49. Kap./6* Sexual magnetism [+ Audio]

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Im Gegensatz zur pragmatischen Ausrichtung der Oneida Community, die religiöse und säkulare Motive miteinander verband, agierte Noyes’ Landsmann Thomas Lake Harris, ein Spiritualist und Swedenborgianer. Er gründete 1859 in England eine christliche Kommune „Brotherhood of the New Life“ und ließ sich 1861 in den USA mit seiner Gruppe in dem Dorf Brocton (US-Bundesstaat New York) nieder. Darüber hinaus gründete er eine Niederlassung in Kalifornien, wohin er und der innere Zirkel seiner „Brotherhood“ übersiedelte. Die Kooperative betrieb Landwirtschaft und produzierte Waren, wobei Harris selbst auch Wein anbaute, der angeblich mit göttlichem Atem (divine breath) angereichert war und alle schädlichen Stoffe neutralisierte.[1] Er hatte in den USA und Großbritannien zeitweilig bis zu 2000 Anhänger.  Harris schöpfte aus älteren esoterischen Quellen, insbesondere dem Swedenborgianismus, der in den USA seinerzeit Konjunktur hatte. In geringerem Umfang bezog er sich auch auf die christliche Theosophie in der Tradition Jakob Böhmes. Heutigen Betrachtern erscheint sein Ansatz eher fremd und, verglichen mit Noyes, weniger zugänglich.[2] Angeblich empfing er in seinen Visionen direkt Swedenborgs Segen und erreichte höhere Stufen der Offenbarung (revelation). Die theosophischen Ideen der Himmlischen Hochzeit und der Brautmystik waren für Harris entscheidend: Die innere geistige Hochzeit mit einem himmlischen Partner ließ die irdische Ehe und Sexualität in den Hintergrund treten. So führte Harris mit seiner zweiten Frau vorsätzlich über drei Jahrzehnte hinweg mit deren Einverständnis eine zölibatäre Ehe.[3] Denn die geistige Vermählung mit einer himmlischen Macht, die der Idee der „ehelichen“ Liebe bei Swedenborg entsprach, als dessen Nachfolger er sich ansah, stand für ihn im Mittelpunkt.[4] Diese Macht bezeichnete er als himmlische „Lily Queen“, in Anspielung auf Böhmes Prophezeiung einer bevorstehenden “Lilienzeit“ und dessen mystische Vorstellung einer Hochzeit der Seele mit Sophia. (Kap. 45).

Harris schöpfte offenbar ausschließlich aus den Quellen der westlichen esoterischen Tradition. So war seine Empfehlung des „inneren Atmens“ (internal respiration), die an buddhistische Meditationstechniken erinnert, von Swedenborgs „respiratio interna“ abgeleitet und die Idee einer Vereinigung mit einem himmlischen „counterpart“, die an den asiatischen Tantrismus denken lässt, wurzelte in der christlichen Theosophie. Trotz dieser spiritualisierten Transformation sexueller Gefühle spielten diese in der Gemeinschaft durchaus eine manifeste Rolle. Interessant sind die anonym verfassten Briefe einer „Sister in the New Life“ aus dem Jahr 1881. Die Briefschreiberin berichtete von vibrierenden Empfindungen in den Armen, die sich auf den ganzen Körper ausbreiteten. Beim ersten Mal seien diese wohl durch die Geschlechtsorgane in den Körper gekommen, „and with it came the thought, this is like sexual intercourse, only infinitely more so, in that every atom of your frame enters into union with another atom to the furthest extremity of your body.”[5]Sie fühlte sich daraufhin voller Dankbarkeit unendlich ruhig und friedlich. Einige Tage später fühlte sie ihren “counterpart” in sich, ihren “inner husband or angel”, und spürte mit Ehrfurcht den „Tempel der Mutter“ (the Mother’s temple) in sich selbst und dass die Gebärmutter (womb) und Leben spendenden Organe sehr heilig sein müssten. Sie kultivierte diese ekstatischen Sensationen und fühlte die Lebensströme durch sich hindurchfließen.[6] Mit der Frauenärztin Alic Bunker Stockham und ihrem Konzept der Karezza werden wir gegenüber Noyes und Harris auf einen weiteren Typ sexueller Spiritualität stoßen, den Versluis zutreffend als „a more secular sexual mysticism of human creativity“ bezeichnet hat (siehe unten).[7]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erreichte der Mesmerismus in den USA eine spezifische Blüte, die eine einzigartige Melange aus dem Streben nach Gesundheit, persönlichem Glück, sozialer Harmonie und religiösem Heil darstellte.[8] Auch die Probleme der Sexualität schienen nach dem Vorbild des Mesmerismus lösbar zu sein. Es ist zu vermuten, dass er in der „grauen Literatur“ der Gesundheitsratgeber und Erbauungsbroschüren eine herausragende Bedeutung hatte. Vor allem spielte er eine Rolle in sozialutopischen Reformansätzen, in denen biologisches, sozialreformerisches, medizinisches und religiöses Denken miteinander verwoben war. Beispielhaft kann hier der US-amerikanische Schriftsteller und Sozialutopist Albert Chavannes genannt werden, der als Farmer in Knoxville, Tennessee, lebte und in den 1880er und 1890er Jahren eine Reihe von Schriften veröffentlichte, darunter auch – inspiriert von Edward Bellamys seinerzeit berühmtem Roman „Looking Backward“ (1888) – zwei utopische Romane. Er vertrat einen „naiven Marxismus“ und versuchte, die darwinistische Evolutionstheorie mit einer dynamischen Soziologie zu verbinden. In der von ihm angestrebten wissenschaftlich begründeten neuen Gesellschaft sollten sich Individualismus und Kommunismus optimal ergänzen.[9] Sein Büchlein „Vital Force and Magnetic Exchange“ erschien 1888. Es ist heute bibliothekarisch nur noch ein Exemplar in der U. S. National Library of Medicine nachweisbar.[10] Chavannes verknüpfte in dieser Schrift mesmeristische mit neurophysiologischen Ideen zu einer Lehre vom „sexuellen Magnetismus“ als Grundlage für eine humane Gesellschaft. Zentrales Reservoir für die Gesundheit, für das perfekte Arbeiten aller Teile der Körpermaschine (machine), sei die Lebenskraft (vital force).[11] Lebenskraft, Elektrizität und Magnetismus seien alle Manifestationen einer spirituellen Substanz und unterschieden sich nur hinsichtlich ihrer Funktionen.[12] Die Lebenskraft werde nicht nur für die je eigenen Bedürfnisse benötigt, sondern auch für den Austausch (exchange) mit anderen. Für diesen magnetischen Austausch müssten alle Hindernisse für den magnetischen Strom (flow of magnetism) beseitigt, alle Kanäle (channels) geöffnet werden, was eine kontinuierliche Praxis zur Voraussetzung habe.[13] Chavannes setzte diese interpersonellen Austauschverhältnisse in Analogie mit den Verhältnissen der technischen Zivilisation. Genauso, wie eine zivilisierte Nation Kapitalakkumulationen, Eisenbahn, Dampfschiffe, Banken und Geschäfte zum freien Warenaustausch benötige, würden gesunde, aktive Menschen einen großen Vorrat an Lebenskraft akkumulieren, ihr gesamtes System zu einem höheren Wirkungsgrad der Transferleistung trainieren und gegen alle Hindernisse eines freien Austauschs ankämpfen.

