Epilog/2* Larven statt Götterbilder? [+ Audio]

Audio on youtube: http://youtu.be/3scpXzSSqRs

Novalis formulierte ein denkwürdiges Aperçu: „Sonderbar, daß das Innre der Menschen nur so dürftig betrachtet und so geistlos behandelt worden ist. Die sogenannte Psychologie gehört auch zu den Larven, welche die Stellen im Heiligthum eingenommen haben, wo ächte Götterbilder stehn sollten.“ [1] Diese Anmerkung ist hilfreich, um die allgemeine Abwehr gegen das Thema „Magie der Natur“ im gegenwärtigen Diskurs der Wissenschaften und insbesondere der naturwissenschaftlich fundierten Lebenswissenschaften besser zu begreifen. Die wichtigste traditionelle Abwehrformel gegen „Magie“ lautete: „Aberglauben“ oder superstitio, wie der lateinische Ausdruck heißt. Die modernere Version lautet „Suggestion“ oder – in etwas älterer Begrifflichkeit – „Einbildung“. Diese Termini sind, um mit Novalis zu sprechen, die „Larven“ der Psychologie. Sie erklären „Magie“ zu mehr oder weniger intelligenten und durchaus wirkungsvollen Hirngespinsten. Selbst der großartige Versuch von C. G. Jung, die Symbole der Alchemie als Archetypen des kollektiven Unbewussten und den alchemistischen Prozess als einen Weg der spirituellen Selbstfindung zu deuten, stellt eine Psychologisierung dar und ist letztlich eine psychologische Larvierung. Sind die Götterbilder aus dem Tempel – und ist damit auch die Bedeutung des Tempels selbst, falls dessen Bau noch erkennbar ist – verschwunden? Manches spricht dafür: „Naturdinge“ sind zur verfügbaren Masse für den globalen Markt geworden und die „Macht des Geistes“ erscheint als sozialpsychologische Rechengröße fürs marketing. Die von Nietzsche ins Spiel gebrachte Formel „Gott ist tot“ überdeckt die nicht minder bedeutsame, aber weniger gebrauchte Formel: „Natura ist tot“. Die verzweifelten Wiederbelebungsversuche auf Kirchentagen oder Klimagipfeln können nicht davon überzeugen, dass statt der „Larven“ tatsächlich „Götterbilder“ im Tempel aufgerichtet werden. Karl Marx benutzte den Begriff der Charaktermaske, um die Rolle des sich selbst entfremdeten Menschen im Kapitalismus zu charakterisieren. Die Larven, von denen Novalis sprach, entsprechen solchen „Charaktermasken“. Sie fixieren den Menschen und richten ihn für ein Schauspiel zu, dessen Regisseur er nicht kennt. Es gibt vielleicht keine stärkere Macht der Fixierung als die Wissenschaft, kein unerbittlicheres Glaubenssystem, das die Menschheit hervorgebracht hat. Ihre Unerbittlichkeit liegt darin, dass sie Gesetzlichkeiten vorgibt, die keine Ausnahme, kein Jenseits, kein ganz Anderes zulassen – und schon gar keine „Magie der Natur“, die mehr sein könnte als ein bloßes Vorspiel zur Entwicklung der rationalen Naturwissenschaft.

Insofern bekenne ich mich zu einer Naturphilosophie, die Gott und Natur – und somit auch den Menschen – nicht für tot erklärt, sondern möglicherweise für wieder entdeckbar, wieder erfahrbar – und wieder verehrbar. Eine solche Wiederbelebung bestünde nicht nur in einer ökologischen Renovierung der „natürlichen Ressourcen“ unserer Umwelt, sondern auch in einer seelische Erneuerung unserer Innenwelt, einer umfassenden reanimatio naturae – ein Terminus, den es nach Internet-Recherche erstaunlicherweise bislang noch nicht gibt.[2] Es mögen viele Wege dahin führen. Ein Weg ist die historische Vergegenwärtigung jener natürlichen Magie oder magia naturalis, deren Leitmotiv das Heilen-Können mithilfe göttlicher Weisheit war. In der Redeweise von Novalis wäre es die Aufgabe einer zukünftigen Medizin, „ächte Götterbilder“ anstelle von „Larven“ in ihren Tempeln der Wissenschaft aufzustellen. Wer aber vermag schon mit Sicherheit Götter- von Götzenbildern zu unterscheiden? Skepsis, Selbstkritik und Demut sind angebracht.                


