47. Kap./1* Geschlechtsverkehr als Therapeutikum

Schon in der Antike wurde bei bestimmten Erkrankungen der Geschlechtsverkehr und beim weiblichen Geschlecht insbesondere die Schwangerschaft als ein Therapeutikum angesehen. Die theoretische Grundlage hierfür boten Humoralpathologie und Diätetik als Lehre von der gesunden Lebensführung. Der harmonische Ausgleich der Säfte, Kräfte und Affekte, das Mittelmaß im Alltagsleben, die Pflege eines wohltemperierten Körpers waren zielführend. Die sich ständig neu bildenden Körpersäfte sollten im natürlichen Lebensrhythmus ausgeleitet werden. Deren Zurückhaltung oder „Retention“ galt als pathogen. Normalerweise half sich die Natur selbst. Als Beispiele hierfür galten die Menstruation der Frau und – analog hierzu gedacht – die Hämorrhoidalblutung des Mannes. Auch die Samenflüssigkeit als Besonderheit des Kardinalsaftes „Schleim“ wurde entsprechend stark beachtet. Nach dem Corpus hippocraticum und nach Galen verfügte auch die Frau über Samen, deren Entleerung in bestimmten Zeitabständen als eine gesunde Reinigung des Körpers angesehen wurde.[1] Die Schlussfolgerung war einfach: Wer sich vom Koitus fernhalte, laufe Gefahr, dass sich die Genitalflüssigkeiten im Unterleib anstauten und zu schweren Krankheiten führten. Nach der hippokratischen Lehre wurde der Uterus durch den Beischlaf vom Mann angefeuchtet und bekam so seine natürliche Schwere. Beim Ausfall des Koitus würde der Uterus austrocknen, leichter werden und dann wie ein Tier im Körper umherwandern und schließlich auch zur „hysterischen Erstickung“ (suffocatio uteri) führen, wenn er auf die im Bauch vermutete Atmungsbahn drücke.[2] Die hippokratischen Ärzte empfahlen deshalb Beischlaf und Heirat, um den Uterus durch Koitus bzw. Schwangerschaft zu beschweren und am Umherwandern zu hindern. [3]

Zudem nahm man an, dass sich die angestaute Sexualflüssigkeit krankhaft verändern würde. Deshalb war therapeutisch die künstliche Entleerung bzw. die Einschränkung der betreffenden Flüssigkeitsproduktion angesagt. Die klassische ärztliche Empfehlung bei Samenverhaltung war der Koitus. Konnte dieser aus welchen Gründen auch immer nicht vollzogen werden, wurde – wie bei Galen, Rhazes und anderen medizinischen Autoritäten zu lesen ist – de facto zur Onanie bzw. Masturbation durch eine andere Person geraten. So wurden Vulva oder Muttermund mit Ölen eingerieben, um einen „Samenerguß“ wie bei einem Koitus herbeizuführen. Analoges galt für den Mann. Die regelmäßige Samenentleerung sollte durch Onanie oder Beischlaf erzielt werden. Doch nicht nur die Entleerung angestauter und verderblicher Genitalsäfte sollte heilsam sein. Sie sollte auch bei anderen Krankheiten helfen und den betreffenden Organismus allgemein stärken, Pollutionen verhindern und den Appetit steigern.[4] Der Beischlaf galt sogar als regelrechtes Heilmittel bei einer Reihe von schweren Krankheiten wie u. a. Melancholie, Epilepsie und Phthise (Schwindsucht), eine Idee, die in der Entstehungszeit der „Irrenheilkunde“ teilweise noch lebendig war (siehe unten). Jedenfalls war er ein wesentliches Moment der antiken Diätetik und wurde auch von dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos im ersten nachchristlichen Jahrhundert in seiner Abhandlung über die Frauenkrankheiten entsprechend thematisiert. Zwar sei „die beständige Bewahrung der Jungfrauschaft für beide Geschlechter gesund“, da der Koitus als solcher schädlich sei, aber zur Erzeugung des Nachwuchses sei er unvermeidlich.[5] Da der Mann nur Samen entleere, die Frau aber auch Samen „als Grundstoff zu einem neuen Geschöpfe“ aufnehme, sei der richtige Zeitpunkt der Defloration bzw. Verheiratung entscheidend. Sie sollten dann geschehen, wenn die Gebärmutter voll entwickelt sei, aber auch nicht viel später.