Chavannes unterschied drei Speicher (storehouses) der Lebenskraft: Im Gehirn sei der „intellectual magnetism“, im „sympathischen Nerv“, einem Nervenzentrum, das hinter dem Herzen liege, sei der „emotional magnetism“ und in den Genitalien sei der „sexual magnetism“ gespeichert. Was Mesmer als „Magnetisieren“, als Übertragung des Fluidums oder als „Mitteilung des Lebensfeuers“ bezeichnete, schilderte nun Chavannes als „Überfluss dieser Lebenskraft“ (overflow of this vitality), die von einem auf den anderen übertragen (transferring) werden könne.[14] Der „sexuelle Magnetismus“ sei jene Lebenskraft (vital force), wodurch sich die Geschlechter anziehen. So würde der Magnet Eisen anziehen und der magnetische Strom die Muskeln kontrahieren – und dieselbe Kraft würde auch die Individuen zusammenziehen.[15] Der Antrieb zum Geschlechtsverkehr (coition) entspringe nicht dem Wunsch nach Reproduktion, sondern vielmehr dem Bestreben, den sexuellen Magnetismus zu übertragen (transfer of sexual magnetism).[16] Chavannes benutzte hier die Metapher der Batterie, um die Dynamik der Kraftübertragung zu illustrieren: „A manly man und a womanly woman, in good health and in the strength of life, are sexual magnetic batteries, always loaded, and always ready to give off their magnetism. Through the eye, through the voice the exchange is often carried on, and can be made very effectively through kisses, holding of hands and caresses.”

Chavannes Schlüsselbegriff für die Übertragung des „sexuellen Magnetismus“ war „magnetation“. Er hatte ihn auf Anregung des US-amerikanischen Anarchisten John William Lloyd übernommen, mit dem er offenbar in den 1880er Jahren in Kontakt stand, worauf dieser in einer Jahrzehnte später erschienenen Publikation hingewiesen hat (siehe unten).[17] Der springende Punkt war die Annahme, dass die Sexualkraft (sexual force) nicht nur auf die Nachkommen übertragen werde, sondern auch zum eigenen Wohl verwandt werden könne, um die eigene Lebenskraft zu stärken und womöglich die Lebensdauer zu verlängern. Magnetation erzeuge durch den sexuellen Magnetismus immer ein Gefühl der Anziehung. Freilich besagte der Kernsatz „Magnetation leads to procreation, but procreation kills magnetation“, dass eine magnetische Übertragung von Lebenskraft nur mit einer strikten Familienplanung gewährleistet sei.

Auch für Chavannes waren die Begriffe „Mesmerismus“ und „Hypnotismus“ Synonyme und verwiesen auf jene „wunderbare Kraft“ (wonderful power), auf die Mesmer als Erster aufmerksam gemacht habe und die nichts anderes sei, als die Lebenskraft, die in uns allen stecke und die wir zu unserem Wohle einsetzen könnten.[18] Er widmete der „magnetischen Heilweise“ (magnetic cures) ein eigenes Kapitel, wobei er hierunter auch die Geistheilung (mind cures) subsumierte. Er ging von zwei unterschiedlichen Heilmethoden aus: Die traditionelle Methode setze „chemische Kräfte“ ein und sei bei akuten Krankheiten angezeigt, die magnetische Methode, welche auf die Stärkung der „Lebenskraft“ baue, solle bei chronischen Krankheiten angewandt werden.[19] Er betonte, dass nicht der „Überfluss“ an Lebenskraft bei den magnetisierenden Ärzten (magnetic doctors) ausschlaggebend sei, da diese zumeist eine recht empfindliche Konstitution (very sensitive organizations) aufwiesen und keine Lebenskraft erübrigen könnten.[20] Vielmehr seien sie als „Medien“ (mediums) zu betrachten – „persons peculiarly organized, so as to enable them to recieve and dispense some occult – unknown – power or force which is latent in the universe.”