[1] Novalis, 1805, S. 180. [2] Fehlanzeige bei Google-Suche (21.07.2012)

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# Epilog: „ … wo ächte Götterbilder stehn sollten“ [+ Audio]

Dieser Beitrag auch als Video bzw. Audio am Todestag meiner Mutter aufgenommen

Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,

Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer

Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,

Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,

Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.

Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel

Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde

Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,

Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.

[…]

Ohne dich dringt kein sterblich Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,

Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:

Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,

Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.

Lukrez: De rerum natura (55 v. Chr.)[1]

Sonderbar, daß das Innre der Menschen nur so dürftig betrachtet und so geistlos behandelt worden ist. Die sogenannte Psychologie gehört auch zu den Larven, welche die Stellen im Heiligthum eingenommen haben, wo ächte Götterbilder stehn sollten.

Novalis: Fragmente vermischten Inhalts (1799/1800)[2]

Die Magie bietet der Geschichtswissenschaft ein weitläufiges Arbeitsfeld. Die Übergänge zu Grenzgebieten wie Belletristik, Esoterik und Parapsychologie, um nur einige anzudeuten, sind fließend. Historische Romane, die sich mit Motiven der Magie befassen, verdanken ihre Attraktivität der unausrottbaren Sehnsucht nach dem Wunderbaren und der Aussicht, dieses durch eine gezielte Übung oder bestimmte Einstellung in Erfahrung bringen zu können. Der Begriff der Magie löst heute recht unterschiedliche Assoziationen aus, als da sind: harmloser Varieté-Zauber, wie er anlässlich von Kindergeburtstagen oder zum Abschluss von wissenschaftlichen Kongressen beliebt ist; gefährlicher Teufelskult, wie er in satanistischen Sekten gepflegt wird; gelehrte Anstrengungen im Bunde mit dem Bösen à la „Faust“, um die Naturkräfte dem Menschen dienstbar zu machen; parapsychologische oder paramedizinische Methoden, um außersinnliche Wahrnehmungen und telepathische Fernwirkungen zu erforschen bzw. therapeutisch anzuwenden. In jedem Fall stellt „Magie“ eine Gegenwelt dar, welche unseren Alltag übersteigt und vielfach als dessen „Jenseits“ erscheint. Heutige Zauberkünstler gaukeln wie viele ihrer Kollegen in früheren Zeiten diese Gegenwelt zur Belustigung des Publikums vor: Magie erscheint dann als technischer Trick. Satanskulte feiern ihre abartigen Rituale in passendem Ambiente mit exquisitem outfit: Magie als schwarz gefärbte performance, bei dem Spaß und Ernst nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Die schöngeistige Beschäftigung mit den Phänomenen der Magie in unterschiedlicher Ausprägung historisiert diese und rückt sie in eine ästhetisch annehmbare und ansprechende Distanz: Magie als kulturelles Erbe, das tiefe Erinnerungsspuren in unserem kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat. Und schließlich befassen sich manche Wissenschaftler mit Grenzgebieten der Medizin und Psychologie, um magisch anmutende Phänomene wie etwa Telepathie oder Geistheilung wissenschaftlich aufzuklären: Magie als zu entzauberndes Objekt der Wissenschaft. Bleibt noch jene Gruppe von heutigen Magiern zu erwähnen, die als Heiler oder Hellseher auftreten und von wissenschaftlicher Seite zumeist als Scharlatane oder Betrüger aufgefasst werden: Magie als professionelles Betätigungsfeld, als Dienstleistung auf dem esoterischen Gesundheitsmarkt.

Ich kann mich selbstverständlich mit keiner der genannten Auffassungen identifizieren. Der Grund hierfür ist nicht, dass ich noch eine weitere Definition oder Auffassung von Magie anzubieten habe. Vielmehr stört mich die jeweilige Reduktion des Magie-Begriffs auf eine bestimmte Sichtweise, die andere ignoriert oder gar ausschließt. Ich vermute, dass nur die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Interpretationen zu neuen („wissenschaftlichen“) Erkenntnissen führen kann. So plädiere ich für eine synchrone Achtsamkeit. Magisches spielte sich in der Vergangenheit ab – und ist zugleich auch in der Gegenwart anzutreffen. Zauberkunst ist Tricktechnik – und doch gibt es charismatische Menschen, die ohne in die Trickkiste zu greifen magisch Anmutendes zuwege bringen. Ist die heutige Geringschätzung der Magie als Hybris einer Welt anzusehen, die von ihrem eigenen wissenschaftlich-technischen Fortschritt so fasziniert, ja verhext ist, dass das Weiterdenken der in ihr lebenden Menschen blockiert wird? Und was heißt Weiterdenken, wenn nicht: in die Weite denken?


