28. Kap./4 * Sensitive Wahrnehmungen des „Od“

Um 1850 wandte sich der aus Stuttgart stammende Chemiker und Industrielle Karl von Reichenbach dem Studium der so genannten Od-Strahlen zu, die er als Ausdruck einer Kraft in der Natur ansah, die von „sensitiven“ Menschen wahrgenommen werden könne. Er glaubte, damit eine bisher verborgene Naturkraft entdeckt zu haben, die sich vor allem als Licht zu erkennen gebe. Reichbach war ein unruhiger Geist, abenteuerlustig und von einem starken Forscherdrang getrieben. Auf seine recht bedeutenden chemischen Entdeckungen und wirtschaftlichen Erfolge soll hier nicht eingegangen werden. 1835 konnte er das Schloss Reisenberg bei Wien, das sogenannte „Cobenzl“, erwerben, in dem er eine Art naturkundliches Museum und chemisch-physikalisches Laboratorium einrichtete. Der Begriff „Od“ sollte für alle physikalischen Erscheinungen gelten, die sich bei seinen Untersuchungen ergeben hätten „welche unter die Begriffe der bis jetzt angenommenen Dynamide nicht gebracht werden können, sammt der vis occulta, von welcher sie herrühren.“[1] Eine Anekdote, die Reichenbach ausführlich schilderte, war wohl typisch für seinen subjektiven Forschungsstil. Als die „deutsche Naturforscher-Versammlung“ in Wien getagt habe – es handelte sich um die 32. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte vom 16. September bis 3. Oktober 1856[2] –, sei eine „Gesellschaft von etwa 25 Mitgliedern und Frauen derselben“ zu ihm „herauf nach Schloß-Reisenberg“ gekommen. Die Räume seiner Sammlungen, Geräte und Präparate konnten vollkommen abgedunkelt werden, was ja eine Voraussetzung seiner Od-Forschungen war. In ein solches Zimmer, das er „Dunkelkammer“ zu nennen pflegte, führte er die Gesellschaft. „Als meine Freunde hier beisammen waren, schloß ich die Klappe und augenblicklich war die ganze Gesellschaft in vollkommene Finsteniß versenkt.“ [3] Nach einer Weile nahmen manche Personen Lichterscheinungen an den eigenen Händen und den Körperteilen von anderen wahr. Da von außen kein Licht eindrang, schien bewiesen, dass die Körper „eigenes Licht von sich aussenden mussten“. Reichenbach schloss daraus, „daß die wahrgenommenen Glieder Selbstleuchter waren“.

Zwei Grundgedanken zogen sich durch Reichenbachs Od-Lehre. Zum einen gibt es „zweierlei Menschen“: die „Sensitiven“, die unter gewissen Umständen das „Od“ sehen und empfinden können, und diejenigen, die es auf keinen Fall wahrnehmen können, also „Leute, die so blind sind, wie ich“.[4] Reichenbach zählte sich also selber zu den „blinden“, das heißt nicht sensitiven Menschen. Zum anderen stellte er eine Polarität in den Od-Ausstrahlungen wie in den Od-Wahrnehmungen fest. Zunächst sei die „Polarität“ des Lichts auffällig, das polare Körper wie Kristalle und Magnete ausstrahlen: An einem Pol erscheint es „heller und mehr röthlichgelb“, am anderen „dunkler und mehr graubläulich“. Diese Polarität zeige sich auch am menschlichen Körper. Die linke Hand erscheine heller, die rechte matter, bläulicher. Reichbach bemerkte nun bei den Sensitiven einen „Dualismus“ der Od-Warhnehmungen: „Entweder waren die Empfindungen, welche die fühlende Hand erfuhr, widrig laulich oder sie waren wohlbehaglich kühl und in diese beiden Sensationen theilten sich alle Einwirkungen, die hier wahrgnommen wurden.“[5] Wenn gleichfarbige Lichterscheinungen – zum Beispiel die bl äulich leuchtende rechte Hand und der bläulich leuchtende Pol eines Magneten – aufeinandertrafen, fielen die Empfindungen „lauwidrig“ aus, trafen sich ungleichfarbie Lichterscheinungen, waren sie „wohlkühl“. Reichenbach formulierte den allgemeinen Grundsatz einer „odischen Anziehung und Abstoßung“, der nicht nur Menschen untereinander und im Kontakt mit den Naturdingen, sondern auch letztere in ihrem Verhältnis zueinander betraf, „daß nämlich ungleichnamiges Od sich gegenseitig vereingt, verstärkt und anzieht, gleichnamiges sich flieht, schwächt und abstößt.“[6]

