15. Kap./3 * Überwindung der „Sprachenverwirrung“

Folgen wir Schuberts Argumentation noch ein Stück weiter, die eine bemerkenswerte medizinische Anthropologie entwarf. Er beschrieb, wie oben gezeigt, den jetzigen Zustand des menschlichen Seelenlebens als einen Zustand der Trennung, der Scheidung oder Aufspaltung der Seele in zwei verschiedene seelische Regionen, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden, die zunächst isoliert nebeneinander bestehen, ohne daß die eine Sprache in die andere übersetzbar zu sein scheint. Auf der einen Seite der „Scheidewand“, im Bereich des Cerebralsystems, ist die Sprache des geistigen Sinns, des Selbstbewußtseins zu hören, auf der anderen Seite, dem Bereich des Gangliensystems, wird die Sprache der Leidenschaften, des blinden materiellen Bedürfnisses gesprochen.[1] Schubert vertrat die Auffassung, daß die besagte „Scheidung“ in zwei Sprachregionen durch den Kultureinfluss bis zu einer gewissen Grenze zunehme, jenseits dieser Grenze jedoch gänzlich verschwinde.[2] Er nahm hier den früher geäußerten Gedanken wieder auf, daß die zugespitzte Sprachentfremdung in einen Prozeß der Wiedervereinigung umschlage, dass sozusagen die Folgen der Sprachenkatastro­phe durch eine Art Revolution überwunden werden könnten: „Wenn nämlich die Region unserer bisher sinnlichen und materiellen Neigungen erst gänzlich von einer höheren und geistigen Liebe erfüllt ist, wenn jene materielle Beschränkung, die der selbstsüchtige Trieb sich geschaffen, durch eine der Selbstsucht ganz entgegengesetzte Neigung wieder aufgelöst worden, dann wird auch das in Hinsicht seiner Neigung veredelte und vergeistigte Gebiet des Gangliensystems, dem höheren Gebiet wieder gleichartig, die Schranke zwischen beyden fällt nun hinweg, jene Isolation hört auf, und der Wille empfängt von neuem den Gebrauch seiner höchsten, bisher für ihn unbrauchbar und wie verloren gewesenen Kräfte zurück.“

Eine solche Heilung der inneren Kluft führe dem Menschen neue Kräfte zu, die bisher in ihm brach lagen. Es gehe, so Schubert, um ein „psychisches Freywerden eines vorhin gebundenen“ Seelenvermögens (im Ganglien­system), das zum „Entzücken“ des betreffenden Menschen führe.[3] Diesen Weg der Seelenheilung bezeichnete Schubert auch als „Sinnesänderung“[4], eine „Verwandlung des ganzen inneren Wesens“[5], eine „Veränderung“, eine „neue Geburt“.[6] Allerdings sah er auch Gefahren, die in diesem Verwandlungsprozeß lagen, nämlich die einer entbundenen Neigung zu den „sinnlichen Gegenständen“, die den Menschen zu überwältigen drohe. „Alle Qualen einer im Innern wüthenden Flamme niederer Neigungen und Leiden­schaften“ müssten erduldet werden.[7] Diese Gefahren könnten durch eine „höhere Liebe“ gebannt werden, die sich des „für sie empfänglichen Herzens“ bemächtige und die Verwandlung des Men­schen leite.[8] Diese sei mit „inneren Leiden“ und „kräftigen Aufregungen“ verbunden, die er als „überall nothwendige Begleiter der neuen Geburt“ ansah.[9] Obwohl die von diesen Erschütterungen betroffenen Menschen „schwächer, elender, und von dem gewöhnlichen schönen Deckmantel entblößter als Andre“ erscheinen würden, vertraute Schubert auf das „geistige Heilmittel“, und plädierte für das „geistige Experiment“.[10]

