4. Kap./4 * Die „Krise der Medizin“

Der „Okkultismus“ wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der naturwissenschaftlichen Medizin zu einem Sammelbegriff für all jene Ansätze und Bewegungen, die nicht auf dem Boden der herrschenden neuen Ideologie standen. Er wurde allgemein assoziiert mit abergläubischen Lehren, obskuren Geheimwissenschaften und Geheimgesellschaften, Mystizismus, Scharlatanerie und Kurpfuscherei, kurzum: mit einem Bereich, der mit der modernen medizinischen Wissenschaft nichts mehr gemein haben sollte. Der Begriff „Okkultismus“ sollte somit eine Trennungslinie zwischen seriöser Wissenschaft und inakzeptabler Pseudo-Wissenschaft ziehen. Es lag nahe, dass man die Volksmedizin und namentlich die magische Heilkunde und ihre Ableger dem für irrational gehaltenen „Okkultismus“ zurechnete. Gleichwohl hatte der Okkultismus von Agrippa von Nettesheim bis hin zu den modernen Okkultisten und „Parapsychologen“ seinem Selbstverständnis nach die rationale Absicht, „das Mystische dem Wissen zuzuführen und es darin zu erhalten.“ [1] Inzwischen ist offenbar die Einsicht gereift, dass der Okkultismus „eine der großen geistigen Bewegung der Neuzeit“ darstellt, die sich für Museumsausstellungen eignet.[2]

Allerdings machte sich im frühen 20. Jahrhundert ein Unbehagen in der naturwissenschaftlichen Medizin breit, da sie psychologische und soziale Dimensionen aus ihrem wissenschaftlichen Blickfeld weitgehend ausgeklammert hatte. Verstärkt durch die laien- und volksmedizinischen Impulse, die in der Naturheil- und Lebensreformbewegung höchst wirksame Akzente setzten, kam es zu einer scharfen Kritik an der herrschenden Medizin. Nach dem katastrophalen Ende des Ersten Weltkriegs tauchte die „Krise der Medizin“ als Topos auf. Gerade die Vertreter der Naturheilkunde, wie etwa der sächsiche Kolonialwarenhändler Friedrich Eduard Bilz, wollten eine neue Gesellschafts- und Staatsordnung, welche eine natürliche und gesunde Lebensweise gewährleisten sollten. Zur Debatte stand eine generelle Lebensreform, worüber an anderer Stelle ausführlich zu berichten ist (Kap. 10). [3]

Eine besonders eigenwillige Position vertrat der Philosoph und praktizierende Psychologe Hans Blüher, ein nahmhafter Anhänger der jugendlichen Wanderbewegung „Wandervogel“. Er war zwischen den geistigen und politischen Welten angesiedelt, weder Demokrat noch Nazi, schillernd in seiner Einschätzung des Judentums.[4] In seinem 1949 erschienenen Werk „Die Achse der Natur“ fasste er noch einmal in einem großen philosophiegeschichtlichen Bogen seine Kritik des modernen naturwissenschaftlichen Denkens zusammen. Für unsere Thematik interessant ist seine naturphilosophische Position bei der Beschreibung der verschiedenen „Arten von Entdeckung“: empirische Entdeckung, Entdeckung von Naturgesetzen, kosmologische Entdeckung.[5] So enthalte der „Entdeckungsakt“ von Röntgen, Koch und Siemens „keinerlei geniale Elemente“, im Gegensatz zur „genialen Konzeption“ eines Kopernikus, Galilei, Newton.[6] Bei genialen Entdeckern spiele nämlich die Natur mit: „sie drückt gewissermaßen auf ein auserwähltes Individuum, dem sie den Ball zuwirft. […] im Genius trifft [sic] ein Entdeckungsakt (vom Subjekte her) und ein Offenbarungsakt (vom Objekte her) zusammen und bringt die jedesmal durchaus neue Erkenntnis zum Aufleuchten. Die Stromrichtung ist dabei allemal vom Objekt zum Subjekt und niemals umgekehrt.“ Damit ist eine Rangordnung festgelegt: Der Genius steht höher als der Gelehrte. Blüher unterschied drei Arten der kosmologlischen Entdeckung: die der Erde, der Welt und der Natur. Die Hellenen hätten sich gegen die Vorstellung, dass die Erde eine Kugel sei und sich um eine Achse drehe, gesträubt. Analog hierzu, meinte Blüher, sträube sich die moderne Naturwissenschaft gegen die „Achse der Natur“.