Das methodische Problem ergab sich aus der vermeintlichen Tatsache, dass nur Sensitive die betreffenden Wirkungen wahrnehmen konnten, die Nichtsensitiven aber „keinen unmittelbaren Maßstab“ besaßen, die „odische Intensität“ festzustellen. In langen Versuchsreihen mit Sensitiven wollte Reichenbach objektive Maßeinheiten für die odische Intensität finden, etwa die Fernwirkung von Metallen. Über relative vage Feststellungen wie derjenigen, dass mit der Dickenvergrößerung odischer Substanzen auch die „Intensität ihrer odischen Wirkung“ wachse, kam er jedoch nicht hinaus.[7] Die subjektiven Wahrnehmungen ließen sich objektiv nicht quantifizieren, obwohl Reichenbach diese Zielvorstellung wohl nie aufgab. Seine rührenden Bemühungen zeigten sich auch in dem Versuch, die „odische Kraft“ seiner beiden Hände zu messen. Sensitive schätzten ihre Ausstrahlung „gleich der eines Hufeisens von 7½ Pfund Tragkraft.“[8] Einer Quantifizierung entzogen sich vollends die „odischen Ausströmungen von jeder einzelnen Person“, welche Sensitive im Finstern an ihrer „odischen Atmosphäre“ identifizieren konnten. „Sogar das geodete Wasser, versicherten die Hochsensitiven, unterschieden sie stets, je nachdem es von dem einen oder dem andern Arzte oder sonst wem immerhin erzeugt worden sey.“[9]    

In seinem fast 1600 Seiten umfassenden Hauptwerk „Der sensitive Mensch“ erwähnte Reichenbach Franz Anton Mesmer und den Mesmerismus nur beiläufig in wenigen Zeilen seiner „Vorrede“. Dies ist höchst auffällig, erscheint die Od-Lehre doch weithin als eine experimentelle Eruierung mesmeristischer Phänomene und theoretische Spezifizierung ihrer Gesetzmäßigkeiten. Reichenbach entledigte sich des Mesmerismus durch einen Kunstgriff. Er subsumierte ihn seiner Lehre als eine untergeordnete Spezialität: „Der sogenannte Mesmerismus, das magnetische Kuriren ist eine spezielle Anwendung des odischen Dynamids im Heilverfahren, bis hieher leider ohne allen wissenschaftlchen Verband und aus einem bloßen Aggregate unzusammenhängender Wahrnehmungen bestehend. […] Od ist eine Weltkraft und umfaßt die ganze Schöpfung in unendlichem Ergreifen; Mesmerismus ist eine von Dr. Mesmer eingeführte spezielle Anwendung des Odes im Heilverfahren.“[10] Reichenbachs Zielsetzung war von einem ehrgeizigen Wunsch geprägt: Er wollte die „Naturforschung im weitesten Sinne“ von seinen „kernhaften Thatsachen“, die er wissenschaftlich belegen zu können meinte, überzeugen. Die Physik könne nicht das „Krystall-Licht“, die Chemie nicht das „Auftauchen der odchemischen Reihe“, die Physiologie nicht die „Polarität des menschlichen Leibes“, die Medizin nicht  „Krampfstillung und Krampferzeugung durch Odstriche“, die „Magnetiseurs“ nicht die Verladung „positiven und negativen Odes“ aus Sonnenlicht auf ein Stück Holz und die Psychologie nicht die Beraubung des Bewußstseins durch „bloße Berührung der Zehenspitze“ verleugnen.[11] Für Reichbach war der „wissenschaftliche Verband“ und das „konsequent durchgeführte thereoretische Gebäude“, die er hervorgebracht habe, Grund für die Ablehnung durch „so viele gelehrte Gewohnheitsmenschen“.      