So entwickelte er die Idee einer Wiedergeburt des Menschen im Diesseits, die ihm einen Zugang zum Jenseits verschaffen solle. Diese „neue Verwandlung“, wie Schubert den Neuanfang des Menschen, die Aufhebung der inneren Scheidewand, nannte, geschehe dort, „wo wir gewahr werden, daß diese ganze uns umgebende Sinnenwelt und Region der Gefühle noch immer eine Sprache – ein Wort der höheren, geistigen Region an den Menschen sey, eine geschlossene, leitende Kette, wodurch ein göttlicher höherer Einfluß auf das Gemüth des Menschen einwirket.“[11] Die Natur inner- und außerhalb des Menschen spreche zu ihm wie ein „Deus ex machina, wie der „in der Maschine verborgene, aus ihr herauswirkende Gott“.  Diese Metapher war für Schuberts naturphilosophische Sprachauffassung sehr bedeutsam. Er benutzte sie auch als Überschrift für das letzte, siebente Kapitel seiner „Symbolik des Traumes“, in dem er die Möglichkeiten einer seelischen Heilung des Menschen vom Sprachelend behandelte. Er beschrieb den Heilungs­prozeß als einen Lernprozeß, als Erlernen einer dem Menschen unverständlich gewordenen Natursprache, die jedoch selber wiederum nur „das vermittelnde Organ zwischen Gott und dem Menschen“ sei: „jene Sprache, worin sich die Liebe des Göttlichen zu dem Menschen und die Liebe des menschlichen Gemüthes zur Gottheit lebendig und werkthätig ausgesprochen, das Material, woran jene Liebe sich genähret und geübet“ habe.

Somit erschien die Natur als Medium einer Kommunikation des Menschen mit Gott, die durch die „Sprachenkatastrophe“ getrübt, deren Weg der Mitteilung unterbrochen war. Schubert erblickte nun in der Region des Gefühls, im Gangliensystem, das zum „Sitz des Egoismus unserer Natur“ geworden sei, jenes Organ der Seele, von dem die Umkehr ausgehen, in dem die Verwandlung stattfinden kann. Indem es sich „von neuem der höheren Liebe gänzlich zum Organ hingiebt, kann das alte und ursprüngliche Verhältnis des Menschen zu Gott und der Welt wieder hergestellt werden.“[12]

Für Schubert konnte nur die christliche Religion, d. h. das Hören auf die Sprache des Gewissens, die Rettung bringen und „unserer Natur die verlorenen eigemhümlichen Kräfte“ zurückgeben.[13] Er zählte eine lange Reihe von Krankengeschichten auf, worauf er bei seinem Literaturstudium gestoßen war und die alle die Heilkraft des Glaubens bezeugen sollten.[14] Ziel war die seelische Wiedervereinigung, das gegenseitige Erkennen, das über die Grenzen des Individuums hinausgriff. Paradigmatisch für dieses Eins­werden war für Schubert der Zustand des magnetischen Somnambulis­mus, bei dem die Hellsehende das „Centrum in dem mit ihrer Natur Eins gewordenen Magnetiseur gefunden“ habe und am „Gedanken-reichthum des Magnetiseurs Theil nimmt“.[15]