Ein besonderes medizinisches wie moralisches Problem warf das Keuschheitsgelübde (Zölibat) auf, das vor allem für Priester der römisch-katholischen Kirche verpflichtend war (und bis heute ist). So setzte sich der spätmittelalterliche Theologe und Mainzer Domprediger Johann von Wesel mit der Frage auseinander, ob Mönche wegen des Keuschheitsgelübdes an der Zersetzung des Samens leiden könnten. Sein Standpunkt lehnte sich an die medizinische Lehrmeinung an: Der göttliche Wille wolle die Reinigung der Natur, deshalb sei unwillentliche Samenentleerung keine Sünde.[6] Wenn der menschliche Wille, der mit dem göttlichen übereinstimmen sollte, „nichts zur Fleischeslust tut noch in sie einwilligt, so kann er eine Reinigung wollen, welche für die durch Samenverhaltung gequälte Natur heilsam ist, auch wenn die Reinigung von vornherein, gleichzeitig oder in Folge mit Fleischeslust erfolgt“. So werde das Lustgefühl „im vorliegenden Fall ohne Sünde sein.“[7] Unter dieser Voraussetzung könne ein solcher Mensch „seinen Körper von der Infektion des verdorbenen Samens […] mithilfe der Medizin sei es prophylaktisch oder therapeutisch heilen.“ Freilich findet sich bei Johann von Wesel keine explizite Empfehlung des Koitus oder der Onanie.

Gerade die Ärzte um 1800 gaben im Geiste der Aufklärung entsprechende praktische Ratschläge. So formulierte der Mainzer Medizinprofessor und Mitbegründer des dortigen Jakobinerklubs Georg Wedekind eine Art diätetische Regel für den Koitus von Eheleuten. Auch hier sei das gesunde Mittelmaß gefordert: „Ohne starken Afekt [sic] kann der Coitus nicht statt finden, wenigstens nicht bei den Mannspersonen […]. Zu grose Anstrengung und zu lange Unterhaltung des Afekts schadet. […] Daher, das der Coitus den ledigen Leuten mehr schadet, als verheirateten, weil der Afekt zu vor zu stark ist und gar zu lange dauert, weil das Herz schon zu sehr gezabelt hat, bis endlich die Gelübte Gehör giebt. […] Eheleuten [sic] sollten sich daher billig dran gewönen, den Coitus die Woche 1 oder 2 mal zur bestimmten Zeit zu pflegen, etwa den [sic!] Sontagsmorgens, weil man denn nicht viel drauf arbeitet, und eine Stund darauf schlafen kann. Morgens deswegen, weil der Körper des Abends zu schwach ist, und die Strabaz nicht aushalten kann. […] Alle unnathürliche Lagen und Stellungen fordern eine heftigere Anstrengung beim Coitus und schaden daher, am meisten schadet, stando[im Stehen] das Werk zu verrichten. Man glaubt gewöhnlich, diese gäbe keine Kinder, es ist aber falsch. Hallers Schwiegervater  zeigte seine Tochter in einem öffentlichen Auditorium und sagte: hanc stante feci [ich habe sie im Stehen gemacht].“[8]

Der Hallenser Medizinprofessor Johann Christian Reil subsumierte den Beischlaf unter die „psychischen Mittel“, um „Geisteszerrüttungen“ zu therapieren. Psychische Mittel würden durch Handlungen, „die sie im Nervensystem erregen“, auf dieses einwirken und das „dynamische Verhältniß des [erkrankten] Seelenorgans“ wieder in Ordnung bringen.[9] Hierzu gehörten „Körperrreize, in deren Gefolge thierische Lust entsteht.“[10] Zur Erregung eines angenehmen Lebensgefühls empfahl Reil Wein und Mohnsaft, Streicheln und Reiben des Körpers mit der Hand, Anwendung von Wärme, laue Bäder, „mäßigen Kitzel“, auch die „Erregung des thierischen Magnetismus“. Das stärkste Gefühl bewirke aber „der Genuß des Beischlafs.“[11] Reil nahm hier Bezug auf den italienischen Psychiater Vincenzo Chiarugi, der darin ein vorzügliches Heilmittel der Melancholie sah. „Männern kann man durch eine öffentliche Dirne, Weibern schwerer genügen, weil sie schwanger werden, und ihr Uebel auf die Frucht forterben können. An sich möchte vielleicht eine Schwangerschaft heilsam seyn, als Ableitungsmittel, und besonders für solche Verrückte, die vor Gram über kinderlose Ehen hysterisch geworden sind“.[12] Reil ging von einer „merkwürdigen Wechselwirkung“ zwischen den beiden Polen des Körpers – „Kopf und Geschlechtstheile“ – aus: „Erschütterungen des einen Endpunkts durch Beischlaf und Schwangerschaft befreien den entgegengesetzten von Anhäufung.“ Insofern könne in „Verrücktheiten, deren Ursache Geilheit ist, […] der Beschlaf als Heilmittel wirken.“

