30. Kap./4 * Natürliche versus dämonische Magie

Der jesuitische Autor und Pädagoge Kaspar Schott, ein treuer Anhänger von Athanasius Kircher, setzte sich intensiv mit der Problematik der Zauberei auseinander. Vor allem im vierten Teil seiner „Magia universalis“ unter dem Titel „Thaumaturgus physicus“ stellte er das Verhältnis von Natur und Kunst unter dem Aspekt des Wunderbaren dar.[1] Zu den magischen Künsten rechnete er die Magia cryptographica, chyromantica, divinatoria, magnetica, medica, physiognomica, pyrotechnica, sympathica. Die Waffensalbe handelte er unter der Magia medica ab.[2] Schott beklagte die verbreitete Einstellung, „die Werke der Kunst zu bewundern, die der Natur übel zu nehmen.“[3] Während ein hölzerner Automat mit geheimem Mechanismus allgemein Bewunderung und den Drang auslöse, diesen zu untersuchen, würden die alltäglichen wunderbaren Bewegungen von Lebewesen kaum beachtet und erforscht. Schott grenzte natürliche und außernatürliche Vorgänge „im Interesse einer ‚wunderbaren’ Weltauffassung“ nicht scharf voneinander ab, wie Dietrich Unverzagt in seiner einschlägigen Dissertation bemerkte.[4] Bei ihm stehe nicht die Durchbrechung der Naturgesetze, sondern das Außergewöhnliche, Wunderbare im Mittelpunkt: „die sensationelle Naturerscheinung oder eine besonders ausgeklügelt Technik“.[5] Schott habe Magie auf natürliche Vorgänge zurückführen wollen, aber zugleich an die Existenz der Dämonen geglaubt. Diese besäßen „ein vollendetes Wissen um die Natur, können lokale Bewegungen in einer Schnelligkeit ausführen, die die Wahrnehmungsfähgikeit der Menschen überschreiten.“[6] Insofern würden übernatürliche Phänomene entweder „auf beschleunigte natürliche Vorgänge oder Sinnestäuschungen zurückgeführt.“ Die optische Magie war ein Spezialzweig der künstlichen Magie, woran insbesondere Jesuiten interessiert waren. Kaspar Schott gilt als der  wichtigste Vertreter der magia optica“.[7] Diese kann als Kunst der Täuschung und Ent-täuschung zugleich im Übergang vom Zeitalter der Ähnlichkeit „zum klassischen Zeitalter der Repräsentation“ verstanden werden.[8]

Schott unterschied einerseits zwischen guter und böser Magie: „Alles, was zu einem bösen Zweck durchgeführt wurde oder mit Hilfe eines Dämonen ist unzulässig.“[9] Zum anderen unterschied er zwischen natürlicher und künstlicher Magie. Erstere sei „ein verborgenes Wissen um die Geheimnisse der Natur“, um die „okkulten Qualitäten“ der Materie; Letztere sei die „Kunst oder Fähigkeit etwas wunderbares [sic] durch menschlichen Fleiß herzustellen indem verschiedene Instrumente darauf angewandt werden.“[10] Die dämonische Magie könne keine wirklichen Wunder vollbringen, die Gott vorbehalten seien. Sie sei auf natürliche Prozesse begrenzt. Letztlich bestünden die wunderbaren dämonischen Effekte aus Illusionen und Sinnestäuschungen oder aber in einer Beschleunigung natürlicher Prozesse.[11] Er wies auf die Verbreitung der Magie unter den veschiedenen Völkern des Altertums hin und erinnerte insbesondere an die Lehre von den Geistern (genii), die zwischen Menschen und Göttern standen, zwischen Himmel und Erde wohnten und sich nach traditioneller Auffassung in natürlichen und künstlichen Dingen niederlassen konnten, um von dort aus Zeichen für Weissagungen zu geben. Schott ging kritisch auf verschiedene magische Phänomene ein, die er beim Studium der Literatur kennengelernt hatte. So lehnte er die Vorstellung ab, dass der Mond ein Zauberspiegel sei. Man könne aus physikalischen Gründen der Optik keine Buchstaben auf den Mond projizieren, um so über weite Entfernungen hin Nachrichten zu übermitteln oder weit entfernte Ereignissse sichtbar zu machen.[12] Spontanes Glockenläuten hielt er für ein Werk von Engeln oder aber von Dämonen.[13]