Zum Abschluß seiner gesamten Argumentation unterstrich Schubert noch einmal die Notwendigkeit einer Überwindung des pathologischen Zustands des Menschen. Es gelte nämlich, dem allgemeinen Zerstörungs­prozeß im Menschen entgegenzuwirken, der darin bestehe, daß die „Liebe der menschlichen Natur ihren ursprünglichen Gegenstand ver­lassen und sie […] auf ihr eigenes Selbst gewendet“ habe.[16] Diese Wendung gegen das Selbst bringe den Tod. Schubert sprach hier von der „unnatürlichen Richtung“ einer ursprünglich schöpferischen Tätigkeit, einer „tödtenden Liebe“, die alles vernichte und sich zuletzt gegen sich selber wende und ihr „eigenes Werk“ zerstöre. Sein therapeutisches Konzept sollte diesem Prozeß der Selbstzer­störung entgegenwirken; die menschliche Tätigkeit vom falschen Objekt abziehen und auf das ursprüngliche Liebesobjekt richten. Der Mensch sollte nämlich den „ursprünglichen Gegenstand seiner Liebe“ wiederfinden und sich mit ihm wiedervereinigen.[17] Die Entschlüsselung der Hieroglyphensprache der Natur war nur Mittel zu diesem Zweck der Versöhnung. Es ging Schubert nicht um die Sprache als Träger einer Bedeutung, die auf einen materiellen Sachverhalt außerhalb ihrer selbst verweist, sondern um eine Sprache, die sich mit der Sache vereint, versöhnt hat, die endlich aufhört, das zu sein, was sie bisher war: „gewöhnliche Wörtersprache“, „körperlose Stimme“, „Echo“. Die Sprache sollte wieder in ihren Körper zurückkeh­ren, von dem sie abgespalten worden war. Dadurch könne der „alte Zwiespalt unserer Natur“ versöhnt werden und „das bange Sehnen in uns hat den ihm angemessenen Gegenstand wieder gefunden und mit ihm volles Genü­gen, Friede, Freude!“[18]


[1] A. a. O., S. 159. [2] A. a. O., S. 162 f. [3] A. a. O., S. 175 f. [4] A. a. O., S. 169. [5] A. a. O., S. 173. [6] A. a. O., S. 185. [7] A. a. O., S. 184. [8] A. a. O., S. 183. [9] A. a. O., S. 185. [10] A. a. O., S. 198 f. [11] A. a. O., S. 188. [12] A. a. O., S. 190. [13] A. a. O., S. 195. [14] A. a. O., S. 195- 199. [15] A. a. O., S. 200. [16] A. a. O., S. 202. [17] A. a. O., S. 203. [18] A. a. O., S. 204.

25. Kap./2 * Entschlüsselung der Originalsprache

Im Folgenden wollen wir Gotthilf Heinrich Schuberts Strategie der Entschlüsselung der Originalsprache der Natur als Beispiel für den Umgang der Romantiker mit der Magie der Natur genauer betrachten. Traum, Poesie und Prophetie würden sich einer Sprache in Bildern, Gestalten oder Worten bedienen, deren Originale in der uns umgebenden Natur zu finden seien, meinte Schubert. Die „Hieroglyphengestalten“ entsprächen demnach lebendigen Naturgestalten. So stellte sich die Frage nach „Sinn und Wesenheit“ der Bilder, die uns die Natur zu enträtseln aufgibt, oder auch die Frage nach der „geistigen Bedeutung der uns umgebenden Natur“.[1] Die Natur war für Schubert grundsätzlich „eine Offenbarung Gottes an den Menschen, deren Buchstaben (wie denn in dieser Region alles Leben und Wirklichkeit hat) lebendige Gestalten und sich bewegende Kräfte sind. Auf diese Weise wird dann die Natur das Original jener Naturbilderspra­che, worinnen die Gottheit sich ihren Propheten und anderen Gott-geweihten Seelen von jeher offenbart hat, jener Sprache, die wir in der ganzen geschriebenen Offenbarung finden, und welche die Seele als die ihr ursprüngliche und natürliche, im Traume, und in den hiermit verwandten Zuständen der poetischen und pythischen Begeisterung redet.“[2]

