49. Kap./8* „Magnetation“ durch Karezza [+ Audio]

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Der Arzt John William Lloyd, „an American individualist anarchist“, griff Stockhams Begriff der Karezza auf und erläuterte ihn seinen Lesern als praktikable Methode anhand detaillierter Ratschläge.[1] Sein Buch The Karezza Method or Magnetation“ erschien zunächst anonym und dann 1931 unter seinem Namen in den USA.[2] Werner Zimmermann, der Übersetzer von Stockhams „Ethik der Ehe“ (siehe oben), berichtete, wie er dazu kam, diese Schrift zu übersetzen, die dann 1930 unter dem deutschen Haupttitel „Karezza-Praxis“ erschien.[3] Als er 1929 wieder in New York weilte, überbrachte ihm ein Freund diese anonyme Schrift, dessen Verlag ebenfalls verschwiegen wurde.[4] Denn in den USA war die Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ damals verboten. Wie Zimmermann weiter berichtete, sei es ihm gelungen, den Verfasser ausfindig zu machen. Er habe ihn „in seiner klause“ besucht und einen 72jährigen stillen Mann „voller pläne, voller unternehmungslust“, getroffen: „Silberweiß sind haar und bart […]. Friedevoll, in milder güte leuchten seine klarblauen augen, künden von einer innern, von der ewigkeitlichen welt der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe.“[5] Während Stockham „in gütiger menschlichkeit und mütterlichkeit zartfühlend die umfassenden zusammenhänge“ dargelegt habe, gehe Lloyd „in wissenschaftlicher gründlichkeit auf die wesentlichsten einzelheiten ein.“

Anmerkung vom 22.05.2015:

William Lloyd ist heute weitgehend unbekannt. Immerhin wird er in Gesundheitsratgebern, die sich positiv mit „Karezza“ berassen, zitiert, wie etwa von Carmen Reiss (in „Orgasmus I“).

Ausdrücklich knüpfte Lloyd an Stockham und die Vorläufer der Karezza-Methode in der Oneida-Gemeinschaft an.[6] Noyes gebühre die „entdeckerehre“: Er habe „das licht von Karezza für breitere schichten“ entzündet.[7] Lloyd wies die Einwände zurück, dass Karezza gesundheitsschädigend sei. Er selbst habe über 40 Jahre auf diese Weise geliebt und sei durch Chavannes (siehe oben), „der mit seiner frau zwanzig jahre in solcher ehe gelebt hat“, damit bekannt gemacht worden.[8] Durch Studium der einschlägigen Literatur zur Oneida-Gemeinschaft und durch persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern derselben sei er zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: „Ich habe noch von keiner einzigen frau gehört, die auch nur im geringsten eine einwendung gemacht hätte in dem sinne, Karezza sei deren gesundheit nicht zuträglich oder zeitige unerfreuliche nacherscheinungen.“ Er erwähnte auch die Untersuchung von 42 Frauen der Oneida-Gemeinschaft durch den Psychologen Havelock Ellis, die bestätigte, dass keine Frauenkrankheiten oder andere krankhaften Zustände aufgrund des Sexuallebens festzustellen waren. Ganz im Gegenteil: Für Lloyd war Karezza eine körperlich gesunde bzw. gesund machende und psychisch erleuchtende und beglückende Sexualpraktik. Freilich habe sich die Leidenschaft der Liebe unterzuordnen und deshalb sei klar, „daß bei solchem liebesfest der orgasmus ein störenfried ist, ein plumper zufall aus unbeholfenheit, der für einige zeit dem lusterleben ein ende setzt und daher höchst unerwünscht ist.“[9] Die „Geschlechtsliebe“ habe grundsätzlich „zwei Aufgaben“: „Karezza für die tiefere liebe, den akt mit orgasmus für körperliche befruchtung.“[10] Karezza erschien Lloyd als eine Kunst der Sublimierung: Der „Karezza-Künstler“ verwandle die „sexualleidenschaft“ in „verfeinerten, geistgetragenen, poetisch schönen und herzenssüßen liebesausdruck“, wodurch eine Überspannung der Geschlechtszone und eine plötzliche Entladung verhütet werde.[11] Die Seele nehme die „blinde sexualerregung an sich, zerteilt sie und erleuchtet das ganze wesen.“

Lloyds Lobeshymne auf Karezza ist kaum zu überbieten. Sie sei „lebensnahrung oder -kraft“, „lebenstrunk“, „lebensbrot“.[12] Durch Karezza strahle das ganze Wesen „und schwingt in romantischem liebesjubel, und ein starkes nachgefühl von gesundheit, reinheit und lebenskraft verklärt alles.“[13] Der Orgasmus, quasi „ein epileptischer krampf“, rufe eine „nachfolgende schwäche“ hervor, die „krankhafte und unschöne wirkungen“ wie Blässe, Verdauungsstörung und Reizbarkeit zeitige. „Je häufiger daher geschlechtsverkehr mit orgasmus, desto sicherer stirbt die liebe“.[14] Denn dieser bringe „entmagnetisierung, gleichgültigkeit, reizbarkeit, ekel“.[15] Immer wieder stellte Lloyd Karezza als „Liebes-Kunst“ dar. Der Mann solle sich als „elektrische batterie“ betrachten lernen und sich „in der kunst magnetischer berührung“ üben.[16] Das Männliche sei positiv-aktiv gegenüber dem Weiblichen eingestellt, wie umgekehrt das Weibliche negativ-passiv gegenüber dem Männlichen,was insbesondere für die Geschlechtsorgane gelte.[17] Allerdings ging Lloyd von der „Zweipoligkeit“ des Menschen, seiner Bisexualität, aus. Wir seien alle „als kinder göttlicher ahnen […] zwitter“: „bald überwiegt das eine, bald das andere, in ewig wechselndem spiel, teils unbewußt, teils von unserem willen lenkbar.“[18] Die „magnetation“ führe zu fühlbaren Strömungen zwischen den beiden Partnern. Der Mann solle seine Frau so berühren, „daß seine strömende lebenselektrizität sie in schauern des entzückens durchrieselt, während dies ihn von der innern spannung aufgestauter kraft befreit.“[19] Dieses Fließen und Austauschen von Energie führe schließlich zu „völligem ausgleich“ und „wohliger ruhe“.