Im Umfeld von Lebensreformbewegung, sich entfaltender Psychoanalyse und Sexualwissenschaft gewannen auch Versuche der psychotherapeutischen Behandlung von Sexualstörungen im frühen 20. Jahrhundert an Boden. Dabei verwischten sich oft die Grenzen zwischen therapeutischer Abstinenz und sexuellem Missbrauch, zulässiger Erziehung und nötigendem Eingriff. Ein illustres Beispiel schilderte ein englischer Universitätsprofessor, der unter dem Pseudonym „P. N. Teulon“ über die spezielle Methode einer „psycho-sexuellen Heilbehandlung“ berichtete, die angeblich ein „alter Freund“, ein praktischer Psychologe, bei einer Patientin angewandt habe.[13] Die Vermutung liegt nahe, dass sich hinter dem „alten Freund“ der Autor selbst verbergen wollte. Die Behandlung betraf die „psycho-sexuelle Geschichte eines jungen Mädchens vom 10. bis zum 14. Lebensjahre“. Der „Behandelnde“ oder „Beobachter“, wie der eigenwillige Sexualtherapeut durchweg bezeichnet wird, ging von der These aus, dass „der normale Beischlaf als Angelpunkt des psycho-sexuellen Kräftehaushalts“ stark überschätzt werde und dass die „psycho-sexuelle Spannung“ auch auf andere Weise gelöst werden könne, nämlich durch die „Herbeiführung des Orgasmus durch Masturbation“.[14] Unter Masturbation verstand Teulon nicht die Selbstbefriedigung, sondern die sexuelle Befriedigung mit der Hand durch eine andere Person. Bei dem Mädchen handelte es sich um die älteste Tochter eines Ehepaares. Die Familie wohnte in einem Bauernhaus, das nahe der Unterkunft des Behandlers lag. Sie litt angeblich unter starken Angstträumen und war tagsüber stark verstört. Als sich der Zustand verschlechterte, schlug der selbst ernannte Therapeut vor, zur Beobachtung des Kindes die Nacht in dessen Schlafzimmer zu verbringen, was die Eltern „bereitwillig“ erlaubten.[15] Wie der Behandelnde dann feststellte, litt das Mädchen an „hysterischem Somnambulismus“ und veranstaltete nachts „somnambulistische Pantomimen“. Seine Gebärdenspiele stellten sexuelle Inhalte dar: Schändung, Verführung, Wehe und Geburt sowie Stillen. Der „pantomimische Beischlaf“ in verschiedenen Stellungen gipfelte im Orgasmus. Im Anschluss daran war der Gesichtsausdruck „verklärt“ und zeigte offensichtlich höchste Befriedigung an.

