11. Kap./2 * Die verschleierte Göttin

Vom Ausspruch „Zurück zur Natur!“, der Jean-Jacques Rousseau (nicht ganz zutreffend) zugeschrieben wird, bis hin zu Immanuel Kants Maxime „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[1] wurden im Zeitalter der Aufklärung immer wieder zwei höchste Instanzen angerufen: Natur und Vernunft. Sie erschienen als die maßgeblichen Richtgrößen für das philosophische Denken und wurden ideologisch miteinander verschmolzen. Dies lässt sich an der reichhaltigen Metaphorik vom „Tempel der Natur“ ablesen, die dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Form des naturwissenschaftlichen Laboratoriums zum „Tempel der Wissenschaft“ mutierte (Kap. 5). In diesem Tempel wurde die Natur gewissermaßen als Göttin verehrt, was auf antike Vorbilder wie Isis, Artemis, Demeter oder Diana verwies. In den „Salons“ von Denis Diderot findet sich eine interessante Zeichnung von Charles-Nicolas Cochin, das als Frontispiz für die „Enzyklopädie“ vorgesehen war. (Abb. [i]) Die durchsichtig verschleierte Frauengestalt personifiziert die Wahrheit (la Vérité). Sie ist von Lichtstrahlen umgeben, die nicht von oben kommen, sondern ihr selbst zugehören. Die Wahrheit wird hier offensichtlich mit Natura und Sophia, Natur und göttlicher Weisheit in eins gesetzt. In der Beschreibung heißt es, ins Deutsche übersetzt: „Die Vernunft und die Metaphysik versuchen, ihr [der Wahrheit] den Schleier wegzuziehen. Die Theologie erwartet ihr Licht von einem Strahl, der vom Himmel kommt; nahe bei ihr die Erinnerung (Mémoire) und die alte und neue Geschichte. Auf der anderen Seite nähert sich die Imagination mit einer Girlande, um die Wahrheit zu schmücken. Darunter befinden sich die verschiedenen Poesien (Poésies) und die Künste [foule de philosophes speculatifs] [2]. Ganz unten sind mehrere Talente (Talens), die von den Wissenschaften und Künsten abstammen [la troupe des artistes].“[3] Das Motiv der Enthüllung der Göttin als Symbol der Naturforschung trat in der bildenden Kunst in den Vordergrund und sollte im Zeitalter der Französischen Revolution eine Hochzeit erfahren. Auf die wissenschaftshistorische bzw. epistemologische Bedeutung der Enthüllungsmetaphorik sind wir bereits eingegangen (Kap. 4).

Die Inthronisierung der emanzipatorischen Vernunft im Kontext von Aufklärung, Deutschem Idealismus und Französischer Revolution ging mit einem Rekurs auf mythologische Stoffe einher, so, als habe sich die Revolution ihren eigenen Mythos auf dem Boden der alten Mythologie schaffen wollen. Der griechische Schriftsteller Plutarch zitierte bekanntlich die Inschrift „[…] noch kein Sterblicher hat jemals mein Gewand gelüftet“ am „Thronsitz der Athene in Sais, die man auch für die Isis hält“.[4] Nach der Überlieferung des Neuplatonikers Proklos umfasste die Inschrift noch eine weitere Aussage: „[…] mein Gewand hat noch niemand gelüftet. Die Frucht, die ich gebar, wurde die Sonne“.[5] Die auch als „Jungfrau“ bezeichnete Göttin habe keinen Geschlechtsverkehr gehabt und die Sonne aus sich allein geboren.[6] Eine gewisse Analogie zur Heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria ist nicht zu übersehen (Kap. 39).

Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp untersuchte dieses Enthüllungsmotiv im Rahmen seiner grundlegenden ikonographischen Studie zur Geschichte der Natur-Allegorie. Demnach erwähnte erstmals Plutarch die Entschleierung der Isis und sprach vom „Thronsitz der Athene in Sais“.[7] Diese Legende diente vor allem um 1800 als Vorbild für den Topos von der Entschleierung der „Wahrheit“ durch die (Natur)Wissenschaft.[8] Neben anderen nahm auch Kant zum Isis-Natura-Motiv Stellung.[9] Er bezog sich in der „Kritik der Urteilskraft“ dabei auf die Vignette in Segners „Einleitung in die Naturlehre“. (Abb. [ii]) Die betreffende Fußnote von Kant lautet: „Vielleicht ist nie etwas Erhabneres gesagt, oder ein Gedanke erhabener ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift über dem Tempel der Isis (der Mutter Natur): ‚Ich bin alles was da ist, was da war, und was da sein wird, und meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt’. Segner benutzte diese Idee, durch eine sinnreiche seiner Naturlehre vorgesetzte Vignette, um seinen Lehrling, den er in diesen Tempel zu führen bereit war, vorher mit dem heiligen Schauer zu erfüllen, der das Gemüt zu feierlicher Aufmerksamkeit stimmen soll.“[10] Die Illustration zeigt, wie die in einen Mantel mit den Symbolen der vier Elemente eingehüllte Isis, auf dem Haupt eine Sternenkrone, in der Hand eine Leier (Lyra), vor einem antiken, halb verfallenen Monument dahinschreitet.[11] Drei puttenartig gestaltete Forscher sind zu sehen, einer davon versucht listig, einen Zipfel des Gewandes der Göttin, emporzuheben − soweit es erlaubt ist, wie die Unterschrift „Qua licet“ andeutet.

Anmerkung vom 12.11.2014

Das Motiv der verschleierten Frau taucht auch in der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts auf. Ein Gemälde von Joseph Stella von 1925/26 ist hier besonders eindrucksvoll. Näheres siehe meinen Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/12/anmerkung-zu-11-kap-2-die-verschleierte-gottin-der-durchsichtige-schleier-der-gottlichen-frau/

Dieses Motiv tauchte aber auch schon früher in der wissenschaftlichen Literatur der Neuzeit auf, erstmals nach Kemp im Frontispiz zu einem Werk über vergleichende Tieranatomie aus dem Jahr 1681, das freilich keine Legende aufweist (Abb. [iii]). Kemp meinte hierzu: „Dort entschleiert die Allgorie der Natur den Augen des Betrachters die vielbrüstige, mit Geier und Szepter als Attributen ausgerüstete Gestalt der Natura.“[12] Es sei dahin gestellt, ob man den Akt auch als eine Art Selbstentschleierung der Natur dueten könnte. Jedenfalls sind zwei Frauengestalten zu sehen: Die eine, vielbrüstige Frau erscheint als Standbild, die den Makrokosmos darstellt; auf ihr sind Planetensymbole, in der Mitte die Sonne und unten die Mondsichel eingezeichnet. Die andere, enthüllende Frau hält in der einen Hand eine Lupe, in der anderen ein Skalpell, auf dem Kopf trägt sie ein rauchendes Weihrauchgefäß. Man kann sie wohl als die Personifikation von Ars, von Kunst und Wissenschaft, ansehen. Es blieb freilich der Französischen Revolution vorbehalten, die Entschleierung der Göttin in einem öffentlichen Kult der Vernunft (Raison) zu inszenieren. Beim berühmten Verfassungsfest, dem „Fest der Vernunft“ wurde am 10. August 1793 „eine als Raison ausgegebene Frau entschleiert […]. Die Provinz folgte bald dem Pariser Vorbild. In Chartres wurde zur Einweihung der Kathedrale als Tempel der Vernunft an Stelle des Hochaltars ein künstlicher Berg errichtet.“[13] Diesen krönte auf der Spitze eine Allegorie der Natur.

