17. Kap./3 * „Die Macht des Geistes über den Körper“

Der Topos von der Macht des Geistes über den Körper, der bei James Braid, wie wir sogleich sehen werden, eine wichtige Rolle spielte, wurzelte im Magiebegriff, der in der romantischen Naturphilosophie eine letzte akademische Blüte erlebte. So formulierte der Hallenser Medizinprofessor Ludwig Hermann Friedlaender 1839: „Magie ist die reinste Herrschaft des Geistes über die Natur, welche der am erhabensten und wunderbarsten ausübt, dessen Gedanke die Welt aus dem Nichts hervorrief und sie fort und fort beseelt. Gott ist der höchste Magus, der aber auch einen Theil seiner magischen Kraft den Menschen zuwendet, wenn sie rein und sündlos durch Glauben und Andacht mit ihm eins sind.“[1] Daneben gebe es aber auch „eine Magie der Natur“, deren „bewusstlos thätige, geheim bildende und entbildende Kraft, in deren wunderbares Walten einzudringen und dasselbe sich anzueignen der Mensch besonders dann versucht, wenn er nicht mehr das Bewusstseyn der göttlichen Magie besitzt.“[2] So sei die ursprüngliche Heilkunde „eine Tochter der Religion und eine magische Kunst, die durch die Heilkraft des Geistes sich die Natur unterwarf.“[3] Wir werden nun die psychophysiologische Engführung dieses naturphilosophisch definierten Topos’ in der Lehre des Hypnotismus genauer beleuchten.

Wenden wir uns nun der „Lieblingsarbeit“ von James Braid zu, die für ihn einen wichtigen Bezugspunkt für seine späteren Studien darstellte.[4] 1846 erschien sein Artikel On the Power of the Mind over the Body“ in drei Folgen in der FachzeitschriftThe Medical Times“ mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „June 1846“.[5] Kurze Zeit später erschien dieser Artikel unter Weglassung des „on“ im Titel in The Edinburgh Medical and Surgical Journal“ mit einigen zusätzlichen Fußnoten mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „August 18, 1846“.[6] Letztere Version wurde Jahrzehnte später vom oben erwähnten Jenaer Physiologen Wilhelm Preyer unter Weglasssung einiger Anmerkungen zusammen mit einer Reihe anderer Schriften von Braid ins Deutsche übersetzt.[7] Braid kritisierte vor allem die mesmeristischen Spekulationen des Chemikers Karl von Reichenbach (Kap. 28) auf Grund eigener Beobachtungen „an hypnotischen Patienten“: Der Freiherr habe „einen irreleitenden Factor entweder garnicht gekannt oder völlig übersehen“, nämlich den Einfluss eines „geistigen“ Teils beim Vorgang seiner Experimente.[8] Braid berichtete, wie er sich zu deren Wiederholung entschlossen habe und zu Schlüssen gelangt sei, „die denen des Freiherrn von Reichenbach schnurstracks entgegenlaufen.“ Während Reichenbach von der „Existenz einer neuen Naturkraft“ überzeugt war, die freilich nur durch eine kleine Zahl „hochsensitiver und nervöser Personen“ empfunden werden konnte, hatte Braid entdeckt, dass bei solchen Menschen „ein anhaltendes Richten der Aufmerksamkeit auf einen beliebigen Körpertheil“ bereits genügte, um bei ihnen eine Funktionsänderung zu bewirken.[9] So könne eine „innere oder geistige Ursachen jede Art von Empfindung“ hervorrufen, unter anderem auch „Visionen jeder Form und Farbe“. Der menschliche Nerv sei eben ein zweifelhafter Prüfstein für die Einwirkung äußerer Kräfte, „da die nämlichen Erscheinungen in gleicher Weise durch einen inneren oder geistigen Einfluss“ (internal or mental influence) ohne Mithilfe eines „äußeren Anstoßes“ (external agency) hervorgebracht werden könnten.

