49. Kap./9* „Mischung von Erotik und Mystik“ [+ Audio]

Zum Mithören mein Video/Audio auf Youtube

Auch bei der „sexuellen Revolution“ und der Studentenbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entfalteten, spielte die Karezza-Idee keine nennenswerte Rolle. Die wenigen Publikationen waren in einem idealistisch-pädagogischen Tonfall verfasst und erreichten die Masse nicht, wenngleich einschlägige Schriften von Cesare A. Dorelli (zu dessen Biografie keine Informationen vorliegen, möglicherweise ein Pseudonym) zwischen 1955 und 1975 zahlreiche Auflagen erlebten. Er idealisierte die „Karezza-Liebe“ als „Himmel auf Erden“.[1] Denn „Karezzakraft ist Lebenselixier und Jungbrunnen in einem.“ Die kosmische Dimension wurde vom Autor in den Vordergrund gestellt. Es gehe um die Liebe, bei der die Liebenden „sich völlig dem anderen verschenken, indem sie sich selbst aufgeben, und ihm das Größte geben, das sie besitzen: Die vom Himmel stammende, geläuterte, schöpferische Kraft, die im Sexualorgan zentralisiert ist, aber durch Wunsch, Gefühl und Liebe gelöst und auf den ganzen Körper verteilt und auf den Liebespartner übertragen werden kann.“[2] Diese Ausbreitung der Karreza-Kraft auf den ganzen eigenen Körper und ihre Übertragung auf den des Liebespartners standen im Mittelpunkt der Technik. Ihr ging es um Aufsaugen, Umgestalten, Überströmen, um „eine Art Magnetismus, der von einem zum anderen überstrahlt.“ Freilich: „Die Gegenseitigkeit der Strahlungs-Aufnahme (also nicht nur der Überstrahlung) ist eine gebieterische Notwendigkeit.“[3] An anderer Stelle wird Karezza als „beiderseitiges, unbegrenztes Verströmen des Liebesodems“ bezeichnet, sodass die Liebe und Seligkeit mit jeder Karezza-Umarmung wachse.[4] Die betreffende Erbauungsschrift predigte die Erlösung vom irdischen Elend und das Erreichen geistigen Heils mittels dieser sexuellen Technik. Der Mensch solle zu einer anderen Persönlichkeit, der Liebespartner zu einem „kosmischen Partner“ werden.[5] Es gehe um „den Weg nach oben“, um die „Erhöhung“ des Menschen, „den Weg ins Paradies“.[6]

Neben den Publikationen von Dorelli erschien zu diesem Thema nur noch die kleine Schrift „Carezza“ einer gewissen Dr. med. Marie de Nannie, die in deutschen Bibliotheken Seltenheitswert hat.[7] Über die Biografie der Autorin ist nichts bekannt. Im Anschluss an die Erfahrungen der Oneida-Gemeinschaft und das Werk der US-amerikanischen Ärztin Alice Stockham plädierte sie für Karezza zur „Reinigung der Lebensgestaltung auf allen Gebieten der Natur.“[8] Liebe sei der „Gipfel der großen inneren Magie. Sie ist die letzte Heilkraft für alle seelischen Leiden.“[9] Durch die übliche Sexualität werde das Leben „sexuell ausgelaugt, geistig schal und leer“, unersetzliche Lebenskraft werde verschwendet.[10] Wie bei Dorelli soll „inniges Aneinanderschmiegen“ bei der Karezza-Liebe magnetische Kräfte auslösen, „die von dem einen zum andern überströmen und in einem anhaltenden, beseligenden Wohlgefühl die Höhen des menschlichen Daseins erreichen, den Himmel erahnen lassen.“[11] Somit wurde die „gegenseitige Stärkung in magisch belebender Kraft“ angestrebt.[12] Explizit bezog sich die Autorin auf Franz Anton Mesmer, welcher der Heilwirkung durch magnetische Berührung in Europa zum Durchbruch verholfen habe. Überhaupt erscheint der Mesmerismus hier als der wichtigste Bezugspunkt: „Wer Carezza [durchweg mit „C“ geschrieben] beherrscht, hat den Lebensmagnetismus in den Fingern, er strahlt ihm aus den Augen, schwingt in seinen Worten und überträgt seine Kraft oft sogar schon aus der Entfernung auf den geliebten Menschen.“[13] Die „magnetischen Kräfte“, die alle Körperorgane stärke, die „schenkend und empfangend“ beteiligt seien, werden in bunten Farben geschildert und in höchsten Tönen gelobt: „Im Austausch der magnetischen Kräfte fühlen sich die Liebenden ganz und gar eins, alles Trennende schwindet, der gleiche Blutstrom scheint in ihren Adern zu kreisen, Krankheit und Leiden werden durch die zielbewußten Wünsche des Gefährten gemildert, wunderbare Heilkräfte treten in Aktion.“[14] Diese würden auf der „Sublimierung der Begierden“ und auf „reiner Liebe“ aufbauen, niemals träten dabei „Übersättigung oder Monotonie“ ein, Karezza ermögliche eben „ein beliebig häufiges Beisammensein“.[15]