Schott setzte sich mit Agrippas Theorie über die Wirkung des Wortzaubers auseinander, wonach die Kraft der Dinge über die Sinnesorgane zum Vorstellungsvermögen und zum Geist weitergeleitet werde, um schließlich in die Stimme einzufließen.[14] Die Zauberwirkung der Worte käme also aus den Dingen. Der Verstand teile ihnen eine Kraft mit, so dass die Worte „etwas wie Strahlen der Dinge“ darstellten. Schott nannte diese „kühne Art zu philosophieren […] eine alberne und dumme.“[15] Denn wenn schon die Worte durch den Verstand solche Zaubermacht erhielten, warum nicht bei allen Menschen? Schott kritisierte auch andere Zauberpaktiken wie die Anwendung von magischen Quadraten und anderen Zauberformeln. Er bedient sich einerseits rationalistischer Argumente. So könnten Zahlen selbst nicht wirken. Außerdem widersprächen sich die Astrologen selbst. Magische Sympathie, etwa die Übermittlung von Botschaften mit Hilfe magnetischer Kräfte, hielten Schott und sein Meister Kircher für Unsinn.[16] In ihren Augen beruhten magische Effekte, etwa beim Pendel oder bei der Wünschelrute, entweder auf natürlichen Vorgängen oder aber auf dämonischen Einflüssen.[17] Als Jesuit, der selbst kein Arzt war, wollte Schott die magische Medizin philosophisch prüfen. Insbesondere die angebliche Wirkung der Waffensalbe, wie sie „Paracelisten, Melmontisen und andere ‚Waffenärzte’“ propagierten, stellte er in Frage. Eine unbegrenzte Fernwirkung widerspreche der natürlichen Fähigkeit aller „geschaffenen Agentien“. Deren Wirkung sei begrenzt, ihre Wirkungsmacht sei durch eine „Sphäre der Aktivität“ (sphaeram activitatis) begrenzt, außerhalb derer sich ihre Kräfte „keinen Fingerbreit ausdehnen können.“[18] Hier folgte Schott dem bereits erwähnten aristotelischen Leitsatz Nullum agens agit in distans” (siehe oben). Eine Heilung mit der Waffensalbe war also auf natürliche Weise ausgeschlossen. Entweder handelte es sich um die Selbstheilungskräfte des Organismus oder aber um dämonische Magie.[19] Wo die Wirkung auf Entferntes zugelassen werde, „liegt der Verdacht eines Paktes mit einem Dämon vor“ (suspicio latet pacti cum Daemone). Für den heutigen Leser zeige sich, so der Befund einer einschlägigen Studie, eine „befremdliche Nähe naturphilosophisch-rationalistischer und dämonologischer Diskurse.“[20]

Schott schloss sich der Lehre von den feinen Ausdünstungen (effluvia) an, um den magischen Vorgang zu erklären, dass die Wunden eines Ermordeten angeblich wieder zu bluten anfangen, wenn der Mörder in die Nähe kommt. Die spiritus im Blute des Mörders würden sich im Augenblick der Tat auf die spiritus im Blut des Opfers übertragen und sich mit ihnen mischen. Wenn nun der Mörder in die Nähe des Ermordeten gerate, würden die im Letzteren vorhandenen spiritus des Mörders erregt und das Blut aus den offenen Wunden treiben.[21] Dies geschehe aber nur in der kurzen Zeit, in der die Leiche noch nicht abgekühlt sei. Wenn lange Zeit später so etwas geschehe, meinte Schott, dass dann „von GOTT das Blut erregt wird, um den Mörder zu überführen, oder von einem bösen Dämon, wenn GOTT es zulässt.“ Eine Reihe von Divinationen, wie Pyro-, Aero- Hydro- und Geomantik oder bestimmte mantische Rituale wie Nekro- oder Kristallomantik beruhten für Schott auf diabolischer oder dämonischer Einwirkung. Ihm erschien der Teufel als „der Affe Gottes“ (Diabolus, DEI simia). Diese Redeweise erinnert an die Bezeichnung des (naturforschenden) Menschen (philosophus) als „simia naturae“ (Kap. 36). Dies war insofern eine treffende Analogie, weil der Teufel in dieser Sicht göttliches Wirken nur nachahmen könne – wie der Mensch das Wirken der Natur.