Braid berief sich auf seine für ihn eindeutigen Versuchsergebnisse. Es lohnt sich, seine Experimente näher zu betrachten, die er häufig mit detektivischer List und Lust durchführte. So strich er bei Patienten im nervösen Schlaf, die in diesem Zustand nicht sehen konnten, einen Magneten über die Hand oder einen anderen Körperteil, ohne diesen zu berühren. Dies zeigte keine Wirkung bei ihnen. Nur wenn der Magnet so nahe an die Körperoberfläche herangeführt wurde, dass er ein Kältegefühl erzeugte, „machte der Schlafende ein zeichen des Mißbehagens“.[10] Damit war angeblich Reichenbachs Behauptung einer Anziehung durch den Magneten bei sensitiven Menschen widerlegt; diese rühre „allein von einem ‚geistigen Einfluß’“ her. Braid referierte ausführlich die von Reichbach durchgeführten Versuche mit Sensitiven, die verschiedenartige Lichtwahrnehmungen im Sinne der Od-Lehre im Dunkeln hatten, und schloss daraus: „Alle erwarteten vermuthlich etwas Leuchtendes zu sehen und sahen in Folge dessen Licht oder Flammen.“[11] Dabei stellte Braid fest, dass die „angeblich physischen Thatsachen“, die Formen und Farben der Emanationen, die von den einzelnen Personen wahrgenommen wurden, stark voneinander abwichen. „Wärend diese Flammen und Farben in Wahrheit physisch vorhanden, so würden die Widersprüche nicht vorkommen können“.[12] Für ihn waren Karl von Reichenbachs Od-Phänomene ein Beweis für „die wunderbare Kraft des Geistes [the wonderful power of the human mind] […], vermöge welcher sensitive Personen, wenn sie ihre gespannteste Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen Theil ihres Körpers richten, eine Veränderung der Funktionen desselben hervorrufen können, die sie leicht einer äußeren Einwirkung zuschreiben, während sie doch lediglich aus einer inneren oder geistigen Ursache entsteht.“[13]

Braid stellte in seinen Experimenten fest, dass die „Patienten“ – ob es sich um hypnotisierte oder nicht-hypnotisierte kranke oder gesunde Versuchspersonen handelte – keinerlei Lichtwahrnehmungen hatten, „wenn sie nicht zuvor auf derartige Ideen gebracht oder durch Fragen zu solchen Vorstellungen angeregt waren.“[14] In einer Versuchsreihe führte er nacheinander einen Magneten und einen anderen Gegenstand von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen, wobei die Versuchspersonen zusahen und anschließend über die verschiedenen (vermeintlichen) Wirkungen berichteten. „Forderte man sie auf, den Blick abzuwenden oder sich durch das Aufstellen eines Schirmes die Möglichkeit einer Beobachtung der Vorgänge nehmen zu lassen und sodann die Empfindungen anzugeben, die ihnen die Wiederaufnahme der Prozeduren verursache, so behaupteten sie selbst dann ähnliche Erscheinungen wahrzunehmen, wenn man sie nur ansah und ihre Aussagen protokollierte, sonst aber nicht das Mindeste that.“ Da sie glaubten, der vorherige Versuch werde wiederholt, hätten sie ihre Aufmerksamkeit so auf die betreffende Körperstelle gerichtet und sei infolgedessen deren „physische Thätigkeit“ so erregt worden, „dass sie ihre Empfindungen durch äußere Einwirkungen [external impression] hervorgerufen glaubten“.[15]

Die Macht des Geistes verändere die physische Thätigkeit und nicht ein von außen kommender Einfluss. Braid demonstrierte seine These mit immer neuen Experimenten, die alle auf dasselbe hinausliefen: zu zeigen, dass magnetische oder mesmeristische Einwirkungen aller Art einer Täuschung bzw. Selbsttäuschung unterliegen. Nicht der äußere Einfluss, sondern die auf einen Körperteil gerichtete Aufmerksamkeit, eben die „Macht des Geistes“, sei Ursache der hervorgerufenen Empfindungen. Der „von innen heraus kommende geistige Einfluß“ genüge.[16] Braid benutzte hin und wieder den Begriff der Einbildungskraft (imagination) und zitierte Virgils Ausspruch „Possunt, quia posse videntur“ (Sie können, weil sie es zu können glauben).[17] Es ist bemerkenswert, dass Braid in diesem Zusammenhang von „suggested ideas and concentration of consciousness“ sprach, was umständlich und nicht ganz zutreffend mit „Einimpfen gewisser Ideen und das Richten ihrer Aufmerksamkeit auf einen Punkt“ übersetzt wurde.[18] (Obwohl Braid hier von „suggested ideas“ und auch an anderer Stelle einmal von „to suggest to the mind the idea“ sprach und damit psychodynamische Vorgänge beschreiben wollte, kann von einem Suggestionsbegriff bei ihm keine Red sein.)[19] Die Versuchsergebnisse seien lediglich „jener merkwürdigen Wechselwirkung zwischen Geist und Körper zuzuschreiben“ [attributable to the remarkable reciprocal actions of the mind and body on each other].[20]