Als Ärztin wollte de Nannie vor allem die „primitive Einstellung zur Sexualität“ verändern, denn der Sexualtrieb sei entgegen der landläufigen Meinung durchaus beeinflussbar und besitze keine absolute Macht.[16] „Da aber der Geschlechtstrieb variabel ist, liegt es an uns, das Beste daraus zu machen und unser Liebesleben immer reicher auszugestalten, denn ‚jeder hat die Sexualität, die er verdient’.“[17] Sie kontrastierte die „trübe Trauer“ nach dem üblichen Koitus (gemäß dem Ausspruch des Aristoteles „post coitum omne animal triste est …“) mit der „frohen Beschwingtheit“ nach einer geglückten Karezza-Vereinigung.[18] Die gemeisterte Sexualverbindung in der „tiefsten Liebesverschmelzung“ führe im Gegensatz zum gewöhnlichen krampfartigen Vorgang der Begattung dazu, „die kosmische Intelligenz frei in uns strömen zu lassen.“[19] Die Autorin unterstrich noch einmal Stockhams These, dass bei richtiger Einstellung „ein solcher Verkehr ohne Samenerguß und ohne Krisis [Orgasmus]“ zu völliger Befriedigung führe.[20] Sie pries Karezza als „die große Kunst der Liebe“, die gerade auch von der Frau „Sanftmut und Geduld“ verlange. Ihre „zarte, magnetisch wirkende Berührung“ habe sowohl die Macht, „die stürmische Erregung zu dämpfen oder die beruhigten Fluten zu erneutem Strömen zu beleben.“[21] Freilich waren nicht die wunderbaren physiologischen Wirkungen das Hauptziel, sondern die Umwandlung der „in der Sexualzone aufgespeicherten Energien […] in schöpferische Gestaltungskräfte auf geistigem Gebiet.“[22] So strebte die Autorin nach der richtigen „Mischung von Erotik und Mystik“ unter der „Kontrolle der Geistseele“ und schwärmte in quasi theosophischer Manier von Wegen, „die aus der Finsternis der irdischen Bedrängnis in die Heimat des ewigen Lichtes führen.“

Ein Arzt und Psychoanalytiker ist schließlich noch zu erwähnen, der sich ausführlich mit Karezza auseinandersetzte und ihre wohltuende Wirkung mit einer erstaunlichen Theorie würdigte. So weit ich die Literatur überblicke, stellt er wahrscheinlich die einzige Ausnahme in seinem Berufszweig dar. Rudolf Urbantschitsch, ein Freud-Schüler, den wir bereits im Kontext der Onaniedebatte erwähnt haben (Kap. 44), war ab 1908 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und musste dreißig Jahre später in die USA emigrieren. In seinem 1949 publizierten Buch „Sex Perfection and Marital Happiness“ ging er ausführlich auf Karezza und ähnliche Sexualpraktiken ein.[23] Er hatte es nach 45jähriger Praxis als „psychologischer Berater“ dem Richter Henry G. Jorgensen gewidmet, „Richter des Oberen Gerichtshofes im Bezirk Menterey, Californien“. Das fünfte Kapitel („Die sechs Gebote im Geschlechtsverkehr“), „der wichtigste Teil dieses Buches“, enthielt die „Quintessenz von einer mehr als dreißigjährigen Erfahrung.“[24] Man spürt die Überwindung, mit der der Autor hier eine Art confessio ablegt. Dreißig Jahre habe der Autor gezögert, seine Entdeckungen zu veröffentlichen, „weil er sie nicht wissenschaftlich beweisen konnte, trotzdem sie sich in der Praxis vollkommen bewährt hatten. Jetzt aber ist er entschlossen, seinen Lesern gewisse Erfahrungen bekanntzugeben, so unglaublich sie auch scheinen mögen.“

Gleich zu Anfang seiner Ausführungen betonte Urbantschitsch, dass seine technischen Ausdrücke „Elektrizität“, „Ausstrahlungen“ oder „bio-elektrische Potential-Differenz“ „eher vergleichsweise, denn wörtlich genommen werden [sollen].“ Denn die Theorie der Elektrizität sei, bezogen auf das Sexualleben, eben „noch nicht Allgemeingut der Wissenschaft geworden.“ Er ging von der Frage aus, warum ein Paar, das sich liebe, doch auseinandertreibe: „Warum wird die Frau frigid und reizbar und der Mann irritiert und nervös oder sogar impotent?“[25] Seine Antwort war schlicht und entsprach seinem naturalistisch-physiologischen Verständnis, das ihn zu erstaunlichen Schlussfolgerungen führen sollte: „Weil die Natur der Liebe und der Sexualität und die Gesetze, die ihre Äußerungen regieren, nicht verstanden worden sind.“ Urbantschitsch ging ausdrücklich von seiner eigenen Erfahrung aus, „daß zwischen den Körpern von Mann und Frau eine bio-elektrische Potenzialdifferenz herrscht, welche bei einem richtig geführten Sexualakt ausgeglichen werden kann, wonach sich beide Partner entspannt, glücklich und befriedigt fühlen.“ Um seine Auffassung zu belegen, führte er eine Reihe von „Tatsachen“ ins Feld. An erster Stelle schilderte er die „Erlebnisse eines orientalischen Ehepaars“, das er in seinem Tagebuch unter dem Datum des 6. Februar 1916 in Damaskus festgehalten hatte. Der Bericht stammte von einem gewissen Dr. A. B., einem ehemaligen Patienten seines „Cottage-Sanatoriums für Nerven- und Stoffwechselkranke“ im Wiener Gemeindebezirk Währing.