Er lehnte eine pantheistische Naturvorstellung ab, wie sie sich etwa bei Goethe oder Spinoza finde. „Natur ist ein transcendentales Kontinuum. Sie hat eine Achse, im deren einer Pol im transcendentalen Subjekt verankert liegt, der andere im transcendentalen Objekt. Ihr Inhalt heißt das archetypische Potential.“[7] Die Naturwissenschaft habe es aber nur mit der „Leiche von Natur“ zu tun: „Je heller es also auf den Teilgebieten der Naturwissenschaft wird, um so dunkler wird es mit der Erkenntnis der Natur selber, die schließlich in vollkommene und rätselhafte Finsternis zu liegen kommt. Und die Finsternis im Menschen entspricht ihr, denn der Mensch ist ‚Anrainer der Naturachse’ […].“[8] Die Erkenntnis gehe über den Genius „unter Auslassung des Gelehrten“, denn nur in ihm offenbart sich die Natur.[9] So wandte er sich auch gegen die liberale Theologie (Adolf von Harnack). Jesus sei eben „nicht ‚Einer von uns’“ gewesen. Denn der „Menschensohn“ war „mit Naturnotwendigkeit kosmologische Person“.[10]

Dieser religiöse Aufzug in Verbindung mit der Aufwertung der Naturphilosophie war auch bei jenen ärztlichen Autoren spürbar, die sich mit der „Krise der Medizin“ auseinandersetzten und sich dabei nicht so explizit theologisch äußerten wie Blüher. Die betreffende Diskussion fand vor allem zur Zeit der Weimarer Republik statt. Ein wortgewaltiger Ankläger der naturwissenschaftlichen Medizin war der Danziger Arzt Erwin Liek, dessen auflagenstarken Bücher großen Eindruck auf Laien und Ärzten machten. Er wollte die traditionelle Rolle des heilenden und helfenden Arztes, der weder Magier noch Mechaniker sein solle, wiederbeleben und „weder dem Aberglauben längst überwundener Zeiten noch moderner Mystik“ das Wort reden.[11] Das Arzt-Patientenverhältnis sei von Glauben und Vertrauen getragen, die er als „die besten Arzneien“ bezeichnete. In dieser „Zeit der Mechanisierung und Bürokratisierung“ hätten die Ärzte die „Zaubermacht eines guten Wortes“ allzu sehr vergessen.“[12] Diese mache im Sinne paracelsischen Ausspruchs „Der Arzt geht aus Gott!“ das „Wunder in der Heilkunde“ aus, wie der betreffende Titel seines Buches lautete.

Bei Liek kann man mustergültig studieren, wie unmittelbar sich seinerzeit ärztliches Ethos mit völkischem Pathos paaren konnte. Soziale Versicherungen mit der kassenärztlichen Versorgung waren ihm Ausdruck einer sozialen Krankheit, die nur an Symptomen kuriere.[13] Im Sinne der „Volksgemeinschaft“ plädierte er für eine „geistige Wandlung“, die gesunde Arbeiter hervorbringe anstelle von Fürsorgeempfängern.[14] Folgerichtig begrüßte er die Erfolge der nationalsozialistischen „Revolution von 1933“ mit überschwänglichen Worten: „Abwehr und Vernichtung des Marxismus, Verneinung des Gleichheitswahns, Beseitigung der Parteien, Kaltstellung der Schwatzparlamente, Einigung des deutschen Volkes, Abbau der Arbeitslosigkeit und vieles andere mehr.“[15] Die „geistig-seelische Haltung“ sei im Leben der Völker das Ausschlaggebende, nicht der materialistische „Forschritt“. Dabei spiele der (deutsche) Arzt eine besondere (geistige) Rolle: „Die Erneuerung der Heilkunde kommt aus dem Geist, nicht aus der Materie. Führer der neuen deutschen Heilkunst wird nicht der Mediziner sein, sondern der Arzt!“[16] Es wäre eine völlige Verkennung der ideologischen Gemengelage des Nationalsozialismus, wenn man dessen Ideologie mit Fortschrittsskeptikern à la Liek identifizieren würde. Solche romantisch-völkischen Schwärmereien wurden letztlich von den technokratischen Machern der nationalsozialistischen Eroberungsmaschinerie dominiert und, wenn es darauf ankam, ins Abseits gestellt.