Braid überprüfte experimentell auch die angebliche Fähigkeit der Sensitiven, durch Magnete, Bestreichen oder Anhauchen magnetisiertes Wasser von nicht magnetisiertem zu unterscheiden. Keiner der im Wachzustand und im nervösen Schlaf geprüften Patienten sei imstande gewesen, einen solchen Unterschied festzustellen. Freilich könnten durch Anhauchen und Bestreichen scheinbare Erfolge erzielt werden, „weil höchstempfindliche Patienten die Athem- oder Hautdünste sehr leicht riechen oder wahrscheinlich auch schmecken.“[21] Auch sei ihm noch niemals „ein Beispiel von unfehlbarem Gedankenlesen vorgekommen.“ Solches beruhe auf einer Täuschung: Gedankenleser nützten nur die „sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke“ aus. Mit großer Akribie versuchte Braid, von Reichenbachs Od-Lehre Schritt für Schritt experimentell bzw. narrativ zu widerlegen. Dies betraf die diamagnetische Eigenschaft des menschlichen Körpers, die phosphorizierenden Erscheinungen auf Friedhöfen oder den Abdruck des Magneten auf einer lichtempfindlichen Platte („Daguerreotype“).[22]

Braid hielt also die „Wirkungen eines neuentdeckten imponderabeln Agens“, wie sie Karl von Reichbach beschrieben hatte, nachweisbar für „irrig“.[23] Allerdings billigte er den Akteuren entsprechende Sinneswahrnehmungen zu. So könnten bestimmte leicht erregbare Menschen „elektrische, wärmeerzeugende und heilkräftige Eigenschaften“ an Gegenständen entdecken, „welche nicht nur von anderen, sondern auch von ihnen selbst nicht bemerkt werden, wenn sie sich in einem normalen, minder sensitiven Zustande befinden.“ Auch der Magnetiseur werde kraft der „die physische Thätigkeit veränderenden geistigen Einwirkung höchst wahrscheinlich eine Strömung in seinen Fingerspitzen wahrnehmen“. Gerade solche Sinneseindrücke würden den Glauben der Mesmer-Anhänger „an die physische Existenz des betreffenden Agens“ befestigen.[24]

Braid warf noch ein schlagendes Argument in die Waagschale. Es gebe Patienten, die sich selbst in nervösen Schlaf versetzen „und die dem Mesmerismus eigenen Erscheinungen ohne fremde Hülfe durch eigene Bemühungen erzeugen können, indem sie ihren Blick, sowie ihre ganze Geistesthätigkeit mit voller Energie unverwandt einem einzigen Punkt, z. B. ihrer Finger- oder Nasenspitze zuwenden“.[25] Wer sich selbst magnetisiere, könne mindestens ebenso große Wunder „wahrzunehmen wähnen, als die Menschen, welche unsere erfolgreichsten Magnetiseure durch Anwendung ihres vermeintlichen Fluidums behandelt haben.“ Nicht ein äußeres Fluidum erzeuge die mesmeristischen Phänomene, sondern die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Offenbar war ihm entgangen, dass die Mesmeristen sehr wohl die Methode der „Selbstmagnetisierung“ kannten und verschiedentlich diskutierten (Kap. 25). Freilich stand diese nicht im Zentrum der magnetischen Behandlungstechnik, bei der es ja primär auf die speziellen „Manipulationen“ der Magnetiseure ankam.