Chavannes vermutete, dass der Patient nur das schwächste Mitglied in einer Familie mit mangelnder Lebenskraft sei und als Sündenbock herhalten müsse. Deshalb habe der Arzt die gesamte Familie zu therapieren, gerade da, wo ein Mitglied durch Missachtung der „Gesundheitsgesetze“ (laws of health) selbst Lebenskraft vergeude und von anderen aufsauge.[21] Die Lebenskraft müsse als ein Wirkstoff (actual substance) begriffen werden, wertvoller als Gold und Silber, Grundlage allen Lebens und Glücks. Chavannes verwies auf analoge Begriffe anderer Autoren, wie z. B. „Animo-Vital Electricity“ eines gewissen Dr. Foot oder „Nervous Ether“ eines gewissen Dr. Richardson. Bei Letzterem handelte es sich wohl um Benjamin Ward Richardson, den Pionier der Anästhesiologie, der eine unsichtbare, ätherartige Substanz annahm, die sich über die Nerven verbreite, als „Band und Medium der Kommunikation“. Offenbar war auch Chavannes von der ungemein populären Theorie der „Nervenschwäche“ aufgrund zivilisatorischer Überreizung überzeugt, obwohl er explizit weder von „neurasthenia“ noch von „American nervousness“ sprach und den maßgeblichen US-amerikanischen Neurologen George Miller Beard namentlich nicht erwähnte.[22] Seine kritischen Bemerkungen zur sozialen Lage zielten jedoch in dieselbe Richtung: „The waste of vital force in this country is enormous. No people produce so much as the American people, or waste so recklessly as they. […] It fills the land with invalids, and supports a host of physicians and of medicine venders.”[23]

Es sei hier noch einmal hervorgehoben, dass gerade in den USA der Nährboden für sozialreformerische, religiöse und esoterische Bewegungen, die im 19. Jahrhundert vielfältig aufblühten, besonders fruchtbar war und bis heute seine Nachwirkungen zeigt. Spiritualismus, New Thought, Mind Cure movement und Theosophie hätten eine nachhaltige Tradition in außerkirchlicher amerikanischer Spiritualität (in unchurched American spirituality) geschaffen, wie der US-amerikanische Religionswissenschaftler Robert Fuller darstellte.[24]

Anmerkung vom 5.10.2015

Robert wies schon in den 1980er Jahren in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der „American Mesmerists“ hin. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Ihr wichtigstes Erbe sei vielleicht gewesen, eine breite Schicht der Mittelklasse in „exotische Philosophien“ einzuführen, die östliche Religionen, Traditionen der amerikanischen Ureinwohner und heidnische Lehren umfassten. „Spiritual, but not religious“ lautet Fullers Befund, um die gegenwärtige geistige Situation zu kennzeichnen. Sie wurde von Vordenkern und religiösen Revolutionären − einige von ihnen haben wir bereits ausführlich behandelt − herbeigeführt, die eine spezifische „American metaphysical religion“ schufen: „Together they have given rise to a variety of unchurched forms of American spirituality“.[25] Ohne diese Vorgeschichte sind das New Age und seine sozialen Ausdrucksformen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, von der Hippie-Bewegung bis zu den „Sannyasins“ unter der Führung von Bhagwan Shree Rajneesh kaum verständlich.[26] Die USA, insbesondere die kalifornische Westküste, war die Schaltstelle, von der solche, zum Teil durch östliche Weisheiten angereicherte spirituelle Bewegungen ins ferne Europa ausstrahlten. Die Folgen zeigen sich auf dem Esoterik-Markt und hier vor allem im Bereich der so genannten Alternativmedizin, die unter diesem schillernden Sammelbegriff alle möglichen „magischen“ Heilweisen und Gesundheitslehren anzubieten hat.


[1]http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Lake_Harris (17.04.2012). [2] Versluis, 2008, S. 336. [3] A. a. O., S. 337. [4] A. a. O., S. 338. [5] Zit. a. a. O., S. 344. [6] A. a. O., S. 345. [7] A. a. O., S. 349. [8] Fuller, 1985. [9] Roper, 1989. [10] Chavannes, 1888. [11] Ebd., S. 14. [12] A. a. O., S. 17. [13] A. a. O., S. 18. [14] A. a. O., S. 21. [15] A. a. O., S. 24. [16] A. a. O., S. 25. [17] A. a. O., S. 27; Lloyd, 1930, S. 14. [18] Chavannes, 1888, S. 42. [19] A. a. O., S. 39. [20] A. a. O., S. 40. [21] A. a. O., S. 41. [22] Beard, 1869; 1881. [23] Chavannes, 1888, S. 45. [24] Fuller, 2001, S. 11. [25] Fuller, 2004,  S. 149. [26] http://de.wikipedia.org/wiki/Neo-Sannyas (19.05.2012).

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13. Kap./3 * Neuheidnische Naturmagie

Mit dem Aufkommen von New Age und ökologischer Bewegung gegen Ende des 20. Jahrhunderts blühten bestimmte Formen der Naturreligion auf, die sich bewusst auf vor- und außerchristliche Traditionen beriefen und heidnische Bräuche zelebrierten. So wurden in Westeuropa keltische und germanische Kulte wieder belebt, deren Akteure sich explizit als Neuheiden definierten. Es ist bemerkenswert, dass sie auch Elemente der „natürlichen Magie“ integrierten, die in Renaissance und früher Neuzeit Konjunktur hatten.[1] In der zweiten Hälfte des 20. Jarhunderts vollzog sich in der naturreligiösen Bewegung und ihrem Hexenkult eine Wende: von einem esoterischen Fruchtbarkeitskult, wie ihn Gerald Gardner, der englische Okkultist und Begründer der Hexenreligion Wicca, in den 1950er Jahren entwickelte, hin zu einer umfassenden Naturreligion zur Erhaltung und Rettung der Umwelt.[2] Gegenwärtig ist Wicca eine bedeutende Richtung der modernen Esoterik, die sich implizit oder explizit an traditionelle magische Praktiken anlehnt und bei magnetisch-sympathetischen Kuren der frühen Neuzeit Anleihen macht (Kap. 32). So weist Wicca mit ihrem besonderen Naturbezug „eine Mischung von Animismus und Pantheismus“ auf, ohne sich jemals „aus dem abendländisch geprägten Kontext“ zu entfernen.[3]