In der Schrift über „Drey-Hundert Nütz- und Lustige Sätze“ aus der „natürlichen Magie“ befasste sich Schott mit allerhand Zaubertricks und ihrer technischen Durchführung.[22] Dabei mischte er Beispiele aus der Literatur (oft von Klassikern) mit eigenen Erfahrungen, um so zu praktischen Anleitungen und Anregungen zu kommen. So schilderte er beispielsweise, wie man anderen den Appetit mit vermeintlichen Würmern im Fleisch verderben könne, so dass „die am Tisch-sitzenden vor den aufgetragenen Speisen einen Ablust“ bekämen: „Nimm Geigen-Saiten / oder kleines zusammen-gedrähtes und dürr-gemachtes Gedärm von kleinen Thieren / zerschneid es in sehr kleine Stücklein / und menge es mit Zucker oder Saltz. Das auffgetragene Fleisch bestreue mit Zucker und Saltz / samt dem darin gethanen Gehäck / als würtzest oder saltzest du es.“ Durch Feuchtigkeit und Wärme des Fleischs würden diese Stücke wie Würmer erscheinen, die aus dem Fleisch „herfür kriechen“. Demnach würden Tischgäste „dasselbe Fleisch für wurmigt und ungesund halten […]. Diß berichtet Mizaldus.“[23] Antoine Mizauld, latinisiert Antonius Mizaldus, war im 16. Jahrhundert Arzt und Astrologe in Paris und hatte zahlreiche Bücher verfasst, die noch im 17. Jahrhundert stark  verbreitet waren und immer wieder neu aufgelegt wurden, darunter das Arzneibuch mit dem Titel in deutscher Übersetzung „Neunhundert gedächtnußwürdige Geheimnuß und Wunderwerck von mancherley Kreutern, Metallen, Thieren, Vögeln […]“.[24] Für Schott war Mizaulds Werk eine Fundgrube. Aber auch zahlreiche andere Autoren boten ihm Anregungen, wie etwa Cardanus. Im Hinblick auf Methoden der Blutstillung bezog er sich auf diesen: Cardanus habe vom Chrysolith („Goldstein“) gemeldet, „daß er das Blut / so auß einer Wunden fließt / wann er darüber gebunden wird / stille.“[25] Schott erzählt daran anschließend von einem eigenen Erlebnis, das er „zu Panormi“ auf Sizilien hatte. Ein sonst unstillbares Nasenbluten konnte von einem Bauern gestillt werden: Er wickelte „warmen Esels-Dreck ins Schnupftuch / bringt ihn zum Patienten / und hälts ihm für die Nase / welcher so bald er den Gestanck mit dem Athem an sich gezogen / hat im selbigen Augenblick das Blut zu schweissen gantz nachgelassen.“

An das soeben referierte Werk von Kaspar Schott ist Athanasius Kirchers „Beweiß-Schrifft / Von Wunder-seltzamen Creutzen“ angehängt.[26] Sie ist wegen ihrer Typologie der „Wunderwercke“ von Interesse und unterstreicht nur die Beurteilung magischer Einwirkungen von Kaspar Schott. Es gebe dreierlei Arten oder Gattungen von Wunderwerken: (1) Die der ersten Gattung würden von Gott selbst unmittelbar oder durch Heilige oder „durch Engel auff eine unaußsprechliche Weise“ bewirkt.[27] (2) Die Wunderwerke der zweiten Gattung geschähen „zuweilen durch der Engel oder Teuflischen Geister Hülff“, um Gottes Herrlichkeit zu offenbaren „oder der Menschen Missethat zu rächen“. (3) Die „der dritten Art“ würden die Wunderwerke der Natur (Miracula naturae) umfassen: Sie gehörten zwar „einig unter das Gebiet und Bottmäßigkeit der Natur“, seien aber „um soviel von vollkommener Verstandnus der Menschen entfernet / als sie umm vieler Ursachen Zusammenkunfft willen verborgener sind.“[28] Die drei Kategorien der Wunderwerke waren damit klar definiert: Diejenigen, die Gott alleine „ausserhalb aller natürlichen Ursach“ bewirkt; diejenigen, die Engel und Geister „ohne der Natur und Geschöpffmaß [Schöpfung] Mitwirkung“ verrichten;[29] und schließlich diejenigen, die als „der pur lautere Natur und Geschöpffmaß-Zeichen“ zu verstehen sind.[30] Somit vertrat Kircher eine eindeutige Hierarchie der Wunderwerke.