Wie Braid durch ein eindrucksvolles Experiment mit einer Patientin gegenüber einem ärztlichen Kollegen in London demonstierte, würde die „Überreizung der Einbildungskraft“ (vividness of […] imagination) zur Selbsttäuschung führen, sodass alle möglichen vorgespiegelten Phantasiegebilde für wirklich gehalten würden. Auch Visionen und Halluzinationen bestimmter Menschen im Wachzustand, die so genannten „vigilanten Phänomene“ (vigilant phenomena) seien kein physischer Eindruck von außen, sondern „ein von innen heraus wirkendes geistiges Blendwerk“ (a mental delusion from within), der den Verstand so weit lähme, dass die betreffenden Personen von einem anderen „unbedingt beherrscht und als bloße Marionetten [mere puppets]gehandhabt“ werden könnten.[26] Sobald man diese Patienten dahin bringen könne, „der sich äußernden Kraft eines fremden Willens die eigene Kraft selbständig entgegenzusetzen [exercise their own independent powers in opposition to], ist der Zauber [spell] behoben.“ Die dem magnetischen Fluidum zugeschriebenen physischen Veränderungen müssten „auf das geistige und körperliche Conto [resources] des Patienten und nicht etwa auf das des Experimentirenden und seiner Mittel gesetzt werden.“[27] Am Ende seiner Abhandlung unterstrich Braid die therapeutische Relevanz seiner Lehre: Die „richtige Beachtung und Beherrschung dieser Kraft des menschlichen Geistes [human mind] über seine leibliche Hülle [physical frame] und umgekehrt“ könnten zur Linderung von Leiden eingesetzt werden. Übrigens verwandte Braid Geist (mind) und Seele (soul) synonym – „soul or mind“, wie es an einer Stelle seiner „Neurypnology“ heißt –[28] wenngleich er ungleich häufiger „mind“ benutzte. Im Schlusssatz der soeben referierten Abhandlung benutzte er beide Termini in einem Atemzug: „My experiments […] beautifully prove the unity of the mind, and the remarkable power of the soul over the body.“[29]

So scharf sich die Protagonisten des Mesmerismus und des Hypnotismus (Braidismus) auch voneinander abgrenzten, so unscharf wurden beiden Konzepte in der Laienmedizin und insbesondere in deren Ratgeberliteratur miteinander vermengt, ja oftmals miteinander gleichgesetzt. Sie beeinflussten nachhaltig die in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufblühende „Neugeist-Bewegung“ (New Thought Movement) und die von dieser Strömung propagierte Geistheilung (mental healing). Im Mittelpunkt der verschiedenen Ansätze  stand die Idee, dass der Geist sozusagen Berge versetzen und vor allem heilen könne. Hierbei spielte der Begriff der Suggestion ein zentrale Rolle. So meinte Henry Wood, ein Mentor des New Thought, die ideale Suggestion sei das „Photographieren von reinen und vollkommenen Idealen direkt auf unseren Geist durch das Medium des Gesichstssinns“ (the photographing of pure and perfect ideals directly upon the mind through the medium of the sense of sight).[30] Die gebündelte Energie der Gedankenkonzentration (thought concentration) würde eine wunderbare Kraft entwickeln. Er gab im Stile eines Übungsbuches eine Reihe von insgesamt 35 „meditations and suggestions“ an, deren richtigen Gebrauch er im Einzelnen im Grußdruck durchdeklinierte: von „GOD IS HERE“ und „DIVINE LOVE FILLS ME“ bis hin zu „I AM HEALED“ und „BE YE THEREFORE PERFECT“. Die Verinnerlichung der Suggestionen könnten nur durch ständiges Üben erreicht werden. Diese Kur der „idealen Suggestion“ sei nicht magisch, sondern bedeute natürliches Wachsum (natural growth).[31] Mesmerismus und Hypnotismus boten den Heilbestrebungen der Neugeist-Bewegung einen wunderbaren Nährboden. Sie importierten magnetische und hypnotische Techniken, die primär in der Medizin entwickelt worden waren, in ihr religiöses Feld und verknüpften sie mit dessen Denkwelt. Am bekanntesten wurde die Christian Science von Mary Baker-Eddy, die von dem US-amerikanischen Mesmeristen Phineas Quimby behandelt und stark beeinflusst worden war, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll.[32] Der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig war mit seiner Schrift „Die Heilung durch den Geist“ (1932) wohl der erste, der den medizinhistorischen Bogen von Franz Anton Mesmer zu Sigmund Freud schlug und dabei Baker-Eddys Lehre als Zwischenstufe in der Geschichte der Psychotherapie würdigte.[33] Erst mit Henri Ellenbergers „Die Entdeckung des Unbewussten“ (1970) wurde die Bedeutung des Mesmerismus für die Geschichte der „dynamischen Psychiatrie“ erkannt.[34]