Die „psycho-sexuelle Heilbehandlung“ setzte damit ein, dass der Beobachter während der Anfälle intervenierte: „Er fand, daß ein leichtes Drücken seiner Hand auf den Schamberg oder ein leichtes Streicheln der Innenfläche des Schenkels sie erleichterte oder den Anfall zeitweise zum Stocken brachte.“[16] Die geschlechtliche Aufklärung des Mädchens wurde vom Behandelnden intensiv betrieben. Unter anderem wies er darauf hin, dass wie wir „zu viel oder zu wenig essen können, können wir auch unseren Geschlechtsdrang zu viel oder zu wenig ausüben.“[17] Offenbar war er mit dem Diskurs der zeitgenössischen Sexualwissenschaft vertraut, da er die Sexualität der Frau, die bisexuelle Veranlagung des Menschen und die Sublimation sexueller Energie in kulturelle Leistung ansprach. So bleibe „die Macht, sexuelle Kräfte auf nicht-sexuellem Wege zu gebrauchen, eine Vorbedingung für das Hinausentwickeln der Menschheit.“[18] Die nächste Behandlungsstufe bestand darin, dass das Mädchen im Landhaus des Beobachters nackt neben ihm schlief. Es kam offenbar zu beruhigenden Körperkontakten: „Dieser innige Verkehr entzündete zweifellos in X. eine tiefe und leidenschaftliche Liebe zu dem Beobachter“ im zweiten und dritten Jahr der Behandlung.[19] Die körperliche Beziehung wurde intensiver. Der Beobachter überließ dem Mädchen „seinen Penis (nie erigiert) vor dem Schlafen zum Halten, um Zeit zu sparen und ihr mit Sicherheit die ganze Nacht Ruhe und Schlaf zu verschaffen, was sie sicher ohne diese geschlechtliche Behandlung nicht gehabt hätte.“[20] Bei unruhigem Schlaf ließ er sie „mit seiner Hand oder seinem Knie zwischen den Schenkeln weiterschlafen.“[21] Als sich ihr Zustand wieder verschlechterte und sie über Rückenschmerzen klagte, masturbierte sie der Beobachter, „indem er die Innsenseite der Schamlippen mit nassem Finger bestrich, wodurch er den Orgasmus hervorbringen konnte.“ Sie schlief darauf ein und wachte offenbar geheilt auf. Später löste der Beobachter bei Bedarf durch Bestreichen der Brustwarzen oder der Klitoris den Orgasmus aus und konnte so die Anfälle des Mädchens „heilen“.[22]

Schließlich versuchte der Beobachter „die geschlechtliche Erregung in die eigentliche Scheide zu verlegen, ohne dabei die Jungfernhaut, die normal und intakt war, zu zerreißen.“[23] Erst Monate später habe die Scheide „voll und ganz ohne die Reizung der übrigen Sexualregionen des Körpers“ reagiert. In einer chronologischen Tabelle führte er die „periodischen (monatlichen) Anfälle“ vor der Geschlechtsreife bzw. den Verlauf der schmerzhaften Menstruationen nach deren Eintreten zwischen 1922 und 1924 auf, die durch Masturbation (mit Orgasmus) entweder vom Beobachter „geheilt“ oder von der Patientin „selbst geheilt“ wurden .[24] Der Orgasmus erschien hier als wirksames Heilmittel. Nebenbei merkte der Beobachter an, ähnliches „während der letzten 15 Jahre an vielleicht 40 meist geschlechtsreifen Frauen“ bemerkt zu haben.[25] Dies lässt darauf schließen, dass er seine „psycho-sexuelle Heilbehandlung“, die man als wilde Sexualtherapie bezeichnen könnte, gewissermaßen professionell ausübte. In der hier referierten Fallgeschichte bemühte er sich, den distanzierten „Beobachter“ zu markieren. Trotz aller Versuche, seinen Penis zu reizen, habe das Mädchen keinen Erfolg gehabt, „das widerspenstige Organ“ zur Erektion zu bringen.[26] Schließlich sei ihr dies aber mit der fellatio gelungen.[27] Daraufhin sei sie „sehr glücklich und erleichtert“ und für mehrere Wochen geheilt gewesen. Die Masturbation konnte auch dadurch geschehen, „indem sie die äußerste Spitze des penis [sic] des Beobachters gegen ihre Clitoris rieb. Dabei erigierte sich der Penis bis zu einem gewissen Grade und sie versuchte, die Eichel mit ihrer Hand gegen den Hymen pressend, den Beobachter zu ‚vergewaltigen’“.[28] In einer Nachschrift von 1927 beschrieb er den offenbaren Erfolg seiner Behandlung: Die nunmehr 16jährige sei „ein blühendes, gesundes, strammes Mädchen oder vielmehr ein vollentwickeltes Weib.“[29] Teulons Bericht beleuchtete ein tabuisiertes Terrain, das in der offiziellen medizinischen und pädagogischen Literatur fast gänzlich ausgeblendet wurde, aber doch von praktischer Relevanz gewesen sein dürfte. Was fand hier wirklich statt? Sexueller Missbrauch eines Kindes, Pädophilie – oder eine bestimmte Form der Sexualtherapie und Sexualerziehung? Lässt sich beides in dem soeben referierten Fall überhaupt klar voneinander abgrenzen?


