46. Kap./2* Nymphomanie und ihre Kur

Die Geschichte der Liebeskrankheit lässt sich auch erzählen als eine Geschichte kultureller Stigmatisierungen unzeitgemäßer Formen von Liebe und Erotik, die nach jeweiliger gesellschaftlicher Übereinkunft als moralisch verwerflich, als kriminell oder eben nur als krankhaft angesehen wurden. Dabei übernahmen Ärzte und vor allem Psychiater in ihren wissenschaftlich verbrämten Werturteilen quasi die Rolle von Sittenwächtern oder Richtern, welche die öffentliche Ordnung zu wahren hatten. Gerade die diversen Phänomene von Liebe und Eros stellten z. T. schwer verkraftbare Herausforderungen für deren Ordnungsdenken dar. Dies sei an einem Fallbeispiel aus der Zeit um 1800 erläutert, als sich die Psychiatrie als Fachgebiet etablierte, nämlich an Heinrich von Kleists „Käthchen von Heilbronn“. Dieses Stück, von Kleist als “Ein großes historisches Ritterschauspiel“ bezeichnet, enthält durch den direkten Einfluss des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert deutlich mesmeristische Phänomene.[1]Graf Wetter vom Strahl erscheint dem Käthchen als eine Art Lichtgestalt, mit der sie in engem Rapport steht. Schon sein Name verweist auf die blitzende Elektrizität bei Gewittern oder die elektrischen Funken, die durch künstliche Elektrizität erzeugt werden. Erwähnenswert ist auch der „konsensuelle“ Traum: Käthchen und der Graf vom Strahl träumen in der selben Sylvesternacht weit voneinander entfernt, wie sie von einem Engel zusammengeführt werden, einer strahlenden Erscheinung: „Mit Flügeln, weiß wie Schnee, auf beiden Schultern, und Licht – oh Herr! das funkelte! das glänzte! – Der führt‘, an seiner Hand dich zu mir ein.“[2]

Sind wir hier mit einem Liebeswahn, einer Erotomanie konfrontiert?[3] Oder haben wir es sogar mit einer Art von Sadomasochismus zu tun, mit „Folter und Fremdbestimmung“, wie ein Literaturwissenschaftler einmal behauptete?[4] Hat Kleist nur eine zeitgenössische Krankengeschichte des Heilbronner Stadtarztes Eberhard Gmelin literarisiert, wie manche Interpreten vermuteten? Die Frage ist zu verneinen: Denn Käthchens Verhalten offenbart letztendlich einen unbewussten Rapport, eine innere („sympathetische“) Beziehung zu Wetter vom Strahl. Die beiden sind durch ein geheimes Band miteinander schicksalhaft verbunden. So konstruiert Kleist keine solipsistisch-wahnhafte, letztlich autistische Projektion einer Kranken, ebenso wenig einen „symbiontischen Wahn“ (folie à deux), sondern – im Sinne der romantischen Naturphilosophie – eine sympathetische Wechselwirkung zwischen einem füreinander bestimmten Paar. Folgerichtig endet Käthchen nicht im Irrenhaus, sondern entpuppt sich beim happy end als Kaisertochter.

Anmerkung vom 5.10.2015

Zum wissenschafts- und medizinhistorischen Kontext des Kleist’schen „Ritterschauspiels“ siehe den Artikel „Erotik und Sexualität im Mesmerismus. Anmerkungen zum Käthchen von Heilbronn“ (2000) in meinem Blog Schott’s Published Writings Online.