Die einschlägigen Schriften haben häufig das Format von Nachschlagewerken und Anleitungen für den alltäglichen Hausgebrauch. So enthält das „Handbuch der Natur- und Elementarmagie“ eines Wicca-Vertreters praktische Ratschläge ohne weiterführende Literaturangaben. Der Leser ist mit einem bunten Sammelsurium traditioneller magischer Rituale konfrontiert. So werden zum Beispiel unter „Meeresmagie“ folgende Ratschläge gegeben: „Wenn du mal eine besondere Muschel finden solltest, dann kannst du aus ihr ein Schutz- oder Glücksamulett herstellen.“ [4] Oder: „Wenn du eine kleinen Stein in das Loch des Hühnergottes steckst, so dass es fest darin verankert ist, und ihn dann ins Meer wirfts, wird die Liebe dich finden.“ [5] Natürlich darf die Magnet-Magie nicht fehlen, die u. a. zur Angstabwehr empfohlen wird: Man soll zu einem Wasser gehen und einen Magneten in der Krafthand halten und alle Angst und Furcht in ihn einfließen lasssen. „Wenn der Magnet schier zu platzen droht vor Energie, wirf ihn ins Wasser. In dem Moment, wo du ihn loslässt, lassen auch all die Energien los, mit denen du deine Angst genährt hast. Du wirst dich besser fühlen. Wenn nötig, wiederhole das Ritual.“[6]

Im Kontext der zeitgenössischen Esoterik wird der Begriff der Magie und insbesondere der Naturmagie inflationär gebraucht. Es gibt abschreckende Beispiele für oberflächliche, falsche und verschwommene Darstellungen, die den Modebegriff ohne jeden historischen oder philosophischen Tiefgang abhandeln.[7] Die Heil(s)versprechen einschlägiger Publikation um 2000 erinnern an diejenigen der Naturheilkunde um 1900, wenngleich die mystische Komponente mit ihrem kosmischen Anspruch im Sinn der Wicca heute wahrscheinlich noch stärker in Erscheinung tritt. Besondere Orte haben eine herausragende Bedeutung, insbesondere Glastonbury, das von englischen Okkultisten als „Herzchakra“ der Erde gepriesen wird, „denn an diesem heiligen Ort wurden in alter Zeit die wichtigsten Einweihungen vollzogen. Jede Manipulation an diesem Ort, im Guten wie auch im Bösen, wirkt sich auf die Gesundheit und das Wohl der Menschheit aus, wirkt auf das Herzchakra jedes Menschen, da wir alle über die Erdenseele miteinander und mit der Erde verbunden sind.“[8] Mineralien und Pflanzen sollen als lebendige Naturdinge empfunden werden, zu denen man geistigen Kontakt aufnehmen könne. Der Ratschlag, wie man kranke Bäume stärken, ihnen „Energie schenken“ könne, erinnert an das Magnetisieren oder Eletkrisieren von Bäumen im Sinne von Mesmerismus oder und „l’électro-culture“ um 1800 (Kap. 28): „Legen Sie Ihre Hände an den Stamm des kranken Baumes, öffnen Sie Ihr Herz, und stellen Sie sich vor, wie grünes heilendes Licht durch Ihre Hände in den Stamm einfließt und sich von dort wohltuend im ganzen Baum verteilt.“[9]

Vivianne Crowley, eine jungianische Psychologin und Hohe Priesterin der Wicca-Religion aus London, publizierte 1989 ihre umfassende und sehr beachtete Studie „Wicca: The Old Religion in the New Age“. In einer populären Kurzdarstellung warb sie in der breiten Öffentlichkeit um Verständnis für die neue Religion: „Hexenkunst ist nicht bloß Magie. Wicca ist eine heidnische Mysterienreligion von Göttin und Gott. Außerdem ist es auch eine Naturreligion.“[10] Sie stellt uns eine weitgespannte synkretische Religion vor: „Die Geschichte des Wicca ist die Geschichte der Naturmagie, heidnischer Mysterienschulen wie der von Ägypten und Eleusis und der keltischen Spiritualität. Wicca greift zurück auf Mystik, Astrologie, Runen, Tarot und heute auch auf Erkenntnisse aus der Psychologie.“[11] Die magischen Methoden erscheinen ebenso synkretistisch zusammengestellt: Visualisierung, Konzentration, Trance, ätherische Energie in den körpereigenen Energiezentren („Chakras“).[12] Selbstverständlich ist für die Magie auch der Mond wichtig: „Der Mond beeinflusst viele Körperrhythmen. […] Bei Vollmond sieht man einfach besser. Außerdem beeinflusst der Mond die außersinnlichen Fähigkeiten. […] auf jeden Fall ist Magie bei Vollmond viel einfacher.“[13] Göttin und Gott sind gleichberechtigt in dieser Lehre, die sich explizit auf C. G. Jungs Psychologie beruft.  So gibt es zum Thema „Magie“ außerhalb der scientific community seit einigen Jahrzehnten eine Flut von mehr oder weniger esoterischen Publikationen. Sie sind zum Teil als populärwissenschaftliche Enzyklopädien aufgemacht.[14] Magie in der Medizin findet natürlich besondere Beachtung.[15] Zwei Richtungen der Magie haben sich angeblich herausgebildet: die „naturmagische“ Richtung mit modernem Hexentum (Wicca-Bewegung) und Neo-Schamanismus sowie die „technocybermagische“ Richtung, die sich in ihrer eigenen Welt „heilige Bilder“ neu schaffe.[16]