[1] Elsässer, 1934, S. 5. [2] A. a. O., S. 10. [3] A. a. O., S. 11 f. [4] A. a. O., S. 14. [5] Soranus von Ephesus, 1894, S. 20. [6] A. a. O., S. 28. [7] A. a. O., S. 29. [8] Wedekind [1789/90], 1988, S.362 f. [9] Reil, 1803, S. 150. [10] A. a. O., S. 182. [11] A. a. O., S. 185 f. [12] A. a. O., S. 186. [13] Teulon, 1930 [a], S. 6 [Vorwort des Verfassers]. [14] A. a. O., S. 8. [15] A. a. O., S. 11 f. [16] A. a. O., S. 15.  [17] A. a. O., S. 19. [18] A. a. O., S. 21. [19] A. a. O., S. 24. [20] A. a. O., S. 25. [21] A. a. O., S. 26. [22] A. a. O., S. 32. [23] A. a. O., S. 37 f. [24] A. a. O., S. 41 u. 44. [25] A. a. O., S. 44. [26] A. a. O., S. 49. [27] A. a. O., S. 50. [28] A. a. O., S. 52. [29] A. a. O., S. 59.

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44. Kap./3 * Onanie als Quelle allen Übels

Magic of Natur Lecture 44 K 3

Der von mir gelesene Text kann durch einen Audio Podcast angehört werden.

Das Klischee von der Leib- und Lustfeindlichkeit des Christentums wird bis heute eifrig gepflegt. Vor allem die Unterdrückung der Sexualität wird dabei beklagt, die gesundheitsschädigende Auswirkungen habe. Ab den 1950er Jahren wurden Störungen, die man der triebfeindlichen Erziehung nach rigiden Vorgaben der Kirche zuschrieb, als Symptome der „ekklesiogenen Neurose“ angesehen.[1] Ein herausragendes Zeugnis dieser Problematik stellte der autobiografische Bericht „Gottesvergiftung“ des Psychoanalytikers Tilmann Moser dar.[2] Es wird dabei allzuleicht übersehen, dass die „Triebfeindlichkeit“ seit der Aufklärung und der von ihr initiierten Medikalisierung primär nicht mehr von Religion und Kirche, sondern von Medizin und Gesundheitspolitik ausging. Die große Onanie-Debatte, die im 18. Jahrhundert in Gang kam, war in erster Linie keine Moralkampagne katholischer Priester, sondern ein Feldzug von aufgeklärten Ärzten zur Förderung der Volksgesundheit. Diese argumentierten zum einen physiologisch im Sinne der Humoralpathologie, wonach der Verlust an Samenflüssigkeit (der dem Schleim, dem phlegma im Gehirn zugordnet wurde) sowie die übermäßige Nervenreizung eine „Rückenmarksdarre“ verursachten. Zum anderen argumentierten sie psychologisch im Sinne der Imaginationslehre, wonach wollüstige Einbildungen zu Verirrungen des Geistes und des Körpers führen würden. Die Einschätzung der Onanie als krankheitsverursachendes Übel wurde letztlich erst mit der „sexuellen Revolution“ ab den 1960er Jahren nach und nach aufgegeben. Kirchen- bzw. religionskritische Autoren wie Tilmann Moser traten just da auf den Plan, als die Medizin selbst sich wandelte und ihren dogmatischen Paternalismus aufgab. Aus dem Blickwinkel der Medizinhistoriographie ist es bemerkenswert, dass die Lehre von der „ekklesiogenen Neurose“, die durchaus eine gewisse Plausibilität hat, den Blick von der mindestens ebenso problematischen „iatrogenen Neurose“ ablenkte, die von einem – gerade auf sexuellem Gebiet – extrem normativen Menschenbild der Medizin ausging. Denn „Perversionen“ wurden insbesondere von der Psychiatrie unerbittlich gegeißelt und Homosexualität und Onanie oft in einem Atemzug als solche „Perversionen“ oder Kennzeichen der „Psychopathie“ gebrandmarkt.