1928 veröffentliche der 1938 in die USA emigrierte Wiener Gynäkologe Bernhard Aschner, der Begründer der humoralpathologischen Konstitutionstherapie, sein programmatisches Buch „Krise der Medizin“.[17] Es erlebte bis 1934 sechs Auflagen und erschien zuletzt noch einmal 1953 mit einem Vorwort des nun in New York lebenden Autors.[18] Er verwies darin wie auch später immer wieder auf die Konstitutionstherapie als „Ausweg“ aus der Beschränktheit der Universitätsmedizin.[19] An anderer Stelle schrieb er: „Es ist leicht zu behaupten, die Abwanderung des Publikums zur inoffiziellen Medizin sei ein Problem, sie hänge mit Suggestion, Wunderglauben und dergleichen zusammen. Das ist Vogel-Strauß-Politik. Die wahre Wunde, auf welche ich den Finger gelegt und deren Heilung ich angegeben habe, [ist] nämlich die Einseitigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit der heutigen Universitätsmedizin … Man muss auch die zahlreichen heute inoffiziellen Richtungen auf ihren guten Kern hin untersuchen und das Gute übernehmen … ganz anders [als die Universitätskliniker] stellen sich die praktischen Aerzte dazu ein. Sie greifen begierig und wie ausgehungert nach allem, was ihre Heilresultate verbessern kann, und tun es, wenn sie überhaupt erst einmal soweit sind, mit überraschendem Erfolg.“[20] In erster Linie ging es ihm um die Revitalisierung von „konstitutsiontherapeutischen bzw. humoralpathologischen Methoden“, welche die Konstitution durch „Säftebehandlung“ beeinflussen sollten: von den diversen Ableitungsmethoden nach dem Modell des Aderlasses, über blutreinigende und konstitutionsumstimmende Verfahren sowie Reizkörpertherapie bis hin zu psychischen Heilmethoden.[21] Darüber hinaus wollte Aschner aber auch „inoffizielle Heilmethoden“ einbeziehen, die den „Gesamtorganismus“ beeinflussen könnten. Explizit nannte er Homöopathie und Magnetopathie (Mesmerismus) sowie eine Reihe weiterer Verfahren, die Konstitutionstherapie im Gegensatz zur „Spezialistenmedizin“ betreiben würden. Er nannte unter anderem theosophische und anthroposophische Medizin, das „Hutersche System“ (Kap. 10) und die Naturheilkunde.

Den aus verschiedenen Richtungen argumentierenden Kritikern einer dogmatischen naturwissenschaftlichen Medizin wie Erwin Liek, Eugen Bleuler und Viktor von Weizsäcker (Kap. 5) ging es in der Regel nicht um eine Re-Mystifizierung, die Wiedereinführung magischer oder okkulter Heilpraktiken in die aktuelle Schulmedizin, als vielmehr um die Frage, wie die Ärzte ein an die „Zauberer“ verloren gegangenes Terrain zurückerobern könnten. So meinte Erwin Liek in seinem Buch „Der Arzt und seine Sendung“: „Der Kranke sucht im Arzt die Persönlichkeit, den Seltenheitswert, heute noch, kann man sagen, den Zauberer. Auf Zauber ist ein großer Teil unserer Heilerfolge, selbst in der Chirurgie zurückzuführen.“[22] Der Diskurs über diesen Zauber-Faktor der Medizin, der später den Namen „Placebo-Effekt“ erhalten sollte, erhitzte die Gemüter.

In dieser Sicht erschienen nun Behandlungsformen der Volksmedizin, Laienmedizin oder esoterische Medizin nicht als Firlefanz, sondern als Heilrituale, die tatsächliche Wirkungen zeigten. Diese Einstellung war von einer gewissen wissenschaftlichen Neugierde geprägt und kannte kaum Berührungsängste, wie das Beispiel der Zürcher Psychiaters Eugen Bleuler belegt. In seiner programmatischen und provozierenden Schrift „Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung“ heißt es: „Warum konnte der Pfuscher durch Suggestion soviel ausrichten, lange bevor es die Mehrzahl der Ärzte vermochte, und warum kann er jetzt noch seine ganze Praxis darauf gründen? Weil er eben ein geborener Psychologe ist, und weil die gelehrte Medizin die Psychologie verschmäht und sich aktiv vom Leibe gehalten hat […] und die Moral dieser Blamage der Medizin ist eben die: Wir sollen den Pfuscher nicht fürchten und nicht hassen und auch nicht unsere Augen vor ihm schließen, sondern wir sollen ihn studieren, so wie der Naturforscher die Wolfsmilch und die Rose erforscht, und wir sollen von ihm lernen, teils wie man es machen könnte, teils wie man es nicht machen soll.“[23]  In neo-romantischem Ton schrieb der Frankfurter Medizinhistoriker Richard Koch im Hinblick auf die Heilquellen über die wunderbare Wirkung des „Magischen“ als einem Prinzip der Heilkunde schlechthin. Er betonte, „dass es in der Medizin nicht nur eine Magie der Mineralquellen gibt, dass alle Medizin heute noch von magischen Kräften unterströmt ist, wie das immer so war.“[24]