Einmal habe das Paar eine Stunde lang nackt auf einer Couch in einem verdunkelten Zimmer gelegen, „einander liebkosend, aber ohne die letzte Vereinigung zu vollziehen“. Als sie in völliger Dunkelheit aufstanden, sei die Frau plötzlich sichtbar gewesen: „Sie war von einem Schein grünlich-blauen, mystischen Lichts umgeben. Es war wie ein Heiligenschein, nur mit dem Unterschied, daß er nicht nur ihren Kopf, sondern ihren ganzen Körper umgab und nebelhaft dessen Umrisse zeigte.“ [26] Als er seine Hand nach ihr ausstreckte, sei eine elektrischer Funke von ihr auf ihn übergesprungen: „sichtbar, hörbar und schmerzhaft. Wir schraken beide zurück.“ Damit schien Reichenbachs „Od“-Lehre (Kap. 28) bestätigt, die Urbantschitsch zunächst nicht ernst genommen hatte. Eine bio-elektrische Spannung zwischen zwei menschlichen Wesen könne demnach, so unglaublich es scheine, groß genug werden, um sichtbare Funken zu erzeugen. Urbantschitsch war neugierig geworden und spekulierte über physiologische Erklärungen dieses Phänomens. Auf seinen Rat hin unternahmen die „Jungvermählten“ in den folgenden Wochen eine Reihe von Experimenten, „von denen sie mir dann mit allen Einzelheiten erzählten. Ihre Berichte bildeten die Grundlage für eine vollkommen neue Auffassung vom Mechanismus des Geschlechtsverkehrs.“[27]

Die Versuche ergaben Folgendes: Eine fünf Minuten dauernde „vollständige, sexuelle Vereinigung“ nach einer Stunde „in innigem körperlichen Kontakt“ führte trotz der Befriedigung durch den Orgasmus zum späteren Überspringen von Funken, ein Zeichen also, „daß […] die elektrische Spannung zwischen ihnen noch bestand.“ Aber auch nach einem 15 Minuten dauernden Geschlechtsakt einige Tage später waren „nachher Funken sichtbar.“ In einem weiteren Versuch gab es schließlich nach einer 27 Minuten dauernden sexuellen Vereinigung „zwischen den Liebenden keine Funkenübertragung mehr. Die 27-Minuten-Periode war der entscheidende Faktor.“ Dauerte der Sexualakt kürzer, vergrößerte sich der Abstand, den die Funken übersprangen, „ein Zeichen dafür, daß die Potentialdifferenz zwischen den Körpern der jungen Leute durch jeden kurzfristigen Geschlechtsakt vergrößert wurde.“[28] Dauerte er eine halbe Stunde oder länger, war er „von einer vollständigen Entspannung gefolgt und das Verlangen nach einer Wiederholung des Vorgangs erwachte nicht vor fünf oder sechs Tagen“. Ein einstündiger Akt, so habe sich ergeben, befriedigte das Paar für eine Woche, ein zweistündiger für zwei Wochen. „die gleich anhaltende Entspannung wurde auch bei längerem körperlichem Kontakt, ohne sexuelle Vereinigung, hervorgerufen.“[29]

Urbantschitsch fand diese Ergebnisse durch „Beobachtungen gewisser, sexueller Praktiken mancher Eingeborenenstämme“ bestätigt.[30] Er bezog sich auf die seinerzeit viel diskutierte Sexualmoral der „Eingeborenen auf den Trobriand-Inseln“, die vor allem durch den US-amerikanischen Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski thematisiert worden war. Dieser hatte 1929 sein epochemachendes Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ veröffentlicht und damit ein großes Echo bei Ethnologen, Sexualwissenschaftlern und Psychoanalytikern hervorgerufen. Der innige Hautkontakt der Mütter mit den Kleinkindern, das Geschlechtsleben der Mädchen auf Probe nach der Pubertät mit verschiedenen Partnern und die besondere Methode des Sexualakts belegten nach Urbantschitschs Auffassung die Wirkung der Bioelektrizität. „Wenn der Geschlechtsakt beginnt, liegen die Liebenden − bevor sie irgend eine Bewegung machen − wenigstens eine halbe Stunde, manchmal auch länger, innig vereint und ruhig da. Nach dem Höhepunkt der Vereinigung bleiben sie noch eine lange Zeit beieinander, bis − um in unserer Theorie zu bleiben − die zwischen ihnen bestandene elektrische Spannung vollkommen ausgeglichen ist.“[31] Auch in diesem Zusammenhang übernahm Urbantschitsch die Freud’sche Lehre von dem vaginalen Orgasmus der Frau als Norm (Kap. 44). Der Mann berühre niemals „die Clitoris seiner Gattin“, auch müsse sich die Frau solchen Gefühlen entsagen, die für das Kind charakteristisch seien: „Nach der Pubertät konzentrieren sich die Gefühle normalerweise in der Vagina.“ Offenbar gab es eine religiöse Motivation für dieses Sexualverhalten. Die Trobriander nahmen an, dass nach einer Stunde der Vereinigung die Seelen der Vorfahren diese segnen würden. Die vollkommene körperliche Entspannung und die bequeme Haltung waren hierfür erforderlich, auch das übliche Zusammenschlafen ohne Geschlechtsverkehr, „die beiden geöffneten Beinpaare ineinander verschlungen, wie zwei Zangen, auf eine Weise, dass die Sexualorgane in innigsten Kontakt kommen, doch ohne Eindringen in die Vagina.“[32] In der damals üblichen Idealisierung dieser Sexualmoral als Quelle allen Lebensglücks kam Urbantschitsch zum Schluss: „Die Ehen verlaufen harmonisch, Scheidungen sind unbekannt und Neurosen existieren nicht.“[33]