Wir sind beim „Käthchen von Heilbronn“ also weniger mit einem Fall fürs Irrenhaus konfrontiert, als vielmehr mit dem, was der Schriftsteller Alfred Wien enthusiastisch als „Liebeszauber der Romantik“ bezeichnet hat.[5] Dieser Buchtitel war im Ersten Weltkrieg – „im blutigen Flammenzeichen des Kriegsgottes“ – und danach offenbar äußerst zugkräftig.[6] Die betreffende Publikation erlebte – im „Felde Frühjahr 1916“ abgeschlossen – innerhalb weniger Jahre zahlreiche Auflagen.[7] Dieser „Liebeszauber“ wurde durch zahlreiche biografische Fallbeispiele dargestellt, wobei u. a. auch Novalis und Ludwig Tieck nicht fehlten. Er konnte tragische, abgründige, tödliche Züge aufweisen, wie im Falle von Caroline de la Motte Fouqués Roman „Magie der Natur“ (Kap. 22). Eingerahmt und getragen wurde er freilich von einer naturphilosophisch-religiösen Einstellung, die Wunder und ekstatische Zustände nicht von vornherein als fantastischen (Selbst-)Betrug ansah, sondern als Bestätigung von geheimen Zauberkräften. So heißt es im genannten Buch: „Schauen wir in den Kelch der Blauen Blume tiefer hinein, so beginnt sie sich zu verändern. Glänzender werden die Blätter und schmiegsamer. Sie bilden einen ausgebreiteten Kragen, der ein zartes Antlitz umrahmt; Liebeszauber der Romantik.“

Kommen wir zurück zur Medizin. Die „Kur der Nymphomanie“, wie sie der oben bereits erwähnte Psychiater Jessen skizzierte, richtete sich ganz nach der Therapeutik der zeitgenössischen Irrenheilkunde. Er unterschied dementsprechend drei Ansätze: (A) Die psychische Kur soll „die Herbeiführung einer richtigen Selbsterkenntniss [sic]“ des Kranken anstreben. In hartnäckigen Fällen werde man jedoch „ohne Strafen und Zwangsmittel […] schwerlich zum Ziele kommen. […] Die Kranke muß thun, was der Arzt haben will, und muß sich gewöhnen, es zu thun, weil er es will.“[8] (B) Diät und Lebensweise seien zur Unterstützung der Kur von großer Wichtigkeit. „Namentlich ist körperliche Arbeit bis zur Ermüdung eins der wirksamsten Mittel zur Bekämpfung und Unterdrückung des Geschlechtstriebes.“ Gründlicher Unterricht in Naturwissenschaften wird empfohlen, vor dem „Lesen schlechter und unpassender Romane“ wird gewarnt. (C) Somatische Behandlung und Heilmittel orientieren sich ganz am bekannten Arsenal der humoralpathologischen Korrektur- und Ableitungsmaßnahmen: Aderlass;  Blutegel (auch zur Beförderung von Menstruation und Hämorrhoiden);  Brechmittel; Blut verdünnende Medikamente; Blasen ziehende Methoden; lauwarme und kalte Bäder; eventuell Amputation, Brennen oder „Excision der Clitoris“, wenn diese vergrößert sei; Schröpfköpfe, Blutegel, kalte Umschläge hinter den Ohren und im Nacken nach Galls Empfehlung; und schließlich die „systematische Wasserkur nach der Prießnitzischen Methode“, von der Jessen so überzeugt war, dass er sie selbst in seiner Schleswiger Irrenanstalt in großem Umfang anwandte. (D) Verheiratung erschien schließlich als bestes Heilmittel, um nach traditioneller Auffassung „die aufgeregten Lebensgeister des Uterus zu beschwichtigen“. „Außer dem günstigen Erfolge der Verheirathung beruft man sich auch auf specielle Beobachtungen einer schnellen Heilung durch ausgeübten Coitus.“[9] Manchmal weiche aber der übermäßige Geschlechtstrieb erst in einer Schwangerschaft.