Er legte größten Wert darauf, dass alle seine Ergebnisse „nach der heutigen Methode der Naturforschung“ gewonnen wurden. Er wollte sich nur auf das verlassen, was er „unmittelbar selbst erprobt“ hatte.[12] Ein einziges Mal habe er der Arbeit eines anderen vertraut und sei enttäuscht worden. Ein Daguerreotypist habe in seinem Auftrag versucht, „Lichtbilder mittelst Odlicht“ darzustellen. Das positive Ergebnis, das auch publiziert wurde, konnte Reichenbach aber selbst nicht replizieren und musste es deshalb widerrufen. „Trau nie einem anderen“, schon gar nicht den Wundergeschichten von Magnetiseuren, so könnte man Reichenbachs Schlussfolgerung verstehen. Er habe sich nicht von den „somnambulen und kataleptischen Erstaunlichkeiten“ fortreißen lassen und sich „zu den höchsten geistigen und geisterhaften Regionen hinauf“ verstiegen, sondern habe den umgekehrten Weg eingeschlagen: „ich habe mich vom Zusammengesetzten in rückgängiger Zergliederung nach dem Einfacheren hingewendet, a posteriori ad prius; und so ist es mir gelungen, inbeständig analytischem Verfahren zu den Ursprüngen der Erscheinungen […] vorzudringen“.[13] Reichenbach beschränkte sich aber keineswegs auf die Analyse. Er wollte vor allem den Ärzten mit seiner Od-Lehre ein neues Hilfsmittel in die Hand geben. „Auf ganze Abschnitte der Medicin muß die gegenwärtige und künftige Entschleierung der Gesetze des Odes einen nahezu umwälzenden Einfluß nehmen.“[14]     

Äußerst erbittert und langatmig reagierte Reichenbach in seiner „Vorrede“ des soeben referierten Buchs auf die Ablehnung des Chemikers Justus von Liebig. Dieser hatte in seiner Münchner Antrittsvorlesung geäußert, die „neue Odwissenschaft habe keinen Eingang in die Naturforschung gefunden“.[15] Immerhin waren zuvor mehrere Arbeiten von Reichenbach in Liebigs Zeitschrift veröffentlicht worden. Liebigs Vorwurf war, dass die Sensitiven als Nervenkranke für Versuche ungeignet und die Untersuchungsergebnisse deshalb unbrauchbar seien. Dem widersprach Reichenbach heftig: „Die Sensitiven sind nervenreizbarer als Nichtsensitive, aber nicht nervenschwächer. […] Sensitive sind auf keine Weise schwach, sondern nervenstark, wenigstens in der Partie ihrer odischen Empfänglichkeit.“[16] Die meisten Sensitiven, mit denen er gearbeitet habe, seien „(im gewöhnlichen Sinne) Gesunde“ gewesen.[17] Er wollte Liebigs Voreingenommenheit mit dem Syllogismus entlarven: „Alle Sensitiven haben nichtgesunde Nervenapparate; nichtgesunde Nervenapparate sind zu Beobachtungen durchaus ungeeignet; Ergo sind Sensitive zu Beobachtungen durchaus ungeeignet.“[18]

Am meisten aber war Reichenbach über Liebigs Einwand erbost, die Od-Phänomene seien lediglich Effekte der Suggestion. Die Sensitiven hätten, so Liebig, von Reichbach, dem „Fragesteller“, auf die Erscheinungen erst „durch seine Fragen aufmerksam gemacht und geleitet werden müssen.“ Reichenbach fühlte sich in seiner Ehre als Naturforscher gekränkt: „Was Hr. von Liebig sich hier herausnimmt, ist nichs weniger als mir öffentlich Versuchsfälschungen zur Last zu legen, indem ich die Reaktionen suggerirt haben soll, die ich dann der Welt als neu gefundene Wahrheiten verkaufe?“ Sein Urteil ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Herr Liebig gleiche „jenem Blinden, der weil Er kein Licht sah, die Dreistigkeit hatte zu behaupten, Licht und Farben existiren nicht.“[19] Reichenbach glaubte auch die Quelle von Liebigs ablehnenden Äußerungen ausfindig machen zu können. Offenbar hatten ihn „einige Herren von der Naturwissenschaft“ auf seinem Schloss besucht, mit denen er nur den „Cicerone“ gemacht und in der Dunkelkammer das Odlicht demonstrierte habe, um ihre Wissbegierde zu befriedigen. Diese seien dann nach Wiesbaden zur Naturforscherverammlung gereist und hätten im Vorbeigehen Herrn von Liebig darüber berichtet. Dies habe Letzterem ausgereicht, „mir und dem Ode gelegentlich – die Bestattung zu ertheilen.“ Liebig hatte tatsächlich nur wenige Sätze über Reichenbachs „Odwissenschaft“ fallen lassen. Diese reichten aber aus, um Reichenbach aufs Äußerste zu reizen. Er spürte sehr genau das siegesbewusste Triumphgefühl eines erfolgreichen Naturwissenschaftlers auf der Gegenseite, der die deutsche (romantische) Naturphilosophie als einen „abgestorbenen Baum“ ansah und alle Spekulationen über okkulte Naturkräfte aus der Naturforschung verbannen wollte.