Als weiteren Beleg für seine „bioelektrische“ Lehre zog Urbantschitsch die „Karezza-Methode“ heran. Dabei unterliefen ihm einige Fehler. So meinte er, das Wort „Karezza“ (Liebkosen) bedeute „Aufgeben“, „Entsagen“. Man habe nur der „männlichen Ejakulation“ zu entsagen, sonst ändere sich an der sexuellen Vereinigung nichts. Dies war nicht ganz zutreffend, da ja auch von der Frau eine zügelnde Kontrolle verlangt wurde. Im Übrigen aber sah Urbantschitsch in dieser Sexualpraktik eine Bestätigung seiner Lehre, nämlich „daß während dieser besonderen Art der Umarmung ein noch viel vollkommenerer Ausgleich [als beim normalen Geschlechtsakt] der elektrischen Spannung zwischen den beiden Partnern eintritt und sie sich deshalb nachher so befriedigt und beglückt fühlen wie nie zuvor.“[34] Im Hinblick auf Platons Ausführungen über die Liebe im „Symposion“ meinte Urbantschitsch schließlich, dieser Philosoph hätte, wenn er in der Gegenwart lebte, sich „vorstellen müssen, daß in dem Austausch der Ausstrahlungen zwischen zwei Liebenden eine köstlichere und tiefere Befriedigung liegt, als in dem Sexualakt selber. Denn dieser Austausch ruft ein Gefühl des Entzückens hervor, das nicht nur zwei oder drei Stunden, sondern oft auch taglang anhält.“[35] Gleichwohl war der undogmatische Analytiker weit davon entfernt, eine neue sexuelle Heilslehre für alle in die Welt zu setzen. Die „Karezza-Methode“ erforderte in seinen Augen große charakterliche Stärke. Sie könne „nur wenigen, auserwählten Männern empfohlen werden“.

Die soeben vorgestellten Publikationen von Dorelli, de Nannie und Urbantschitsch waren in der Nachriegszeit singulär. Die „bioelektrische“ Rationalisierung von „orientalischen“ Sexualpraktiken und Karezza durch Letzteren sowie die biologieferne Anlehnung an Mesmerismus und Mystik der beiden Ersteren widersprachen dem Zeitgeist und dem sexualwissenschaftlichen Credo von der unterdrückten Sexualität und ihrer Pathogenität. Denn befriedigende Sexualität ohne manifesten Orgasmus im Sinne des „Höhepunkts“ schien ein Widerspruch in sich darzustellen und mögliche Verbindungen zwischen Sexualität und Mystik zu sehen schien gänzlich abwegig zu sein. Solche esoterisch anmutenden Überlegungen abseits des main stream erhielten zwar durch die Hippie-Bewegung und die New Age-Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auftrieb. Ihre Impulse verebbten aber mehr oder weniger in der neuen Wellness-Kultur, die nicht zuletzt durch Massage-Techniken (sogenanntes „Tantra“) erotisch aufgeladen wurde. Auch gegenwärtige „Kuschelparties“ als erotische Gruppenereignisse gehören zu dieser neuen Wohlfühl- und Entspannungskultur, die man in Analogie zu „Neo-Nature“ (Kap. 13) und zu „Neosexualitäten“ (Kap. 34) als „Neo-Eroticism“ bezeichnen könnte. Die kosmischen Dimensionen der Liebe und ihr Aufspüren im (zwischen-) menschlichen Erleben, ein Generalthema in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte von der antiken Mythologie bis hin zur neuzeitlichen magia naturalis, Alchemie und Theosophie werden zwar mitunter angesprochen, dann aber flugs an das Konsumangebot der Wellness-Industrie angepasst. Erotik wurde zu einer anscheinend verfügbaren und bezahlbaren Ware, in ihrer primitivsten Form in einem „Eros Center“ erhältlich.

Demgegenüber hat die sexuelle Enthaltsamkeit oder Keuschheit, die unterschiedlich definiert sein kann, heutzutage im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Sie wird nämlich als pathogene Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs angesehen. Dies gilt insbesondere für radikale Methoden der Askese, wie sie in hinduistischer Tradition als „Brahmacharya“ praktiziert werden. In dieser Lebensweise soll der menschliche Körper und Geist auf dem Wege zur göttlichen Erleuchtung von allen sexuellen Bedürfnissen und Begehrlichkeiten gereinigt werden. Die leitende Vorstellung dabei ist, dass die individuelle Liebe, etwa die zwischen Mann und Frau, in einer universellen göttlichen Liebe aufgehen soll. Mahatma Gandhi war wohl der prominenteste Vertreter dieser Lebensweise im 20. Jahrhundert. Er hatte als Ehemann und Vater mehrerer Kinder bereits 1906 im Alter von 37 Jahren sein Brahmacharya-Gelübde abgelegt.[36] Er stellte einmal Frage: „Wenn der Mann seine Liebe nur auf eine Frau richtet und eine Frau die ihre nur auf einen Mann, was bleibt dann an Liebe für die ganze übrige Welt?“[37]

Anmerkung vom 19.08.2016:

Es gibt einen interessanten Briefwechsel zwischen Gandhi und Leo Tolstoi kurz vor dessen Tod 1910 zum Verhältnis von Liebe und Gewalt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Die Beschränkung auf die Überwindung der sinnlichen Begierde, die Reduktion von Brahamacharya auf den sexuellen Aspekt, lehnte Gandhi jedoch ab: „Brahmacharya meint die Beherrschung aller Sinnesorgane. Wer nur ein Organ zu kontrollieren versucht und allen anderen freie Bahn lässt, wird feststellen, dass seine Bemühungen vergeblich sind.“[38] Vor allem Nahrungsbeschränkungen und Fasten waren ihm wichtig. Allerdings könne, so Gandhi, ein Geist, „der wissentlich unrein gehalten wird, […] nicht durch Fasten gereinigt werden. […] Solange der Geist nicht Herr, sondern Sklave der Sinne ist, braucht der Körper immer reine, nichtstimulierende Nahrung und periodisches Fasten.“[39] Für Gandhi bedeutete umfassende Selbstbeherrschung eine Art Lebenselixier: „Bei einem wirklich selbstbeherrschten Menschen nehmen Kraft und innerer Friede von Tag zu Tag zu. Der allererste Schritt zur Selbstbeherrschung ist die Zügelung der Gedanken.“[40] Was Kritikern als Unterdrückung der natürlichen Triebe erscheint, bedeutet für einen solchen Asketen den Weg zur geistigen Freiheit, zur göttlichen unio mystica. Es kommt auf die Perspektive des Betrachters an, ob er dies als höchstes Liebesglück oder als pathologische Entartung, ja Perversion ansieht. Friedrich Nietzsche und mit ihm die westlich orientierte Kultur tendiert zur letzteren Einschätzung, wonach der „asketische Priester“, einer „lebensfeindliche[n] Spezies“ angehöre und „Leben gegen das Leben […] physiologisch […] einfach Unsinn“ sei, wie Nietzsches Verdikt in der „Genealogie der Moral“ (III/11 bzw. 8) lautet.

Es ist ein Unterschied, ob sich ein Mönch viele Jahre lang in einem Kloster geistigen Übungen unterzieht oder ob jemand an einem zweiwöchigen Meditationskurs teilnimmt, der ihm eine innere Wandlung als Kursziel verheißt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieser Unterschied auch auf dem Gebiet des Sexuallebens respektiert würde. Im Grunde gilt das für jede Art von Lebenskunst, die nicht mit gieriger Kurzatmigkeit, sondern nur mit langem Atem gelingen kann. Vor allem gilt es für das Gebiet von Erotik und Sexualität, das man dem umfassenderen Begriff der Liebe zuordnen kann. Die Ideengeschichte der Heilkunst führt uns in historischen Variationen wie in einem Kaleidoskop vor Augen, dass wir gerade auf diesem weiten Feld das Geheimnis und die Kunst des Heilens zu lokalisieren und neu zu entdecken haben, auch wenn wir sie nicht mit der Methodik der Evidenz-basierten Medizin feststellen können.


[1] Dorelli, 1962, S. 141. [2] A. a. O., S. 140. [3] A. a. O., S. 144. [4] A. a. O., S. 146 f. [5] A. a. O., S. 151. [6] A. a. O., S. 155. [7] Nannie, 1964. [8] Ebd., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 10. [11] A. a. O., S. 13. [12] A. a. O., S. 14. [13] A. a. O., S. 16. [14] A. a. O., S. 30. [15] A. a. O., S. 51 f. [16] A. a. O., S. 19. [17] A. a. O., S. 21. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a. O., S. 29. [20] A. a. O., S. 30. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 63 f. [23] Urbantschitsch [1949], 1951. [24] Ebd., S. 90. [25] A. a. O., S. 91. [26] A. a. O., S. 93. [27] A. a. O., S. 94. [28] A. a. O., S. 95. [29] A. a. O., S. 96. [30] A. a. O., S. 97. [31] A. a. O., S. 99. [32] A. a. O., S. 100. [33] A. a. O., S. 101. [34] A. a. O., S. 102. [35] A. a. O., S. 104. [36] Gandhi [1942], 2011, S. 338. [37] Gandhi [1932], 2011, S. 179. [38] A. a. O., S. 181. [39] Gandhi [1929], 2011, S. 360. [40] Gandhi [1927], 2011, S. 122.

Advertisements

17. Kap./3 * „Die Macht des Geistes über den Körper“

Der Topos von der Macht des Geistes über den Körper, der bei James Braid, wie wir sogleich sehen werden, eine wichtige Rolle spielte, wurzelte im Magiebegriff, der in der romantischen Naturphilosophie eine letzte akademische Blüte erlebte. So formulierte der Hallenser Medizinprofessor Ludwig Hermann Friedlaender 1839: „Magie ist die reinste Herrschaft des Geistes über die Natur, welche der am erhabensten und wunderbarsten ausübt, dessen Gedanke die Welt aus dem Nichts hervorrief und sie fort und fort beseelt. Gott ist der höchste Magus, der aber auch einen Theil seiner magischen Kraft den Menschen zuwendet, wenn sie rein und sündlos durch Glauben und Andacht mit ihm eins sind.“[1] Daneben gebe es aber auch „eine Magie der Natur“, deren „bewusstlos thätige, geheim bildende und entbildende Kraft, in deren wunderbares Walten einzudringen und dasselbe sich anzueignen der Mensch besonders dann versucht, wenn er nicht mehr das Bewusstseyn der göttlichen Magie besitzt.“[2] So sei die ursprüngliche Heilkunde „eine Tochter der Religion und eine magische Kunst, die durch die Heilkraft des Geistes sich die Natur unterwarf.“[3] Wir werden nun die psychophysiologische Engführung dieses naturphilosophisch definierten Topos’ in der Lehre des Hypnotismus genauer beleuchten.