Bemerkenswert ist Willers’ Hinweis auf die „Excision der Clitoris“. Die Klitoridektomie wurde als therapeutische Maßnahme bei übermäßigem Geschlechtstrieb im 19. Jahrhundert verschiedentlich praktiziert, was heute im globalen Kontext als „weibliche Genitalverstümmelung“ angeprangert wird.[10] Die Entfernung von weiblichen Geschlechtsorganen aus psychiatrischer Indikation, insbesondere bei „gewohnheitsmäßiger Onanie“, Nymphomanie und Hysterie, erlebte mit den Fortschritten der Chirurgie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa einen Aufschwung. Neben der Klitoridektomie und der Entfernung der kleinen Schamlippen („Nymphen“) schien auch die Entfernung der Eierstöcke (Ovarektomie) und der Gebärmutter (Hysterektomie) in schweren Fällen angezeigt. So berichtete der französische Psychiater Valentin Magnan in einer seiner Vorlesungen „Ueber die Geistesstörungen der Entarteten“ von der Krankengeschichte eines 12jährigen Mädchens, bei dem die „geschlechtliche Verkehrung“ im Vordergrund gestanden sei. Schon als kleines Kind sei es zu einem Koitusversuch mit dem Bruder gekommen und mit vier Jahren habe sie zu onanieren begonnen: „Jede ärztliche Behandlung war erfolglos. Als sie elf Jahre alt war, wurde die Clitorektomie [sic] ausgeführt. Kaum war der Verband abgenommen, so begann sie von Neuem zu reiben. Schliesslich war die Ueberführung in die Anstalt unumgänglich.“[11]

Am historischen Leitfaden der Onaniedebatte (Kap. 44) kann die Ideengeschichte der Sexualmedizin und deren naturalistische Grundlage sichtbar gemacht werden. Der normative Begriff der Natur, der die physiologische Gesetzmäßigkeit der Sexualität im Organismus bestimmte, bildete den ideologischen Dreh- und Angelpunkt. Alles, was dieser Gesetzmäßigkeit widersprach, erschien als unnatürlich, widernatürlich (pervers), gesundheitsgefährdend und krank machend. Damit lieferte die Onanie das Paradigma für ein missratendes Geschlechtsleben. Ähnlich verheerend wie die Onanie galten dann auch andere Sexualpraktiken, die angeblich eine Verschleuderung von Lebenskraft und Lebenssaft zur Folge hatten, wie etwa die Nymphomanie. Das humoralpathologische Denken hatte aber auch den Gegenpol im Blick: Nicht nur der übermäßige Verlust an Saft und Kraft erschien als eine Gefahr für Leib und Leben, sondern auch deren übermäßige Zurückhaltung und Aufstauung. Die Medizin hatte dann nicht mehr die Aufgabe der Unterbindung, sondern die der Ableitung des Geschlechtstriebs. Damit entstand die Idee der Sexualtherapie, die Praxis sexueller Befriedigung und Befriedung als therapeutische Methode, die wir im folgenden Kapitel im Rahmen der Sexualmedizin ein Stück weit beleuchten wollen.


[1] H. Schott, 2000. [2] 4. Akt, 2. Auftritt.  [3] Giedke, 1983, S. 88 ff. [4] Barkhoff, 1995, S. 256.[5] Wien, 1920. [6] Ebd., S. VII. [7] A. a. O., S. X. [8] Jessen,  1841, S. 406. [9] A. a. O., S. 413. [10] Hulverscheidt, 2002. [11] Magnan, 1892, S. 120.

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44. Kap./3 * Onanie als Quelle allen Übels

Magic of Natur Lecture 44 K 3

Der von mir gelesene Text kann durch einen Audio Podcast angehört werden.