Die Reduktion der Medizin auf ihre naturwissenschaftlich-organische Grundlage erforderte nach Auffassung der Kritiker eine psychologisch-geistige Ergänzung. So schlug Liek etwa die Rückkehr zum „Priesterarzt“ vor, bekämpfte als vermeintliche Ursache der Krise der Medizin energisch das Sozialversicherungssystem, das angeblich die Verweichlichung des Volkes und das Simulantentum fördere und die Ärzte zur Massenabfertigung von Patienten zwinge. Zugleich forderte er ein Wiederaufleben der Volksmedizin und der Naturheilkunde. Wie sehr Okkultismus und völkisch-nationale Ansätze zusammenpassten, insbesondere durch die Indienstnahme bestimmter naturphilosophischer Traditionen, offenbarte die „Neue Deutsche Heilkunde“, wie sie im NS-Staat – freilich auch hier nicht auf Dauer erfolgreich – installiert wurde.[25] Auf das entsprechende Leitbild von der gesunden Natur, die als Ikone hochgehalten wurde, ist später zurückzukommen (Kap. 8 und 13).

Der Terminus „Krise der Medizin“ tauchte, wie bereits angemerkt, nach dem Ersten Weltkrieg auf, hier je nach Standpunkt mit naturheilkundlicher, sozialreformerischer oder völkischer Akzentuierung. Als Ideal galt der gesunde Volksgenosse in der gesunden Volksgemeinschaft. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Terminus eine Rolle, nun aber als Ausdruck der „Krise des Abendlandes“ verstanden, wie etwa bei dem Arztschriftsteller Max Kibler.[26] Dieser griff zwar den Begriff „Krise der Medizin“ als Reaktion auf die Katastrophe des „Dritten Reichs“ auf, erwähnte jedoch die ebenso bezeichnete Debatte in der Weimarer Republik mit keinem Wort. Er suchte wie viele andere Zeitgenosen nach einem neuen Menschenbild angesichts der nach wie vor herrschenden naturwissenschaftlichen Medizin. Im „Zeitalter der Vermassung“ gerade in der Heilkunde breche sich die neue und zugleich alte Erkenntnis Bahn, dass es nicht um Krankheiten, sondern um einzelne kranke Menschen gehe. Er nannte zwei durchaus unterschiedliche Internisten, die für den „Einbruch des Subjekts in der Medizin“ plädiert hätten: Paul Martini und Viktor von Weizsäcker, der den kranken Menschen, der ärztliche Hilfe benötigt, als „Urphänomen“ bezeichnet hatte.[27] So unterschiedliche ärztliche Autoren wie Peter Bamm (Curt Emmrich) und Albert Schweitzer imponierten nun als Exponenten einer humanen Medizin. Psychoanalyse und Psychosomatik wurden als psychologische Ergänzungen der Körpermedizin willkommen geheißen. Nach den Erfahrungen im Nationalsozialismus stand aber nicht mehr das Interesse der Gemeinschaft („Volk und Staat“) im Vordergrund, sondern die Beachtung der individuellen Menschenwürde.

Eine weitere Wende in dieser Krisengeschichte der Medizin bahnte sich in den 1970er Jahren an, als mit dem wissenschaftlich-technologischen und dem gesellschaftspolitischen Wandel innerhalb wie außerhalb der Medizin nach Auswegen aus der kritisierten Situation gesucht wurde. Im Gefolge der 68er Studentenbewegung kam es zu einer mehr oder weniger radikalen Kritik an der „herrschenden“ Medizin, die manche Innovationen in Medizin und Gesundheitswesen beförderte. So wurden für die Medizin bedeutsame sozialpolitische Reformprojekte angestoßen, beispielsweise auf dem Gebiet der psychiatrischen Versorgung, die gemäß der so genannten Psychiatrie-Enquête von Grund auf reformiert wurde.[28] Die „Psychofächer“ Psychosomatik, Psychotherapie und Psychoanalyse, wurden verstärkt in die Universitätsmedizin einbezogen. Damit sollte die naturwissenschaftliche Medizin im Sinne einer „zukünftigen ganzheitlichen Medizin“ erweitert werden.[29] Der Leib-Seele-Dualismus, die zu einer „Dichotomie“ der Medizin in eine somatische und eine psychische Sichtweise geführt habe, sei zu überwinden. So plädierten die Ulmer Psychosomatiker Thure von Uexküll und Wolfgang Wesiack für eine Ablösung der Trennung von Subjekt und Objekt durch das Modell des „Situationskreises“, in Anlehnung an den biologischen „Funktionskreis“ Jakob von Uexkülls.[30] Mit dem Siegeszug der molekularen Biomedizin und der Neurowissenschaften um die Jahrtausendwende schlug das Pendel der medizinischen Ideologie wieder in die andere Richtung aus.