Lloyds Anleihen beim Mesmerismus springen ins Auge und belegen wieder einmal, wie sehr dieses Konzept noch im frühen 20. Jahrhundert gerade in Amerika weiterwirkte: „Der liebeskünstler hat diesen lebensmagnetismus in seinen fingerspitzen, seinen handflächen, strahlt ihn aus den augen, läßt ihn durch seine stimme schwingen, kann ihn von jedem teil seines körpers auf den eines andern übertragen − ja, selbst durch seine aura, unsichtbar und ohne leiblichen kontakt.“ Lloyd umriss hier nur die bekannten Standardtechniken des Mesmerismus. Es fällt auf, dass in der Hochzeit des Mesmerismus im frühen 19. Jahrhundert eine direkte Anwendung des Magnetisierens im Sexualleben so gut wie nie zur Sprache kam. Rund hundert Jahre später hatte sich das geändert. Die Sexualität und vor allem ihre Perversionen und Pathologien waren nun in Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben zu einem großen Thema geworden.

Lloyd pries die „Karezza-vereinigung“ als einen stetigen „jungbrunnen alles lebens“.[20] Die Kraftquelle erklärte er physiologisch: Die Zurückhaltung des Samens spende dem Organismus Energie und Lebenskraft. Gelegentlich genüge schon ein einziger Samenerguss, „den mann seiner magnetischen kräfte zu berauben.“[21] Er suchte nach einer wissenschaftlichen Begründung und kombinierte dabei endokrinologische mit vitalistischen Vorstellungen. Das endokrine Drüsensystem erzeuge „lebenskraft“.[22] Diese stecke im Samen. Wenn er wieder aufgesogen werde, stärke das die Lebenskraft. Dagegen sei der Orgasmus eine „gewaltsame entladung aufgestauter nervenkraft“ und führe zu krampfartigen Symptomen, etwa zur Hysterie „als ersatz für sexuelle orgasmen“. Ein Überschuss an „sexueller nervenkraft“ müsse aber gar nicht ausgeworfen werden, wie die „ärzte der orgasmus-richtung“ behaupteten, da er nach ihrer Meinung die Gesundheit angreife.[23] Lloyd propagierte nun gegenüber den bekannten drei Arten des Geschlechtsakts (coitus completus, coitus interruptus und coitus reservatus) eine vierte Art: den „coitus sublimatus“ als den „höhergewandelten geschlechtsakt“.[24] Dieser Karezza-Akt bringe  „restlose zerteilung aller blutüberfüllung, entladung aller überschüsse an nervenkraft, befreiung von aller spannung und umfassende befriedigung.“ Er rege die „tätigkeit der innern zeugungsdrüsen“ an und stärke sexuelle „schwächlinge“, so dass sie „zu männern“ würden. Aber auch dem Mann mit „normaler geschlechtlicher stärke“ biete er volle Befriedigung. Während der übliche Orgasmus alle Kräfte „abwärts“ leite und an die Geschlechtsorgane binde, weise der „geschlechtliche magnetismus“ bei Karezza „aufwärts“ und führe „zu einem romantischen, poetischen, vergeistigten abschluß“.[25]

Anmerkung vom 27.11.2014:

Der Begriff „Koitus sublimatus“ taucht äußerst selten auf. Nach meiner Recherche im Internet kann man nur wenige voneinander unabhängige Quellen ausfindig machen. Die wichtigste ist Margriet de Moors Roman „Der Virtuose“.

Näheres in meinem Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/27/anmkerunge-zu-49-kap-8-magnetation-durch-karezza-koitus-sublimatus-in-einem-roman/

Lloyds vehemente Kritik an der „orgasmus-schule“ war für einen Arzt im frühen 20. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich, denn sie widersprach den vorherrschenden Grundannahmen der Medizin und Sexualwissenschaft. Die Methoden der „orgasmus-schule“ seien so, „daß sie eine stauung schaffen, die nur durch einen orgasmus beseitigt werden kann.“[26] Dies sei für „den armen, den schwachen mann“ gefährlich. „Karezza dagegen baut ihn und seine kräfte auf, während sie dem sexualstarken eine verwendung seiner schöpferischen energien auf höherer ebene ermöglicht.“ Lloyd beendete sein Plädoyer für Karezza mit einer „Zusammenfassung der Vorteile“.[27] Zum einen unterstrich er die sexualhygienischen Vorteile: Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Verzicht auf lästige und schädliche Verhütungsmethoden. Zum anderen hob er die physiologischen und spirituellen Vorteile hervor: Jeder Körperteil werde „magnetisiert und belebt und dadurch verschönt“, das Geschlechtliche werde „geläutert, erlöst“: „Der friede, der aufstrahlt, ist so süß, die erfüllung so umfassend, und oft halten körperliches hochgefühl und geistige frische für viele tage an, wie wenn die beiden äterische [sic] anregung, nahrung empfangen hätten.“

Im Unterschied zur Situation in den USA fällt auf, dass sexualreformerische Ansätze wie Stockhams Karezza oder Lloyds Magnetation in Deutschland außerhalb kleiner Zirkel der Lebensreformbewegung kaum rezipiert und von den Pionieren der Sexualwissenschaft ebenso wie von den politischen Akteuren der Sexualreform ausgeklammert wurden. Diese lehnten die sexualreformerischen Methoden als unpraktikabel oder gar gesundheitsschädigend ab, häufig ohne ihren Ansatz überhaupt verstanden zu haben. Erstaunlicherweise konnte auch die „Sexualmagie“ neueren Datums mit „Karezza“ nicht viel anfangen. So definierte der  US-amerikanische Okkultist Donald Michael Kraig, Verfasser zahlreicher esoterischer Schriften, Karezza in einem „Course Glossary“ folgendermaßen: „Karezza: A male technique for delaying orgasm, it is said to have beneficial effects to both members of a loving couple“[28] Die falsche Definition springt ins Auge. Zum einen ging es Stockham nicht um eine „Verzögerung“ des Orgasmus, zum anderen betraf die „Technik“ beide Geschlechter gleichermaßen. Im Übrigen nahm Kraig Wilhelm Reichs Orgasmus-Lehre ambivalent auf. Einerseits bewertete er den unkontrollierten Orgasmus eines potenten Menschen (orgasmically potent) positiv: „because going into such a state is exactly what true meditation is!“[29] Andererseits kritisierte er diesen angeblich einzigen Weg „to release Orgone energy“, da die Tantriker durchaus Methoden wüssten, diese Energie willentlich zu kontrollieren.[30] Im fundamentalen Unterschied zu Karezza, wo von beiden Partnern eine Verstetigung und Verbreitung des Orgasmus ohne Höhepunkt angestrebt wurde, ging es in Kraigs Darstellung nur um ein Hinauszögern des Orgasmus beim Mann, während die Frau ihn mehrfach haben konnte.   