Auch auf dem Gebiet der modernen Esoterik gab es Glaubenskonversionen, beispielsweise „von Satan zu Christus“, wie der Titel eines Interviews mit der betagten Okkultistin Ulla von Bernus (Ursula Pia Freiin von Bernus) anzeigt.[17] Sie war die Tochter des Schrifstellers und Alchemisten Alexander von Bernus und mehrfach in ihrem Leben in Skandale verwickelt, die sich um ihre schwarzmagischen Praktiken drehten und sie schließlich in den 1980er Jahren zur „bekanntesten Hexe Deutschlands“ machten.[18] Im besagten Interview berichtete sie von ihrem frühesten Erlebnis mit der weißen Magie, als sie im Alter von fünf Jahren in München Engel in ihrem Zimmer sah: „Die Engel blieben eine ganze Weile, und ich kann mich noch genau entsinnen, wie sie sich immer von links nach rechts bewegten. Ich habe meinen Vater gefragt, ob er auch diese Engel sehe. ‚Ja, natürlich’, sagte er damals zu mir, auch wenn er später gestanden hat, daß er nichts gesehen habe.“[19] Ulla von Bernus, die später Jahrzehnte lang als Hexe schwarzmagisch tätig war, berichtete über ihren Seitenwechsel. Vom Interviewer gefragt: „Bisher war Dein Gott Satan. Ist es jetzt Christus?“ anwortete sie: „Absolut! Es gibt nur die zwei. Das ist aber eine Ansicht, die ich auch schon vorher vertreten habe. Beide stehen sich frontal gegenüber. Das geht auch schon aus der Versuchungsgeschichte des neuen Testaments hervor, als Christus ‚Hebe dich hinweg Satanas’ ausspricht und nicht umsonst 40 Tage vorher gefastet hat, bevor er seinem Kontrahenten gegenübertreten kann.“[20] Die 82-jährige von Bernus sprach sich nun an ihrem Lebensende gegen die schwarzmagischen Praktiken wie „Experimentalmagie“ und „Zwangsmagie“ aus, die sie selbst ausgeübt hatte. Es kommt einem unheimlich vor, dass sie in Rotenburg a. d. Fulda in unmittelbarer Nachbarschaft von Armin Meiwes, dem „Kannibalen von Rotenburg“ gelebt hatte und mit dessen Mutter befreundet gewesen war − allerdings den skandalösen Fall von Kannibalismus nicht mehr erlebte, der sich einige Jahre nach ihrem Tod 1998 ereignete.[21]

Schwarze und weiße Magie lassen sich ebenso wenig trennschaft auseinanderhalten wie heidnische und christliche Naturmagie oder Hexerei und Geistheilung. Je nach Standpunkt kann ihre Bewertung auch ins Gegenteil umschlagen. Rudolf Steiners Anthroposophie bietet hierfür ein prominentes Beispiel, die wegen fragwürdiger Verwicklungen ihres Protagonisten in den Okkultismus heute zum Teil kritisch gesehen wird.[22] Auf die betreffende Kontroverse um Steiner soll hier nicht eingeganen werden. Die von dem Anthroposophen Wolfgang Weirauch herausgegebenen „Flensburger Hefte“ widmen sich diesem Grenzbereich von Magie, Naturphilosophie und Theosophie. Wer Steiners Definition von schwarzer Magie studiere, werde erkennen, so Weirauch, „daß es damit noch nicht sein Bewenden hat. Viele menschliche Eigenschaften, die wir heute schon fast als normal bezeichnen, muß man dann nämlich zum schwarzmagischen Umfeld rechnen: Hypnose, jede Beeinflussung bzw. jeder Eingriff in die Willenssphäre anderer Menschen, letzlich sogar den egoistischen Genuß auf Kosten anderer.“[23] Demgegenüber ziele die weiße Magie auf die „Vergeistigung der Erde“. Es gehe um die „Erlösung der Elementarwesen, […] indem man das Geistige hereinruft“ und dabei „immer um die Christuskräfte, die sich bereits mit der Erde verbunden haben“.[24] Ähnlich wie Wicca ist auch Steiners Anthroposophie soszusagen auf dem Mist der europäischen Ideengeschichte gewachsen. Hierzu gehören auch Spekulationen über Natur- oder Elementargeister, die neuerdings durch die isländische „Elfenbeauftragte“ Erla Stefánsdóttir auch in Deutschland öffentliche Aufmerksamkeit erregten.[25] Das einzig Überraschende ist die Tatsache, dass anachronistische Elemente unserer eigenen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte heute als sensationelle Neuheiten erscheinen und als solche verkauft werden können.


[1] Greenwood, 2005, S. x. [2] A. a. O., S. 23. [3] K. Fischer, S. 231. [4] Cunningham, 2004, S. 161. [5] A. a. O., s. 163. [6] A. a. O., S. 87. [7] Suhr / Seifert, 2009. [8] Hodapp / Rinkenbach, 2001, S. 25. [9] A. a. O., S. 115. [10] Crowley, 2001, S. 3. [11] A. a. O., S. 7. [12] A. a. O., s. 50 f. [13] A. a. O., s. 57. [14] Suhr / Seifert, 2009. [15] Silva, 1975. [16] Suhr / Seifert, 2009, S. 62 f.; Drury, 2003. [17] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 6-27. [18] http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Pia_von_Bernus (28.02.2012). [19] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 7. [20] A. a. O., s. 16. [21] http://de.wikipedia.org/wiki/Armin_Meiwes (16.06.2012). [22] Zander, 2001, 2011. [23] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 5. [Editorial]. [24] A. a. O., S. 174. [25] Stefánsdóttir, 2011.