Der Maler Jacques-Louis David, ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, entwarf für den Brunnen „Fontaine de la Régénération“, der auf den Trümmern der Bastille errichtet worden war, die monumentale Statue La Nature“. Sie saß auf einem erhöhten Thron und erinnerte mit ihrem Kopfputz an Isis.[14] Die Inschrift auf dem Sockel lautete: „Nous sommes tous ses enfants.“ Die Statue wurde beim oben erwähnten Fest eingeweiht (Abb. [iv]). Vertreter der Departements tranken in einem Zeremoniell aus einem Pokal, der mit dem Wasser aus den Brüsten der Statue gefüllt war, wobei jeder eine Ansprache hielt. Ein Redner sprach von den „heiligen Quellen“ (sources sacrées), aus denen das Wasser der geistigen Wiedergeburt fließe.[15] Dies hatte hohen symbolischen Wert: Die Menschen sollten sich wieder wie Kinder der Mutter Natur zuwenden und zum harmonischen Zustand des ordre naturel zurückfinden.[16] Das Fünf-Décime-Stück mit der Darstellung des Brunnens von David wurde am 31. Dezember 1793 ausgegeben und hatte das Motto auf dem Revers: „Régéneration Française“.[17]

Die Ägyptenfaszination um 1800 war wohl im nachrevolutionären Frankreich, stimuliert durch den napoleonischen Ägyptenfeldzug (1798-1802), besonders stark.[18] Es ging nun auch in kolonialpolitischer Hinsicht um eine Entschleierung, wie die Medaille „Gallia Victrice Aegyptus Rediviva. 1798“ von Jean-Jacques Barré aus dem Jahr 1826 erkennen lässt: Der militärische Genius Frankreichs in Gestalt eines gallischen Kriegers lüftet den Schleier der vor ihm liegenden Isis als Allegorie Ägyptens. Jan Assmann zeigte in seinem Buch über die „Zauberflöte“, wie sehr die Intellektuellen in jener Epoche vom alten Ägypten fasziniert waren.[19] Dies betraf insbesondere die Freimaurerbewegung des 18. Jahrhunderts. So legten wohlhabendere Freimaurer „hieroglyphische Gärten“ mit „hermetischen Grotten“ an.[20] Georg Forster schilderte ehrfürchtig seinen Besuch der Grotte im Garten des Grafen Johann Philipp Cobenzl auf dem Reisenberg bei Wien: „Eine Grotte, bei deren Eintritt heilige Schauer uns ergreifen, ganze Adern von Erz, von Edelstein und Kristallisationen in ihren Wänden“.[21] Die ägyptische Göttin Isis erschien in dieser  Gartenkunst als Dea Natura schlechtin: „In der Mythologie und Ikonologie der Zeit galt Isis als die Göttin der Natur und wurde im Bildtypus der Diana von Ephesos als multimammia, ‚vielbrüstig’, dargestellt. […] Auch im Neuen Garten in Potsdam steht eine Isis im Bildtypus der Diana multimammia auf einer Lichtung im Wald.“[22]  Isis galt auch „als eine Dea Panthea, eine allumfassende, alle Götter und alles Göttliche in sich einbegreifende Gottheit.“[23] Isis als die „All-Eine“ und „Verborgene“ habe sich in der Natur offenbart, „die sie verhüllte.“[24] So meinte der aufklärerische Philosoph Carl Leonhard Reinhold, Mitglied der Wiener Loge „Zur Wahren Eintracht“, die Selbstoffenbarung der Isis auf der Sockelinschrift entspreche der Offenbarung Gottes an Mose: Mose habe nichts anderes versucht, „als den Hebräern die Gottheit, die er in den ägyptischen Mysterien kennengelernt hat, in einer ihnen faßbaren Begrifflichkeit näherzubringen.“[25]