Die Aufgabe der Menschen bestehe nun darin, die Offenbarung der Natur als eine Offenbarung Gottes wahrzunehmen und verstehen zu lernen, den Schlüssel für ihre Hieroglyphensprache zu finden, um im „Buch der Natur“ lesen zu können.[3] So wollte Schubert direkt aus dem „Buch der Natur“, der „Naturbi­bel“ vorlesen,[4] indem er die Natur „als eine Apocalypse in Gestalten und lebendigen Naturbildern“ darstellte und vor allem die Geschichte des Tierreichs als eine Entwick­lungsgeschichte buchstabierte, auf deren höchster Stufe die Bienen als „Sinnbild des Höheren und Geistigen“ erschienen.[5] Hier lehnte er sich an die antike Mythologie und ihre Wertschätzung der Bienen an, die etwa nach ägyptischer Auffassung aus den Tränen des Sonnengottes entstehen. Schuberts psychologische Fragestellung tauchte in seinem naturphiloso­phischen Diskurs erst an der Stelle auf, wo er nach dem Organ der Sprache fragt. Erst dort, wo er seine Sprachtheorie substanziell am Organismus des Menschen festzumachen suchte, wird daher seine Seelenkunde und Seelenheilkunde sichtbar. Das Organ für die ursprüngliche Natursprache habe der Mensch einst in sich gehabt, das sich nun nur noch als eine Art Restorgan im Traum bemerkbar mache, als „eingesperrte Psyche“. Dieses Restorgan arbeite wie ein „versteckter Poet“. Die Metapher des versteckten Poeten taucht an mehreren Stellen auf.[6] Sie diente zudem als Überschrift für das zentrale vierte Kapitel.[7] Sie charakterisiert den sprachtheoretischen Ansatz Schuberts und macht deutlich, auf welche Weise die Natur im Menschen spricht. Diesen „seltsamen versteckten Poeten in uns“ identifizierte er mit unserem „angeborenen Gewissen“, [8]  dem „Organ jener ehehin dem menschlichen Geiste durchaus eigenthümlichen Sprache – der Sprache Gottes.“[9]

Das Gewissen – „ursprünglich ein Organ der Stimme Gottes im Menschen“ – rede wie der Traum, die Poesie und die Offenbarung in einer „Bilder- und Gestaltensprache“, die dem „wachen Denken“ entgegengesetzt sei.[10] Es treibe uns zur Entschlüsse­lung der Naturoffenbarung wie ein „guter Dämon“.[11] Die „Stimme des Gewissens“ ist unabhängig von allem „Vernünfteln und Verstän­deln“, allein der „ansteckenden Kraft der Wahrheit“ verpflichtet. Somit ist das Gewissen „jener Stachel, welcher uns mitten in den Vergnügungen der Sinnenwelt kein Genüge, in allen Befriedigungen sinnlicher Neigungen keinen Frieden finden läßet, welcher aber auch auf der anderen Seite unsere höhere Ruhe beständig unterbricht und unsere besseren Kräfte, schon dem Hafen nahe, immer zu neuen Kämpfen auffordert.“[12]

Das Gewissen ist für Schubert das Gegenteil von einer moralisch „anerzogenen Furcht“.[13] Es erscheint eher als eine biologisch funktionierende Instanz, die auf unsere Gefühlswelt einwirkt und dort ein „Gefühl des Wohlseyns oder des Uebelbefindens“ erzeugt. Es arbeite wie ein „versteckter Poet“, wie ein Natursprachkünstler in uns, der organisch in uns verankert sei und dessen Stimme nicht zum Schweigen gebracht werden könne. Dieser beunruhigt uns ständig, drängt uns zur Aufklärung der Wahrheit, zur Entschlüsselung der Naturhieroglyphen, die unsere eigene Seele hervorbringt. Kurz gesagt: Der versteckte Poet ist die abgespaltene Natur in uns, die sich nicht zum Schweigen bringen lässt und sich im „Ton der Ironie“ über uns lustig macht: „In der That, die Natur scheint ganz mit unserm versteckten Poeten einverstanden, und gemeinschaftlich mit ihm über unsere elende Lust und lustiges Elend zu spotten, wenn sie bald aus Gräbern uns anlacht, bald an Hochzeitbetten ihre Trauerklagen hören lässet, und auf diese Weise Klage mit Lust, Fröhlichkeit mit Trauer wunderlich paart.“[14]