8. Kap./5 * „Harmonische Philosophie“

Der US-amerikanische Spiritist Andrew Jackson Davis, dessen medialen Fähigkeiten weltweit großes Aufsehen erregten, entwickelte eine umfassende Lehre von einer naturgemäßen Reform aller Lebensbereiche, die er als „The Great Harmonia“ (dt. „Harmonische Philosophie“) bezeichnete. Unter diesem Titel erschien sein monumentales Werk von 1859 bis 1861 in fünf Bänden. Der vierte war mit „The Reformer“ („Der Reformator“) betitelt, dessen deutsche Übersetzung ich im folgenden referieren will.[1] Davis vermischte, was damals nicht nur für US-amerikanische Esoteriker typisch war, verschiedene Methoden und Konzepte auf eigenwillige Weise: Mesmerismus und Hypnose, Phrenologie und Physiognomik, biologistische und spiritualistische Auffassungen. Es ist bemerkenswert, dass im „Reformator“ der von ihm inaugurierte Spiritismus kaum erwähnt wird, den wir an anderer Stelle erörtern wollen (Kap. 21). Es sei nur am Rande erwähnt, dass Davis durch eine Vorlesung über Mesmerismus Edgar Allen Poe zu dessen Literarisierung („Die Tatsachen im Falle Waldemar“) anregte und das Trance-Medium Edgar Cayce direkt beeinflusste, der heute als ein Vordenker  des New Age angesehen wird.[2]

Davis hatte hoch gesteckte Ziele. Er wollte, wie er in der Vorrede verkündete, „auf die Wiedergeburt und Glückseligkeit der Menschheit hinwirken.“[3] Das Rezept war einfach: Die Reformatoren bräuchten nur „die Principien der Natur und ihre Resultate auf höheren Ebenen des Wachsthums zu ermitteln und einzuschärfen; und die Welt wird ihnen so treu, als sie es vermag, lauschen und sich eben so rasch entwickeln.“[4] Der Krieg weiche dann freundschafltichen Beziehungen. Davis zitierte den US-amerikanischen Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, der trotz allen Elends und aller Verbrechen die Entwicklung der menschlichen Verhältnisse im Sinne der Theodizee auf gutem Wege sah: „Aber der Weltgeist ist ein guter Schwimmer, und Stürme und Wogen können ihn nicht ertränken. Er hält sich mit seinen Fingern an Gesetzen fest; und so scheint durch die ganze Geschichte hindurch die Natur durch niedrige und arme Mittel zu wirken. Durch Jahre und Jahrhunderte […] strömt unwiderstehlich eine grosse und wohlthätige Absicht.“[5] In dieser Perspektive wollte Davis  mit seiner „Philosophie der Reform“ eine „Philosophie der beständigen Verbesserung“ voranbringen, wie er mit pathetischen Worten verkündete: Wir wollen „harmonische Tempel des Denkens errichten und die Welt gastfreundlich in unseren glücklichen heimischen Wohnungen begrüssen!“

Diese „Philosophie“ berief sich auf die Anordnungen der Natur, die das Wissen des Menschen ausmachten und deren Nichtwissen Elend und Krankheit verursache. Daraus wollte Davis seine programmatische Forderung ableiten: „Wenn alle dauernde Reform wirklich abhängt von einem richtigen Gebrauche der Gesetze der Natur, dann sollten alle Menschen wissen, was diese Gesetze lehren und fordern. Unwissenheit, Aberglauben und Leiden sind wesentlich unzertrennlich. Die Anordnungen der Natur sind vollkommen und unveränderlich. […] Ursache und Wirkung folgen auf einander, wie Mutter und Kind; und Niemand kann erleuchtet werden, der nicht die Wahrheit und das Praktische dieser Lehre einsieht.“[6] Diese Auffassung schloss Geheimwissen aus, da es als solches nicht zum Wohle der gesamten Menschheit genutzt werden könne. Insbesondere attackierte er das Geheimwissen der Ärzte: „Jedermann hat das Recht, sich selbst kennen zu lernen; das heisst, die medicinische Weisheit sollte in jedes Menschen Besitz sein. Die sogenannten medicinischen Geheimnisse sind das Eigenthum des Volkes.“[7]