Wissenschaftshistorisch bedeutender als Liebigs Vorbehalt gegen Reichenbach war James Braids experimentelle Widerlegung der Od-Lehre in deren Anfangszeit, womit er demonstrativ den „Hypnotismus“ vom Mesmerismus abgrenzen wollte. 1841 hatte Karl von Reichbach, „der Zauberer vom Cobenzl“, auf seinem Schloss bei Wien mit seinen Od-Forschungen begonnen. 1846 erschien dann Braids kritische Untersuchung „The Power of the Mind over the Body“, deren Untertitel in deutscher Übersetzung lautete: „Eine experimentelle Untersuchung der vom Baron Reichenbach und Anderen einem ‚neuen imponderabeln’ Agens zugeschriebenen Erscheinungen.“[20] Sie wurde an anderer Stelle bereits ausführlich erläutert. (Kap. 17)

Reichbachs Od-Lehre hatte eine große Ausstrahlung und regte insbesondere Literaten an, sich erneut mit dem Mesmerismus und seinen Grenzgebieten auseinanderzusetzen. So verfasste der  populärwissenschaftliche Schriftsteller Carl Gottfried Wilhelm Vollmer unter dem Pseudonym W. F. A. Zimmermann eine romanhafte Erzählung, die in ironischer Weise durch die schillernde Welt des Mesmerismus führte.[21] Das Frontispiz im Querformat (zwischen Titelblatt und Textbeginn) zeigt eine magnetische-hypnotische Szene: Auf der chaise longue liegt im Scheine einer hellen Lampe eine mit einem Tuch bedeckte junge Dame mit geschlossenen Augen und entspanntem Gesichtsausdruck. (Abb. [i]) Neben ihr steht ein Herr in dunklem Gehrock, der sie aufmerksam beobachtet. Die Unterschrift lautet: „Wie wunderbar! Welch langer Schlaf.“ Die Position der Frau verweist auf ihre Funktion als Medium. Auch wenn der männliche Beobachter auf sie herabblickt, ist der Strahlengang eindeutig: Das Licht kommt von oben, von der Lampe als einer Ersatz-Sonne, die Frau spiegelt dieses Licht in ihrem magnetischen Schlaf, während der männliche Beobachter den Abglanz zu erhaschen versucht. Auch wenn dieses Abbildung ironisch gemeint war, brachte sie doch den naturphilosophischen Kern des Somnambulismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck. Ausgiebig stellte der Autor Karl von Reichenbachs „Odlicht“ dar und zitierte aus seinen „odisch-magnetischen Briefen“ (1852). Schließlich gelangte der Icherzähler zur „Heiligsprechung des Herrn von Reichenbach“. Er schilderte dabei seine Erlebnisse in Reichenbachs legendärer Dunkelkammer: „’Oftmals hörte ich in der Dunkelkammer die Bemerkung aussprechen, mein Kopf sei mit einer Strahlenkrone umgeben; ich sei in einem Heiligenschein eingehüllt’ – was Wunder, wer solche Entdeckungen macht, wer so den einzelnen Gegenständen des menschlichen Geistes seinen Platz anweis’t, der muß ja wohl ein Heiliger sein. Wie der Nepomuk, der Heilige des Wassers, wie Florian, der Heilige des Feuers so Reichenbach, der Heilige der Faulenzer“.[22]


[1] Reichenbach, 1849, 2.Bd., S. 20. [2] http://www.oeaw.ac.at/biblio/Archiv/pdf/Naturforscher.pdf (8.04.2010). [3] Reichenbach, 1858, S. 1f. [4] A. a. O., S. 3 f. [5] A. a. O., S. 5. [6] A. a. O., S. 91. [7] Reichenbach, 1855, S. 501. [8] A. a. O., S. 509. [9] A. a. O., S. 510. [10] Reichenbach, 1854, S. XXIX. [11] A. a. O., s. XXX. [12] A. a. O., s. XXXI. [13] A. a. O., S. XXXIII. [14] A. a. O., S. XXXIV. [15] Zit. a. a. O., S. VI.; Liebig, 1852, S. 18 f. [16] A. a. O., S. VIII. [17] A. a. O., S. XI. [18] A. a. O., S. XX. [19] A. a. O., s. XV. [20] Braid [1846], 1982. [21] W. F. A. Zimmermann, 1863. [22] Ebd., S. 536.