In einem weiteren Schritt fragte Schubert nach der sprachlichen Verfassung des Menschen selber, die er pauschal als einen Zustand der „babylonischen Sprachverwirrung“ bezeichnete. Das „Mißverständnis der menschlichen Natur“, ihre „Verwirrung“, gründete nach seiner Meinung in einer „Umkehrung ihrer innern ursprünglichen Verhältnisse“.[15] Es handelte sich um eine „alte Verwechs­lung“, bei der „das Aeußere zum Innern, das Niedere zum Höheren und umgekehrt“ gemacht worden sei.[16] „Durch eine optische Täuschung ist aber der Schatten zum Urbild, dieses zum Schatten seines Schattens geworden: jene Sinnenwelt, die für uns Region der ruhigen, kalten Reflexion und eine Bildersprache seyn sollte, deren Bedeutung sich auf den Gegenstand der höheren Neigung bloß bezogen, ist nun für uns der Gegenstand jener Neigung selber, und Region der Liebe, des Gefühls; dagegen ist uns die geistige Sphäre Region der kalten Reflexion geworden.“[17]

Schubert erläuterte diese Sprach-Verwechslung vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Sprachforschung, die nachgewiesen habe, „daß die Worte, welche ganz entgegengesetzte Begriffe bezeichnen, aus einer und derselben Wurzel hervorgehen“.[18] Er bezog sich vor allem auf den Orientalisten und Mythologen Johann Arnold Kanne, dessen Einfluss auf die Sprachphilosophie der Romantik und insbesondere auf Schubert wohl beträchtlich war.[19] Die „große Sprachenkatastrophe“, die „babylonische Sprachenverwirrung“ bestand darin, daß die Gegensatz­begriffe der Urworte miteinander verwechselt werden, sich das „Gute ins Böse, das Licht in die Finsterniß verkehrt hat“.[20] Schubert führte einige Beispiele an, so etwa den sprachwissenschaftlichen Fund, daß „Licht“ als Symbol der Wahrheit und „Lug“ oder Lüge „in verschiedenen Sprachen aus Einer Wurzel“ entspringen. Es ist bemerkenswert, dass Freud in seinem Aufsatz „Über den Gegensinn der Urworte“ im Rückgriff auf seine „Traumdeutung“ darauf hinwies, dass sich der Traum die Freiheit nehme, „ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen Elemente weiß, ob es in den Traumdgedanken positiv oder negativ enthalten ist.“[21] In diesem Zusammenhang erwähnte er auch Schubert, der dies erkannt habe, wovon die Traumdeuter des Altertums ausgiebigsten Gebrauch gemacht hätten. Freud rekurrierte aber nicht wie Schubert auf Kanne, sondern auf eine „Arbeit des Sprachforschers K. Abel“, die erstmals 1884 publiziert worden war und die er ausgiebig zitierte, um eine Übereinstimmung der „Eigentümlichkeit der Traumarbeit“ mit der „Praxis der ältesten Sprachen“ zu belegen.[22]

Die „ursprüngliche Sprache des Menschen“, nämlich die „Sprache der Liebe“, hatte sich für Schubert von der „geistigen Region“ abgewendet und sich seinem „Selbst“ und der eigenen Sinnenwelt zugeordnet.[23] „So verlor überhaupt jene Sprache für den Menschen ihr ursprüngliches Licht, wurde ihm fast ganz unverständlich und zur Region des Dun­kels.“[24] Er fragte in diesem Zusammenhang nach den Bedingungen der Rückkehr zum Ursprung, nach einer Reinigung der verkehrten Sprache: „Es muß in dem jetzigen Daseyn ein Weg gefunden werden, aus welchem die Seele jenen niederen Banden, und von dem anklebenden natürlichen Mißverstehen und Mißdeuten des Wortes der Geisterwelt frey werden kann, eine Region muß noch hienieden für sie erbaut werden, in die sie sich von der sonst unvermeidlichen Ansteckung zu retten vermag […]. Jene Region […] ist unsre articulirte Sprache, die künstlich erlernte Sprache unsres Wachens.“[25]