Mit der Isis-Thematik war das Verhältnis von Natur und Wissenschaft angesprochen, vor allem die Frage nach der richtigen und zulässigen Art und Weise, wie die Wissenschaft mit der Natur umzugehen habe. Der politische Schriftsteller Joseph Görres, der zunächst mit der Französischen Revolution sympathisierte, meinte 1805, dass sich Wissenschaft und Kunst „[w]ie zwey Geschlechter“ einander gegenüberträten: „in holdem Liebreiz steht die Eine wie ein Bild der sanften Jungfrau da, verschleiert ihr Angesicht, ihr zarter Leib von dem Gewand verhüllt, […] die ganze Weiblichkeit ein reitzendes Geheimniß, von der zarten, schüchternen Schaam bewahrt, durch die Schönheit angedeutet, in der Liebe ausgesprochen, aber seine Räthsel nimmer, nimmer ganz gelöst. […] Festen Schritts tritt dagegen das Wissen auf, keck schaut das freye Auge um sich herum, drotzig bricht der Geist die Schranken durch, das Festeste muß in dem Brennpunkt seiner Strahlen sich verflüchtigen, […] Gewalt muß alle Räthsel lösen, jeder Schleier wird zerrissen, wo gewaltsam seine Energie gebietet“.[26] Die Natur ist nach Görres weiblich − wie die Kunst und Einbildungskraft. „Denn Liebe ist das innerste Geheimnis der Weiblichkeit, verborgen in ihrer Mitte ruht der Schwerpunkt der Geisterwelt, und alle ihre Elemente bindet dieser Punkt mit stiller Neigung aneinandander, und lenkt sie mit unwiderstehlichem Zug in seine unergründlichen Tiefen hin. Und die Liebe bedarf der Wahrheit nicht, daß sie ihr mit ihrem Strahle leuchte, Psyches Lampe macht den Amor flüchten“.[27] Für ihn war „die Wissenschaft wie die Vernunft […] von der Natur des Männlichen“. Vorrang hatte „dieser freye Geistesblick, der die Gegenstände durch sein Sehen selbst beleuchtet“.[28]


[1] Kant, 1784, S. 481. [2] A. a. O., S. 231. [3] A. a. O., S. 51. [4] Plutarch, 1941, S. 8. [5] Zit. a. a. O., S. 83 [Kommentar]. [6] A. a. O., S. 84 [Kommentar]. [7] Plutarch [1941], S. 7 f. (De Iside et Osiride, 9). [8] Kemp, 1973, S. 164.[9] A. a. O., S. 165. [10] Kant [1790], 1913, S. 316 (§49). [11] Goesch, 1995, S. 221. [12] Zit. n. Goesch, 1995, S. 164. [13] Kemp, 1973, S. 169. [14] Goesch. 1995, S. 195. [15] A. a. O., S. 196. [16] Kemp, 1973, S. 173. [17] A. a. O., S. 171. [18] Utz, 2012, S. 59. [19] Assmann, 2005. [20] Ebd., S. 106-121. [21] Zit. ebd., S. 109. [22] A. a. O., S. 116. [23] A. a. O., S. 117. [24] A. a. O., S. 118. [25] Zit. a. a. O., S. 119. [26] Görres, 1805 [a], S. 95. [27] Görres, 1805 [a], S. 90. [28] A. a. O., S. 88.


[i] Diderot [1765], 1960, Tafel 97; → Abb. Diderot 1960 [ii] Segner, 1770: Titelblatt; → Abb. Segner 1770 [iii] Blasius, 1681: Frontispiz; → Abb. Blasius 1681 Frontispiz [iv] Goesch, 1995, S. 348; → Abb. Fontaine 1793