In der vierten Vorlesung über „Classification der Liebesarten und die Ansicht von der Welt der Ehe“ konstruierte Davis eine ideale Liebesleiter, die von den primitiven Niederungen der „Selbstliebe“ zu den Höhen der „allgemeinen Liebe“ reicht.[8] Zunächst unterschied er drei Arten des so genannten Liebesprinzips: „hinsicht der natürlichen Thätigkeit, der übermässigen oder extremen Thätigkeit und der verkehrten oder umgekehrten Thäthigkeit des Liebesprincips.“[9] Sodann unterschied er sechs Formen oder Erscheinungsweisen des Liebesprinzips. (1) „Die erste und niedrigste Art der Liebe ist die Selbstliebe.“ (2) Die „eheliche Liebe“ sei der Normalfall und „die einzige Macht in der Natur des Menschen, welche die Bedingungen vorschreiben kann, die zu diesen Resultaten [u. a. Gleichgewicht des Lebens herstellen] führen. Ohne diese Liebe würde es keine Ehe im Universum geben.“ Die extreme Thätigkeit der ehelichen Liebe sei Wollust und Ruchlosigkeit, die verkehrte Thätigkeit sei Menschenscheu und Selbsbefleckung. (3) Die „elterliche Liebe […] ist eine Weiterentwicklung der Lebensabtheilung der Seele.“[10] Ihr Extrem sei die „leidenschaftliche Verliebtheit in Kinder“, ihre Verkehrung die „Verabscheuung des Jugendlichen“. (4) Die „brüderliche Liebe […] ist eine noch höhere und weitere Ausdehnung des Geistes.“[11] Das Zauberwort sei „Brüderlichkeit“, das dem evangelischen Spruche: „Liebe zum Menschen: Liebe zu Gott“ entspreche. Ihr Extrem sei der Enthusiasmus, ihre Verkehrung Krieg und Menschfresserei. (5) Die „kindliche Liebe […] erhebt die Augen der Seele zu ihren wirklichen oder eingebildeten Vorgesetzten und Höherstehenden.“ Das Extrem seien götzendienerische Empfindungen, wie etwa die Neigung, „den Geist des Alterthums ungerecht zu preisen und zu verehren.“ Die Verkehrung sei der Zweifel über Existenz der Engel und des höchsten Wesens. (6) Die „allgemeine Liebe […] breitet ihre Schwingen aus und trägt die Seele zu grenzenlosen Gebieten. Sie hält nichts für unrein; nichts für menschliche Interessen fremd. […] Sie erzeugt den Gedanken einer unversalen Sympathie und einer gegenseitigen allgemeinen Abhängigkeit voneinander.“ Das Extrem sei der Wahnsinn, die Verkehrung bestehe aus Weltverachtung à la Diogenes.[12] Diese sechs Liebesarten seien „Engel des Himmelreiches in euch“, wie Davis unterstrich.

Interessant ist die Verknüpfung dieser anthropologischen Liebeslehre mit der zeitgenössischen phrenologischen Gehirn- oder Schädellehre, die ja in den USA im ausgehenden 19. Jahrhundert noch sehr populär war. So meinte er: „Die ersteren drei [Liebesarten] nehmen im menschlichen Hirnschädel ebenso viel Raum ein, als von dem ganzen Gehirn des niedern Thieres eingenommen wird.“[13] Mit einer Serie von Illustrationen wollte er seine Lehre in sehr freier Anlehnung an die Phrenologie veranschaulichen. Tatsächlich hatte er mit dieser nichts gemein außer der lokalisatorischen Zuordnung bestimmter psychischer Anlagen zu bestimmten (bei Davis gänzlich phantasierten) Hirnarealen. So sollte der „Musterkopf“ die proportionale Verteilung der sechs Liebesarten in bestimmten (phantasierten) Gehirnpartien aufzeigen, die in den Querschnitt eines Schädels schematisch eingezeichnet waren. (Abb. [i]) Nun gab es nach Davis, wie oben angedeutet, zwei Formen der Abweichung und somit zwei Klassen von Abweichlern: die Extremisten und die Inversionisten. Zu Ersteren zählte er David, Salomon, Zoroaster und u. a. auch die Mormonen; zu Letzteren zählte er ägyptische Sonnenpriester, Jesus und Paulus sowie katholische Priester, „auch die Selbst-Pollutionisten oder Onaniten (Selbstbefleckung und Unzucht Treibenden) beiderlei Geschlechts“ und gläubige Shaker.[14] Die Abbildung „einer verfeinerten weiblichen Extremistin, wie sie in ihrer Kleidung und in der Gesellschaft erscheint“ zeigt einen Frauenkopf mit nach vorn gewölbter Stirn und etwas abgeflachten Schädeldach. (Abb. [ii]) Die korrespondierende Abbildung zeigt dieselbe Extremistin, „deren innere Seelenstätte uns blossliegt“ (Abb. [iii]) Im Vergleich zum „Musterkopf wird nun demonstriert, worin die Abweichung beruht: Anstelle der „Erkenntnis“ hat sich in der Stirnregion die „kindliche Liebe“ eingenistet und die Region der „Weisheit“ in der Scheitelregion scheint abgeflacht und angegriffen. Ähnlich schematisch wird der „verfeinerte männliche Extremist“ vorgestellt, zunächst wie er äußerlich erscheint. (Abb. [iv]) Der Querschnitt durch seinen Kopf offenbart, „wie er in seinem Innern erscheint“ (Abb. [v]) Im Unterschied zur Extremistin haben sich hier „Selbstliebe“ und „eheliche Liebe“ auf Kosten von „Erkenntnis“ und „Weisheit“ nach oben ausgedehnt.

Davis integrierte auch die eugenischen Ideen seiner Zeit und führte Erbkrankheiten auf den Missbrauch des „ehelichen Princips“ zurück: „Die extreme Thäthigkeit des ehelichen Princips ist […] ein Uebel, weil sei die scheusslichsten Verletzungen und Laster der Nachkommenschaft mittheilt.“[15] Trunkenbolde, Lügner, Diebe, Räuber und Mörder, diese „unglücklichen Feinde der Interessen der Gesellschaft“ seien nicht von Gott gemacht, „sondern von dem Missbrauche des ehelichen Prinicips seitens der Extremisten! Tausende von Kindern sind mit Uebeln geboren, deren die Eltern nicht im Geringsten verdächtig waren.“[16] Eine Abbildung zeigt den „Geisteszustand eines männlichen Inversionisten“ (Abb. [vi]) Die Legende beschreibt die wesentlichen Abweichungen: „B. Ganz verkehrte eheliche Liebe“ und „D. Verkehrte brüderliche Liebe“. Davis bemühte auch diätetische Auffassungen,  um pathologische Abweichungen zu erklären, beispielsweise die Schädlichkeit des Kaffees für die eheliche Liebe, eine „sekundäre Ursache des ehelichen Uebels“: „Wer spickt seine Unterhaltung mit zügellosen Reden? Wer ist der grösste Extremist, oder der niedrigste Inversionist? Dieselbe Antwort klingt wieder: der Kaffeetrinker.“[17]