Schubert wollte somit die Sprachenverwirrung auf rationalem Wege überwinden und stellte eine aufklärerische These auf: Die Sprache des Wachens sei nicht nur negativ von einer seelischen Gefühlsleere geprägt, sondern sie sei zugleich auch positives Mittel, um sich der ursprüngli­chen Sprache („Sprache der Liebe“) wieder anzunähern. Die äußerste Zuspitzung einer pathologischen Sprachverkehrung mündet also in eine heilsame Umkehr ein. So habe der Geist „durch Sprache und Wissenschaft einen von der Region des Gefühls […] immer mehr abführenden Weg gehen müssen“.[26] Wenn er aber das „Aeußerste jener Verlassenheit, jenes Mangels“ erreicht habe, so werde das, was ihm am fernsten zu stehen schien, am nächsten sein, nämlich die „ewige Liebe“.[27] So beschrieb Schubert einen Umkehrprozess, eine Konversion, bei dem der letzte Schritt der Entfremdung zugleich der erste der Wiedervereinigung darstellt: Der „dunklen Nacht“ folgt der „Morgen“.

Schubert koppelte seine von der Mythologie abgeleitete Theorie der „Sprachenverwirrung“ an das materielle Substrat des menschlichen Nervensystems und seiner Funktionen. Er griff hier vor allem die physiologische Unterscheidung zwischen Ganglien-und Cerebralystem auf, wie sie wenige Jahre zuvor der Hallenser Kliniker und Hirnforscher Johann Christian Reil konzipiert hatte.[28] Das Gangliensystem versorgt demnach das „ganze vegetative System des Leibes“, ist unserer Willkür nicht unterworfen, ist im Normalzu­stand vom Cerebralsystem „isoliert und unabhängig“ und imponiert in physiologischer Hinsicht als „Apparat der Halbleitung“.[29] Schubert leitete nun Wachen und Schlafen sowie den Zustand des Somnambulismus vom Kräfteverhältnis zwischen Ganglien- und Cerebralsystem ab. Im Wachzustand herrsche das Cerebralsystem, im Schlafzustand das Gangliensystem vor, welches das „Geschäft der materiellen Bildung unserer Organe“ betreibe. Die „isolirende Scheide­wand“ zwischen beiden Systemen falle beim Schlaf weg, so daß sie „zu Einem Geschäft vereint, gemeinsam wirken.“[30] Schubert berief sich dabei auf die Phänomene des Somnambulismus, die seine neurophysiologischen Auffassungen veranschaulichen sollten. Wie beim Schlaf werde auch beim Somnambulismus die Isolation zwischen den Systemen aufgehoben, und das Gangliensystem arbeite vereint mit dem Cerebralsystem.[31]

Aus diesem Wechselspiel zwischen Isolation (im Wachzustand) und Aufhebung der Isolation (im somnambulen Zustand) zog Schubert weitreichende Schlußfolgerun­gen. Beide Zustände konnten nämlich gleichzeitig bestehen: „Erst hier zeigt sich mit vorzüglicher Deutlichkeit das Phänomen zweyer ganz von einander geschiedenen, in sich selber wohl zusammenhängenden Individualitäten, die auf eine wunderbare Weise in einer und derselben Person vereint sind.“[32] Zur Illustration dieser „zwey Seelen“, die wechselweise aus einer Person sprechen können, führte Schubert eine Reihe von publizierten Krankenge­schichten an, bei denen diese Persönlichkeitsspaltung im Vordergrund der Symptomatik stand.[33] So seien nicht nur bestimmte Anfalls­kranke in der Psychiatrie von einer „scheinbar doppelten Persönlich­keit“ befallen, sondern ein solches Gefühl werde auch nach langen Krankheiten empfunden, und sei „im Wahnsinne mit lichten Intervallen und im Traume wirklich vorhanden.“[34] Der Traum verwies also auf dieselbe seelische Trennung in zwei Regionen wie der Wahnsinn und war insofern Indiz für die allgemeine pathologische Verfassung auch des normalen Menschen. Nichts anderes besagte später der Freud’sche Krankheitsbegriff.[35]