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/John_William_Lloyd (7.05.2012). [2] Lloyd, 1931. [3] Lloyd, 1930. [4] Ebd., S. 8 [Vorwort des Herausgebers]. [5] A. a. O., S. 9 [Vorwort des Herausgebers]. [6] A. a. O., S. 13. [7] A. a. O., S. 14. [8] A. a. O., S. 19. [9] A. a. O., S. 22. [10] A. a. O., S. 42. [11] A. a. O., S. 23. [12] A. a. O., S. 24 f. [13] A. a. O., S. 26. [14] A. a. O., S. 27. [15] A. a. O., S. 28. [16] A. a. O., S. 33. [17] A. a. O., S. 32. [18] A. a. O., S. 45. [19] A. a. O., S. 35. [20] A. a. O., S. 54. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 126. [23] A. a. O., S. 130. [24] A. a. O., S. 131. [25] A. a. O., S. 132. [26] A. a. O., S. 137. [27] A. a. O., S. 139-141. [28] Kraig, 1988. S. 523-540. [29] A. a. O., S. 427. [30] A. a. O., S. 428.

49. Kap./7* Karezza für die Sexualreform [+ Audio Podcast]


Magic of Nature Lecture 40 K 7:

I read the (German) text below, here is the Audio Podcast.

This chapter (49/7) is the source for a Paper in English, given at the Annual Meeting of the History of Science Society (HSS) in Chicago, November 9, 2014:

„Mesmerism, Sexuality, and Medicine: ‘Karezza’ and the sexual reform movement“

Wie wir bei der Darstellung der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin festgestellt haben, spielte der Begriff „Karezza“ dort praktisch keine Rolle und fehlte fast gänzlich in den entsprechenden Standardwerken (Kap. 47). Dasselbe trifft auf die populärwissenschaftliche und graue Literatur sowie auf gegenwärtige Internet-Quellen zu, wo „Karezza“ gegenüber dem Stichwort „Tantra“ bei entsprechender Suche nur eine winzige Trefferquote aufweist. Der Begriff wurde in Anlehnung an das italienische Wort carezza“ (Liebkosung) von der US-amerikanischen Frauenärztin, Lebensreformerin und Frauenrechtlerin Alice Bunker Stockham geprägt, die sich der Ehe- und Sexualreform verschrieben hatte. Sie war die fünfte Frau, die in den USA einen medizinischen Doktorgrad erwarb. Sie betrieb in Chicago eine ärztliche Praxis, wobei sie sich für Frauenheilkunde und Geburtshilfe spezialisierte. Sie war karitativ tätig, interessierte sich stark für spirituelle Fragen, praktizierte Homöopathie, engagierte sich beim Kampf gegen den Alkoholismus, diente angeblich als Trancemedium und war eine aktive Frauenrechtlerin (suffragette).[1] 1883 veröffentlichte sie ein Aufklärungsbuch über die Gesundheit der Frau: „Tokology. A Book for Every Woman“, das hohe Auflagen und Übersetzungen in mehrere Sprachen erlebte und zu einem Standardwerk wurde. Tolstoi, zu dem Stockham freundschaftliche Kontakte pflegte, war so begeistert, dass er eine Übersetzung ins Russische veranlasste und ein Vorwort verfasste.[2]

Anmerkung vom 18.02.2015:

Stockham besuchte Tolstoi in Russland und beschrieb ihre Begegnung mit ihm und seinem familiären Umfeld in ihrer Schrift: „Tolstoi, a Man of Peace“ (1900).

Siehe Supplementary News Blog.

Anmerkung vom 27.12.2016:

Was verband Stockham und Tolstoi? Zunächst die schonungslose Analyse des sexuellen Elends in ihrer Zeit, sodann die Idee einer spirituellen Befreiung daraus. Aufschlussreich ist „Die Kreutzersonate“ von Tolstoi.

Näheres siehe Supplementary News Blog.

Stockham war eine Anhängerin des New Thought Movement und nahm 1886 am ersten Christian Science-Kurs von Emma Hopkins in Chicago teil. Überhaupt waren viele namhafte Frauen in dieser Bewegung aktiv, wobei sich zwei Lager voneinander unterscheiden lassen. Die einen strebten eine Abkehr vom sexuellen Begehren an, während die anderen, zu den Stockham zählte, gerade diesem Begehren einen würdigen Ausdruck verschaffen wollten.[3]

1896 veröffentlichte sie im Selbstverlag ein Büchlein mit dem Titel „Karezza. Ethics of Marriage“.[4]

Anmerkung vom 29.04.2017:

Demnächst erscheint bei BoD — Books on Demand die zweite Auflage dieses Buchs (Chicago 1903) mit einen Epilogue von mir. Das Cover kann hier bereits angesehen werden.

Eine deutsche Übersetzung erschien bereits im folgenden Jahr. Wie der Übersetzer in seiner „Vorbemerkung“ hervorhob, gehöre die Autorin zu den „durch ihre Wissenschaft legitimirten seelsorgenden Leibärzten der Menschheit“.[5]Ein gewisser „Dr. Hartung, pract. Arzt in Hermsdorf u. Kynast, Schlesien“, ein Anhänger der biochemisch fundierten Ernährungslehre von Julius Hensel, lobte in seinem Vorwort die „einfachen, jeder Mystik baren Heilprinzipien und Ernährungstheorien“, ohne auf Stockhams philanthropischen, naturphilosophischen und religiösen Ansichten einzugehen.[6] Der bekannte schweizerische Lebensreformer und Naturist Werner Zimmermann übersetzte das Buch fast 30 Jahre später noch einmal mit der in der Jugendbewegung verbreiteten Kleinschreibung ins Deutsche, an der ich mich im Folgenden orientiere.[7]

Anmerkung vom 18.08.2016

Mehr zu diesem Buch und seinen Illustrationen von A. Paul Weber siehe mein Supplementary Blog.

Für Stockham lagen zwischen der gewöhnlichen Begattung und der Karezza-Vereinigung Welten, wie sich aus der Gegenüberstellung der beiden folgenden Zitate aus ihrem Buch ersehen lässt: „Der gewöhnliche hastige und krampfartige vorgang einer begattung, auf die man sich nicht längere zeit vorbereitet hat und wobei die frau die passive rolle spielt, ist ebenso unbefriedigend für den mann wie für die frau. Er ist schädlich für den körper wie für den geist. Er enthält in sich keine folgerichtigkeit als eine äußerung der zuneigung und ist häufig eine ursache der entfremdung und trennung.“[8] Im Kontrast dazu erscheint die Karezza-Vereinigung als befriedigend, gesund erhaltend und als Himmel auf Erden: „Während einer längeren zeit völliger beherrschung sind beide wesenheiten völlig ineinander getaucht und erleben eine unvergleichliche erhöhung in den geist. Das mag begleitet sein durch eine ruhige bewegung, die ganz unter der botmäßigkeit des willens stehen muß, so daß bei keinem der beiden der schauer der leidenschaft die grenzen eines angenehmen gefühlsaustausches überfluten kann. […] Bei gegenseitiger übereinstimmung und genügender zeitlicher ausdehnung führt ein solcher verkehr ohne samenerguß und ohne krisis zu völliger befriedigung. Im verlaufe einer stunde klingt die körperliche spannung aus, die geistige verzückung wächst und führt nicht selten zum schauen höherer welten und zum bewußten erleben neuer kräfte.“[9]

Anmerkung vom 18.08.2016:

Matthias Wendt hat in einem Kommentar zum Karezza-Buch von Stockham eine interessante Umschreibung für die Technik gefunden, siehe mein Supplementary News Blog.