[1] K. Schott, 1659. [2] Ebd.. S. 454. [3] Zit. n. Unverzagt, 2000, S. 213. [4] Unverzagt, 2000, S. 214. [5] A. a. O., S. 265. [6] A. a. O., S. 266. [7] Gronemeyer, 2004, S. 110-135. [8] A. a. O., S. 197. [9] A. a. O., S. 235. [10] A. a. O., S. 236. [11] A. a. O., S. 237. [12] A. a. O., S. 243. [13] A. a. O., S. 244. [14] A. a. O., S. 245. [15] A. a. O., S. 246. [16] A. a. O., S. 250. [17] A. a. O., S. 251 f. [18] Zit. a. a. O., S. 255.  [19] A. a. O., S. 256. [20] A. a. O., S. 257. [21] A. a. O., S. 258. [22] K. Schott, 1677. [23] Ebd., S. 32. [24] Mizauld, 1574. [25] K. Schott zit. n. Unverzagt, 2000, S. 182 f. [26] Kircher, 1667. [27] Ebd., S. 281. [28] A. a. O., S. 282. [29] A. a. O., S., 291. [30] A. a. O., S. 294.

# 30. Kap. Finstere Schatten: Dämonische Gegenwelt

Insofern Natura als Medium göttlicher Offenbarung erschien, verkörperte sie das Heil schlechthin: Heilkraft und Lebensquelle für alle Kreaturen und vor allem für den Menschen. Andererseits gab es Lehren vom Bösen, die ihren Ursprung in Manichäismus und Gnosis hatten, welche die materielle Welt durchweg als Ort des Bösen verteufelten (Kap. 9). Die Naturdinge waren in dieser Sicht schon per se vom Bösen tingiert, sozusagen durchstrahlt vom Teufel und seiner Macht. Die Magia naturalis in Renaissance und früher Neuzeit depotenzierte das Reich des Bösen: Es war zwar gemäß der Dämonologie allgegenwärtig, hatte aber keine Allmacht mehr. Man konnte sich vor ihm schützen und im Falle eines Übergriffs gab es Möglichkeiten, die böse Macht zu bekämpfen und aus dem Lebensbereich des Menschen zu verbannen. Magische und religiöse Rituale, bei denen Amulette und Exorzismus eingesetzt wurden, zeigen diese besondere Art der Heilkunst. Schwarze Magie dagegen verbündete sich mit der finsteren, bösen Natur und verwandelte Gutes in Böses. „Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, / die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, / die das Bittere süß und das Süße bitter machen.“ [1] Der biblische Ausspruch trifft den Kern dessen, was als Schwarze Magie bezeichnet werden kann. Diese bestand in einer Verkehrung von Licht und Finsternis, gut und böse. Finsternis zu Licht machen bedeutete, krankmachende, „dunkle“ Strahlen des Bösen auszusenden. In der Medizingeschichte, vor allem in der Tradition der Popularmedizin, spielte die Schwarze Magie als Schadenszauber (maleficium) eine große Rolle: das Anhexen von Krankheit, Leiden und Tod. Die Bezeichnung „schwarz“ verweist auf die böse Quelle, auf „des Pudels Kern, von dem in Goethes „Faust“ die Rede ist  


[1] Jesaja 5,20; http://alt.bibelwerk.de/bibel/ (4.03.2008)