Davis vertrat eine merkwürdige Philosophie der Ehe, die er in eine „vergängliche“ und eine „dauernde Ehe“ aufteilte. Es gebe nämlich „zwei Hemisphären oder Seiten des ehelichen Verhältnisses“: die „Blutliebe“ und die „geistige Liebe“.[18] Erstere sei „Gewalt“, letztere „Anziehung“.  Er zeichnete eine „Stufenleiter der Ehe“ mit sieben Stufen: von der untersten, ersten Stufe („geschlechtliche Ehe“) bis zur obersten, siebten Stufe („harmonische Ehe“). Die „geschlechtliche Ehe“ sei die „niedrigste Form zwischen menschlichen Wesen.“[19] Swedenborg habe sie unter dem Namen der „buhlerischen Liebe“ beschrieben und so urteilte  Davis: „Jede auf diese Anziehung gegründete Ehe ist brutal, selbstisch, unächt und unbeständig. […] es kann keine Ehe stattfinden zwischen zwei buhlerischen Anziehungen, weil nichts Heilsames und Gesundes in ihnen liegt.“ Der Aufstieg über die „zufällige“, „verständige“, „religiöse“, „geistige“, „himmlische“ zur „harmonischen Ehe“ als höchste Stufe glich einem Prozess der Reinigung und Vergeistigung und erinnert insofern an den Topos von der Himmelsleiter (Kap. 34). Das Wort „harmonisch“ weise darauf hin, dass diese Ehe „alle vorhergehenden Entwicklungsformen in sich einschliesst und sie alle mit einer himmlischen Bedeutung krönt.“[20] Sie bedeute in letzter Konsequenz die „absolute Vermischung zweier Seelen“. Dieses Verhältnis sei „auf Erden für Alle erreichbar, welche […] geistig vereinigt sind“.[21] Wiederum sei Swedenborg sein Kronzeuge, „als er die höhere Lieblichkeit der wahrhaft und dauernd Verehelichten erblickte: sie erscheinen [sic] ihm schöner, unsaussprechlich herrlicher und mit einer Atmosphäre der Reinheit und vervollkommnungsfähigen Liebe umgeben.“

Davis vertrat darüber hinaus auch eine eigene Temperamentenlehre, die er auf eigenwillige Weise mit geschlechtsspezifischer Polarität ausstattete und in einer Tabelle aufführte.[22] Dabei griff er auf gender-spezifische Klischees zurück: „Die Frau hat ein positiv sensitives (oder sinnliches) Temperament, welches in seiner Verbindung mit ihrem negativ bewegenden und passiv muskulären Temperamente sie zu häuslicher Beschäftigung, zu körperlicher Ruhe und zur Ansammlung einer Ueberfülle weichen Stoffs geneigt macht. Der Mann dagegen mit einem positiv bewegenden, negativ muskularen und passiv ernährenden Temperamente ist zu auswärtigen Geschäften, zu starker Thätigkeit und zu Lungen- und katarrhalischen Störungen geneigt.“ [23] In der Ehe müssten die Temperamente zusammenstimmen, sonst würden kranke Kinder gezeugt. Die Erde erschien Davis als „die regelrecht organisirte Fabrik der menschlichen Gattung“. [24]  Sie sei „eine Erziehungsanstalt für die Jugend, aus welcher die wohl geborene, die wohl erzogene und harmonsich entwickelte, von allem, was grob und fesselnd ist, befreite Seele gelegentlich aufzusteigen vermag zu den höchsten Sphären der Liebe und der Weisheit.“ Die modernen Führer des Fortschritts sollten Jesus als „ein glorreiches Beispiel der Unabhängigkeit“ nachahmen, „denn der Herr unser Gott, der Allmächtige, regieret noch.“[25] Am Beispiel von Andrew Jackson Davis, dem „Seher von Poughkeepsie“,[26] lässt sich mustergültig nachvollziehen, wie komplex, synkretistisch, willkürlich und phantastisch in der „Neuen Welt“ lebensreformerische Heilslehren begründet wurden.


[1] Davis [1867], 1874. [2] http://en.wikipedia.org/wiki/Andrew_Jackson_Davis (8.04.2012) [3] Davis [1867], 1874, S. LXXXIII. [4] A. a. O., S. 19. [5] Zit. a. a. O., S. 20. [6] A. a. O., S. 65. [7] A. a. O., S. 71. [8] A. a. O., S. 77-103. [9] Ebd., S. 77. [10] A. a. O., S. 82. [11] A. a. O., S. 83 f. [12] A. a. O., S. 84 f. [13] A. a. O., S. 85. [14] A. a. O., S. 103. [15] A. a. O., S. 124. [16] A. a. O., S. 125. [17] A. a. O., S. 163. [18] A. a. O., S. 344. [19] A. a. O., S. 345. [20] A. a. O., S. 351. [21] A. a. O., S. 352. [22] A. a. O., S. 412. [23] A. a. O., S. 411 f. [24] A. a. O., S. 415. [25] A. a. O., S. 493. [26] Bonin, 1981, S. 121.

[i] Davis [1867], 1874, S. 86; → Abb. Davis Musterkopf [ii] Davis [1867], 1874, S. 116; → Abb. Davis Extremistin [iii] Davis [1867], 1874, S. 118; → Abb. Davis Extremistin  innere Seelenstätte [iv] Davis [1867], 1874, S. 117; → Abb. Davis Extremist [v] Davis [1867], 1874, S. 119; Abb. Davis Extremist innere Seelenstätte [vi] Davis [1867], 1874, S. 132; Abb. Davis Inversionist