Wenden wir uns nun der „Lieblingsarbeit“ von James Braid zu, die für ihn einen wichtigen Bezugspunkt für seine späteren Studien darstellte.[4] 1846 erschien sein Artikel On the Power of the Mind over the Body“ in drei Folgen in der FachzeitschriftThe Medical Times“ mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „June 1846“.[5] Kurze Zeit später erschien dieser Artikel unter Weglassung des „on“ im Titel in The Edinburgh Medical and Surgical Journal“ mit einigen zusätzlichen Fußnoten mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „August 18, 1846“.[6] Letztere Version wurde Jahrzehnte später vom oben erwähnten Jenaer Physiologen Wilhelm Preyer unter Weglasssung einiger Anmerkungen zusammen mit einer Reihe anderer Schriften von Braid ins Deutsche übersetzt.[7] Braid kritisierte vor allem die mesmeristischen Spekulationen des Chemikers Karl von Reichenbach (Kap. 28) auf Grund eigener Beobachtungen „an hypnotischen Patienten“: Der Freiherr habe „einen irreleitenden Factor entweder garnicht gekannt oder völlig übersehen“, nämlich den Einfluss eines „geistigen“ Teils beim Vorgang seiner Experimente.[8] Braid berichtete, wie er sich zu deren Wiederholung entschlossen habe und zu Schlüssen gelangt sei, „die denen des Freiherrn von Reichenbach schnurstracks entgegenlaufen.“ Während Reichenbach von der „Existenz einer neuen Naturkraft“ überzeugt war, die freilich nur durch eine kleine Zahl „hochsensitiver und nervöser Personen“ empfunden werden konnte, hatte Braid entdeckt, dass bei solchen Menschen „ein anhaltendes Richten der Aufmerksamkeit auf einen beliebigen Körpertheil“ bereits genügte, um bei ihnen eine Funktionsänderung zu bewirken.[9] So könne eine „innere oder geistige Ursachen jede Art von Empfindung“ hervorrufen, unter anderem auch „Visionen jeder Form und Farbe“. Der menschliche Nerv sei eben ein zweifelhafter Prüfstein für die Einwirkung äußerer Kräfte, „da die nämlichen Erscheinungen in gleicher Weise durch einen inneren oder geistigen Einfluss“ (internal or mental influence) ohne Mithilfe eines „äußeren Anstoßes“ (external agency) hervorgebracht werden könnten.

Braid berief sich auf seine für ihn eindeutigen Versuchsergebnisse. Es lohnt sich, seine Experimente näher zu betrachten, die er häufig mit detektivischer List und Lust durchführte. So strich er bei Patienten im nervösen Schlaf, die in diesem Zustand nicht sehen konnten, einen Magneten über die Hand oder einen anderen Körperteil, ohne diesen zu berühren. Dies zeigte keine Wirkung bei ihnen. Nur wenn der Magnet so nahe an die Körperoberfläche herangeführt wurde, dass er ein Kältegefühl erzeugte, „machte der Schlafende ein zeichen des Mißbehagens“.[10] Damit war angeblich Reichenbachs Behauptung einer Anziehung durch den Magneten bei sensitiven Menschen widerlegt; diese rühre „allein von einem ‚geistigen Einfluß’“ her. Braid referierte ausführlich die von Reichbach durchgeführten Versuche mit Sensitiven, die verschiedenartige Lichtwahrnehmungen im Sinne der Od-Lehre im Dunkeln hatten, und schloss daraus: „Alle erwarteten vermuthlich etwas Leuchtendes zu sehen und sahen in Folge dessen Licht oder Flammen.“[11] Dabei stellte Braid fest, dass die „angeblich physischen Thatsachen“, die Formen und Farben der Emanationen, die von den einzelnen Personen wahrgenommen wurden, stark voneinander abwichen. „Wärend diese Flammen und Farben in Wahrheit physisch vorhanden, so würden die Widersprüche nicht vorkommen können“.[12] Für ihn waren Karl von Reichenbachs Od-Phänomene ein Beweis für „die wunderbare Kraft des Geistes [the wonderful power of the human mind] […], vermöge welcher sensitive Personen, wenn sie ihre gespannteste Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen Theil ihres Körpers richten, eine Veränderung der Funktionen desselben hervorrufen können, die sie leicht einer äußeren Einwirkung zuschreiben, während sie doch lediglich aus einer inneren oder geistigen Ursache entsteht.“[13]

Braid stellte in seinen Experimenten fest, dass die „Patienten“ – ob es sich um hypnotisierte oder nicht-hypnotisierte kranke oder gesunde Versuchspersonen handelte – keinerlei Lichtwahrnehmungen hatten, „wenn sie nicht zuvor auf derartige Ideen gebracht oder durch Fragen zu solchen Vorstellungen angeregt waren.“[14] In einer Versuchsreihe führte er nacheinander einen Magneten und einen anderen Gegenstand von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen, wobei die Versuchspersonen zusahen und anschließend über die verschiedenen (vermeintlichen) Wirkungen berichteten. „Forderte man sie auf, den Blick abzuwenden oder sich durch das Aufstellen eines Schirmes die Möglichkeit einer Beobachtung der Vorgänge nehmen zu lassen und sodann die Empfindungen anzugeben, die ihnen die Wiederaufnahme der Prozeduren verursache, so behaupteten sie selbst dann ähnliche Erscheinungen wahrzunehmen, wenn man sie nur ansah und ihre Aussagen protokollierte, sonst aber nicht das Mindeste that.“ Da sie glaubten, der vorherige Versuch werde wiederholt, hätten sie ihre Aufmerksamkeit so auf die betreffende Körperstelle gerichtet und sei infolgedessen deren „physische Thätigkeit“ so erregt worden, „dass sie ihre Empfindungen durch äußere Einwirkungen [external impression] hervorgerufen glaubten“.[15]