Das Klischee von der Leib- und Lustfeindlichkeit des Christentums wird bis heute eifrig gepflegt. Vor allem die Unterdrückung der Sexualität wird dabei beklagt, die gesundheitsschädigende Auswirkungen habe. Ab den 1950er Jahren wurden Störungen, die man der triebfeindlichen Erziehung nach rigiden Vorgaben der Kirche zuschrieb, als Symptome der „ekklesiogenen Neurose“ angesehen.[1] Ein herausragendes Zeugnis dieser Problematik stellte der autobiografische Bericht „Gottesvergiftung“ des Psychoanalytikers Tilmann Moser dar.[2] Es wird dabei allzuleicht übersehen, dass die „Triebfeindlichkeit“ seit der Aufklärung und der von ihr initiierten Medikalisierung primär nicht mehr von Religion und Kirche, sondern von Medizin und Gesundheitspolitik ausging. Die große Onanie-Debatte, die im 18. Jahrhundert in Gang kam, war in erster Linie keine Moralkampagne katholischer Priester, sondern ein Feldzug von aufgeklärten Ärzten zur Förderung der Volksgesundheit. Diese argumentierten zum einen physiologisch im Sinne der Humoralpathologie, wonach der Verlust an Samenflüssigkeit (der dem Schleim, dem phlegma im Gehirn zugordnet wurde) sowie die übermäßige Nervenreizung eine „Rückenmarksdarre“ verursachten. Zum anderen argumentierten sie psychologisch im Sinne der Imaginationslehre, wonach wollüstige Einbildungen zu Verirrungen des Geistes und des Körpers führen würden. Die Einschätzung der Onanie als krankheitsverursachendes Übel wurde letztlich erst mit der „sexuellen Revolution“ ab den 1960er Jahren nach und nach aufgegeben. Kirchen- bzw. religionskritische Autoren wie Tilmann Moser traten just da auf den Plan, als die Medizin selbst sich wandelte und ihren dogmatischen Paternalismus aufgab. Aus dem Blickwinkel der Medizinhistoriographie ist es bemerkenswert, dass die Lehre von der „ekklesiogenen Neurose“, die durchaus eine gewisse Plausibilität hat, den Blick von der mindestens ebenso problematischen „iatrogenen Neurose“ ablenkte, die von einem – gerade auf sexuellem Gebiet – extrem normativen Menschenbild der Medizin ausging. Denn „Perversionen“ wurden insbesondere von der Psychiatrie unerbittlich gegeißelt und Homosexualität und Onanie oft in einem Atemzug als solche „Perversionen“ oder Kennzeichen der „Psychopathie“ gebrandmarkt.

Thomas Laqueur lässt die Onanie-Debatte über deren Schädlichkeit mit dem Jahr 1712 beginnen, als – Jahrzehnte vor Tissots Klassiker (siehe unten) – eine englische Schrift anonym unter dem Titel „Onania or the Heinous Sin of Self-Pollution“ erschien.[3] Das Buch sei „von einem Quacksalber und Pornografen aus Profitstreben verfasst“ worden, den er namentlich identifieren könne: John Marten, „der 1708 wegen Obszönität verklagte Chirurg und Quacksalber.“[4] Die deutsche Übersetzung erschien in der Erstauflage 1736 unter dem Titel „Onania oder die Sünde der Selbst-Befleckung, mit allen ihren entsetzlichen Folgen“.[5] Ihre Wirkung dieser Schrift war offenbar beachtlich, wurde sie doch bereits wenige Jahre später in dem betreffendenden Band von Zedlers „Universallexicon“ im Artikel „Selbst-Befleckung“ als eine Hauptquelle ausführlich zitiert – 17 Jahre vor dem Erscheinen von Tissots klassicher Schrift.[6] Bereits hier wurde dem großen Publikum das ganze Schreckenspanorama dieser „Sünde“ ausgemalt, die auch als „Onania“ und „Crimen onanitium“ bezeichnet wurde. Crimen war in jener Zeit ein Synonym für „Laster, Übelthat, Missethat, Verbrechen“, wobei die Onanie als ein Crimen occultum, ein „heimlich und verborgen Laster“ aufgefasst wurde.[7] Als verwerflich galt, dass sich die betreffenden Personen „in ihren Gedancken bemühen, der Natur nachzuäffen“ und sich die Empfindung selbst verschaffen, die Gott verordnet habe, um die „fleischliche Vermischung“ zum Zwecke der Fortpflanzung „angenehmer“ zu machen.[8] Mit Hinweis auf den biblischen Onan (Gen 18,9-10) wurde der zutiefst sündhafte Charakter der Onanie herausgestellt. „Die Selbst-Befleckung ist nicht nur eine Sünde wider die Natur, sondern auch eine solche Sünde, so die Natur umkehret, und gleichsam ausrottet, und wer sich deren schuldig machet, der bemühet sich um den Untergang seines Geschlechts, und suchet gleichsam der Schöpfung selbst Schaden zuzufügen.“[9]