Während die Ärztin Stockham als Ehe- und Sexualreformerin anerkannt war und weit über esoterische Zirkel hinaus auch international Beachtung fand, wurde die theosophische Mystikerin Ida Craddock, deren emanzipatorische Aktivitäten eine ähnliche Zielrichtung wie die von Stockham hatten und auf deren Karezza-Begriff sie sich explizit bezog, Opfer reformfeindlicher Kräfte und ihrer Justiz. Während Stockham als Philanthropin sozialmedizinisch argumentierte, wollte Craddock als theosophisch Erleuchtete die alltägliche sexuelle Gewalt des Mannes in der Ehe bekämpfen. Dabei erlebte sie offenbar die „Himmlische Hochzeit“ recht handfest (Kap. 45).

Auf den kategorialen Unterschied zwischen der „gewöhnlichen Begattung“ und der „Karezza-Vereinigung“ wiesen alle Autoren hin, die für Karezza als Methode des Geschlechtslebens plädierten. So heißt es in einem Buch des mir unbekannten Autors Cesare A. Dorelli (siehe auch unten) mit dem Titel „Karezza-Liebe“, dass bei Karezza-Liebenden eine „nie gekannte Glückseligkeit“ den ganzen Körper „überrauschen“ würde, nicht nur die erogenen Zonen: „Diese Seligkeit ist grundverschieden von der animalischen, triebgebundenen, mit der Ejakulation verknüpften Begattung.“ Die unwillkürliche Vollendung des Geschlechtsakts werde dann sogar als störend empfunden, als „liebesfremd“.[10] Karezza wolle nicht Abtötung, sondern Steigerung der erotischen Kräfte, die „gleichsam von ihrem Entstehungs- und Kristallisationsort gelöst werden, damit sie überall nach unserem Wunsch und nach unserer Vornahme zur Verfügung stehen.“[11] Es gehe hierbei um die „seelische Ejakulation“ anstelle des Orgasmus. Die „Sexual-Urkraft“ soll auf den ganzen eigenen Körper und den des Liebespartners überstrahlen, die Ejakulation werde „umgewandelt als seelische Flut, als Beglückung, die fühlbar den ganzen Körper des oder der Geliebten befruchtet, überflutet, beseligt, verjüngt, stählt, verschönt, für alle Schönheit der Welt und alles Glück der Erden aufschließt und bereitet.“ Schließlich steht die Utopie vom Neuen Menschen im Raum: Karezza solle aus Menschen „Götterkinder“ machen.[12]

Doch zurück zu Stockhams Originalschrift. Die Autorin verband in ihrer Argumentation einen vitalistischen mit einem spirituellen Grundsatz: Die „schöpferische Kraft“ oder „Energie“ kann und soll geistig beherrscht und gelenkt werden. Der Mensch könne frei und bewusst einen der beiden Pfade wählen, „den des geistes oder den der materie“.[13] Freilich seien Religion und Philosophie „erforderlich, um leidenschaft zu heiligen.“[14] Der Schlüsselsatz lautet: „Auf keinem andern gebiete kann beherrschung den menschen reicher belohnen als in der meisterung und heiligung der sexuellen energie.“ Durch „liebe, übung und selbstbeherrschung“ könnten auch Verheiratete durch „vereinigung ihrer beiden seelen“ diese „schöpferische energie“ bedeutend steigern.[15] Sie könne auch als Heilkraft eingesetzt und absichtlich geleitet werden, um „einen freund von kummer und schmerzen zu befreien.“[16] „Karezza“ bedeutet, so Stockham, „zuneigung in worten wie in taten ausdrücken“. Sie verstand den Begriff „als technischen ausdruck im sinne einer gemeisterten sexualverbindung.“[17]

Stockham beschrieb diese Liebestechnik ziemlich genau und grenzte sie von anderen ab, die man mit Karezza verwechseln könnte. Sie selbst hatte in ihrem Buch „Tokology“ irrtümlicherweise, wie sie schrieb, von „’Sedular Absorption’ (innere aufsaugung des samens)“, gesprochen.[18] Freilich sei bei Karezza kein Samen aufzusaugen, da ja „unter der herrschaft des willens der vorgang kurz vor der letzten stufe der samenausscheidung aufhört.“[19] Auch kritisierte sie den Ausdruck „’Male Continence’  (männliche mäßigung)“, da es bei Karezza ja ebenso auch um „weibliche mäßigung“ gehe. Für sie war Karezza „sinnbild einer vollkommenen vereinigung zweier seelen in der ehe, […] offenbarungen von kraft und stärke.“ Insofern handele es sich eher um eine „geistige als eine körperliche verbindung“. Karezza soll zum „geistigen wachstum“ beitragen und führe nicht „zu askese und unterdrückung, sondern zu verwendung und ausdruck.“[20] Stockham argumentierte wie alle zeitgenössischen Lebensreformer und Rassenbiologen ebenfalls naturalistisch und berief sich in Anlehnung an den englischen Evolutionstheoretiker Herbert Spencer auf die „wesensgesetze“, die zu befolgen Lust spende und die zu ignorieren Leiden verursache.[21] Sie betonte immer wieder, dass Karezza tatsächlich möglich sei und zitierte zum Beleg im Anhang des Buches aus Hunderten von Zuschriften einige „bestätigungen“.[22] Dass körperliche Begierden zu allen Zeiten dem Geiste untergeordnet werden könnten, sei eine „frage der erziehung, des wachstums in der erkenntnis der lebensgesetze − einer erkenntnis der macht des geistes“.[23]

Ohne im Einzelnen auf die seinerzeit wohlbekannten Techniken der Hypnose und Suggestion einzugehen, folgte Stockham deren Grundsätzen. Eine „selbstbbestimmende geistige tätigkeit“ könne unwillkürliche physiologische Körpervorgänge beeinflussen, überhaupt könnten alle physiologischen Funktionen und Lebensvorgänge durch bewusste Verstandestätigkeit beeinflusst werden.[24] Stockham kritisierte die Lehrmeinung, wonach diese automatisch funktionierten und starr festgelegt seien. Sie wusste um die Einbildungskraft, die man später dem „Placebo-Effekt“ zugeschrieben hat: „Der gedanke an ein reiz- oder arzneimittel hat eine ähnliche wirkung wie das mittel selber, wenn auch in geringerem Grade.“[25] Ihr ging es um „den höchsten sieg des willens über die sexualität“ und die „verwendung der schöpfungskraft“ zu erhabeneren Zwecken. Die Aufsaugung des männlichen Samens duch den Organismus sollte die „magnetischen, seelischen und geistigen kräfte des mannes stärken.“[26] Sie zog die Analogie zwischen Hoden und Tränendrüsen: „Ein mann kann vollkommen gesund sein, obschon er in fünf oder fünfzig jahren nicht ein einziges mal weint.“ Damit widersprach sie dem traditionellen Dogma, wonach die Aufstauung der Samenflüssigkeit schädlich sei (Kap. 47).

