid, 1843, S. 147. [20] Braid [1846], 1882. S.  24; Braid 1846 [b], S. 300. [21] Braid [1846], 1882, S. 25. [22] A. a. O., S. 26-29. [23] Ebd., S. 29. [24] A. a. O., S. 30. [25] A. a. O., S. 31. [26] A. a. O., S. 34. [27] A. a. O., S. 36. [28] Braid, 1843, S. 83. [29] Braid, 1846 [a], S. 274. [30] Wood, 1893, S. 7. [31] A. a. O., S. 109. [32] http://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Baker_Eddy (29.04.2012). [33] Zweig, 1932. [34] Ellenberger, 1970; 1973.

4. Kap./1 * Annäherung an die „Wahrheit“

Max Weber stellte in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ (1922 veröffentlicht) die Frage, welchen „über das rein Praktische und Technische hinausgehenden Sinn“ der wissenschaftliche Fortschritt und die damit verbundene „Entzauberung der Welt“ überhaupt hätten. Die Antwort fand er in den Werken Leo Tolstojs. Der Tod habe für den Kulturmenschen keinen Sinn, „weil ja das ziviliserte, in den ‚Fortschritt’, in das Unendliche hineingestellte einzelne Leben seinem eigenen immenanten Sinn nach kein Ende haben dürfte.“[1] Weil der Tod sinnlos sei, sei es auch das Kulturleben als solches, „welches ja eben durch seine sinnlose ‚Fortschrittlichkeit’ den Tod zur Sinnlosigkeit stempelt.“ Max Weber unterschied das „wissenschaftliche Geschäft“ strikt von der religiösen „Offenbarung“. Wenn kein Prophet oder Heiland mehr da sei bzw. nicht mehr an einen solchen geglaubt werde, können man ihn nicht dadruch auf die Erde zwingen, „dass Tausende von Professoren als staatlich besondete oder privilegierte kleine Propheten in ihren Hörsälen ihm seine Rolle abzunehmen versuchen.“[2] Dem „inneren Interesse eines wirklich religiös ‚musikalischen’ Menschen“ könne nicht damit gedient sein, ihm „durch ein Surrogat, wie es alle diese Katheterprophetien sind“, zu verhüllen, dass er in einer „gottfremden, prophetenlosen Zeit“ zu leben habe. Wir werden sogleich sehen, dass die Weber’sche Skepsis gegenüber einer Fortschritt verheißenden Wissenschaft, die er „Katheterprophetie“ nannte, der Verunsicherung vieler Intellektueller in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entsprach und im Gegensatz zur selbstgewissen wissenschaftlichen Weltanschauung im Deutschen Kaiserreich stand.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts ereignete sich ein folgenschwerer Umbruch. Die modernen Naturwissenschaften mit ihrer experimentellen Methodik und ihrer Absage an die romantische Naturphilosophie eroberten das Feld. Die Münchner Antrittsvorlesung des Chemikers Justus von Liebig von 1852 war für die neue wissenschaftliche Weltanschauung beispielhaft. Aber auch er bediente sich traditioneller Metaphern, um sein Publikum zu überzeugen. Die Natur sei „das mit unbekannten Chiffren beschriebene Buch“ und die Worte seien „Chiffren besonderer Art“. Man könne die Naturerscheinungen „als Alphabet betrachten, womit wir das Buch entziffern.“[3] Eine „falsche Philosophie“ habe den „außerordentlichen Fortschritt“, den man „Bacon und Galiläi [sic]“ verdanke, verdrängt, der aber durch „Siege im Interesse der Menschheit“ immer mehr an Boden gewinne.[4] Auf die deutsche (romantische) Naturphilosophie blickte Liebig zurück „wie auf einen abgestorbenen Baum, der das schönste Laub, die prächtigsten Blüthen aber keine Früchte trug. Mit einem unendlichen Aufwand von Geist und Scharfsinn schuf man nur Bilder, aber auch die glänzendsten Farben sind, wie Göthe in seiner Farbenlehre behauptete, nur getrübtes Licht. Wir aber wollen und suchen das reine Licht und dieß ist die Wahrheit.“ Von der wissenschaftlichen Wahrheit waren demnanch naturphilosophische und okkulte Einstellungen wie der Glaube an Gespenster per definitionem ausgeschlossen. Liebigs Argumentation war in dieser Hinsicht äußerst simpel. Er formulierte einen einfachen Syllogismus: Gespenster seien körperlose Wesen, da aber nur Körper Licht reflektieren würden, könnten Gespenster nicht gesehen werden. Insofern gehöre der Glaube an Gespenster nicht zur Wissenschaft: “er ist des Wissens schlimmster Feind, denn das Wissen ist dieses Glaubens Tod.“[5] Auch die seinerzeit von vielen Naturforschern und Ärzten beachtete „Odwissenschaft“ des renommierten deutschen Chemikers und Industriellen Karl von Reichenbach kanzelte Liebig als „falsche Methode“ ab (Kap. 28). Erscheinungen, „welche in nervenschwachen, kranken Personen hervorgerufen werden“, könnten nicht die „Existenz einer neuen Naturkraft“ begründen.[6]