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11. Kap./1 * ProfaneTempel

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs lag es nahe, die Naturidylle als profanen Tempelbezirk zu stilisieren und die „Wirklichkeit der Götter“ zu imaginieren. Der deutsche Altphilologe Walter F. Otto schilderte in einem posthum veröffentlichten Fragment aus dem Jahr 1953 eindringlich, wie die göttliche Gegenwart nur von denen wahrgenommen werden könne, die „im eigenen Innern etwas Göttlich-Verwandtes“ tragen. [1] Dies gelte auch für die Erzählungen von der Begegnung „mit Waldgeistern oder gar einer Göttin, wie Artemis“. Es ist bemerkenswert, dass der Bildhauer Arno Breker nach dem Zweiten Weltkrieg eine relativ zierliche Bronze-Skulptur für eine Lichtungswiese im neu erbauten Bonner Stadtviertel „Venusberg“ schuf: die „Artemis vom Venusberg“, auch „Diana mit dem Speer“ genannt. Sie wurde am 30. Juni 1955 enthüllt.[2] Diese Statue der Diana-Artemis erlebte nach Verkauf von staatlich geförderten Wohnungen an einen privaten Investor in den 1990er Jahren eine wechselvolle Geschichte. Der Immobilienhändler, der sie als sein Eigentum betrachtete, entführte sie 1997 zunächst in eine süddeutsche Stadt. Sie wurde dann von ortsansässigen Bürgern öffentlich zurückverlangt und tatsächlich im Jahr 2000 zurückgegeben, durfte aber wegen Brekers künstlerischem Engagement für das NS-Regime – er war bekanntlich im „Dritten Reich“ zum „Staatsbildhauer“ im Dienste Hitlers avanciert[3] – auf Anordnung der zuständigen städtischen Behörde nicht an ihren ursprünglichen Standort zurückkehren. Sie fand schließlich, nachdem man sie im Frauenmuseum Bonn zwischenzeitlich ausgestellt hatte,[4] unter einer Trauerweide versteckt im hintersten Winkel im Garten des Bonner „Hauses der Geschichte“ ihre (vorläufig letzte) Heimstatt. (Abb. [i])

Anmerkung vom 16.08.2015

Anders als Brekers „Diana“, die versteckt und verschmutzt im Abseits steht, ergeht es Felderhoffs „Diana“. Ich habe sie bei einem Berlin-Besuch am 24. Juli 2015 im Kolonnadenhof der Mueumsinsel entdeckt und fotografiert. Näheres siehe Supplementary News Blog.

Doch zurück zur Wissenschaftsgeschichte. Der Begriff des Tempels eignete sich vorzüglich zur Absteckung eines sakralen Raumes im säkularen Selbstverständnis der Akteure. Deshalb war er im 18. und 19. Jahrhundert durchaus beliebt: der Makrokosmos als „Tempel der Natur“, das Laboratorium als „Tempel der Wissenschaft“ und schließlich auch der menschliche Leib selbst als „Tempel des Heiligen Geistes“. Eine zynische Bedeutung bekam die Tempelmetapher bei „armen Leuten im Krankenhaus“, wie der Titel einer Aufklärungsschrift gegen unethische Menschenversuche in Kliniken um 1900 lautete.[5] Darin wurde ein Assistent am „kgl. Institut für Infektionskrankheiten“ in Berlin namens Dr. Kolle zitiert, der selbst fragwürdige Menschenversuche mit Pestbazillen unternommen hatte: „Der Tempel der ärztlichen Wissenschaft“, schrieb er, „sollte überhaupt von Laien nicht unnötigerweise betreten werden, vor Allem nicht, um ihn zu profanieren.“ Diese Auffassung erinnere „vollständig an die Ansprüche des orthodoxen Kirchentums und seiner Priesterkaste“, merkte der Herausgeber Ludwig Quidde an, der als Pazifist 1927 den Friedensnobelpreis erhielt (Kap. 5)

Wie der Anti-Onanie-Diskurs ab Mitte des 18. Jahrhunderts zeigte, wurden gerade unter dem Vorzeichen der Aufklärung medizinische Argumente mit theologischen verschmolzen (Kap. 44). Gerne wurde die Aussage des Paulus im 1. Korintherbrief zur Warnung vor „Unreinigkeit“ und „Unzucht“ herangezogen: „[…] wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht euer selbst.“[6] Damit war klar gestellt, dass der Mensch, etwa als Arzt und Naturforscher, nicht willkürlich über die Natur in ihm und außer ihm verfügen durfte. Er sollte „rein und keusch“ sein, wie es Paracelsus im Hinblick auf das ärztliche Ethos forderte. Die wissenschaftliche Forschungsmethodik hatte in religiöser Demut höchsten, göttlichen Autoritäten zu folgen: der natürlichen Magie (magia naturalis), der wissenschaftlichen Wahrheit (vérité) und schließlich der von Gott verordneten Reinheit („Heiliger Geist“).