[1] Steinfeld, 2012. [2] L’Europe des esprits […], 2011. [3] Bilz, 1918. [4]http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Bl%C3%BCher(9.08.2011) [5] Blüher, 1952, S. 5. [6] A. a. O., S. 6. [7] A. a. O., S. 9. [8] A. a. O., S. 10. [9] A. a. O., S. 11. [10] A. a.O., S. 13. [11] Liek, 1930, S. 10. [12] A. a. O., S. 200. [13] Liek, 1927. [14] A. a. O., S. 84. [15] Liek, 1933, S. 239. [16] A. a. O., S. 242. [17] Aschner, 1928. [18] Aschner [1928], 1953. [19] Aschner, 1933. [20] Aschner, 1933; zit. n. H. Schott, 2000, S. 78. [21] Aschner [1928] 1931, S. 61. [22] Liek, 1926, S. 106. [23] Bleuler, 1922, S. 150 f. [24] Koch, 1933, S. 71. [25] Karrasch, 1998. [26] Kibler, 1955, S. 8. [27] A. a. O., S. 25. [28] Schott / Tölle, 2006, S. 312 f. [29] Wesiack, 1994. [30] Uexküll / Wesiack, 1988; Präetorius, 1990.

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2. Kap./1 * Krankmachende Medizin

Die Klage über Ärzte, die ihre Patienten kränker machten als sie ohnehin schon seien, die gar Gesunde krank machen und Menschen umbringen würden, ist wohl so alt wie die Medizingeschichte. An der Schwelle zur Neuzeit wurde sie noch einmal mit lauter Stimme von dem Arzt und Naturphilosophen Theophrastus von Hohenheim (Paracelsus) erhoben. Die „Humoristensäue“, wie er die Galenisten unter anderem schimpfte, waren für ihn vor allem deshalb so verwerflich, weil sie seiner Meinung nach die Natur, genauer gesagt: die Magie der Natur, missachteten und in ihrem akademischen Hochmut bei der Behandlung der Kranken eigenmächtig vorgingen. Gegenüber dieser primären Verfehlung schienen Geldgier und bewusster Betrug von sekundärer Bedeutung zu sein. Das Argumentationsmuster ist bis heute grundsätzlich dasselbe geblieben und wird in der Auseinandersetzung über Scharlatanerie und Kurpfuschertum gerne eingesetzt. Akademisch ausgebildete Ärzte werfen Laienheilern vor, dass sie die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin ignorieren und deshalb die Kranken schädigen würden, während diese jene wiederum anklagen, durch ihre Heilmethoden und Arzneimittel die Naturheilkräfte zu missachten und zu unterdrücken. Auf beiden Seiten wird das Wissen um „die Natur“, ihre wahre Erkenntnis und angemessene Nutzung, als  entscheidendes Kriterium ins Feld gedführt.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in der Zeit der „Krise der Medizin“, waren sich kritische Ärzte durchaus der Problematik einer krankmachenden Medizin, einer vom Arzt verursachten („iatrogenen“) Krankheit bewusst. Der populäre Arztschrifststeller Erwin Liek setzte sich mit ihr in seinem Artikel „Der Arzt als Gefahrenquelle“ von 1931 in der ihm eigenen drastischen Redeweise auseinander.[1] Er beleuchtete darin konzise und eindrucksvoll die gesundheitliche Bedrohung des Patienten, die von seinem Arzt ausgehen kann. Die Ausgangsfrage lautete: „Kann auch der wissenschaftlich durchgebildete und verantwortungsbewußte Arzt seinem Kranken schaden – trotz gegenteiliger bester Absicht?“[2] Liek war sich über die weitreichende Bedeutung des Placebo-Effekts im Klaren, wobei dieser Terminus seinerzeit freilich noch nicht etabliert war. Der größte Teil der Arzneien hätten „eine rein oder hauptsächlich suggestive Wirkung“ und auch in der Chirurgie sei der Erfolg bei einer Anzahl von Eingriffen „suggestiv bedingt“.[3] Liek kämpfte gegen die „entseelte Heilkunde“, bei der der Arzt nur noch Techniker sei. Doch bei allen wissenschaftlichen Fortschritten vor allem in der Diagnostik sei die „Heilkraft der Natur“, die „Heilkraft des ‚inneren Schöpfers’ […] so ungeheur groß und so vielseitig, daß wir Ärzte uns immer wieder fragen müssen: Hat die von uns gefundene Abweichung überhaupt etwas zu bedeuten, ist sie im vorliegenden Falle für die Beschwerden verantwortlich zu machen?“[4] Fallbeispiele aus der Praxis offenbarten Fehldiagnosen, etwa bei „angeblich neurasthenischen oder hysterischen Frauen, die in Wirklichkeit Gallensteine, Nierensteine haben oder an Blinddarmentzündung, Eileiterschwangerschaft usw. leiden!“[5] Liek schilderte prägnant das Problem der pathogenen Suggestion des Arztes: „Ein unvorsichtiges Wort, wie ‚Lungenspitzenkatarrh’, ‚schwaches Herz’, und der Kranke kann für sein ganzes Leben ein seelisches Trauma davontragen. Es sind Fälle bekannt, wo auf eine voreilige und später als falsch erkannte Diagnose, sagen wir auf Syphilis oder auf Krebs, Selbstmord des Kranken erfolgte.“ Für Liek war die Überschätzung von Krankheitssymptomen durch den Arzt ebenso eine Gefahrenquelle, wie dessen Unterschätzung der Abwehrkräfte des Körpers.