Als besondere Ursachen – abgesehen den „Ursachen der Unreinigkeit überhaupt“ wie „ärgerliche Bücher, böse Gesellschaft, […] unzüchtige Gespräche“ – wurden drei genannt: (1) die Unwissenenheit über die „Erschrecklichkeit des Lasters“, seine gesundheitsruinierende Folgen; (2) die „Heimlichkeit dieser Sünde“, die ohne Zeugen begangen wird; und (3) die „fälschlich eingebildete Straflosigkeit“, da die das Laster nicht, wie die Hurerei, Geld koste und eine Ansteckungsgefahr mit sich bringe. Der Katalog der „erschrecklichen Folgen und Plagen“ ist lang und betrifft beide Geschlechter. Es sei hier nur eine Auswahl von Stichwörtern wiedergegeben: Verhinderung des Wachstums bei beiden Geschlechtern; bei Männern und Knaben werden u. a. Phimosen, Strangurien, Priapismus, Gonorrhöen, Ohnmachten, Fallsucht, Schwindsucht, körperliche Abzehrung, Penisschwäche, Unfruchtbarkeit, kränkliche und schwache Kinder genannt; bei Frauenzimmern führe die Onanie zum Ausfluss, zu bleichem bzw. schwarzgelbem und bleifarbenem Aussehen, hysterischem Paroxysmus, „Mutter-Beschwerung“, Abzehrung des Leibes und Unfruchtbarkeit. Der Artikel in Zedlers „Universallexicon“, der mit einer religiösen Brandmarkung des Lasters begonnen hat, greift diese im Schlussteil noch einmal auf und verstärkt sie: Dieses Laster, die „Gewohnheit der Unreingkeit durch die Selbst-Befleckung“, sei besonders gefährlich, da sie den anderen, wie Ehebruch und Hurerei, den Weg bahne. Im Grunde können auch alle andern Laster von der „ersten Schooß-Sünde“ hervorgerufen werden, wie Lügen, Schwören, „ja vielleicht Mord und Todtschlag.“[10] Es erscheint auf den ersten Blick paradox und absurd, dass die Onanie just im Zeitalter der Aufklärung ihre intensivste und penetranteste Unterdrückung erfuhr. Die tatsächliche Durchschlagskraft des Onanie-Verbots verdankte sich wie gesagt weniger theologischen Verdikten, als vielmehr der strikt medizinischen Argumentation, welche die schrecklichen Folgen der Sünde für Leib und Leben im Diesseits höchst dramatisch auf der öffentlichen Bühne darzustellen wusste und diese performance im Namen der Wissenschaft mit religiöser Sündenrhetorik einrahmte.

Der schweizerische Arzt und medizinische Schriftsteller Samuel Auguste Tissot veröffentlichte schließlich 1860 seine berühmte Abhandlung „L’Onanisme“[11]. Im selben Jahr erschien bereits die erste Ausgabe der deutschen Übersetzung.[12] Auf der Rückseite des Titelblatts sind folgende bedrohlich klingenden Verse des Friedrich Rudolph Ludwig Freiherrn von Canitz zu lesen, die in der französischen Ausgabe fehlen und von der originalen Fassung abweichen:

Wenn schnöde Wollust dich erfüllt,

So werde durch ein Schrökenbild

Verdorrter Todenknochen

Der Küzel unterbrochen.