Thomas Laqueur lässt die Onanie-Debatte über deren Schädlichkeit mit dem Jahr 1712 beginnen, als – Jahrzehnte vor Tissots Klassiker (siehe unten) – eine englische Schrift anonym unter dem Titel „Onania or the Heinous Sin of Self-Pollution“ erschien.[3] Das Buch sei „von einem Quacksalber und Pornografen aus Profitstreben verfasst“ worden, den er namentlich identifieren könne: John Marten, „der 1708 wegen Obszönität verklagte Chirurg und Quacksalber.“[4] Die deutsche Übersetzung erschien in der Erstauflage 1736 unter dem Titel „Onania oder die Sünde der Selbst-Befleckung, mit allen ihren entsetzlichen Folgen“.[5] Ihre Wirkung dieser Schrift war offenbar beachtlich, wurde sie doch bereits wenige Jahre später in dem betreffendenden Band von Zedlers „Universallexicon“ im Artikel „Selbst-Befleckung“ als eine Hauptquelle ausführlich zitiert – 17 Jahre vor dem Erscheinen von Tissots klassicher Schrift.[6] Bereits hier wurde dem großen Publikum das ganze Schreckenspanorama dieser „Sünde“ ausgemalt, die auch als „Onania“ und „Crimen onanitium“ bezeichnet wurde. Crimen war in jener Zeit ein Synonym für „Laster, Übelthat, Missethat, Verbrechen“, wobei die Onanie als ein Crimen occultum, ein „heimlich und verborgen Laster“ aufgefasst wurde.[7] Als verwerflich galt, dass sich die betreffenden Personen „in ihren Gedancken bemühen, der Natur nachzuäffen“ und sich die Empfindung selbst verschaffen, die Gott verordnet habe, um die „fleischliche Vermischung“ zum Zwecke der Fortpflanzung „angenehmer“ zu machen.[8] Mit Hinweis auf den biblischen Onan (Gen 18,9-10) wurde der zutiefst sündhafte Charakter der Onanie herausgestellt. „Die Selbst-Befleckung ist nicht nur eine Sünde wider die Natur, sondern auch eine solche Sünde, so die Natur umkehret, und gleichsam ausrottet, und wer sich deren schuldig machet, der bemühet sich um den Untergang seines Geschlechts, und suchet gleichsam der Schöpfung selbst Schaden zuzufügen.“[9]

Als besondere Ursachen – abgesehen den „Ursachen der Unreinigkeit überhaupt“ wie „ärgerliche Bücher, böse Gesellschaft, […] unzüchtige Gespräche“ – wurden drei genannt: (1) die Unwissenenheit über die „Erschrecklichkeit des Lasters“, seine gesundheitsruinierende Folgen; (2) die „Heimlichkeit dieser Sünde“, die ohne Zeugen begangen wird; und (3) die „fälschlich eingebildete Straflosigkeit“, da die das Laster nicht, wie die Hurerei, Geld koste und eine Ansteckungsgefahr mit sich bringe. Der Katalog der „erschrecklichen Folgen und Plagen“ ist lang und betrifft beide Geschlechter. Es sei hier nur eine Auswahl von Stichwörtern wiedergegeben: Verhinderung des Wachstums bei beiden Geschlechtern; bei Männern und Knaben werden u. a. Phimosen, Strangurien, Priapismus, Gonorrhöen, Ohnmachten, Fallsucht, Schwindsucht, körperliche Abzehrung, Penisschwäche, Unfruchtbarkeit, kränkliche und schwache Kinder genannt; bei Frauenzimmern führe die Onanie zum Ausfluss, zu bleichem bzw. schwarzgelbem und bleifarbenem Aussehen, hysterischem Paroxysmus, „Mutter-Beschwerung“, Abzehrung des Leibes und Unfruchtbarkeit. Der Artikel in Zedlers „Universallexicon“, der mit einer religiösen Brandmarkung des Lasters begonnen hat, greift diese im Schlussteil noch einmal auf und verstärkt sie: Dieses Laster, die „Gewohnheit der Unreingkeit durch die Selbst-Befleckung“, sei besonders gefährlich, da sie den anderen, wie Ehebruch und Hurerei, den Weg bahne. Im Grunde können auch alle andern Laster von der „ersten Schooß-Sünde“ hervorgerufen werden, wie Lügen, Schwören, „ja vielleicht Mord und Todtschlag.“[10] Es erscheint auf den ersten Blick paradox und absurd, dass die Onanie just im Zeitalter der Aufklärung ihre intensivste und penetranteste Unterdrückung erfuhr. Die tatsächliche Durchschlagskraft des Onanie-Verbots verdankte sich wie gesagt weniger theologischen Verdikten, als vielmehr der strikt medizinischen Argumentation, welche die schrecklichen Folgen der Sünde für Leib und Leben im Diesseits höchst dramatisch auf der öffentlichen Bühne darzustellen wusste und diese performance im Namen der Wissenschaft mit religiöser Sündenrhetorik einrahmte.