Der Arzt kann aber nach Liek auch zur direkten Krankheitsursache werden, wenn er nämlich fragwürdige Menschenexperimente durchführt oder Krankheiten erfindet, die er dann zu heilen vorgibt. Ende der 1920er Jahre unternahm der Königsberger Hygieniker Theodor Bürgers einen Infektionsversuch, nach heutigem Verständnis einfach verblindet und mit informed consent der Versuchspersonen. Er konnte in einer großen Versuchsreihe durch Übertragen von filtriertem Nasensekret Schnupfenkranker bei Gesunden Schnupfen erzeugen, wobei auch Schnupfen dann autrat, wenn statt des Sekrets sterile Kochsalzlösung übertragen wurde.[6] Liek berichtete daran anschließend, er habe einen Arzt gekannt, der „sofort einen akuten echten Schnupfen“ bekam, als er von diesen Versuchen gelesen habe. Er zählte eine Reihe von angeblichen Krankheiten auf, die Ärzte „natürlich in bester Absicht, aber unkritisch“, geschaffen hätten: Bauchwandbruch, tiefstehender Magen, beweglicher Blinddarm, chronische Eierstocks- und Blinddarmentzündung usw. Entsprechende Operationen würden heute nicht mehr ausgeführt, dafür seien andere Organe auf dem „Altar der Wissenschaft“ zu opfern, insbesondere Mandeln und Zähne. Die „entseelte Heilkunde“, so die von Liek immer wieder erhobene Klage, habe vergessen, dass an dem kranken Organ „ein ganzer kranker Mensch“ hänge: „Der Arzt, der die seelische Kausalität nicht berücksichtigt, wird immer für seine Klienten eine Gefahrenquelle sein.“[7]

In dem Lustspiel des französischen Dichters Jules Romain « Knock ou Le triomphe de la médecine » (1923) wird die Medikalisierung einer Dorfbevölkerung dargestellt, bei der ein junger Arzt systematisch iatrogene Krankheiten produziert.[8] Dieser geht nämlich von der Annahme aus, dass es überhautp keine gesunden Menschen gebe, „die meisten Menschen wissen nur nicht, daß sie krank sind.“ Insofern der Arzt einen Gesunden durch Worte krank machen könne, meinte Liek, sei er „ein Zauberer, seine Worte [sind] Zauberformeln.“[9] Diese wirkten über das vegetative Nervensystem auf die Organe. Vorsorgeuntersuchungen und medizinische Aufklärung etwa in Vorträgen könnten bei vielen Menschen ein „schweres psychisches Trauma“ hervorrufen, ja, sogar „zu richtigen seelischen Epidemien, zu Massenwahn und Massenangst“ führen.[10] Wie der Arzt krank machen kann, hatte sich Liek als junger Arzt offenbar selbst mit eigenen Menschenversuchen vor Augen geführt, von denen er nun als lässlichen „Jugendsünden“ andeutungsweise berichtete: „Man untersucht z. B. bei einem Menschen, der wegen irgendeiner Krankheiten, sagen wir wegen eines Knöchelbruchs, im Bett liegt, mehrere Tage hintereinander die Lebergegend. Der Betreffende muß schon ein ungewöhnlich kräftiges Nervensystem haben, wenn er nicht mit Beschwerden in der Lebergegend antwortet. […] Die Beschwerden verschwinden, sobald man den Kranken aufklärt.“[11]

Die Sensibilität für psychosomatische Fragestellungen war um 1930 auf einem Höhepunkt angelangt. Unter dem Einfluss der Psychoanalyse wandte sich vor allem die Innere Medizin den Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele zu. Der Wiener Internist und Psychoanalytiker Felix Deutsch und der Heidelberger Internist und Neurologe Viktor von Weizsäcker wären hier beispielhaft als Autoren zu nennen. Die Forderung, dass die vorherrschende Körpermedizin durch eine psychologische Medizin zu ergänzen sei, wurde vielfach laut. So schrieb etwa ein Berliner Arzt in einem Buch über psychogene Organkrankheiten: „Psychogen-funktionelle Vorgänge und anatomische Organbefunde und Organveränderungen gehören trotz ihrer scheinbaren Gegensätzlichektien untrennbar zusammen.“[12] Die Anerkennung psychosomatischer Zusammenhänge bei der Krankheitsentstehnung führte auch zu einer Problematisierung des Umgangs der Ärzte mit ihren Patienten. Die Gefahr der iatrogenen Krankheit und jener schädlichen Einflüsse, die später dem Nocebo-Effekt zugeschrieben werden sollten, wurde nun in aller Schärfe erkannt.