[i] W. F. A. Zimmermann, 1863: Frontispiz; → Abb. Zimmermann 1863

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17. Kap./3 * „Die Macht des Geistes über den Körper“

Der Topos von der Macht des Geistes über den Körper, der bei James Braid, wie wir sogleich sehen werden, eine wichtige Rolle spielte, wurzelte im Magiebegriff, der in der romantischen Naturphilosophie eine letzte akademische Blüte erlebte. So formulierte der Hallenser Medizinprofessor Ludwig Hermann Friedlaender 1839: „Magie ist die reinste Herrschaft des Geistes über die Natur, welche der am erhabensten und wunderbarsten ausübt, dessen Gedanke die Welt aus dem Nichts hervorrief und sie fort und fort beseelt. Gott ist der höchste Magus, der aber auch einen Theil seiner magischen Kraft den Menschen zuwendet, wenn sie rein und sündlos durch Glauben und Andacht mit ihm eins sind.“[1] Daneben gebe es aber auch „eine Magie der Natur“, deren „bewusstlos thätige, geheim bildende und entbildende Kraft, in deren wunderbares Walten einzudringen und dasselbe sich anzueignen der Mensch besonders dann versucht, wenn er nicht mehr das Bewusstseyn der göttlichen Magie besitzt.“[2] So sei die ursprüngliche Heilkunde „eine Tochter der Religion und eine magische Kunst, die durch die Heilkraft des Geistes sich die Natur unterwarf.“[3] Wir werden nun die psychophysiologische Engführung dieses naturphilosophisch definierten Topos’ in der Lehre des Hypnotismus genauer beleuchten.

Wenden wir uns nun der „Lieblingsarbeit“ von James Braid zu, die für ihn einen wichtigen Bezugspunkt für seine späteren Studien darstellte.[4] 1846 erschien sein Artikel On the Power of the Mind over the Body“ in drei Folgen in der FachzeitschriftThe Medical Times“ mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „June 1846“.[5] Kurze Zeit später erschien dieser Artikel unter Weglassung des „on“ im Titel in The Edinburgh Medical and Surgical Journal“ mit einigen zusätzlichen Fußnoten mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „August 18, 1846“.[6] Letztere Version wurde Jahrzehnte später vom oben erwähnten Jenaer Physiologen Wilhelm Preyer unter Weglasssung einiger Anmerkungen zusammen mit einer Reihe anderer Schriften von Braid ins Deutsche übersetzt.[7] Braid kritisierte vor allem die mesmeristischen Spekulationen des Chemikers Karl von Reichenbach (Kap. 28) auf Grund eigener Beobachtungen „an hypnotischen Patienten“: Der Freiherr habe „einen irreleitenden Factor entweder garnicht gekannt oder völlig übersehen“, nämlich den Einfluss eines „geistigen“ Teils beim Vorgang seiner Experimente.[8] Braid berichtete, wie er sich zu deren Wiederholung entschlossen habe und zu Schlüssen gelangt sei, „die denen des Freiherrn von Reichenbach schnurstracks entgegenlaufen.“ Während Reichenbach von der „Existenz einer neuen Naturkraft“ überzeugt war, die freilich nur durch eine kleine Zahl „hochsensitiver und nervöser Personen“ empfunden werden konnte, hatte Braid entdeckt, dass bei solchen Menschen „ein anhaltendes Richten der Aufmerksamkeit auf einen beliebigen Körpertheil“ bereits genügte, um bei ihnen eine Funktionsänderung zu bewirken.[9] So könne eine „innere oder geistige Ursachen jede Art von Empfindung“ hervorrufen, unter anderem auch „Visionen jeder Form und Farbe“. Der menschliche Nerv sei eben ein zweifelhafter Prüfstein für die Einwirkung äußerer Kräfte, „da die nämlichen Erscheinungen in gleicher Weise durch einen inneren oder geistigen Einfluss“ (internal or mental influence) ohne Mithilfe eines „äußeren Anstoßes“ (external agency) hervorgebracht werden könnten.