Karezza war in den Augen von Stockham ein Allheilmittel, dessen therapeutischer Wert „von keinem heilmittel der apothekerkunst und von keinem heilsystem“ erreicht werde. Sie besang das Ideal ehelicher Gattenliebe, eine „vereinigung in vollkommener freiheit und natürlichkeit.“[27] Letztlich ging es auch in ihrer Sexuallehre um die Erfüllung von Naturgesetzen, die „erfüllung des gesetzes“. Nicht Unterdrückung des Geschlechtstriebs, sondern Sexualität als Bestätigung der tiefen Verbindung des Menschen „mit dem weltganzen“, lautete ihr Motto. Karezza fördere „das wachstum an geist und charakter“ und ehre, verfeinere, verherrliche zugleich die Sexualfunktion.[28] Stockham war als praktizierende Ärztin in Fragen zu Ehe und Sexualität offenbar eine begehrte Ratgeberin. Die im Anhang ihres Buches abgedruckten Korrespondenzen belegen, dass sie zahlreiche Menschen dazu motiviert hat, die Karezza-Technik praktisch auszuüben. Stockham bezog sich auf eine Reihe von anderen Autoren, die um 1900 in den USA publizierten und von denen sie sich bestätigt sah. Offenbar war in diesem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ der Boden für Karezza günstig, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil dieses Konzept naturphilosophische, eugenische und religiöse Motive in sich vereinigte. So publizierte Stockham die bereits 1890 anonym erschienene Erzählung „The Strike of a Sex“ von George Noyes Miller, einem ehemaligen Mitglied der Oneida Community, aus der sie ausführlich zitierte.[29] Darüber hinaus verwies sie auch auf andere Vorkämpfer der Sexualreform wie Henry Wood (Kap. 17), Warren F. Evans und Ursula N. Gestefeld.

Millers Erzählfigur Immanuel Zugassent entdeckt die körperliche und geistige Wohltat durch die bewusste Kontrolle der Sexualfunktion. Der Autor stellte „Zugassent’s Discovery“ auf dieselbe Stufe wie die naturwissenschaftlich-technischen Neuerungen seiner Zeit, etwa Dampfmaschine, Elektrizität und Telefon.[30] Ja, sie stelle, so Miller, in ihrem Vermögen, die Summe des menschlichen Elends zu verringern, sogar die Entdeckungen eines Jenner, Harvey, Pasteur oder Koch in den Schatten.[31] Millers quasi religiöses Plädoyer für die geistige Disziplinierung des animalischen Triebs hatte vor allem das soziale Elend durch eine fehlende Geburtenregelung vor Augen. Zugleich stützte sich Miller auf die Praxis des Mesmerismus und Hypnotismus, deren Konzepte er, wie dies weithin in der Popularmedizin jener Zeit üblich war, nicht voneinander unterschied. Insofern hatte er eine sozialpolitische und sozialmedizinische Zielsetzung, die mit Stockhams Ansatz übereinstimmte. Wenn Zugassent meint, dass alle Erfahrungen „the power of the will over the involuntary processes of the body“ zeigten, so erinnert dies an James Braids zentrale Formel: „the power of the mind over the body“ (Kap. 17). Miller argumentierte im Sinne der Naturheilkunde und der Ehereform mit ihrem Ziel der bewussten Familienplanung. Die Verschleuderung von Lebens- und Nervenkraft durch sexuelle Unbeherrschtheit könnte eines Tages ebenso absurd erscheinen wie der allgemein praktizierte Aderlass in der Vergangenheit.[32] Anstelle einer solch abwegigen Gewohnheit solle der unschuldige magnetische Austausch (innocent magnetic exchange) zwischen den Ehepartnern treten, der auch als sexual magnetism bezeichnet wurde und zur höchsten spirituellen Entwicklung sowie zu „welfare and happiness of others“ führe und deshalb am Göttlichen teilhabe.[33] Die sexuelle Selbstkontrolle wird mit dem Verhalten eines Bootsmanns auf einem Strom verglichen, der zuerst stilles Wasser, danach Stromschnellen und schließlich einen Wasserfall aufweist. Es hängt nun vom Geschick des Bootsmanns ab, wie weit er sich in die Nähe des Wasserfalls vorwagt, ohne die Kontrolle zu verlieren und von diesem in die Tiefe gerissen zu werden – „confining his excursions to the region of easy rowing“.[34]

Anmerkung vom 22.05.2015:

Alice B. Stockham ist heute auch in Kreisen der Frauenbewegung weitgehend unbekkannt. Selbst dort, wo die Karezza-Methode explizit positiv gewürdigt wird, ist die nennung ihres Namens keineswegs selbstverständlich. Ein Beispiel ist die Schrift von Carmen Reiss „Orgasmus I“, siehe meinen Supplementary Blog.

 

Anmerkung vom 2.02.2018:

Kürzlich stieß ich auf Paul Chanson, einen katholischen Sexualwissenschaftler aus Paris, dessen „méthode Chanson“ der Karezza-Methode nahe kommt. Eine seiner Publikationen (L’Accord Charnel, 1950) habe ich gescannt (PDF) und zum Herunterladen vereitgestellt, siehe mein Blog SCHOTT’s PRIVATE LIBRARY.