Der schweizerische Arzt und medizinische Schriftsteller Samuel Auguste Tissot veröffentlichte schließlich 1860 seine berühmte Abhandlung „L’Onanisme“[11]. Im selben Jahr erschien bereits die erste Ausgabe der deutschen Übersetzung.[12] Auf der Rückseite des Titelblatts sind folgende bedrohlich klingenden Verse des Friedrich Rudolph Ludwig Freiherrn von Canitz zu lesen, die in der französischen Ausgabe fehlen und von der originalen Fassung abweichen:

Wenn schnöde Wollust dich erfüllt,

So werde durch ein Schrökenbild

Verdorrter Todenknochen

Der Küzel unterbrochen.

 Bei dem 1699 gestorbenen Diplomaten und Lyriker von Canitz lautet der erste Vers (aus den „Geistlichen Gedichten“ entnommen): „Wenn schnöde Wollust mich erfüllt“. [13] Das reuevolle In-Sich-Gehen wurde vom Tissot-Übersetzer zur pädagogischen Ermahnung anderer umgemünzt. Diese Verse erschienen auch in leicht veränderter Schreibweise als Legende zu einem Kupferstich, der in einer 1787 erschienenen Abhandlung gegen die Onanie als Frontispiz vorangestellt wurde.[14] (Abb. [i]) Es zeigt einen Erzieher, der seinen Zögling offenbar vor einem Skelett schwören lässt. Ein solches setting, das an den Einsatz von Skeletten zur Abschreckung in der Irrenheilkunde erinnert, war im ausgehenden 18. Jahrhundert offenbar recht bekannt. So schrieb der Pietist Georg Sarganeck: „Ich kenne einen Freund, der ein Sceleton oder Todtengerippe von einem Weibsbilde, so ihrer Unzucht und Kindsmordes wegen am Leben erst vor 5 Jahren bestraft worden, besitzet und selbiges zu dergleichen Vorstellungen für sich und ander gebrauchet.“[15] Mit diesem Bild illustrieren übrigens heutige Autoren im Bereich der Kulturwisseschaften gerne ihre Studien zur Geschichte der Sexualität.[16]

Zurück zu Tissot: Er schilderte vor allem eigene Fallbeispiele für krankmachende, ja tödliche Ausschweifung bzw. Onanie, etwa die Geschichte eines älteren Mannes, der wegen zu häufigen Beischlafs mit seiner jüngeren Frau zu Tode gekommen sei: „Ich kenne einen sehr gelehrten aber dabei zärtlichen und pflegmatischen [sic] Mann / der in seinem neun und fünfzigsten Jahre eine junge und sehr geile Frau heurathete, in der dritten Woche nach der Hochzeit von wegen des allzufleißigen Beischlafs in eine plözliche und gänzliche Blindheit verfallen ist / in dem vierten Monat gieng er den Weg alles Fleisches.“[17] Die Schreckensbilder der Onanie bzw. der sexuellen Ausschweifung gleichen denen, die uns bereits in Zedlers „Universallexicon“ begegnet sind. Interessant ist Tissots Schilderung der weiblichen Onanie und seine Begründung ihres geringeren Gefahrenpotentials. Die Frauen bewegten sich sozusagen im Windschatten der Männer. Zunächst stellte er fest, „daß auch selbst das schöne Geschlecht von der Schändlichkeit der Selbstbefleckung nicht völlig frei ist“, wobei ihm die „weibliche Schändung, welche mit dem Küzler geschiehet“, besonders am Herzen lag.[18] Aber Frauen seien sowohl durch übermäßigen Geschlechtsverkehr als auch durch Onanie weniger gefährdet als Männer, was eine physiologische Ursache habe: „weil der sogenannte weibliche Samen keine belebende Kraft hat, mit weit weniger Zubereitung und Umständen abgesondert wird, und von geringerem Werth ist, als der rechte Hoden-Samen der Männer“.[19] Immerhin zählte Tissot eine Reihe von Krankheiten auf, welche durch weibliche Onanie hervorgerufen würden: „grausame Mutter Beschwerden, peinliches Zuken, die gelbe Sucht […] , grose und hartnäkige Verstopfung des Leibes, […] weisen Flus, […], die geile Wuth und dergleichen mehr.“[20] 