Der Berliner Sozialpathologe Alfred Grotjahn veröffentliche 1929 die Schrift „Ärzte als Patienten“, eine Sammluing subjektiver Krankengeschichten in Selbstschilderungen von Ärzten.[13] Durch eine systematische Erforschung solcher Selbstschilderungen könnte, wie Grotjhan meinte, der ärztliche Umgang mit Kranken erheblich profitieren. Durch ihre Selbserfahrung könnten Ärzte Anamnese, natürliche Heilungstendenzen, pflegerische Maßnahmen, Schmerzbekämpfung, Einfühlung in die Psyche des Kranken und anderes mehr besser einschätzen. Grotjahn verfolgte hiermit eine Forschungsidee, die bis heute in Vergessenheit geraten ist.[14] Er hatte dabei vor allem auch den schädigenden Einfluss von Ärzten und das Problem der iatrogenen Krankheit im Sinn. „Unzählige unbewußte Quälereien“ könnten so dem Kranken erspart werden: „Es sei als Beispiel hier nur auf die einfache Manipulation der Racheninspektion hingewiesen, die sich bei einiger Achtsamkeit angenehmer ausführen läßt, als das gewöhnlich zu geschehen pflegt.“[15] „Auch der durch die Behandlung angerichtete Schaden und die Kunstfehler werden viel ernster, als das heute der Fall ist, genommen werden, wenn Ärzte beschreiben, wie sie selbst das Opfer derartiger überflüssiger Verschlimmerungen, die gar nicht so besonders selten sind, geworden sind.“[16] Er zitierte den erschütternden Bericht eines Berliner Medizinprofessors, der seinem zuvor gesunden zwei Jahre alten Sohn 1896 ein Diphtherieheilserum prophylaktisch injizierte, worauf dieser in einem Schock verstarb.[17] Grotjahn berichtet auch selbst von einer interessanten Erfahrung mit der „Schutzpockenimpfung“, die ihn veranlasste, seine bedenkenlose Einstellung gegenüber dieser Impfmethode zu revidieren und den Impfzwang durch eine „Gewissensklausel“ für Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, zu relativieren. Sein 16 Monate alter Sohn erkrankte nämlich 1908, nachdem er ihn geimpft hatte, an einer Encephalitis mit halbseitigen Lähmungen.[18]

Die radikalste Kritik und umfassendste Problematisierung der iatrogenen Krankheit im 20. Jahrhundert übte wohl der aus Österreich stammende Philosoph und katholische Theologe Ivan Illich. In seinem programmatischen Buch „Medical Nemesis“ von 1975 attackierte er die moderne Medizin als Hauptgefahr für die Gesundheit.[19] Die Medikalisierung des Einzelnen und der Gesellschaft habe zu einer totalen „Enteignung der Gesundheit“ geführt, zu einer „Iatrogenesis“ – im Sinne einer umfassenden iatrogenen Pathologisierung – auf drei verschiedenen Ebenen: (1) Die „klinische Iatrogenesis“ schädigt den wehrlos gemachten Patienten; (2) die „soziale Iatrogenesis“ medikalisiert die gesamte Gesellschaft und bringt sie unter die Kontrolle der „Medizin-Mafia“; und (3) die „strukturelle Iatrogenesis“ zerstört durch Gesundheitsprogramme medizinische Kulturen, indem sie die existenzielle Erfahrung von und Auseinandersetzung mit Schmerz, Krankheit und Tod weitgehend eliminiert. „Die Auswirkungen der Medizin stellen ein der am schnellsten sich ausbreitenden Seuchen unserer Zeit dar.“[20] Einer von fünf Patienten ziehe sich während seines Klinikaufenthalts ein zusätzliches Leiden zu, einer von dreißig sterbe daran. Illich attackierte insbesondere die Medikalisierung der Prävention, die mit ihren Vorsorgeprogrammen (check-up, screening) die Menschen zu Kranken werden lasse, „ohne krank zu sein“.[21] Das „Recht auf einen natürlichen Tod“ sei als gewerkschaftlicher „Anspruch auf gleichen Konsum von medizinischen Dienstleistungen“ formuliert worden, so Illich: „Der gute Tod ist nun unwiderruflich der Tod des Normalverbrauchers an medizinischer Fürsorge.“[22] Nicht mehr der Patient, sondern der Arzt kämpfe gegen den Tod. Wenn dieser dann doch triumphiert, könne man verschiedenen Umständen, Einrichtungen, politischen Verhältnissen die Schuld geben.