 Bei dem 1699 gestorbenen Diplomaten und Lyriker von Canitz lautet der erste Vers (aus den „Geistlichen Gedichten“ entnommen): „Wenn schnöde Wollust mich erfüllt“. [13] Das reuevolle In-Sich-Gehen wurde vom Tissot-Übersetzer zur pädagogischen Ermahnung anderer umgemünzt. Diese Verse erschienen auch in leicht veränderter Schreibweise als Legende zu einem Kupferstich, der in einer 1787 erschienenen Abhandlung gegen die Onanie als Frontispiz vorangestellt wurde.[14] (Abb. [i]) Es zeigt einen Erzieher, der seinen Zögling offenbar vor einem Skelett schwören lässt. Ein solches setting, das an den Einsatz von Skeletten zur Abschreckung in der Irrenheilkunde erinnert, war im ausgehenden 18. Jahrhundert offenbar recht bekannt. So schrieb der Pietist Georg Sarganeck: „Ich kenne einen Freund, der ein Sceleton oder Todtengerippe von einem Weibsbilde, so ihrer Unzucht und Kindsmordes wegen am Leben erst vor 5 Jahren bestraft worden, besitzet und selbiges zu dergleichen Vorstellungen für sich und ander gebrauchet.“[15] Mit diesem Bild illustrieren übrigens heutige Autoren im Bereich der Kulturwisseschaften gerne ihre Studien zur Geschichte der Sexualität.[16]

Zurück zu Tissot: Er schilderte vor allem eigene Fallbeispiele für krankmachende, ja tödliche Ausschweifung bzw. Onanie, etwa die Geschichte eines älteren Mannes, der wegen zu häufigen Beischlafs mit seiner jüngeren Frau zu Tode gekommen sei: „Ich kenne einen sehr gelehrten aber dabei zärtlichen und pflegmatischen [sic] Mann / der in seinem neun und fünfzigsten Jahre eine junge und sehr geile Frau heurathete, in der dritten Woche nach der Hochzeit von wegen des allzufleißigen Beischlafs in eine plözliche und gänzliche Blindheit verfallen ist / in dem vierten Monat gieng er den Weg alles Fleisches.“[17] Die Schreckensbilder der Onanie bzw. der sexuellen Ausschweifung gleichen denen, die uns bereits in Zedlers „Universallexicon“ begegnet sind. Interessant ist Tissots Schilderung der weiblichen Onanie und seine Begründung ihres geringeren Gefahrenpotentials. Die Frauen bewegten sich sozusagen im Windschatten der Männer. Zunächst stellte er fest, „daß auch selbst das schöne Geschlecht von der Schändlichkeit der Selbstbefleckung nicht völlig frei ist“, wobei ihm die „weibliche Schändung, welche mit dem Küzler geschiehet“, besonders am Herzen lag.[18] Aber Frauen seien sowohl durch übermäßigen Geschlechtsverkehr als auch durch Onanie weniger gefährdet als Männer, was eine physiologische Ursache habe: „weil der sogenannte weibliche Samen keine belebende Kraft hat, mit weit weniger Zubereitung und Umständen abgesondert wird, und von geringerem Werth ist, als der rechte Hoden-Samen der Männer“.[19] Immerhin zählte Tissot eine Reihe von Krankheiten auf, welche durch weibliche Onanie hervorgerufen würden: „grausame Mutter Beschwerden, peinliches Zuken, die gelbe Sucht […] , grose und hartnäkige Verstopfung des Leibes, […] weisen Flus, […], die geile Wuth und dergleichen mehr.“[20] 