Die Macht des Geistes verändere die physische Thätigkeit und nicht ein von außen kommender Einfluss. Braid demonstrierte seine These mit immer neuen Experimenten, die alle auf dasselbe hinausliefen: zu zeigen, dass magnetische oder mesmeristische Einwirkungen aller Art einer Täuschung bzw. Selbsttäuschung unterliegen. Nicht der äußere Einfluss, sondern die auf einen Körperteil gerichtete Aufmerksamkeit, eben die „Macht des Geistes“, sei Ursache der hervorgerufenen Empfindungen. Der „von innen heraus kommende geistige Einfluß“ genüge.[16] Braid benutzte hin und wieder den Begriff der Einbildungskraft (imagination) und zitierte Virgils Ausspruch „Possunt, quia posse videntur“ (Sie können, weil sie es zu können glauben).[17] Es ist bemerkenswert, dass Braid in diesem Zusammenhang von „suggested ideas and concentration of consciousness“ sprach, was umständlich und nicht ganz zutreffend mit „Einimpfen gewisser Ideen und das Richten ihrer Aufmerksamkeit auf einen Punkt“ übersetzt wurde.[18] (Obwohl Braid hier von „suggested ideas“ und auch an anderer Stelle einmal von „to suggest to the mind the idea“ sprach und damit psychodynamische Vorgänge beschreiben wollte, kann von einem Suggestionsbegriff bei ihm keine Red sein.)[19] Die Versuchsergebnisse seien lediglich „jener merkwürdigen Wechselwirkung zwischen Geist und Körper zuzuschreiben“ [attributable to the remarkable reciprocal actions of the mind and body on each other].[20]

Braid überprüfte experimentell auch die angebliche Fähigkeit der Sensitiven, durch Magnete, Bestreichen oder Anhauchen magnetisiertes Wasser von nicht magnetisiertem zu unterscheiden. Keiner der im Wachzustand und im nervösen Schlaf geprüften Patienten sei imstande gewesen, einen solchen Unterschied festzustellen. Freilich könnten durch Anhauchen und Bestreichen scheinbare Erfolge erzielt werden, „weil höchstempfindliche Patienten die Athem- oder Hautdünste sehr leicht riechen oder wahrscheinlich auch schmecken.“[21] Auch sei ihm noch niemals „ein Beispiel von unfehlbarem Gedankenlesen vorgekommen.“ Solches beruhe auf einer Täuschung: Gedankenleser nützten nur die „sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke“ aus. Mit großer Akribie versuchte Braid, von Reichenbachs Od-Lehre Schritt für Schritt experimentell bzw. narrativ zu widerlegen. Dies betraf die diamagnetische Eigenschaft des menschlichen Körpers, die phosphorizierenden Erscheinungen auf Friedhöfen oder den Abdruck des Magneten auf einer lichtempfindlichen Platte („Daguerreotype“).[22]

Braid hielt also die „Wirkungen eines neuentdeckten imponderabeln Agens“, wie sie Karl von Reichbach beschrieben hatte, nachweisbar für „irrig“.[23] Allerdings billigte er den Akteuren entsprechende Sinneswahrnehmungen zu. So könnten bestimmte leicht erregbare Menschen „elektrische, wärmeerzeugende und heilkräftige Eigenschaften“ an Gegenständen entdecken, „welche nicht nur von anderen, sondern auch von ihnen selbst nicht bemerkt werden, wenn sie sich in einem normalen, minder sensitiven Zustande befinden.“ Auch der Magnetiseur werde kraft der „die physische Thätigkeit veränderenden geistigen Einwirkung höchst wahrscheinlich eine Strömung in seinen Fingerspitzen wahrnehmen“. Gerade solche Sinneseindrücke würden den Glauben der Mesmer-Anhänger „an die physische Existenz des betreffenden Agens“ befestigen.[24]

Braid warf noch ein schlagendes Argument in die Waagschale. Es gebe Patienten, die sich selbst in nervösen Schlaf versetzen „und die dem Mesmerismus eigenen Erscheinungen ohne fremde Hülfe durch eigene Bemühungen erzeugen können, indem sie ihren Blick, sowie ihre ganze Geistesthätigkeit mit voller Energie unverwandt einem einzigen Punkt, z. B. ihrer Finger- oder Nasenspitze zuwenden“.[25] Wer sich selbst magnetisiere, könne mindestens ebenso große Wunder „wahrzunehmen wähnen, als die Menschen, welche unsere erfolgreichsten Magnetiseure durch Anwendung ihres vermeintlichen Fluidums behandelt haben.“ Nicht ein äußeres Fluidum erzeuge die mesmeristischen Phänomene, sondern die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Offenbar war ihm entgangen, dass die Mesmeristen sehr wohl die Methode der „Selbstmagnetisierung“ kannten und verschiedentlich diskutierten (Kap. 25). Freilich stand diese nicht im Zentrum der magnetischen Behandlungstechnik, bei der es ja primär auf die speziellen „Manipulationen“ der Magnetiseure ankam.