[1] W. F. Otto, 1963, S. 73. [2] Weingartz, 2007, S. 16. [3] Petsch, 1994, S. 39. [4] http://www.meaus.com/frauenmuseum-pitzen.htm(17.10.2010). [5] Quidde, 1900. [6] 1. Kor 6, 19 (Lutherbibel 1912) (http://www.bibel-online.net/buch/46.1-korinther/6.html#6,15; 13.11.2009).


[i] Weingartz, 2007, S. 17 [Arno Breker: „Artemis vom Venusberg“]; → Abb. Artemis vom Venusberg

# 11. Kap. Im „Tempel der Natur“: Wissenschaft als Religion

In Naturwissenschaft und Medizin der Neuzeit charakterisierten zwei Topoi die wissenschaftliche Forschungspraxis als religiöse Handlung, als eine Art Gottesdienst. Der Topos vom Lesen in der „Bibel der Natur“ als der anderen Heiligen Schrift war vor allem in der frühen Neuzeit weit verbreitet und diente sogar dem berühmten niederländischen Naturforscher Jan Swamerdam als Buchtitel für sein monumentales Werk über die Insekten.[1] Der Topos vom Forschen im „Tempel der Natur“ trat erst um 1800 in den Vordergrund. Damit war zugleich der „Tempel der Vernunft“ und der „Tempel der Wissenschaft“ gemeint. Die Verehrung der Göttinnen Isis, Artemis oder Diana, um nur die wichtigsten zu nennen, erschöpfte sich in diesen „Tempeln“ freilich nicht in Kontemplation, sondern hatte vor allem das „Entdecken“ von Naturgesetzen, die „Enthüllung“ der objektiven Wahrheit zum Ziel. Die Metapher des Tempels war in der Naturforschung des 19. Jahrhunderts durchaus bedeutsam, von Erasmus Darwins großem Gedicht „The Temple of Nature“ (siehe unten) bis hin zu dem französischen Physiologen Claude Bernard, der vom Laboratorium als dem „wahren Heiligtume“ der Wissenschaft sprach (Kap. 5).[2] Es ist auffallend, dass alle Versuche, die herkömmliche Religion durch eine Vernunftreligion zu ersetzen, in der die göttliche Instanz gänzlich in der Natur aufging, keineswegs auf religiöse Rituale verzichteten und ihre numinosen Bezirke, ihre „Tempel“ mit entsprechendem Inventar sorgsam pflegten. Insofern hat es einen radikalen Bildersturm durch die Naturwissenschaften nie gegeben, die alten Götter und mehr noch Göttinnen hatten keineswegs gänzlich ausgedient und waren zumindest zur Dekoration brauchbar. So tauchte die Herme der ephesischen Diana noch am Denkmal des Physikers und Physiologen Hermann von Helmholtz auf, das 1899 im Vorhof der Humboldt-Universität zu Berlin errichtet wurde und heute noch dort steht. (Abb. [i] / Abb. [ii])


[1] Swammerdam, 1738/39; 1752 [2] Bernard, 1865/1961, S. 314.


[i] Goesch, 1895, S. 229; P. Bloch / Grzimek, 1978, Abb. 293; → Abb. Helmholtz Denkmal [ii] Goesch, 1895, S. 229; P. Bloch / Grzimek, 1978, Abb. 293; → Abb. Helmholtz Detail