[1] http://www.reuniting.info/wisdom/stockham_karezza (14.12.2010). [2] Sattler, 1999, S. 136. [3] Sattler, 1999: Graphik. [4] Stockham, 1896. [5] Stockham [1896], 1897, S. VII. [6] A. a. O., S. IX-XI. [7] Stockham [1896/1925], 1998. [8] Ebd., S. 18. [9] A. a. O., S. 20. [10] Dorelli, 1961, S. 115. [11] A. a. O., S. 116. [12] A. a. O., S. 117. [13] Stockham, 1927, S. 10. [14] A. a. O., S. 15. [15] A. a. O., S. 16. [16] A. a. O., S. 17. [17] A. a. O., S. 18. [18] A. a. O., S. 20. [19] A. a. O., S. 21. [20] A. a. O., S. 22. [21] A. a. O., S. 23. [22] A. a. O., S. 77-102. [23] A. a. O., S. 24. [24] A. a. O., S. 25. [25] A. a. O., S. 26. [26] A. a. O., S. 31. [27] A. a. O., S. 57. [28] A. a. O., S. 58. [29] A. a. O., S. 90-94; Miller, 1905. [30] Miller, 1905, S. 109. [31] A. a. O., S. 103. [32] A. a. O., S. 111. [33] A. a. O., S. 118. [34] A. a. O., S. 113.

10. Kap./5 * Strahlende Lichtmenschen

Bei der Propagierung der Lebensreform tauchten immer wieder manichäische und gnostische Gedanken auf: Es ging nämlich um den Endkampf zwischen dem guten Reich des Lichts und dem bösen Reich der Finsternis, um den „Kampf der Lichtfreunde gegen die Dunkelmänner“, wie eine Schrift zu Beginn des 20. Jahrhunderts lautete. Das programmatische Titelblatt ist vielsagend. (Abb. [i]) Eine Fotografie zeigt eine junge nackte Frau in einer Waldlichtung, unverkennbar eine Personifizierung der Naturgöttin Diana, die mit riesigem Pfeil und Bogen auf einen schwarz befrackten älteren Herrn losgeht, der offenbar in ihr Reich eindringen wollte. Nach den Motti der Nacktkultur „Die Natur kennt keine Kleider“ und „Der wahre Mensch ist der nackte Mensch“ sollte das Licht-Luftbad als Abhärtungsmethode gegen die Verweichlichung dienen. Der neue Mensch war selbst voller Licht. So erschienen dem Rassentheoretiker und Antisemiten Jörg Lanz-Liebenfels blonde Arier als „Lichtmenschen“, die in ihrer Schönheit nicht unter erotischen Zwängen litten, während sich die Dunkelrassigen, da sie sich ihrer Hässlichkeit bewusst geworden seien, aus „erotischem Futterneid“ zu „Muckern“ emporgeschwungen hätten.[1] Dieses rassistische Programm legte bei der Erzeugung des neuen Menschen weniger Wert auf die Selbsterziehung und Selbstüberwindung, als vielmehr auf die Züchtung („Aufartung“) der reinen arischen Rasse.

Die Metapher des Lichts war zentral für die Lebensreform insgesamt, insbesondere für Jugendbewegung und Nacktkultur, und symbolisierte Wahrheit und Reinheit sowie die Utopie des Heils und der Erlösung.[2] Werner Zimmermanns Bestseller „Lichtwärts. Ein Buch erlösender Erziehung“ mit einem „Buchschmuck von Fidus“ legte davon Zeugnis ab.[3] Der Mensch sollte demnach selbst zu einer Sonne werden: Das Ziel der Erziehung sei „der sonnige Mensch“.[4] Zimmermann malte die reformerische Utopie vom neuen Menschen in den schönsten Farben aus, bemerkenswerterweise ohne die gängigen rassistischen bzw. antisemitischen Klischees. Die Argumente und Maximen dieses schweizerischen Lebensreformers und Naturisten, der weit in der Welt herumkam, brachten das Herzensanliegen der Reformbewegung auf den Punkt. Sie seien im Folgenden ausführlich zitiert, da sie lehrbuchmäßig die Doktrin illustrieren.

Richtschnur für die Gesundheit sei die „eigene Natur“: „Ach, was schielst du jetzt wieder nach Krücken und Autoritäten, die doch nur freies stolzes Wachsen verkrüppeln? Frage deine eigene Natur. Sie steht dir unbedingt am nächsten, kennt deine ganz persönlichen Eigenheiten und will nur dein Bestes.“[5] Der sonnige Mensch entstehe aus einem Willensakt. Zimmermann berief sich auf Nietzsches Satz „Ehe: sie heiße ich den Willen zu zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist als die es schufen.“ Einzig aus diesem Willen heraus könne der sonnige Mensch entstehen.[6] Die spätestens seit Rudolf Virchow populäre Analogisierung von individuellem und sozialem Organismus – Virchow bezeichnete den einzelnen Organismus als „Zellenstaat“ – und dementsprechend die Analogisierung von individueller und sozialer Pathologie finden sich auch bei Zimmermann. In beiden Dimensionen drücke Krankheit nur die Missachtung von Naturgesetzen aus: „Die wirtschaftliche Not, die heute wieder einmal zum Himmel schreit, ist eine Krankheitserscheinung im sozialen Körper und, wie jede Erkrankung, auf die Mißachtung der natürlichen, organischen Lebensgesetze zurückzuführen. Wie für die persönliche, so ist auch für die volkswirtschaftliche Gesundung nichts nötig als Ausschaltung aller menschlich erklügelten, der Natur widersprechenden Einflüsse.“[7]

Zimmermann begeisterte sich für das seinerzeit aktuelle Konzept der „Freiwirtschaftslehre“ und trat 1915 dem gerade gegründeten Schweizer Freiland-Freigeld-Bund (SFB) bei, der sich 1925 in Schweizerischer Freiwirtschaftsbund umbenannte.[8] „Freiland“ bedeutete, dass der gesamte Grund und Boden in den Allgemeinbesitz des Volkes überführt werden sollte.[9] Die Vision vom „Freilandmenschen“ implizierte ein strahlendes Bild vom neuen Menschen, der wie ein paradiesisches Wesen mit der Natur im Einklang stand und entsprechend vorgestellt wurde. (Abb. [ii]) Die „Freilandfrau“ wurde von ihm, wohl auch in Anspielung auf Goethe, als das Ewig-Weibliche, als personifizierte Natura gar in den Himmel gehoben – ein beredtes Beispiel für die Verwendung eines traditionellen Topos, der in der frühneuzeitlichen Naturphilosophie Konjunktur hatte (Kap. 36): „Die Freilandfrau! – Mich dünkt, ich möchte mich niederwerfen vor ihr, der Reinen, Hohen. Frei schreitet sie durchs Leben, stark und licht: die wahre Königin. Sie ist der sonnige Mensch – sie ist die strahlende Persönlichkeit. […] Frei nimmt sie vom Leben für Seele und Leib, zu was ein innerer reiner Jubel, zu was Gott sie führt. Das erlösende Ewig –Weibliche ist Gestalt geworden.“[10] Für Zimmermann war Mutterschaft „der naturgewollte Beruf der Frau“, wie er in einer weiteren Schrift von 1933 verkündete.[11] Er argumentierte freilich nicht völkisch, sondern im Sinne sozialer Emanzipation. Der Bodenzins gehöre „den Frauen des Landes rechtmäßig als Mutterlohn“.[12] Auch die Hausfrauenarbeit sei zu entlohnen. Und noch einmal beschwor er „das Ewig-Weibliche“, das den Mann hinanziehen könne: „Freiland und Mutterlohn! − Frei wählt die Frau nach dem Zuge ihres Herzens! Herrlich enfalten sich die Früchte reiner Liebe im Freilandgarten! Gläubig wird der Mann hinblicken zur Gefährtin, zur Gattin, zur lichten, starken!“[13]