13. Kap./3 * Neuheidnische Naturmagie

Mit dem Aufkommen von New Age und ökologischer Bewegung gegen Ende des 20. Jahrhunderts blühten bestimmte Formen der Naturreligion auf, die sich bewusst auf vor- und außerchristliche Traditionen beriefen und heidnische Bräuche zelebrierten. So wurden in Westeuropa keltische und germanische Kulte wieder belebt, deren Akteure sich explizit als Neuheiden definierten. Es ist bemerkenswert, dass sie auch Elemente der „natürlichen Magie“ integrierten, die in Renaissance und früher Neuzeit Konjunktur hatten.[1] In der zweiten Hälfte des 20. Jarhunderts vollzog sich in der naturreligiösen Bewegung und ihrem Hexenkult eine Wende: von einem esoterischen Fruchtbarkeitskult, wie ihn Gerald Gardner, der englische Okkultist und Begründer der Hexenreligion Wicca, in den 1950er Jahren entwickelte, hin zu einer umfassenden Naturreligion zur Erhaltung und Rettung der Umwelt.[2] Gegenwärtig ist Wicca eine bedeutende Richtung der modernen Esoterik, die sich implizit oder explizit an traditionelle magische Praktiken anlehnt und bei magnetisch-sympathetischen Kuren der frühen Neuzeit Anleihen macht (Kap. 32). So weist Wicca mit ihrem besonderen Naturbezug „eine Mischung von Animismus und Pantheismus“ auf, ohne sich jemals „aus dem abendländisch geprägten Kontext“ zu entfernen.[3]

Die einschlägigen Schriften haben häufig das Format von Nachschlagewerken und Anleitungen für den alltäglichen Hausgebrauch. So enthält das „Handbuch der Natur- und Elementarmagie“ eines Wicca-Vertreters praktische Ratschläge ohne weiterführende Literaturangaben. Der Leser ist mit einem bunten Sammelsurium traditioneller magischer Rituale konfrontiert. So werden zum Beispiel unter „Meeresmagie“ folgende Ratschläge gegeben: „Wenn du mal eine besondere Muschel finden solltest, dann kannst du aus ihr ein Schutz- oder Glücksamulett herstellen.“ [4] Oder: „Wenn du eine kleinen Stein in das Loch des Hühnergottes steckst, so dass es fest darin verankert ist, und ihn dann ins Meer wirfts, wird die Liebe dich finden.“ [5] Natürlich darf die Magnet-Magie nicht fehlen, die u. a. zur Angstabwehr empfohlen wird: Man soll zu einem Wasser gehen und einen Magneten in der Krafthand halten und alle Angst und Furcht in ihn einfließen lasssen. „Wenn der Magnet schier zu platzen droht vor Energie, wirf ihn ins Wasser. In dem Moment, wo du ihn loslässt, lassen auch all die Energien los, mit denen du deine Angst genährt hast. Du wirst dich besser fühlen. Wenn nötig, wiederhole das Ritual.“[6]

Im Kontext der zeitgenössischen Esoterik wird der Begriff der Magie und insbesondere der Naturmagie inflationär gebraucht. Es gibt abschreckende Beispiele für oberflächliche, falsche und verschwommene Darstellungen, die den Modebegriff ohne jeden historischen oder philosophischen Tiefgang abhandeln.[7] Die Heil(s)versprechen einschlägiger Publikation um 2000 erinnern an diejenigen der Naturheilkunde um 1900, wenngleich die mystische Komponente mit ihrem kosmischen Anspruch im Sinn der Wicca heute wahrscheinlich noch stärker in Erscheinung tritt. Besondere Orte haben eine herausragende Bedeutung, insbesondere Glastonbury, das von englischen Okkultisten als „Herzchakra“ der Erde gepriesen wird, „denn an diesem heiligen Ort wurden in alter Zeit die wichtigsten Einweihungen vollzogen. Jede Manipulation an diesem Ort, im Guten wie auch im Bösen, wirkt sich auf die Gesundheit und das Wohl der Menschheit aus, wirkt auf das Herzchakra jedes Menschen, da wir alle über die Erdenseele miteinander und mit der Erde verbunden sind.“[8] Mineralien und Pflanzen sollen als lebendige Naturdinge empfunden werden, zu denen man geistigen Kontakt aufnehmen könne. Der Ratschlag, wie man kranke Bäume stärken, ihnen „Energie schenken“ könne, erinnert an das Magnetisieren oder Eletkrisieren von Bäumen im Sinne von Mesmerismus oder und „l’électro-culture“ um 1800 (Kap. 28): „Legen Sie Ihre Hände an den Stamm des kranken Baumes, öffnen Sie Ihr Herz, und stellen Sie sich vor, wie grünes heilendes Licht durch Ihre Hände in den Stamm einfließt und sich von dort wohltuend im ganzen Baum verteilt.“[9]