Die „medizinische Nemesis“ sei mehr als alle klinische Iatrogenesis“ zusammengenommen: „Sie ist die Enteignung der Lebensfähigkeit des Menschen durch eine Instandhaltungsgewerbe, das sich an die Dienstleistungen des Industriesystems kettet.“[23] Im Grund wurzele das Übel in der „industriellen Nemesis“ der kapitalistischen Produktionsweise. Illich rief zur Umkehr, zur „Politik der Gesundung“ auf. Gerade in dieser quasi therapeutischen Wendung folgte er unausgesprochen dem dreistufigen Denkschema von Paradies – Sündenfall – Erlösung, das als Geschichtsmodell in der Geistesgeschichte von der Gnosis bis zu marxistischen Erlösungslehre maßgebend war (Kap. 10).[24] Er ging von ursprünglichen „Identität von Kultur und Gesundherhaltung“ aus, die dann einer „an unbegrenztem Fortschritt orientierten Zivilisation“ erliege und nur durch das Zurückdrängen der medizinischen Experten auf ein Minimum wiedergewonnen werden könne. Am Ende würde das Zeitalter der „optimalen und allgemeine Gesundheit“ anbrechen, in der die Medizin nur noch minimal gebraucht wird und endlich „gesunde Menschen“ auf den Plan treten: „Gesunde Menschen sind Menschen, die in gesunden Wohnungen und von einer gesunden Nahrung leben; in einem Milieu, das Geburt, Wachstum, Arbeit, Heilen und Sterben gleichermaßen begünstigt […]. Gesunde Menschen brauchen keine bürokratische Einmischung, um Gefährten zu finden, Kinder zu gebären, gemeinsam die conditio humana zu erfüllen und zu sterben.“[25] Im Klartext heißt das: Alles wird gut, wenn nur die diabolisch wirkende moderne Medizin bis auf einen notwendigen Rest überwunden werden kann. Im Grunde vertrat Ivan Illich eine utopisch-sozialreformerische Position, die gut in die Lebensreformbewegung ein Menschenalter zuvor gepasst hätte (Kap. 10).

Gegenüber der radikalen Medizinkritik von Illich, der die iatrogene Krankheit als systemimmanentes Hauptübel anprangerte, wird diese heute in Biomedizin und Bioethik lediglich als Folge eines Verstoßes gegen die Regeln der Evidenz-basierten Medizin begriffen. In „Medical Harm“, dem einschlägigen Werk über die iatrogene Krankheit, geht es um Evidenz-basierte Qualitätssicherung, wobei die Begriffe Placebo und Nocebo merkwürdigerweise unerwähnt bleiben.[26] Illichs „Medical Nemesis“ wird zwar als einflussreiche Schrift hervorgehoben, erscheint jedoch in den Augen der Autoren inhaltlich überholt. Denn iatrogene Schäden, so die Botschaft, können wissenschaftlich durch die Anwendung der Evidenz-basierten Medizin in der Praxis vermieden oder zumindest begrenzt werden: „Sound evidence may enhance the informed consent process, by making patients more aware of the risks and benefits associated with the treatment options.”[27] Die iatrogene Krankheit wird demnach zu einem Problem erklärt, das mit wissenschaftlicher Methodik lösbar ist.


[1] In: Liek, 1933, S. 73-100. [2] Ebd. , S. 74. [3] A. a. O., S. 76. [4] A. a. O., S. 79. [5] A. a. O., S. 83. [6] A. a. O.,  S. 85. [7] A. a. O., S. 88. [8] A. a. O., S. 90 ff. [9] A. a. O., S. 92. [10] A. a. O., S. 93. [11] A. a. O., S. 94. [12] Alkan, 1930, S. 11. [13] Grotjahn, 1929. [14] H. Schott, 1983. [15] Grotjahn, 1929, S. 3. [16] A. a. O., S. 265. [17] A. a. O., S. 154 f. [18] A. a. O., S. 155 f. [19] Illich, 1975. [20] Ebd., S. 19. [21] A. a. O., S. 49. [22] A. a. O., S. 154. [23] A. a. O., S. 170. [24] Topitsch, 1966, 298 ff. [25] Illich, 1975, S. 180. [26] Sharpe / Faden,  1998. [27] Ebd., S. 236.