Pädagogische Reform und Lebensreform erstrebten gleichermaßen die naturgemäße Entfaltung des Menschen, die eine vollkommene Persönlichkeit mit Strahlkraft hervorbringen sollte.[14] Das zugrunde liegende Geschichtsmodell war schlicht und wurde von den betreffenden Autoren selbst kaum problematisiert: Durch den Sündenfall der verderblichen Zivilisation sei der Mensch aus dem ursprünglichen Naturparadies vertrieben worden, zu dem er nur durch eine radikale Reform zurückfinden könne. „Zurück zur Natur!“ lautete der von Rousseau inspirierte Schlachtruf. Der deutsche Historiker Wolfgang Krabbe bezeichnete dieses Denkschema von Paradies – Sündenfall – Erlösung als „gnostisches Geschichtsmodell“, in Anlehnung an die Charakterisierung des Marxismus als Erlösungslehre durch den österreichischen Soziologen Ernst Topitsch.[15] So komme es zu einem gnostischen Bewusstseins, „das in sich den Erwähltheits- mit dem Panazee-Gedanken verbindet“ und die Substanz lebensreformerischer Betätigung ausmache. „Das gnostische Bewußtsein erhob für sich den Anspruch der Ausschließlichkeit, es gab aus dieser Sicht keine anderen Lösungsmöglichkeiten […]. Das gnostische Bewußtsein resultierte aus einem Offenbarungserlebnis, in dem die für wahr erkannte Lehre zur Heilsbotschaft kumulierte.“[16] Durch ihre eschatologische Erwartung zusammen mit ihrem gnostischen Überlegenheitsbewusstsein hätten die spezifisch-lebensreformerischen Bewegungen im Unterschied zu den peripher-lebensreformerischen den Charakter des Sektiererhaften angenommen.[17] Dies soll im Folgenden am Beispiel des religiösen Lebensreformers Carl Huter und seiner „Helioda“-Lehre dargestellt werden.   

Huter war ein Laienheilkundiger, der unter anderem eine von ihm simplifizierte Phrenologie und Physignomik als Hilfsmittel seiner „Menschenkunde“ einsetzte und als ein religiös motivierter Wanderprediger auftrat. In synkretistischer Weise kombinierte er verschiedene paramedizinische Methoden mit wissenschaftlichem Anspruch. An seinen Schriften, die teilweise nach seinem Tod neu aufgelegt wurden, kann man die lang anhaltende Attraktivität der Phrenologie in Laienkreisen erkennen. Er war Oberhaupt des „Huterischen Weltbundes für psychophysiognomische Welt- und Menschenkenntnis und ethisch-ästhetische Persönlichkeitskultur“, zu dem er für die Kandidaten, die Mitglieder werden wollten, einen „Katechismus“ verfasste.[18] Die Berichte über „Experimentalvorträge“, die Huter im November 1908 vor einem faszinierten Publikum hielt, sind bemerkenswert.[19] In ihnen beschrieb er, wie er „ohne jede Suggestion“ seine „Helioda-Strahlen“ demonstrieren und nachweisen konnte. Dabei folgte er mesmeristischen Vorstellungen und Experimentaltechniken, ohne direkt auf Theorie und Praxis des animalischen Magnetismus einzugehen (Kap. 25). Seine „Helioda-Strahlen“ bezeichnete er als „Lebensstrahlen“, „Empfindungsstrahlen“, „Lebensempfingungs-Strahlkraft“ oder „dritte Weltenergie“, nachweisbar durch ein „Hellfühl-, Bestrahlungs- und Gedankenübertragungsexperiment“ mit „Helioda“.[20] Im Grunde griff Huter dabei auf das Arsenal der mesmeristischer Praktiken zurück: magnetische Striche, sympathetische Empfindungen im Rapport, intuitive Diagnose. Interessanterweise übernahm Huter dabei nicht nur die Rolle eines Magnetiseurs, sondern dort, wo er selbst seinen „Hell- und Fernsinn“ spielen ließ, um den Körperzustand einer Versuchsperson zu durchleuchten, die Rolle eines somnambulen Sehers, eines Mediums: „Im Hinterkopfe der Dame empfand Herr Huter mangelhaften Blutabfluss, hingegen im Gesicht und Vorderhaupt lebhafte Blutzirkulation. […] In der oberen Brustregion fühlte er eine weiche, stark odische Emanation.“[21]

Huters Argumentation, mit der er „okkulte Lebens- und Seelenkräfte“ beweisen wollte, war wissenschaftshistorisch betrachtet ein Anachronismus. Er wandte sich explizit gegen die damals wissenschaftlich akzeptierte Lehre von Hypnose und Suggestion und bediente sich stattdessen mit zum Teil eigenwilliger Terminologie einiger grober Versatzstücke des Mesmerismus und der romantischen Naturphilosophie. „Helioda“ als „dritte Weltenergie“ sei „das magische Bewusstsein, das Weltempfinden, oder das alle Dinge und Materie durchdringende und bewohnende Empfinden.“ Nicht vom „Gehirnbewusstsein“ seien die Körpererregungen erzeugt, sondern die durch äußere Strahleneinwirkung erregten Körperzustände würden sekundär im Gehirn zu Bewusstsein gelangen. So habe die Versuchsperson „Fräulein Mathilde U.“ „ganz objektiv und ohne Mitwirkung von Ideensuggestion und Vorstellungen wirklich äussere Kraft und Strahleneinwirkungen gefühlt und in völlig wachem Zustande selbst kontrolliert.“[22] Am Huter’schen Beispiel lässt sich die sektiererische Gruppendynamik studieren, die von lebensreformerischen Impulsen freigesetzt wurde. Der Sektengründer vermochte offenbar sein Publikum zu faszinieren. Bei seinen Auftritten in Köln wirkten die „Tatsachen […] derart verblüffend auf die Anwesenden und waren derart neu, dass sie das Interesse aller im hohen Masse gefesselt hatten.“ [23] So sei wenig später nach der „Einführung der Huter’schen Wissenschaft in der Rheinischen Metropole“ ein Ortsverein des „Huter’schen Weltbundes“ gegründet worden.