Braid berief sich auf seine für ihn eindeutigen Versuchsergebnisse. Es lohnt sich, seine Experimente näher zu betrachten, die er häufig mit detektivischer List und Lust durchführte. So strich er bei Patienten im nervösen Schlaf, die in diesem Zustand nicht sehen konnten, einen Magneten über die Hand oder einen anderen Körperteil, ohne diesen zu berühren. Dies zeigte keine Wirkung bei ihnen. Nur wenn der Magnet so nahe an die Körperoberfläche herangeführt wurde, dass er ein Kältegefühl erzeugte, „machte der Schlafende ein zeichen des Mißbehagens“.[10] Damit war angeblich Reichenbachs Behauptung einer Anziehung durch den Magneten bei sensitiven Menschen widerlegt; diese rühre „allein von einem ‚geistigen Einfluß’“ her. Braid referierte ausführlich die von Reichbach durchgeführten Versuche mit Sensitiven, die verschiedenartige Lichtwahrnehmungen im Sinne der Od-Lehre im Dunkeln hatten, und schloss daraus: „Alle erwarteten vermuthlich etwas Leuchtendes zu sehen und sahen in Folge dessen Licht oder Flammen.“[11] Dabei stellte Braid fest, dass die „angeblich physischen Thatsachen“, die Formen und Farben der Emanationen, die von den einzelnen Personen wahrgenommen wurden, stark voneinander abwichen. „Wärend diese Flammen und Farben in Wahrheit physisch vorhanden, so würden die Widersprüche nicht vorkommen können“.[12] Für ihn waren Karl von Reichenbachs Od-Phänomene ein Beweis für „die wunderbare Kraft des Geistes [the wonderful power of the human mind] […], vermöge welcher sensitive Personen, wenn sie ihre gespannteste Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen Theil ihres Körpers richten, eine Veränderung der Funktionen desselben hervorrufen können, die sie leicht einer äußeren Einwirkung zuschreiben, während sie doch lediglich aus einer inneren oder geistigen Ursache entsteht.“[13]

Braid stellte in seinen Experimenten fest, dass die „Patienten“ – ob es sich um hypnotisierte oder nicht-hypnotisierte kranke oder gesunde Versuchspersonen handelte – keinerlei Lichtwahrnehmungen hatten, „wenn sie nicht zuvor auf derartige Ideen gebracht oder durch Fragen zu solchen Vorstellungen angeregt waren.“[14] In einer Versuchsreihe führte er nacheinander einen Magneten und einen anderen Gegenstand von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen, wobei die Versuchspersonen zusahen und anschließend über die verschiedenen (vermeintlichen) Wirkungen berichteten. „Forderte man sie auf, den Blick abzuwenden oder sich durch das Aufstellen eines Schirmes die Möglichkeit einer Beobachtung der Vorgänge nehmen zu lassen und sodann die Empfindungen anzugeben, die ihnen die Wiederaufnahme der Prozeduren verursache, so behaupteten sie selbst dann ähnliche Erscheinungen wahrzunehmen, wenn man sie nur ansah und ihre Aussagen protokollierte, sonst aber nicht das Mindeste that.“ Da sie glaubten, der vorherige Versuch werde wiederholt, hätten sie ihre Aufmerksamkeit so auf die betreffende Körperstelle gerichtet und sei infolgedessen deren „physische Thätigkeit“ so erregt worden, „dass sie ihre Empfindungen durch äußere Einwirkungen [external impression] hervorgerufen glaubten“.[15]

Die Macht des Geistes verändere die physische Thätigkeit und nicht ein von außen kommender Einfluss. Braid demonstrierte seine These mit immer neuen Experimenten, die alle auf dasselbe hinausliefen: zu zeigen, dass magnetische oder mesmeristische Einwirkungen aller Art einer Täuschung bzw. Selbsttäuschung unterliegen. Nicht der äußere Einfluss, sondern die auf einen Körperteil gerichtete Aufmerksamkeit, eben die „Macht des Geistes“, sei Ursache der hervorgerufenen Empfindungen. Der „von innen heraus kommende geistige Einfluß“ genüge.[16] Braid benutzte hin und wieder den Begriff der Einbildungskraft (imagination) und zitierte Virgils Ausspruch „Possunt, quia posse videntur“ (Sie können, weil sie es zu können glauben).[17] Es ist bemerkenswert, dass Braid in diesem Zusammenhang von „suggested ideas and concentration of consciousness“ sprach, was umständlich und nicht ganz zutreffend mit „Einimpfen gewisser Ideen und das Richten ihrer Aufmerksamkeit auf einen Punkt“ übersetzt wurde.[18] (Obwohl Braid hier von „suggested ideas“ und auch an anderer Stelle einmal von „to suggest to the mind the idea“ sprach und damit psychodynamische Vorgänge beschreiben wollte, kann von einem Suggestionsbegriff bei ihm keine Red sein.)[19] Die Versuchsergebnisse seien lediglich „jener merkwürdigen Wechselwirkung zwischen Geist und Körper zuzuschreiben“ [attributable to the remarkable reciprocal actions of the mind and body on each other].[20]