Vivianne Crowley, eine jungianische Psychologin und Hohe Priesterin der Wicca-Religion aus London, publizierte 1989 ihre umfassende und sehr beachtete Studie „Wicca: The Old Religion in the New Age“. In einer populären Kurzdarstellung warb sie in der breiten Öffentlichkeit um Verständnis für die neue Religion: „Hexenkunst ist nicht bloß Magie. Wicca ist eine heidnische Mysterienreligion von Göttin und Gott. Außerdem ist es auch eine Naturreligion.“[10] Sie stellt uns eine weitgespannte synkretische Religion vor: „Die Geschichte des Wicca ist die Geschichte der Naturmagie, heidnischer Mysterienschulen wie der von Ägypten und Eleusis und der keltischen Spiritualität. Wicca greift zurück auf Mystik, Astrologie, Runen, Tarot und heute auch auf Erkenntnisse aus der Psychologie.“[11] Die magischen Methoden erscheinen ebenso synkretistisch zusammengestellt: Visualisierung, Konzentration, Trance, ätherische Energie in den körpereigenen Energiezentren („Chakras“).[12] Selbstverständlich ist für die Magie auch der Mond wichtig: „Der Mond beeinflusst viele Körperrhythmen. […] Bei Vollmond sieht man einfach besser. Außerdem beeinflusst der Mond die außersinnlichen Fähigkeiten. […] auf jeden Fall ist Magie bei Vollmond viel einfacher.“[13] Göttin und Gott sind gleichberechtigt in dieser Lehre, die sich explizit auf C. G. Jungs Psychologie beruft.  So gibt es zum Thema „Magie“ außerhalb der scientific community seit einigen Jahrzehnten eine Flut von mehr oder weniger esoterischen Publikationen. Sie sind zum Teil als populärwissenschaftliche Enzyklopädien aufgemacht.[14] Magie in der Medizin findet natürlich besondere Beachtung.[15] Zwei Richtungen der Magie haben sich angeblich herausgebildet: die „naturmagische“ Richtung mit modernem Hexentum (Wicca-Bewegung) und Neo-Schamanismus sowie die „technocybermagische“ Richtung, die sich in ihrer eigenen Welt „heilige Bilder“ neu schaffe.[16]

Auch auf dem Gebiet der modernen Esoterik gab es Glaubenskonversionen, beispielsweise „von Satan zu Christus“, wie der Titel eines Interviews mit der betagten Okkultistin Ulla von Bernus (Ursula Pia Freiin von Bernus) anzeigt.[17] Sie war die Tochter des Schrifstellers und Alchemisten Alexander von Bernus und mehrfach in ihrem Leben in Skandale verwickelt, die sich um ihre schwarzmagischen Praktiken drehten und sie schließlich in den 1980er Jahren zur „bekanntesten Hexe Deutschlands“ machten.[18] Im besagten Interview berichtete sie von ihrem frühesten Erlebnis mit der weißen Magie, als sie im Alter von fünf Jahren in München Engel in ihrem Zimmer sah: „Die Engel blieben eine ganze Weile, und ich kann mich noch genau entsinnen, wie sie sich immer von links nach rechts bewegten. Ich habe meinen Vater gefragt, ob er auch diese Engel sehe. ‚Ja, natürlich’, sagte er damals zu mir, auch wenn er später gestanden hat, daß er nichts gesehen habe.“[19] Ulla von Bernus, die später Jahrzehnte lang als Hexe schwarzmagisch tätig war, berichtete über ihren Seitenwechsel. Vom Interviewer gefragt: „Bisher war Dein Gott Satan. Ist es jetzt Christus?“ anwortete sie: „Absolut! Es gibt nur die zwei. Das ist aber eine Ansicht, die ich auch schon vorher vertreten habe. Beide stehen sich frontal gegenüber. Das geht auch schon aus der Versuchungsgeschichte des neuen Testaments hervor, als Christus ‚Hebe dich hinweg Satanas’ ausspricht und nicht umsonst 40 Tage vorher gefastet hat, bevor er seinem Kontrahenten gegenübertreten kann.“[20] Die 82-jährige von Bernus sprach sich nun an ihrem Lebensende gegen die schwarzmagischen Praktiken wie „Experimentalmagie“ und „Zwangsmagie“ aus, die sie selbst ausgeübt hatte. Es kommt einem unheimlich vor, dass sie in Rotenburg a. d. Fulda in unmittelbarer Nachbarschaft von Armin Meiwes, dem „Kannibalen von Rotenburg“ gelebt hatte und mit dessen Mutter befreundet gewesen war − allerdings den skandalösen Fall von Kannibalismus nicht mehr erlebte, der sich einige Jahre nach ihrem Tod 1998 ereignete.[21]