Schubert versuchte, alle außergewöhnlichen Seelenleistungen wie Tele­pathie, Hellsehen, Wahnsinn und Traum aus diesem „Doppelsystem der Nerven, und seiner Trennung“ abzuleiten. Bei diesen außergewöhnlichen seelischen Erscheinungen habe sich die Seele „das Gangliensystem zum Mittelpunkt ihrer Wirksamkeit“ gewählt und sehe sich „von den Hülfsmitteln des Cerebralsystems und der Sinne verlas­sen.“[36] Er schloss sich dabei der Reil’schen Deutung der Seelentätigkeit im Gangliensystem an: Die bildende (vegetative) Seele gleiche einem „an uns angeschmiedeten Galeerensklaven“, der im Falle seiner Befreiung Wahnsinn erzeugen könne, indem er das Cerebralsy­stem verdunkle und beherrsche.

Für Schubert hatte das Gangliensystem eine doppelte Funktion zu erfüllen: Als Organ der Körperseele hatte es die vegetativen Bildungen des Gesamtorganismus zu steuern, als Organ der Gefühissprache teilte es uns (hieroglyphenartig) die Natur mit und stand offen für die „lebendigen Einflüsse“ der uns umgebenden Natur. „In der That, dieses System, durch dessen Wirksamkeit wir vorzüglich an die Materie gebunden, mit ihr vereint sind, pflegt uns noch in dem jetztigen Zustande einen Sinn offen zu lassen, welcher uns, über alle Beschränkung des Raumes hinüber, ungebunden von den Banden der Schwere und der Körperlichkeit, die lebendigen Einflüsse einer fernen und nahen, geistigen und körperlichen Welt zuführt.“[37] „Gemeingefühl“, „Sympathie“ und „Antipathie“ sowie „magnetisches Hellsehen“ wurden als Leistungen dieses Systems aufgefasst. Im magnetischen Zustand schien sogar die individuelle Körpergrenze aufgehoben zu sein: „die Seele jener innerlich Eröffneten wird mit der Seele des Magnetiseurs Eine und dieselbe.“[38] So wurde gerade diese an das Gangliensystem gefesselte Seele zum „Leiter über die Gränzen mate­rieller Beschränkung hinaus“.[39] Wenn die Seele das Gangliensy­stem transzendiere, wenn die „Scheidewand“ zwischen Ganglien- und Cerebralsystem hinfällig werde, gelange der Mensch in einen Zustand seelischen Wohlbefindens: „Vorzüglich genießen wir dann das erhöhte Gefühl sinnlichen Wohlseyns und innigen Behagens, wenn jene trennende Scheidewand zwischen dem Cerebral- und Ganglien­system sich hinweghebt, und der enge Kreis, welcher jenes erstere − den Sitz des Bewußtseyns − umgiebt, mehr und mehr sich erweitert.“[40] Schubert beschrieb hier eine Art von Bewußtseinserweiterung, die in den somnambulen Krisen mit einem „Wonnegefühl“ und „Entzücken“ erlebt werde und für gewisse psychiatrische Anfallskranke „eine Art von Seligkeit“ bedeuten könne.[41] Sie erlöse aus den seelischen Qualen. Offenbar orientierte sich der Autor hier an zeitgenössi­schen Schilderungen über den wohltuenden Effekt heilsamer Krisen, wie sie insbesondere in psychiatrischen und mesmeristischen Falldarstel­lungen zu finden waren.