Für den Protagonisten der naturwissenschaftlichen Medizin, den Berliner Physiologen Emil Du Bois-Reymond war die „Entwicklungsgeschichte“ eine zentrale Idee, welche für biologische, soziale und wissenschaftliche Gegebenheiten gleichermaßen sinnstiftend war und objektive Zusammenhänge aufzeigen konnte. Auch seine eigene Arbeit subsumierte er unter die Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft, wie er in seiner Rede „Über Geschichte der Wissenschaft“ (1872) ausführte: „Wer die Wissenschaft als ein Werdendes überliefert erhielt, fühlt sich gleichsam aufgefordert, selber an deren Ausbau sich zu beteiligen.“[7] Indem Du Bois-Reymond die Lehre von der Lebenskraft, die um 1800 im Brennpunkt des medizinischen Diskurses stand, ablehnte, wollte er bewusst einen Schritt in die seiner Meinung nach einzig richtige Richtung tun und den „Entwicklungsgang der Wissenschaft“ voranbringen: „Betrachtet man den Entwicklungsgang unserer Wissenschaft, so ist nicht zu verkennen, wie das der Lebenskraft zugeschriebene Gebiet von Erscheinungen mit jedem Tage mehr zusammenschrumpft, wie immer neue Landstriche unter die Botmäßigkeit der physikalischen und chemischen Kräfte geraten.“ Ja, es könne sein, daß die Physiologie „ganz sich auflöst in organische Physik und Chemie“.[8]

Du Bois-Reymonds imperialer Anspruch kam in solcher Eroberungsmetaphorik zum Ausdruck, wobei er sich der begrenzten Macht der Wissenschaft bewusst war. Denn der objektive wissenschaftliche Fortschritt zerstöre keineswegs automatisch die Illusionen der Menschen. So sei der Glaube an die Lebenskraft, wie er in diesem Zusammenhang feststellte, „wegen des gemütlichen Bedürfnisses für gewisse Organisation“, was er freilich nicht weiter erklärte, „unvertilgbar“. Die naturwissenschaftliche, biologische Medizin ließ sich in ihrem Fortschrittsglauben, wie er sich im ausgehenden 19. Jahrhundert im Sinne Du Bois-Reymonds machtvoll entfaltete, auch durch die monströsen Verirrungen der Weltkriege und Diktaturen des 20. Jahrhunderts, an denen sie mitgewirkt hatte, in ihrem Selbstverständnis nicht erschüttern, der Wahrheitsfindung und damit dem wissenschaftlichen Fortschritt gedient zu haben.

Was jeweils als wissenschaftliche Wahrheit angepeilt wird, ist an der Ausrichtung einschlägiger Forschungsprogramme von Förderereinrichtungen leicht ablesbar. Im Zeitalter der molekularen Biomedizin konzentriert sich das Interesse auf das Genom: Die „Buchstaben des Lebens“ sollen so weit als möglich und tendenziell bei allen Menschen entschlüsselt werden. Dabei geht es einerseits um die prädiktive Diagnostik und die damit verbundene Prävention sich anzeigender gesundheitlicher Gefahren, andererseits um eine maßgeschneiderte Therapie bei schon eingetretener Krankheit. Auf die Problematik des homo geneticus sind wir an anderer Stelle eingegangen (Kap 3). Die letzte oder höchste Wahrheit scheint für die wissenschaftliche Medizin seit wenigen Jahrzehnten in den Genen zu liegen, und so zielt die biomedizinische Forschung auf deren spezifische Erfassung ab. Als Beispiel sei hier nur auf die handgreiflichen Fortschritte der Krebsforschung verwiesen. Heute gilt die virologische Identifizierung des Erregers des Zervixkarzinoms als ein Meilenstein, der – Jahrzehnte nach der betreffenden Entdeckung – im Jahr 2008 mit dem Nobelpreis an den deutschen Virologen Harald zur Hausen gewürdigt wurde. Zur Vorbeugung dieser Krebserkrankung wurde 2006 der Impstoff Gardasil® gegen Humane Papillomaviren (HPV) für Europa zugelassen und damit in die medizinische Praxis eingeführt.[9]