[1] Fiedländer, 1839, S. 21. [2] A. a. O., S. 22. [3] A. a. O., S. 24. [4] Preyer in: Braid, 1882, S. VI. [5] Braid, 1846 [a].[6] Braid, 1846 [b]. [7] Braid [1846], 1882. [8] Ebd., S. 4. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 6. [11] A. a. O., S. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 12. [14] A. a. O., S. 13. [15] A. a. O., S. 14. [16] A. a. O., S. 20. [17] A. a. O., S. 22. [18] Braid, 1846 [b], S. 300; Braid [1846], 1882, S. 23. [19] Braid, 1843, S. 147. [20] Braid [1846], 1882. S.  24; Braid 1846 [b], S. 300. [21] Braid [1846], 1882, S. 25. [22] A. a. O., S. 26-29. [23] Ebd., S. 29. [24] A. a. O., S. 30. [25] A. a. O., S. 31. [26] A. a. O., S. 34. [27] A. a. O., S. 36. [28] Braid, 1843, S. 83. [29] Braid, 1846 [a], S. 274. [30] Wood, 1893, S. 7. [31] A. a. O., S. 109. [32] http://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Baker_Eddy (29.04.2012). [33] Zweig, 1932. [34] Ellenberger, 1970; 1973.

1. Kap./2 * Geistige Wirkung als Störfaktor

Die oben erwähnte Subtraktionsformel ist wegen ihrer Einfachheit verführerisch. Sie suggeriert die experimentelle Möglichkeit, die Wirkung von spezifischen Substanzen in „echten“ Arzneimitteln, so genannten „Verum-Präparaten“, eindeutig und objektiv nachzuweisen. Doch die Formel impliziert eine problematische Wertung: Während das Verum, die „wahre“ Arznei, als das wertvollste Gut der Therapeutik erscheint, wird dem Placebo als dem scheinbaren, „leeren“ Präparat eine minderwertige, ja für den Erkenntnisprozess schädliche Bedeutung zugesprochen. Es verschleiert nämlich nach der gängigen Auffassung der klinischen Forschung nur die Wahrheit. Der „Goldstandard“ der Evidenz-basierten Medizin, der randomisierte kontrollierte Doppelblindversuch und die entsprechenden Metaanalysen, zielen – poetisch gesprochen – darauf ab, den Schleier wegzuziehen und die verborgene Wahrheit zu enthüllen. Anders als in Schiller Ballade „Das verschleierte Bild von Sais“, deren Schlussverse wir diesem Teil unserer Studie als Motto vorangestellt haben (siehe oben), verstummen jedoch die heutigen Enthüller der vermeintlichen Wahrheit nicht in „tiefem Gram“, sondern haben selbstbewusst die Führung in der medizinischen Methodologie übernommen. Aber ist das, was sie am Ende ihrer Versuchsreihen im Verum erblicken, tatsächlich die „Wahrheit“? Zumindest verstummen sie nicht vor ihr, wie in der Ballade. Wir wollen diese Spekulation nicht zu weit treiben. Die Entwertung des Placebos als nichtiger Schein bedeutet zugleich die Geringschätzung der „Macht des Geistes über den Körper“, wie der schottische Chirurg James Braid die Wirkung des Hypnotismus einst charakterisierte (Kap. 17). Wie immer diese Macht begrifflich gefasst wird: als Ausdruck der Seele, der Psyche, des Gemüts oder des Geistes – im Denken der modernen Medizin erscheint sie als ein Störfaktor, eine Art Hintergrundrauschen, das die medizinische Forschung, insbesondere die Arzneimittelforschung, behindert und das deshalb möglichst auszuschalten ist.