Wie Braid durch ein eindrucksvolles Experiment mit einer Patientin gegenüber einem ärztlichen Kollegen in London demonstierte, würde die „Überreizung der Einbildungskraft“ (vividness of […] imagination) zur Selbsttäuschung führen, sodass alle möglichen vorgespiegelten Phantasiegebilde für wirklich gehalten würden. Auch Visionen und Halluzinationen bestimmter Menschen im Wachzustand, die so genannten „vigilanten Phänomene“ (vigilant phenomena) seien kein physischer Eindruck von außen, sondern „ein von innen heraus wirkendes geistiges Blendwerk“ (a mental delusion from within), der den Verstand so weit lähme, dass die betreffenden Personen von einem anderen „unbedingt beherrscht und als bloße Marionetten [mere puppets]gehandhabt“ werden könnten.[26] Sobald man diese Patienten dahin bringen könne, „der sich äußernden Kraft eines fremden Willens die eigene Kraft selbständig entgegenzusetzen [exercise their own independent powers in opposition to], ist der Zauber [spell] behoben.“ Die dem magnetischen Fluidum zugeschriebenen physischen Veränderungen müssten „auf das geistige und körperliche Conto [resources] des Patienten und nicht etwa auf das des Experimentirenden und seiner Mittel gesetzt werden.“[27] Am Ende seiner Abhandlung unterstrich Braid die therapeutische Relevanz seiner Lehre: Die „richtige Beachtung und Beherrschung dieser Kraft des menschlichen Geistes [human mind] über seine leibliche Hülle [physical frame] und umgekehrt“ könnten zur Linderung von Leiden eingesetzt werden. Übrigens verwandte Braid Geist (mind) und Seele (soul) synonym – „soul or mind“, wie es an einer Stelle seiner „Neurypnology“ heißt –[28] wenngleich er ungleich häufiger „mind“ benutzte. Im Schlusssatz der soeben referierten Abhandlung benutzte er beide Termini in einem Atemzug: „My experiments […] beautifully prove the unity of the mind, and the remarkable power of the soul over the body.“[29]

So scharf sich die Protagonisten des Mesmerismus und des Hypnotismus (Braidismus) auch voneinander abgrenzten, so unscharf wurden beiden Konzepte in der Laienmedizin und insbesondere in deren Ratgeberliteratur miteinander vermengt, ja oftmals miteinander gleichgesetzt. Sie beeinflussten nachhaltig die in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufblühende „Neugeist-Bewegung“ (New Thought Movement) und die von dieser Strömung propagierte Geistheilung (mental healing). Im Mittelpunkt der verschiedenen Ansätze  stand die Idee, dass der Geist sozusagen Berge versetzen und vor allem heilen könne. Hierbei spielte der Begriff der Suggestion ein zentrale Rolle. So meinte Henry Wood, ein Mentor des New Thought, die ideale Suggestion sei das „Photographieren von reinen und vollkommenen Idealen direkt auf unseren Geist durch das Medium des Gesichstssinns“ (the photographing of pure and perfect ideals directly upon the mind through the medium of the sense of sight).[30] Die gebündelte Energie der Gedankenkonzentration (thought concentration) würde eine wunderbare Kraft entwickeln. Er gab im Stile eines Übungsbuches eine Reihe von insgesamt 35 „meditations and suggestions“ an, deren richtigen Gebrauch er im Einzelnen im Grußdruck durchdeklinierte: von „GOD IS HERE“ und „DIVINE LOVE FILLS ME“ bis hin zu „I AM HEALED“ und „BE YE THEREFORE PERFECT“. Die Verinnerlichung der Suggestionen könnten nur durch ständiges Üben erreicht werden. Diese Kur der „idealen Suggestion“ sei nicht magisch, sondern bedeute natürliches Wachsum (natural growth).[31] Mesmerismus und Hypnotismus boten den Heilbestrebungen der Neugeist-Bewegung einen wunderbaren Nährboden. Sie importierten magnetische und hypnotische Techniken, die primär in der Medizin entwickelt worden waren, in ihr religiöses Feld und verknüpften sie mit dessen Denkwelt. Am bekanntesten wurde die Christian Science von Mary Baker-Eddy, die von dem US-amerikanischen Mesmeristen Phineas Quimby behandelt und stark beeinflusst worden war, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll.[32] Der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig war mit seiner Schrift „Die Heilung durch den Geist“ (1932) wohl der erste, der den medizinhistorischen Bogen von Franz Anton Mesmer zu Sigmund Freud schlug und dabei Baker-Eddys Lehre als Zwischenstufe in der Geschichte der Psychotherapie würdigte.[33] Erst mit Henri Ellenbergers „Die Entdeckung des Unbewussten“ (1970) wurde die Bedeutung des Mesmerismus für die Geschichte der „dynamischen Psychiatrie“ erkannt.[34]


[1] Fiedländer, 1839, S. 21. [2] A. a. O., S. 22. [3] A. a. O., S. 24. [4] Preyer in: Braid, 1882, S. VI. [5] Braid, 1846 [a].[6] Braid, 1846 [b]. [7] Braid [1846], 1882. [8] Ebd., S. 4. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 6. [11] A. a. O., S. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 12. [14] A. a. O., S. 13. [15] A. a. O., S. 14. [16] A. a. O., S. 20. [17] A. a. O., S. 22. [18] Braid, 1846 [b], S. 300; Braid [1846], 1882, S. 23. [19] Braid, 1843, S. 147. [20] Braid [1846], 1882. S.  24; Braid 1846 [b], S. 300. [21] Braid [1846], 1882, S. 25. [22] A. a. O., S. 26-29. [23] Ebd., S. 29. [24] A. a. O., S. 30. [25] A. a. O., S. 31. [26] A. a. O., S. 34. [27] A. a. O., S. 36. [28] Braid, 1843, S. 83. [29] Braid, 1846 [a], S. 274. [30] Wood, 1893, S. 7. [31] A. a. O., S. 109. [32] http://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Baker_Eddy (29.04.2012). [33] Zweig, 1932. [34] Ellenberger, 1970; 1973.