Heute herrscht sowohl in der medizinischen Fachwelt als auch in der breiten Öffentlichkeit die Vorstellung, dass die wissenschaftliche Forschung Schritt für Schritt letztlich alle Rätsel lösen, die „wahren“ Ursachen der Krankheiten aufdecken und die „wahren“ Arzneimitteln aufspüren oder herstellen könne. Der wissenschaftliche Fortschritt scheint sich asymptotisch an die Wahrheitskoordinate anzunähern. Auf eine philosophische Bestimmung des Wahrheitsbegriffs soll es hier nicht ankommen. Nach meinem Eindruck herrscht in der Medizin eindeutig die mit der aristotelischen Tradition in Verbindung gebrachte „Korrespondenztheorie“ vor, wonach Wahrheit als Übereinstimmung von Wissen und Gegenstand aufgefasst wird (veritas consistit in adaequatione intellectus et rei).[10] Ein prominentes Beispiel lieferte der deutsch-jüdische Soziologe und Kulturhistoriker Norbert Elias. Für ihn waren „realitätsgerechte Symbole“ für eine Menschengruppe entscheidende Überlebensinstrumente. Solche Symbole seien wandelbar, aber sie könnten auch, wie im Fall der Sonne, vollkommen und endgültig sein: „Erst in diesem Jahrhundert ist das Wortsymbol ‚Sonne’ in höchstem Maße wirklichkeitsgerecht geworden. Man weiß, es handelt sich um einen Heliummeiler, der in ein paar Milliarden Jahren ausgebrannt sein wird. Natürlich kann dieses Sachwissen noch verbessert werden; aber im wesentlichen weiß man jetzt, was die Sonne ist.“[11]

Das bisher verschleierte Bild der Natur scheint also, was das Zentralgestirn für die Erde betrifft, enthüllt zu sein. Nach Elias weiß man jetzt angeblich, „was die Sonne ist“. Vor diesem Wissen verblassen scheinbar alle früheren Wissenschaften und Religionen, die sich je mit der Sonne befasst haben – und welche hätten das nicht getan? Denn diese wussten offenbar nicht, dass die Sonne ein ausbrennender „Heliummeiler“ ist. Zu dieser Wahrheit, und eine andere steht nicht zur Debatte, konnte nach Elias nur die moderne Naturwissenschaft gelangen. Analoge Argumentationen lassen sich, wie wir noch sehen werden, in der modernen Medizin zuhauf finden, und sie sind besonders auffallend, wenn es um den Placebo-Effekt geht.

Das Finden der Wahrheit, der Erwerb des Wissens, das der Wirklichkeit entsprechen soll, wird in der Wissenschaftsgeschichte in der Regel mit dem Begriff der Entdeckung in Zusammenhang gebracht. Wie im Begriff „Ent-Deckung“ anklingt, wird hier ein Vorgang des Aufdeckens, Enthüllens, Entschleierns angezeigt. Die Entdeckung Amerikas durch Christopher Kolumbus 1492, die Entdeckung des großen Blutkreislaufs durch William Harvey 1628 oder die Entdeckung der X-Strahlen durch Robert Röntgen 1895 sind herausragende Beispiele für das Auffinden neuer Wahrheiten durch empirische bzw. experimentelle Forschungsstrategien. Diese wiederum hängen von bestimmten Erfindungen ab, Instrumenten, Apparaten, Messmethoden, welche neuartige Zugriffe auf bisher unbekanntem Terrain ermöglichen. Der Begriff der wissenschaftlichen Revolution im Sinne von Thomas Kuhn, der sich ursprünglich auf die Geschichte der Physik bezog, hatte einige Jahrzehnte lang auch in der Medizingeschichte Konjunktur. Wahrscheinlich hat er die Erkenntnis der geschichtlichen Aufladung der Gegenwart mehr verdunkelt als erhellt, nicht zuletzt im Hinblick auf die „Aufklärung“ im 18. Jahrhundert.[12] Denn Kuhns Revolutionsbegriff orientierte sich am Regimewechsel herrschender Leitideen oder „Paradigmen“ und interessierte sich dafür, wie sich deren Wahrheitsanspruch durchsetzte. Überwundene Konzepte spielten dann nach der Wende keine Rolle mehr und landeten sozusagen auf dem Müllhaufen der Wissenschaftsgeschichte. Im Grunde entsprach dieser Ansatz der oben erwähnten Blickrichtung von Norbert Elias. Kuhns „Paradigmen“ erscheinen jeweils als die adäquaten „realitätsgerechten Symbole“, die sich kontinuierlich der endgültigen Erkenntnis der Wirklichkeit annähern und letztlich die Wahrheit aufdecken.