Salopp könnte man sagen: Die medizinische Forschung subtrahiert die geistige Wirkung eines Präparats oder einer Behandlungsmethode, um deren rein materielle Wirkung nachzuweisen, auf die es ihr alleine ankommt. Denkbar wäre auch der umgekehrte Forschungsansatz: Man könnte die Macht des Geistes als Heilkraft dadurch messen, dass man die materiellen Begleitumstände abzieht. Aber die naturwissenschaftliche Medizin hat eine klare Weichenstellung vorgenommen: Das Geistige ist nichts, das Materielle alles. Selbstverständlich leugnet die Medizin die Realität des Placebo-Effekts nicht ab. Sie erkennt seine mächtige Bedeutung für jede Form der Behandlung zwar an, würdigt ihn aber nicht als eine autochthone Heilkraft, die (mindestens) genau so ernst zu nehmen ist wie das Verum. Die Idee des Paracelsus, dass die unsichtbare Welt genauso real sei wie die sichtbare und die „Imagination“ deswegen wie ein realer Baumeister oder Künstler etwas Handgreifliches im Menschen produzieren könne, ist der experimentellen Medizin und insbesondere der klinischen Pharmakologie fremd. Halten wir fest: Mit ihrer Subtraktionsformel klammert die Evidenz-basierte Medizin die „Macht des Geistes“ systematisch aus, was schwerwiegende Folgen für Menschenbild, Krankheitsbegriff und Therapeutik hat. „Verum“ heißt das von geistigen oder seelischen Faktoren gereinigte Präparat, bei dessen Anwendung der Placebo-Effekt herausgerechnet wurde. Doch wie steht es, wenn das Verum gerade das negierte Geistige wäre? Dann würde die Fokussierung der Forschung einzig auf den substanziellen Wirkstoff im Verum-Präparat nur eine scheinbare Enthüllung, tatsächlich aber ein Verschleierung der Wahrheit bedeuten.

Es ist bemerkenswert, wie in jüngster Zeit der Placebo-Effekt als positiver Heilfaktor ins Blickfeld der klinischen Medizin gerückt wird. So erforscht der Tübinger Medizinpsychologe Paul Enck experimentell die neurobiologischen und neuropsychologischen Wirkmechanismen des Placebo-Effekts.[1] Besonders hervorzuheben ist das manifeste Interesse der Bundesärztekammer an der Placebo-Problematik. Einerseits wird in der einschlägigen Stellungnahme die eminente Bedeutung des Placebo-Effekts für jede ärztliche Behandlung anerkannt, andererseits verzichtet man gänzlich auf medizinhistorische oder medizinanthropologische Reflexionen und bleibt dem Denken der Evidenz-basierten Medizin verhaftet. So meinte der Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte als Vorstandsmitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, man müsse, um die Eviden-basierte Medizin zu „optimieren“, den Placebo-Effekt „kennen und berücksichtigen“.[2] Denn er sei für die Beurteilung jeder medizinischen Behandlung ganz entscheidend. In der entsprechenden Stellungnahme der Bundesärztekammer wird darüber reflektiert, „wie der Placeboeffekt für die Behandlung zusätzlich genutzt werden kann.“[3] Ausdrücklich wird hervorgehoben, dass es keine therapeutische Maßnahme „ohne einen potenziellen Placeboeffekt“ gebe.[4] In der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung sei deshalb die Vermittlung der Kenntnisse der Placeboforschung „absolut notwendig und dringlich“, auch um Kosten im Gesundheitswesen zu sparen.[5] Der enge, auf die EbM zugeschnittene Horizont dieser Argumentation fällt auf: Medizinhistorische und -anthropologische Betrachtungen bleiben in diesem ersten Bericht ausgeblendet, insbesondere kommen der Suggestionsbegriff und seine Voraussetzungen nicht zur Sprache. Die Schatzkammer der historischen Ideen und Erfahrungen wurde, bildlich gesprochen, zumindest in der ersten Verlautbarung nicht geöffnet.