Braid überprüfte experimentell auch die angebliche Fähigkeit der Sensitiven, durch Magnete, Bestreichen oder Anhauchen magnetisiertes Wasser von nicht magnetisiertem zu unterscheiden. Keiner der im Wachzustand und im nervösen Schlaf geprüften Patienten sei imstande gewesen, einen solchen Unterschied festzustellen. Freilich könnten durch Anhauchen und Bestreichen scheinbare Erfolge erzielt werden, „weil höchstempfindliche Patienten die Athem- oder Hautdünste sehr leicht riechen oder wahrscheinlich auch schmecken.“[21] Auch sei ihm noch niemals „ein Beispiel von unfehlbarem Gedankenlesen vorgekommen.“ Solches beruhe auf einer Täuschung: Gedankenleser nützten nur die „sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke“ aus. Mit großer Akribie versuchte Braid, von Reichenbachs Od-Lehre Schritt für Schritt experimentell bzw. narrativ zu widerlegen. Dies betraf die diamagnetische Eigenschaft des menschlichen Körpers, die phosphorizierenden Erscheinungen auf Friedhöfen oder den Abdruck des Magneten auf einer lichtempfindlichen Platte („Daguerreotype“).[22]

Braid hielt also die „Wirkungen eines neuentdeckten imponderabeln Agens“, wie sie Karl von Reichbach beschrieben hatte, nachweisbar für „irrig“.[23] Allerdings billigte er den Akteuren entsprechende Sinneswahrnehmungen zu. So könnten bestimmte leicht erregbare Menschen „elektrische, wärmeerzeugende und heilkräftige Eigenschaften“ an Gegenständen entdecken, „welche nicht nur von anderen, sondern auch von ihnen selbst nicht bemerkt werden, wenn sie sich in einem normalen, minder sensitiven Zustande befinden.“ Auch der Magnetiseur werde kraft der „die physische Thätigkeit veränderenden geistigen Einwirkung höchst wahrscheinlich eine Strömung in seinen Fingerspitzen wahrnehmen“. Gerade solche Sinneseindrücke würden den Glauben der Mesmer-Anhänger „an die physische Existenz des betreffenden Agens“ befestigen.[24]

Braid warf noch ein schlagendes Argument in die Waagschale. Es gebe Patienten, die sich selbst in nervösen Schlaf versetzen „und die dem Mesmerismus eigenen Erscheinungen ohne fremde Hülfe durch eigene Bemühungen erzeugen können, indem sie ihren Blick, sowie ihre ganze Geistesthätigkeit mit voller Energie unverwandt einem einzigen Punkt, z. B. ihrer Finger- oder Nasenspitze zuwenden“.[25] Wer sich selbst magnetisiere, könne mindestens ebenso große Wunder „wahrzunehmen wähnen, als die Menschen, welche unsere erfolgreichsten Magnetiseure durch Anwendung ihres vermeintlichen Fluidums behandelt haben.“ Nicht ein äußeres Fluidum erzeuge die mesmeristischen Phänomene, sondern die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Offenbar war ihm entgangen, dass die Mesmeristen sehr wohl die Methode der „Selbstmagnetisierung“ kannten und verschiedentlich diskutierten (Kap. 25). Freilich stand diese nicht im Zentrum der magnetischen Behandlungstechnik, bei der es ja primär auf die speziellen „Manipulationen“ der Magnetiseure ankam.

Wie Braid durch ein eindrucksvolles Experiment mit einer Patientin gegenüber einem ärztlichen Kollegen in London demonstierte, würde die „Überreizung der Einbildungskraft“ (vividness of […] imagination) zur Selbsttäuschung führen, sodass alle möglichen vorgespiegelten Phantasiegebilde für wirklich gehalten würden. Auch Visionen und Halluzinationen bestimmter Menschen im Wachzustand, die so genannten „vigilanten Phänomene“ (vigilant phenomena) seien kein physischer Eindruck von außen, sondern „ein von innen heraus wirkendes geistiges Blendwerk“ (a mental delusion from within), der den Verstand so weit lähme, dass die betreffenden Personen von einem anderen „unbedingt beherrscht und als bloße Marionetten [mere puppets]gehandhabt“ werden könnten.[26] Sobald man diese Patienten dahin bringen könne, „der sich äußernden Kraft eines fremden Willens die eigene Kraft selbständig entgegenzusetzen [exercise their own independent powers in opposition to], ist der Zauber [spell] behoben.“ Die dem magnetischen Fluidum zugeschriebenen physischen Veränderungen müssten „auf das geistige und körperliche Conto [resources] des Patienten und nicht etwa auf das des Experimentirenden und seiner Mittel gesetzt werden.“[27] Am Ende seiner Abhandlung unterstrich Braid die therapeutische Relevanz seiner Lehre: Die „richtige Beachtung und Beherrschung dieser Kraft des menschlichen Geistes [human mind] über seine leibliche Hülle [physical frame] und umgekehrt“ könnten zur Linderung von Leiden eingesetzt werden. Übrigens verwandte Braid Geist (mind) und Seele (soul) synonym – „soul or mind“, wie es an einer Stelle seiner „Neurypnology“ heißt –[28] wenngleich er ungleich häufiger „mind“ benutzte. Im Schlusssatz der soeben referierten Abhandlung benutzte er beide Termini in einem Atemzug: „My experiments […] beautifully prove the unity of the mind, and the remarkable power of the soul over the body.“[29]