Die Kulturgeschichte bietet zum epistemologischen Problem der Wahrheitsfindung reichhaltigen Stoff. Vor allem die Mythologie kann für uns aufschlussreich sein, wie Friedrich Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ zeigt. Die ägyptische Göttin Isis wurde als mütterliche Naturgottheit in zahlreichen Tempeln der Antike verehrt. Plutarch berichtete: “In Sais trägt das Sitzbild der Athene, die sie auch für Isis halten, die folgende Inschrift: ‚Ich bin alles, was da war, ist und sein wird; und kein Sterblicher hat je meine Gewand aufgedeckt.’“[13] In Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ wird das Verbot, die verhüllte Wahrheit zu entschleiern, von einem griechischen Jüngling übertreten. Die Idealvorstellung einer Göttin, die sich vor den Augen ihres Verehrers selbst enthüllt, wird durch den gewaltsamen Enthüllungsakt des Neugierigen missachtet. Er sieht die Wahrheit. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Geistige und körperliche Zerrüttung, früher Tod. Aber wodurch die Strafe bewirkt wird, bleibt bei Schiller im Dunkeln. Denn was der Jüngling konkret gesehen und erlebt hat, kann er nicht mehr mitteilen: „[…] Auf ewig / War seines Lebens Heiterkeit dahin, / Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe. / ‚Weh dem’, dies war sein warnungsvolles Wort; / Wenn ungestüme Frager in ihn drangen, / ‚Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld / Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.’“[14] Nicht der Anblick der entblößten Göttin erschien als Frevel, sondern deren gewaltsame Entschleierung. Schillers Ballade kann als aktuelle Mahnung an die wissenschaftliche Hybris unserer Zeit gelesen werden, wie dies der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann getan hat.[15]

Letztlich ist diese Mahnung so alt wie die Wissenschaftsgeschichte im weitesten Sinn. In der biblischen Schöpfungsgeschichte verbietet Gott dem Adam, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen. Diese Warnung vor der gewaltsamen Enthüllung der Natur wurde bereits in der Antike von christlichen Autoren problematisiert, die meinten, Gott habe die Natur verbergen wollen und insofern sei curiositas verwerflich. Der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker William Eamons hat in diesem Zusammenhang auf den Kirchenvater Laktanz hingeweisen. Dieser erklärte, dass Gott, um die Geheimnisse der Natur vor den gierigen Augen des Menschen zu verbergen, Adam als letztes Geschöpf geschaffen habe, damit er keine Kenntnis vom Schöpfungsprozess gewinnen könne.[16] „In confirmation of this, the popular image of the goddess Natura implied that nature covers herself with a veil in order to hide her secrets from mortals.”Das Einbrechen in die Mysterien der Natur, die Gott habe verbergen wollen, wie es die unverschämten Magier versuchten, schien die Grenze der zulässigen intellektuellen Forschung zu verletzen und auf ein verbotenes Terrain vorzudringen. Wir werden auf diesen Epochen übergreifenden Topos der Entschleierung oder Enthüllung, der für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte so überaus bedeutsam war, verschiedentlich zurückkommen.


[1] http://www.textlog.de/2321.html (19.07.2011)[2] http://www.textlog.de/2330.html (19.07.2011) [3] Liebig, 1852, S. 6. [4] A. a. O., S. 12. [5] A. a. O., S. 13. [6] A. a. O., S. 19. [7] Zit. a. a. O., S. 263. [8] Du Bois-Reymond, 1848, S. 23. [9] Vgl. Strauch, 2008. [10] Thomas von Aquin: Summa theologiae I,q.21 a.2. (22.02.2009) [11] Elias, 1996, S. 1036. [12] Schott (Hg.), 1998, S. 343. [13]Plutarch: De Iside et Osiride, Kap. 9; zit. n. J. Assmann, 2001, S. 271. [14]http://de.wikisource.org/wiki/Das_verschleierte_Bild_zu_Sais (2.1.2008) [15] J. Assmann, 1999, S. 49 f.; Huber 2004. [16] Eamon, 1954, S. 59 f.