Auch die ausführliche Fassung der Stellungnahme der Bundsärztekammer zu „Placebo in der Medizin“ ändert nichts an diesem Befund.[6] Es ist verwunderlich, dass in den sehr detaillierten und quellenreichen Ausführungen mit einem vorangestellten Motto aus Platons „Charmenides“ und explizitem Bezug auf „Die Geschichte des Placebos“ historisch so bedeutsame Begriffe wie „Magie“, „natürliche Magie“, „Zauber“, „Heilzauber“, „Amulett“, „Schadenszauber“, „Sympathie“, „Liebe“, „Wunder“, „Wunderheilung“, „Heilungswunder“, „Autosuggestion“ kein einziges Mal genannt werden. Die Darstellung des „Nocebo“ beschränkt sich auf eine knappe Seite, ohne dass der Begriff und die ungeheure Problematik der „iatrogenen Krankheit“ ausdrücklich angesprochen werden.[7] Es verwundert auch, dass die für die Placebo-Definition grundlegende Lehre des Hypnotismus und der Suggestion mit den von ihr beschriebenen psychosomatischen Wechselwirkungen weitest gehend ignoriert wird. So bleibt der Begründer des Hypnotismus James Braid unerwähnt und dem Begründer der Suggestionslehre Hipplyte Bernheim widmet man gerade einmal einen dürftigen Satz.[8] Mit anderen Worten: Die ansonsten verdienstvolle Stellungnahme der Bundesärztekammer ist auf dem historischen und medizinanthropologischen Auge blind. Sie erkennt zwar die große Bedeutung des Placebos für die medizinischen Praxis an und möchte die Ärzteschaft hierfür sensibilisieren, verharrt aber bei der Evidenz-basierten Medizin, die ja gerade den Placebo-Effekt als Störgröße der Verum-Medikation aus dem operativen Heilgeschäft ausschließen will. So heißt es: „Auch zur weiteren Erforschung von Placeboeffekten sind Methoden der EbM einzusetzen.“[9] Freilich stellt sich hier die Frage, ob diese Methoden der EbM, die ja immer nur auf eine statistische Evidenz abzielen, überhaupt die Evidenz des Placebos erfassen können. Subjektive, existenzielle, kommunikative, aber auch philosophische oder historische Evidenzen entziehen sich einem solchen Untersuchungsansatz, da sie nicht im Sinne des „Goldstandards“ zu greifen sind. Besonders problematisch erscheint die Anwendung des Placebo-Konzepts in der Psychotherapie. Obwohl der „medikamentöse Placebo-Begriff […] begrifflich nicht direkt auf die Psychotherapie übertragbar“ sei, wie es in einem Übersichtsartikek heißt, sei das Placebo-Konzept aus methodischen Gründen zur empirischen Überprüfung der einzelnen Formen der Psychotherapie von großer Wichtigkeit − ein kaum realisierbares Vorhaben, wie mir scheint.[10]

Die „bislang größte Placebo-Tagung weltweit“[11] fand im Januar 2013 in Tübingen unter Leitung des Psychosomatikers Paul Enck statt. Das Thema lautete: „Progress in our understanding of the psychobiological and neurobiological mechanisms of the placebo and nocebo response“.[12] Die Vorträge widmeten sich ausschließlich den aktuellen psycho- und neurobiologischen Forschungsergebnissen, medizinhistorische und medizinanthropologische Aspekte des Placebo-Problems liegen offenbar außerhalb des Blickfelds biomedizinischer Grundlagenforschung. Nicht nur das Interesse der ärztlichen Profession, sondern auch das öffentliche Interesse an der Placebo-Frage ist derzeit allenthalben spürbar, wenn man populärwissenschaftliche Publikationen ins Auge fasst. Hier erlebt sogar der Begriff des Geistes eine Renaissance. Der Geist mische sich „häufiger in die Genesung ein, als mancher annimmt“, heißt es auf der Rückseite eines einschlägigen Buches der Wiesbadener Medizinjournalistin Hildegard Tischer.[13] Die Geschichte der Medizin sei „gleichzeitig die Geschichte ihres Bruders, des Placebo-Effektes“, heißt es da, mit besonderem Blick auf die Praxis alternativer Therapeuten.


[1] D. Fischer, 2011. [2] R. Jütte, 2010 [a]. [3] Bundesärztekammer (Hg.), 2010 [a], S. C 1233. [4] A. a. O., S. C 1234. [5] A. a. O., S. C 1237. [6] Bundesärztekammer (Hg.), 2010 [b]; 2011. [7] Bundesärztekammer (Hg.), 2011, S. 9f. [8] A. a. O., S. 26. [9] A. a. O., S. 78. [10] Baumann, 1986, S. 104. [11] http://www.krankenkassen.de/dpa/225419.html (5.2.2013) [12] http://www.placebo-vw.unito.it/scientific%20program.htm (5.2.2013) [13] Tischer, 2009.