So scharf sich die Protagonisten des Mesmerismus und des Hypnotismus (Braidismus) auch voneinander abgrenzten, so unscharf wurden beiden Konzepte in der Laienmedizin und insbesondere in deren Ratgeberliteratur miteinander vermengt, ja oftmals miteinander gleichgesetzt. Sie beeinflussten nachhaltig die in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufblühende „Neugeist-Bewegung“ (New Thought Movement) und die von dieser Strömung propagierte Geistheilung (mental healing). Im Mittelpunkt der verschiedenen Ansätze  stand die Idee, dass der Geist sozusagen Berge versetzen und vor allem heilen könne. Hierbei spielte der Begriff der Suggestion ein zentrale Rolle. So meinte Henry Wood, ein Mentor des New Thought, die ideale Suggestion sei das „Photographieren von reinen und vollkommenen Idealen direkt auf unseren Geist durch das Medium des Gesichstssinns“ (the photographing of pure and perfect ideals directly upon the mind through the medium of the sense of sight).[30] Die gebündelte Energie der Gedankenkonzentration (thought concentration) würde eine wunderbare Kraft entwickeln. Er gab im Stile eines Übungsbuches eine Reihe von insgesamt 35 „meditations and suggestions“ an, deren richtigen Gebrauch er im Einzelnen im Grußdruck durchdeklinierte: von „GOD IS HERE“ und „DIVINE LOVE FILLS ME“ bis hin zu „I AM HEALED“ und „BE YE THEREFORE PERFECT“. Die Verinnerlichung der Suggestionen könnten nur durch ständiges Üben erreicht werden. Diese Kur der „idealen Suggestion“ sei nicht magisch, sondern bedeute natürliches Wachsum (natural growth).[31] Mesmerismus und Hypnotismus boten den Heilbestrebungen der Neugeist-Bewegung einen wunderbaren Nährboden. Sie importierten magnetische und hypnotische Techniken, die primär in der Medizin entwickelt worden waren, in ihr religiöses Feld und verknüpften sie mit dessen Denkwelt. Am bekanntesten wurde die Christian Science von Mary Baker-Eddy, die von dem US-amerikanischen Mesmeristen Phineas Quimby behandelt und stark beeinflusst worden war, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll.[32] Der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig war mit seiner Schrift „Die Heilung durch den Geist“ (1932) wohl der erste, der den medizinhistorischen Bogen von Franz Anton Mesmer zu Sigmund Freud schlug und dabei Baker-Eddys Lehre als Zwischenstufe in der Geschichte der Psychotherapie würdigte.[33] Erst mit Henri Ellenbergers „Die Entdeckung des Unbewussten“ (1970) wurde die Bedeutung des Mesmerismus für die Geschichte der „dynamischen Psychiatrie“ erkannt.[34]


[1] Fiedländer, 1839, S. 21. [2] A. a. O., S. 22. [3] A. a. O., S. 24. [4] Preyer in: Braid, 1882, S. VI. [5] Braid, 1846 [a].[6] Braid, 1846 [b]. [7] Braid [1846], 1882. [8] Ebd., S. 4. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 6. [11] A. a. O., S. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 12. [14] A. a. O., S. 13. [15] A. a. O., S. 14. [16] A. a. O., S. 20. [17] A. a. O., S. 22. [18] Braid, 1846 [b], S. 300; Braid [1846], 1882, S. 23. [19] Braid, 1843, S. 147. [20] Braid [1846], 1882. S.  24; Braid 1846 [b], S. 300. [21] Braid [1846], 1882, S. 25. [22] A. a. O., S. 26-29. [23] Ebd., S. 29. [24] A. a. O., S. 30. [25] A. a. O., S. 31. [26] A. a. O., S. 34. [27] A. a. O., S. 36. [28] Braid, 1843, S. 83. [29] Braid, 1846 [a], S. 274. [30] Wood, 1893, S. 7. [31] A. a. O., S. 109. [32] http://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Baker_Eddy (29.04.2012). [33] Zweig, 1932. [34] Ellenberger, 1970; 1973.