[1] Übersetzung von Hermann Diels (1924); http://www.textlog.de/lukrez-preis-venus.html (8.04.2011). [2] Novalis, 1805, S. 180.

# Prolog: Überwindung der Magie durch Wissenschaft?

Man lasse ein Kind eine Maschine, einen Landmann ein Schiff beschreiben, und gewiß wird kein Mensch aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schöpfen können, und so ist es mit den meisten Geschichtsschreibern, die vielleicht fertig genug im Erzählen und bis zum Überdruß weitschweifig sind, aber doch gerade das Wissenswürdigste vergessen […]. Wenn ich das alles recht bedenke, so scheint es mir, als wenn ein Geschichtschreiber notwendig auch ein Dichter sein müßte, denn nur die Dichter mögen sich auf jene Kunst, Begebenheiten schicklich zu verknüpfen, verstehn. […] Es ist mehr Wahrheit in ihren Märchen, als in gelehrten Chroniken.

               Novalis: Heinrich von Ofterdingen (1799/1800)[1]

 

Geschichte ist nichts Vorgegebenes wie Natur, Geschichte ist selbst schon ein Kunstprodukt. Nicht alles, was je geschehen ist, wird Geschichte, sondern nur das, was Geschichtsschreiber irgendwo und irgendwann einmal der Erzählung für wert erachtet haben. Erst Geschichtsschreibung schafft Geschichte. Geschichte – um es ganz scharf zu sagen – ist keine Realität, sie ist ein Zweig der Literatur. […] Im übrigen muß auch der wahrheitsliebendste und tatsachentreueste Geschichtsschreiber in gewissem Sinne immer dichten, sonst wird keine Geschichte daraus.   

                                                             Sebastian Haffner: Was ist eigentlich Geschichte? (1972) in „Historische Variationen“ (2003)[2] 

                                                              

Die Herausforderung ist klar: Wie Butler und Yates müssen wir versuchen, nicht nur Historiker, sondern auch Magi zu sein.                           

Anthony Grafton: Der Magus und seine Geschichte(n) (2003)[3]

 