Jahrzehnte später, so berichtete Huters Sohn Carl Heinrich, sei ihm sein 1912 verstorbener Vater im KZ Oranienburg als „göttlicher Meister“ erschienen und habe ihm im Juni 1945 seine göttliche Sendung offenbart: „Ich wurde auf die Erde gesandt, um der Menschheit als Gottgeist eine weitere Erkenntnis zu vermitteln, nicht um die großen Religionen aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen.“[24] Carl Huters „neue Weltanschauung in 72 Sätzen dargelegt“ zeigte ihn als Gründer einer neuen Religion, in der Naturphilosophie, Vitalismus, Psycho-Physiognomik und „Kallisophie“ vereint waren.[25] Die Kallisophie wollte die Schönheit zum höchsten Ideal und göttlichen Prinzip erheben. Sie richtete sich gleichermaßen gegen Materialismus und Spiritismus und wurde zum Mittelpunkt und Gradmesser erklärt, „der sozusagen auf dem direktesten Wege zum Himmel führt.“ Vor allem sollte die Kallisophie gegen die „geistige Entartung“ in Spiritismus und Materialismus wirken und vor dem Verfall retten.[26] Huters Sohn, der sich in der Nachkriegszeit offenbar als Nachfolger seines Vaters begriff, entwarf das „kallisophische Bundes-Symbol“, welches das „Religions-Symbol“ seines Vaters – „Mann, Weib und Kinde das Weltall darstellend“ – ablösen sollte: ein Dreieck mit Menschenauge, darunter zwei sich drückende Hände und darunter das Sternzeichen für Wassermann. (Abb. [iii]) Das Auge symbolisiere den „alles schauenden Weltgeist des Lichts“, die Hände die Verbrüderung aller Menschen und das Sternzeichen das neue, gerade beginnende Zeitalter. Auf das „Auge Gottes“ als zentrales Symbol der Theosophie in der frühen Neuzeit und seine späteren Modifikationen kommen wir an anderer Stelle zurück (Kap. 29).

Huters Strahlenmetaphorik passte gut in den Kontext der Lebensreform und ihres impliziten Sonnenkults. Sie stand im Mittelpunkt seiner naturphilosophischen Spekulationen: „Wie ich nachgewiesen habe, besitzt jede Substanz strahlende Energie, aber nicht jede Substanz strahlt in gleicher Kraft, sondern die Strahlen sind verschieden an Kraftmasse und Intensität.“[27] Diese „Elementarstrahlen“ seien freilich nur sensiblen Menschen, künstlerischen und religiösen Geistern als „Gottes unsichtbarer Odem“ wahrnehmbar, der alles durchdringe. Huter stellte die Einzigartigkeit der Helioda-Strahlen heraus, sie seien „keine rein magnetischen und keine rein elektrische Strahlen“. Denn es gebe daneben noch eine dritte, psychologische Naturkraft, in deren Innerem sich die von ihm entdeckte „geistige Schöpferkraft Helioda“ verberge.[28] Die Naturkräfte wie der Magnetismus, die Elektrizität, die chemische Energie oder das Reichenbach’sche Od seien – im Gegensatz zur Helioda – keine Lebenskräfte, sondern lediglich mechanische Energien. Merkwürdigerweise klammerte er Mesmers „animalischen Magnetismus“ und den Begriff des Fluidums aus, die Analoges für sich in Anspruch nahmen (Kap. 22).

Huters Ruf als charismatische Persönlichkeit soll auch die gelehrte Welt erreicht haben. So habe der Berliner Pathologe Rudolf Virchow ihn angeblich aufgefordert, seine Entdeckungen auf dem deutschen Anthropologen-Kongress in Hannover 1893 darzulegen.[29] Huter habe jedoch aus gesundheitlichen Gründen die Einladung zu einem Vortrag ablehnen müssen. Virchow sei jedoch anderweitig über seine Lehre informiert worden und habe sich lobend über sie ausgesprochen, so die Legende.[30] Huters originelle Kombination von Psycho-Physiognomik und Helioda-Lehre führte ihn zu einer Typologie von guten und weniger guten Menschen (Kap. 9). Das Ideal des „strahlenden Menschen“ war physiognomisch leicht erkennbar. Auf der betreffenden Abbildung erscheinen gegenüber magnetischen, odischen und Wärmstrahlen „Helioda- oder geistige Lebenstrahlen“, die eine Aureole um den Kopf bilden, am längsten. (Abb. [iv]) So konnte Huter ein „Anschauungsbild zum Zukunftsstaat mit der Rangordnung der Geister“ zeichnen, „wo der Weiseste regiert“. (Abb. [v])


[1] Zit. n. Krabbe, 1974, S. 101. [2] A. a. O., S. 104. [3] W. Zimmermann, 1924. [4] Ebd., S. 6. [5] A. a. O, S. 15. [6] A. a. O., S. 25. [7] A. a. O., S. 113 [Hervorhebung im Original]. [8] http://www.lebensreform.ch/cms/schweizer-freiland-freigeld-bund/ (18.04.2009) [9] A. a. O., s. 114. [10] Ebd., S. 115 f. [Hervorhebungen im Original]. [11] W. Zimmermann, 1933, S. 5. [12] A. a. O., S. 9. [13] A. a. O., S. 16. [14] Krabbe, 1974, S. 105. [15] A. a. O., S. 167; Topitsch, 1966, S. 298 ff. [16] Krabbe, 1974, S. 168. [17] A. a. O., S. 170. [18] C. Huter, 1909. [19] Ebd., S. 166-175. [20] Ebd., S. 168. [21] A. a. O., S. 169. [22] A. a. O., S. 167. [23] A. a. O., S. 174. [24] C. H. Huter, 1962, S. 149. [25] A. a. O., S. 162-169. [26] C. Huter [1903], 1929, S. 142 f. [27] Zit. n. C. H. Huter, 1962, S. 224. [28] A. a. O., S. 225. [29] C. Huter, 1928 [Vorwort zur Neuauflage]. [30] http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:_jiOiALRo7QJ:helioda1.blogspot.com/2010/02/huter-2-aus-eigener-kraft-mit-pinsel.html+rudolf+virchow+carl+huter&cd=3&hl=de&ct=clnk&gl=de&client=firefox-a&source=www.google.de (19.03.2011).


[i] Krabbe, 1974, S. 98; Kästner (Hg.), 1910; → Abb. Kampf der Lichtfreunde [ii] W. Zimmermann, 1924; → Abb. Zimmermann Lichtwärts [iii] C. H. Huter, 1962, 207; → Abb. Huters Bundes-Symbol [iv] C. Huter, 1928, S. 32; → Abb. Huter Strahlender Mensch [v] C. Huter, 1928. S. 179; → Abb. Huter Rangordnung der Geister