In diesem Zusammenhang wäre die Aufklärungsschrift des sozialmedizinisch interessierten Arztes Bernhard Christoph Faust zu erwähnen, der bis 1785 in Rotenburg an der Fulda praktizierte: „Wie der Geschlechtstrieb der Menschen in Ordnung zu bringen und die Menschen besser und glücklicher zu machen“.[21] Die Gewährsleute des Autors waren Tissot und Rousseau. Er prangerte die Selbstbefleckung als das größte Übel an und sah in ihr ein Zeichen des allgemeinen Sittenverfalls. Seit zwei Generationen seien Zucht und Ordnung angesichts von Üppigkeit, Wollust und Weichlichkeit verloren gegangen. „Ginge dies fürchterliche um sich greifende Uebel, in eben der Progression, mit der es angefangen hat, steigend fort: so würde es um das Menschengeschlecht, das schon jetzt so sehr verfallen ist, bald gänzlich gethan seyn.“[22] Er meinte, die weibliche Ordnung bzw. Unordnung würde dem männlichen Vorbild folgen. Deshalb müsse man die erste und größte Sorge auf das männliche Geschlecht verwenden: „Mit dem männlichen kommt auch das weibliche Geschlecht in Ordnung.“[23] Sein Rezept war die „Abhärtung“, das auch die Forderung nach Abschaffung der Kopfbedeckung einschloss.[24] Faust schlug eine detaillierte Kleiderordnung vor, eine „Landesordnung über künftige einförmige Kleidung der Kinder der Landleute“.[25] Der Zweck dieser Uniformierung war, die Geschlechtsteile „vorzüglich des männlichen Geschlechts, in den ersten 14 bis 15 Jahren des Lebens kühl und frei zu halten“ und die Kinder „wieder in den Stand der Kindheit einzusetzen – und so einen Anfang zur Ordnung und zum Glück im Menschengeschlechte zu machen“.[26]

Faust schickte sein Buch an zahlreiche „weise, edle Männer“ in Europa, darunter auch an den Naturforscher und Jakobiner Georg Forster und den Anatomen Samuel Thomas Sömmerring. Er legte es pathetisch vor dem „Altar der Menschheit“ nieder, was er entsprechend illustrierte – ein schönes Beispiel für die Sakralisierung profan gewordener Wissenschaft, die sich dann im 19. Jahrhundert im „Tempel der Wissenschaft“ wähnte (Kap. 4). (Abb. [ii]) Johann Heinrich Campe, ein Vertreter der Aufklärungspädagogik in Deutschland, lobte in seiner „Vorrede“ die lauteren Absichten des Autors, dem es um das Wohl der Menschheit und nicht um sich selbst gehe. Auch er machte ungünstige „Beinkleider“ der Knaben für die Sittenverderbnis verantwortlich. Campe wollte den Einwurf dagegen, dass auch frühere Zeiten solche Kleidungsstücke ohne Schaden in Gebrauch waren, entkräften: „Was das rohe, unverderbte und durch jede Art von Abhärtung gestählte Kind der Natur, ohne merklichen Schaden erträgt, das kann für den durch Kunst und Ueppigkeit verweichlichten und verkrüppelten Schwächling die gefährlichsten Folgen haben.“[27]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ekklesiogene_Neurose (22.10.2009) [2] Moser, 1976. [3] Onania [c. 1712], 1759. [4] Laqueur, 2008, S. 416 bzw. S. 33. [5] Onania, 1736. [6] Zedler, Bd. 36, 1743, Sp. 1586-1590. [7] Zedler, Bd. 6, 1733, Sp. 1645 f. [8] Zedler, Bd. 36 (1743), Sp. 1586. [9] A. a. O., Sp. 1587. [10] A. a. O., Sp. 1590. [11] Tissot, 1760 [a]. [12] Tissot, 1760 [b] [13] Canitz, 1727, S. 45. [14] Rötger, 1787: Frontispiz. [15] Zit n. K. Braun, 1995, S. 218; Sarganeck, 1740, S. 500 f. [16] Wernz, 1993 [quasi Frontispiz]; K. Braun, 1995 S. 217. [17] Tissot, 1760 [b], S. 17. [18] A. a. O., S. S. 38 f. [19] A. a. O., S. 41. [20] A. a. O., S. 42. [21] Faust, 1781. [22] Ebd., S. 1. [23] A. a. O., S. 3: Fußn. [24] A. a. O., S. 134. [25] A. a. O., S. 67-157. [26] Ebd., S. 66. [27] Campe, 1781, S. XXIII.


[i] Rötger, 1787: Frontispiz; http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10764023_00006.html [20.07.2012); → Abb. Rötger 1787  [ii] Faust, 1781, S. 226; → Abb. Faust Altar der Menschheit