Ich fand es überraschend, dass „Magie der Natur“ als Buchtitel so großen Seltenheitswert hat. Im 20. Jahrhundert tauchte er – abgesehen von einem fotografischen Bildband – überhaupt nicht auf.[4] Das hat sich auch nach der Jahrtausendwende nicht geändert, wo ich ihn nur bei einem Ausstellungskatolog und einem illustrierten Sachbuch für Kinder (in englischer Sprache) ausfindig machen konnte.[5] Allenfalls beschäftigten sich spezielle wissenschafts- und kulturhistorische Werke mit der „Magia naturalis“ der frühen Neuzeit.[6] Selbst im 19. Jahrhundert erschien nur ein einziges Buch unter dem Titel „Magie der Natur“, das es freilich in sich hat: nämlich der als „Revolutions-Geschichte“ bezeichnete Roman von Caroline de la Motte Fouqué, den ich als einen Schlüsseltext für meine Studie ansehe und deshalb ausführlich referieren werde (Kap. 22 und 23). Während der Begriff der Magie heutzutage in der esoterischen Literatur ausgiebig gebraucht wird – man denke nur an das Genre der okkultistischen „Sexualmagie“[7] –, scheint er aus dem aktuellen Diskurs der Wissenschaften jenseits geschichtswissenschaftlicher Spezialstudien gänzlich verschwunden zu sein. Anders verhält es sich mit dem Begriff der Natur. Er ist durchaus Gegenstand interdisziplinärer wissenschaftlicher Konferenzen, wie ein einschlägiger Tagungsband der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zeigt.[8] In ihm werden „Wandlungen unseres Naturverständnisses und seine Folgen“ diskutiert. Obwohl mehrere Beiträge eine historische Perspektive einnehmen, wird die neuzeitliche Naturphilosophie als entscheidenede Impulsgeberin für die aufkommenden Naturwissenschaften weitest gehend ausgeblendet. So fehlen Stichwörter wie „Magie“, „natürliche Magie“, „Astrologie“, „Alchemie“, „Sympathie“ oder „Magnetismus“ gänzlich – und mit ihnen für die Wissenschaftsgeschichte maßgebliche Autoren wie Agrippa von Nettesheim, Paracelsus oder Della Porta. Man gewinnt den Eindruck, dass heutige Reflexionen über „Natur“ ganz im Banne der jüngsten Erkenntnisfortschritte stehen und keine Kraft mehr haben, in historische Gegenwelten einzutauchen und sich ihnen auszusetzen.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Doppelhelix der DNA, die so genannte Watson-Crick-Spirale, als biomolekulare Grundstruktur zum bekanntesten Insignium der modernen Lebenswissenschaften im Zeitalter der Molekulargenetik geworden ist und inzwischen ein beliebtes Motiv für Corporate Design und bildende Kunst darstellt.[9] Neben dieses Sinnbild der Molekularen Genetik taucht das Gehirnschema als Abzeichen der Neurowissenschaften auf. 1990 wurde von US-amerikanischen Neurowissenschaftlern die „Decade of the Brain“ ausgerufen, im Jahr 2000 auf „Initiative führender deutscher Hirnforscher“ das „Jahrzehnt des menschlichen Gehirns in Deutschland“.[10] Die Skulptur, die als „Kunst am Bau“ für das neue, im Mai 2012 eingeweihte Hauptgebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle (Saale) geschaffen wurde, kombiniert die beiden Sinnbilder der gegenwärtigen Lebenswissenschaften. Der Berliner bildende Künstler Roland Fuhrmann modellierte einen menschlichen Kopf transparent mit einem Doppelhelix-Faden. (Abb. [i]) Diese Skulptur im Foyer des ersten Obergeschoßes soll den Menschen „als Maß aller Dinge“ zeigen.[11] Sie korrespondiert mit einer Eule in der Freianlage, welche die „Weisheit“ verköpern soll und ebenfalls aus einer stilisierten Doppel-Helix modelliert ist. Fuhrmann erklärt: „Die skelettierten Plastiken wären ohne tomographischen Röntgenblick moderner Wissenschaft nicht möglich“.[12] Die Problematik dieses „Röntgenblicks“, nämlich die biomedizinische Reduktion des Menschen und seiner „Weisheit“, die in Form einer Doppel–Helix-Eule nur noch einmal den molekular zerlegten Kopfmenschen reproduziert, bleibt außer Betracht. Gegenüber einem solchen Leitbild wissenschaftlichen Fortschritts scheinen frühere Sinnbilder des Zusammenhangs von Mensch, Natur und Weisheit zu verblassen, ja überhaupt indiskutabel zu sein. Früheren Erkenntissen wird nämlich allzu leicht die Dignität abgesprochen, überhaupt „wissenschaftliche“ Erkenntnisse gewesen zu sein. Die von mir thematisierte „Magie der Natur“ soll jedoch mehr bedeuten, als nur ein dunkler Fleck in der Wissenschaftsgeschichte, eine längst überholte Auffassung im Sinne der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung: Sie kann selbst gleichsam zu einer mächtigen Lichtquelle werden und überraschende Aspekte hinter dem gewohnten Denken aufleuchten lassen.


[1] Novalis [1799/1800], 2008, S. 273. [2] Haffner [1972], 2003, S. 28 f. [3] Grafton, 2001, S. 26. [4] Feiniger, 1977.[5] Hornborstel (Hg.), 2006; De Koning, 2011.[6] Magia naturalis […], 1978; G. Scholz (Hg.), 2000. [7] Ashcroft-Nowicki, 1991. [8] Wobus et al. (Hg.), 2010. [9] A. a. O., S. 8. [10] http://www.sharpbrains.com/blog/2010/02/23/brain-neuroplasticity-implications/ (27.10.2011). [11] Furhmann, 2012. [12] Zit. n. Schnitzer-Ungefug, 2012, S. 71.


[i] Schnitzer-Ungefug, 2012; Furhmann, 2012; → Abb. Leopoldina Skulptur [Archiv der Leopoldina in Halle (Saale)]