In diesem Zusammenhang wäre die Aufklärungsschrift des sozialmedizinisch interessierten Arztes Bernhard Christoph Faust zu erwähnen, der bis 1785 in Rotenburg an der Fulda praktizierte: „Wie der Geschlechtstrieb der Menschen in Ordnung zu bringen und die Menschen besser und glücklicher zu machen“.[21] Die Gewährsleute des Autors waren Tissot und Rousseau. Er prangerte die Selbstbefleckung als das größte Übel an und sah in ihr ein Zeichen des allgemeinen Sittenverfalls. Seit zwei Generationen seien Zucht und Ordnung angesichts von Üppigkeit, Wollust und Weichlichkeit verloren gegangen. „Ginge dies fürchterliche um sich greifende Uebel, in eben der Progression, mit der es angefangen hat, steigend fort: so würde es um das Menschengeschlecht, das schon jetzt so sehr verfallen ist, bald gänzlich gethan seyn.“[22] Er meinte, die weibliche Ordnung bzw. Unordnung würde dem männlichen Vorbild folgen. Deshalb müsse man die erste und größte Sorge auf das männliche Geschlecht verwenden: „Mit dem männlichen kommt auch das weibliche Geschlecht in Ordnung.“[23] Sein Rezept war die „Abhärtung“, das auch die Forderung nach Abschaffung der Kopfbedeckung einschloss.[24] Faust schlug eine detaillierte Kleiderordnung vor, eine „Landesordnung über künftige einförmige Kleidung der Kinder der Landleute“.[25] Der Zweck dieser Uniformierung war, die Geschlechtsteile „vorzüglich des männlichen Geschlechts, in den ersten 14 bis 15 Jahren des Lebens kühl und frei zu halten“ und die Kinder „wieder in den Stand der Kindheit einzusetzen – und so einen Anfang zur Ordnung und zum Glück im Menschengeschlechte zu machen“.[26]

Faust schickte sein Buch an zahlreiche „weise, edle Männer“ in Europa, darunter auch an den Naturforscher und Jakobiner Georg Forster und den Anatomen Samuel Thomas Sömmerring. Er legte es pathetisch vor dem „Altar der Menschheit“ nieder, was er entsprechend illustrierte – ein schönes Beispiel für die Sakralisierung profan gewordener Wissenschaft, die sich dann im 19. Jahrhundert im „Tempel der Wissenschaft“ wähnte (Kap. 4). (Abb. [ii]) Johann Heinrich Campe, ein Vertreter der Aufklärungspädagogik in Deutschland, lobte in seiner „Vorrede“ die lauteren Absichten des Autors, dem es um das Wohl der Menschheit und nicht um sich selbst gehe. Auch er machte ungünstige „Beinkleider“ der Knaben für die Sittenverderbnis verantwortlich. Campe wollte den Einwurf dagegen, dass auch frühere Zeiten solche Kleidungsstücke ohne Schaden in Gebrauch waren, entkräften: „Was das rohe, unverderbte und durch jede Art von Abhärtung gestählte Kind der Natur, ohne merklichen Schaden erträgt, das kann für den durch Kunst und Ueppigkeit verweichlichten und verkrüppelten Schwächling die gefährlichsten Folgen haben.“[27]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ekklesiogene_Neurose (22.10.2009) [2] Moser, 1976. [3] Onania [c. 1712], 1759. [4] Laqueur, 2008, S. 416 bzw. S. 33. [5] Onania, 1736. [6] Zedler, Bd. 36, 1743, Sp. 1586-1590. [7] Zedler, Bd. 6, 1733, Sp. 1645 f. [8] Zedler, Bd. 36 (1743), Sp. 1586. [9] A. a. O., Sp. 1587. [10] A. a. O., Sp. 1590. [11] Tissot, 1760 [a]. [12] Tissot, 1760 [b] [13] Canitz, 1727, S. 45. [14] Rötger, 1787: Frontispiz. [15] Zit n. K. Braun, 1995, S. 218; Sarganeck, 1740, S. 500 f. [16] Wernz, 1993 [quasi Frontispiz]; K. Braun, 1995 S. 217. [17] Tissot, 1760 [b], S. 17. [18] A. a. O., S. S. 38 f. [19] A. a. O., S. 41. [20] A. a. O., S. 42. [21] Faust, 1781. [22] Ebd., S. 1. [23] A. a. O., S. 3: Fußn. [24] A. a. O., S. 134. [25] A. a. O., S. 67-157. [26] Ebd., S. 66. [27] Campe, 1781, S. XXIII.


[i] Rötger, 1787: Frontispiz; http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10764023_00006.html [20.07.2012); → Abb. Rötger 1787  [ii] Faust, 1781, S. 226; → Abb. Faust Altar der Menschheit