Reils Modell war im frühen 19. Jahrhundert sehr populär. Es wurde − mit Anklängen an die Gall’sche Lehre von den Hirnorganen − auch von Joseph Görres rezipiert. In der „Christlichen Mystik“ sprach er ziemlich vage von einem „Unterleibsgehirn“, das an das Cerebrum abdominale („Bauchgehirn“) bei van Helmont erinnert (Kap. 34). Das Obere im Cerebellum werde niedersteigen und sich eingeben müssen „und in einem Überleitenden seiner Art sich alsdann die Ergänzung erwirken. Dies Überleitende wird nun das dem Herzen beigegebene Unterleibsgehirn in der Summe der cöliakischen Ganglien sein.“[42]

Schubert benutzte den Mythos von „Echo“ und „Narciß“, um die Sprachpathologie des heutigen Menschen zu veranschaulichen. Von all den Kräften, welche die im Gangliensystem wirkende „bildende Seele“ ursprünglich besessen habe, sei nur „ein ohnmächtiges und kraftloses Wort, die Stimme und die gemeine Wörtersprache übrig geblieben.“[43] Diese ohnmächtige Sprache werde wie die Stimme der Echo, „als sie gegen den in seiner eigenen Liebe befangenen Narciß entzündet worden“, körperlos, „ein armer Nachhall“. Der psychopathologische Zustand bestand also darin, daß die ursprünglich mächtige, „göttliche Sprache“ der Seele ihres Körpers beraubt worden sei und damit zugleich ihre Kraft verloren habe. Die Wörter waren somit gegenstandslos geworden, erreichten nicht mehr ihre Objekte, da sie von ihrem Ursprung abgeschnitten waren. Aus dieser Diagnose ergab sich ein allgemeines therapeutisches Anliegen: Die körperlose Stimme, das Echo, sollte ihren ursprünglichen Körper, der in seinem Narzissmus befangen ist, erreichen und sich wieder mit ihm vereinigen. Der Mensch solle seine innere Scheidewand überwinden, zur „Sprache der Liebe“ zurückfinden und die „Wiedervereinigung“ mit der getrennten Natur erleben.


[1] A. a. O., S. 27. [2] A. a. O., S. 29. [3] A. a. O., S. 36. [4] A. a. O., S. 51. [5] A. a. O., S. 44. [6] A. a. O., S. 9, 30, 56. [7] A. a. O., S. 56-70. [8] A. a. O., S. 8. [9] A. a. O., S. 57. [10] A. a. O., S. 68. [11] A. a. O., S. 60. [12] A. a. O., S. 69. [13] A. a. O., S. 56. [14] A. a. O., S. 30. [15] A. a. O., S. 76. [16] A. a. O., S. 77. [17] A. a. O., S. 77. [18] A. a. O., S. 78. [19] E. Neumann, 1927; Schrey, 1969. [20] Schubert [1814], 1968, S. 81. [21] Freud, 1910, S. 214. [22] A. a. O., S. 221; Abel, 1884. [23] Schubert [1814], 1968, S. 86. [24] A. a. O., S. 88. [25] A. a. O., S. 91. [26] A. a. O., S. 92. [27] A. a. O., S. 93. [28] Reil, 1807. [29] Schubert [1814],  1968, S. 101 f. [30] A. a. O., S. 103. [31] A. a. O., S. 106. [32] A. a. O., S. 108. [33] A. a. O., S. 109 f. [34] A. a. O., S. 100. [35] H. Schott, 1979. [36] A. a. O., S. 111.[37] A. a. O., S. 132 f. [38] A. a. O., S. 133 f. [39] A. a. O., S. 137. [40] A. a. O., s. 148 f. [41] A. a. O., S. 150. [42] Görres, 1836-1842, 1. Bd., S. 46. [43] A. a. O., S. 156.