Schwarze und weiße Magie lassen sich ebenso wenig trennschaft auseinanderhalten wie heidnische und christliche Naturmagie oder Hexerei und Geistheilung. Je nach Standpunkt kann ihre Bewertung auch ins Gegenteil umschlagen. Rudolf Steiners Anthroposophie bietet hierfür ein prominentes Beispiel, die wegen fragwürdiger Verwicklungen ihres Protagonisten in den Okkultismus heute zum Teil kritisch gesehen wird.[22] Auf die betreffende Kontroverse um Steiner soll hier nicht eingeganen werden. Die von dem Anthroposophen Wolfgang Weirauch herausgegebenen „Flensburger Hefte“ widmen sich diesem Grenzbereich von Magie, Naturphilosophie und Theosophie. Wer Steiners Definition von schwarzer Magie studiere, werde erkennen, so Weirauch, „daß es damit noch nicht sein Bewenden hat. Viele menschliche Eigenschaften, die wir heute schon fast als normal bezeichnen, muß man dann nämlich zum schwarzmagischen Umfeld rechnen: Hypnose, jede Beeinflussung bzw. jeder Eingriff in die Willenssphäre anderer Menschen, letzlich sogar den egoistischen Genuß auf Kosten anderer.“[23] Demgegenüber ziele die weiße Magie auf die „Vergeistigung der Erde“. Es gehe um die „Erlösung der Elementarwesen, […] indem man das Geistige hereinruft“ und dabei „immer um die Christuskräfte, die sich bereits mit der Erde verbunden haben“.[24] Ähnlich wie Wicca ist auch Steiners Anthroposophie soszusagen auf dem Mist der europäischen Ideengeschichte gewachsen. Hierzu gehören auch Spekulationen über Natur- oder Elementargeister, die neuerdings durch die isländische „Elfenbeauftragte“ Erla Stefánsdóttir auch in Deutschland öffentliche Aufmerksamkeit erregten.[25] Das einzig Überraschende ist die Tatsache, dass anachronistische Elemente unserer eigenen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte heute als sensationelle Neuheiten erscheinen und als solche verkauft werden können.


[1] Greenwood, 2005, S. x. [2] A. a. O., S. 23. [3] K. Fischer, S. 231. [4] Cunningham, 2004, S. 161. [5] A. a. O., s. 163. [6] A. a. O., S. 87. [7] Suhr / Seifert, 2009. [8] Hodapp / Rinkenbach, 2001, S. 25. [9] A. a. O., S. 115. [10] Crowley, 2001, S. 3. [11] A. a. O., S. 7. [12] A. a. O., s. 50 f. [13] A. a. O., s. 57. [14] Suhr / Seifert, 2009. [15] Silva, 1975. [16] Suhr / Seifert, 2009, S. 62 f.; Drury, 2003. [17] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 6-27. [18] http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Pia_von_Bernus (28.02.2012). [19] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 7. [20] A. a. O., s. 16. [21] http://de.wikipedia.org/wiki/Armin_Meiwes (16.06.2012). [22] Zander, 2001, 2011. [23] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 5. [Editorial]. [24] A. a. O., S. 174. [25] Stefánsdóttir, 2011.