48. Kap./3* Männerfantasien und Faschismus

Der Germanist und Schriftsteller Klaus Theweleit hat mit seinem Bestseller „Männerphantasien“ in der nach-68er Zeit wie kein anderer an Wilhelm Reich und seinen Ansatz der psychoanalytischen Faschismuskritik angeknüpft.[1] Obwohl er sich der kritischen Beurteilung von Wilhelm Reich durch die französischen Analytiker Gilles Deleuzes und Félix Guattari anschloss, bieb seine Analyse monoman auf die Produktion des faschistischen Mannes mit ihrem Höhepunkt im Nationalsozialismus gerichtet. Jene hatten in ihrem „Anti-Ödipus“ formuliert: „Er [Reich] als erster hatte es versucht, die analytische und die revolutionäre Maschine gemeinsam funktionieren zu lassen. Und am Ende hatte er nurmehr seine eigenen Wunschmaschinen, seine paranoischen, wundersamen, zölibatären Kästen mit ihren woll- und baumwollbesetzten Metallwänden.“[2] Aus dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten erscheint mir Theweleits Analyse − „die vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“, wie Rudolf Augstein 1977 in „Der Spiegel“ schrieb − zwar als eine fulminante Leistung, aber zugleich auch als ein typischer Ausdruck damals vorherrschender Klischees: Engführung psychoanalytischer Konstrukte, die zur Erklärung sozialpolitischer Verhältnisse herangezogen wurden; die Frau im Fluss, als „Menschin aus dem Wasser“, gegenüber dem Mann, der sich einen „Panzer gegen die Frau“ zugelegt hat; die absolute Fixierung auf die Ausmalung der Facetten der totalen Katastrophe ohne die utopischen Momente der Befreiung und Erleuchtung einzelner Menschen oder Menschengruppen auch in der schlimmsten Diktatur. Mit anderen Worten: Die Befangenheit im zeitgenössischen Diskurs erlaubte keinen kulturhistorisch geweiteten Blick über den ideologischen Tellerrand. Sie war seinerzeit nicht erstaunlich, da die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und seinen Folgen, konkret: mit der Generation der eigenen Eltern und insbesondere Väter, gerade erst begonnen hatte und die Blickrichtung fesselte.

Die diversen Versuche, Marx und Freud miteinander zu kombinieren, waren trotz ihrer fundamentalen Kritik an Kapitalismus und Staatssozialismus nicht dazu angetan, religiöse und kulturhistorische Betrachtungen anzustellen und die eigenen Denkmodelle historisch zu relativieren. So blieben die mystischen wie mythischen Aspekte der Sexualität ebenso außer Betracht wie die frühneuzeitlichen Ideen von der Magie der Natur und der Macht des Geistes. Die 68er Vordenker mochten sich einfach nicht vorstellen, dass es sich hierbei um mehr als nur um „Männerphantasien“ à la Theweleit gehandelt haben könnte. Die nach-68er Debatte über Sexualität und Gesellschaft war von einer gewissen Hilflosigkeit geprägt. Man wollte „Emanzipation“ und verfiel biologistischen Normvorstellungen, man wollte „Triebbefriedigung“ und sah diese an bestimmte Formen der Sexualität gebunden. Auch die professionelle Sexualwissenschaft konnte keine Lösung anbieten, wie das „Drama der Sexualität“ des Frankfurter Sexualwissenschaftlers Martin Danecker offenbart.[3] Die Abhandlung führt vor Augen, wie gut gemeintes emanzipatorisches Pathos ohne eine tiefer gehende ideengeschichtliche und kulturanthropologische Verankerung ins Leere läuft.

Inzwischen ist die von Wilhelm Reich inaugurierte Theorie von der unterdrückten Sexualität als Ursprung des faschistischen Massenmenschen, der mit seinem „Muskelpanzer“ die „emotionale Pest“ verursacht habe (siehe oben), widerlegt. Die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog kritisierte in ihrer Studie zur Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts die These der Neuen Linken bzw. der Studentenbewegung um 1968, dass die sexuelle Repression „nicht nur ein Charakteristikum dieser Bewegung [des Faschismus], sondern ihre Ursache“ gewesen sei.[4] Noch unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei es die Meinung der Zeitgenossen gewesen, „die Nationalsozialisten hätten im Gegenteil sexuelle Freizügigkeit gefördert und diese sexuelle ‚Unmoral’ sei sogar untrennbar mit dem barbarischen Völkermord verbunden gewesen.“ Aus diesem Blickwinkel sei die sexual-konservative Nachkriegskultur keine Fortführung des angeblich sexuell repressiven Faschismus gewesen, sondern habe sich „zumindest teilweise als Gegenreaktion zum Nationalsozialismus“ entwickelt: „gerade die von NS-Seite betriebene Ermunterung zu vor- und außerehelichen heterosexuellen Kontakten – nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung, sondern auch zur Lustbefriedigung – wurde in der Nachkriegszeit geflissentlich vergessen.“[5] Herzog hat für dieses Verhalten eine plausible Erklärung: Angesichts des NS-Regimes, das eine ungeheuerliche Vernichtungspolitik betrieben hatte, schien es ratsam, „die Erinnerung an die Empfänglichkeit der Bevölkerung für die lustfördernden Aspekte des Nationalsozialismus auszulöschen.“ Die Verbindung der sexuellen Tabubrüche mit denen beim Völkermord ließ es nach Herzog aus psychologischen wie politischen Gründen opportun erscheinen, „in der Rückschau gewisse Elemente auszublenden und andere herauszustellen.“ So sei es um 1960 zu einer „Reihe von Halbwahrheiten und ausgemachten Lügen“ gekommen, wonach beispielsweise im Nationalsozialismus keinerlei Mittel und Informationen zur Empfängnisverhütung zur Verfügung gestellt worden seien, um die Geburtenrate zu steigern.

Um die Sexualität im Dritten Reich zu verstehen, zog Herzog den Begriff der repressiven Entsublimierung heran, den der Vordenker der 68er Studentenbewegung Herbert Marcuse in seinem Werk „Der eindimensionale Mensch“ geprägt hatte.[6] Sie würdigte dessen Verdienst: Er habe als einer der Ersten dargelegt, „dass und auf welche Weise der überhebliche NS-Rassismus untrennbar mit dem Bemühen des Regimes verbunden war, das Sexualleben seiner Bürger neu zu organisieren; von welch zentraler Bedeutung die Politisierung des vormals eher privaten Bereichs der Sexualität für die politische Tagesordnung der Nationalsozialisten war “.[7] Dass die „repressive Entsublimierung“ für diverse „sexuelle Revolutionen“ im 20. Jahrhundert einschließlich ihrer sexualwissenschaftlichen Begleitung ein Grundproblem markiert, ist augenfällig.

Es ist bemerkenswert, dass auch im „Dritten Reich“ das Motiv der Natura, wie wir es vom ausgehenden Mittelalter bis zum Jugendstil um 1900 verfolgt haben, in Illustrationen immer wieder auftaucht. Der naturphilosophisch-religiöse Hintergrund tritt zurück, wird gleichsam über dem ideologischen und propagandistischen Alltagsgeschäft vergessen. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen. Im Kampfblatt der SS „Das Schwarze Korps“ wurden im Oktober 1938 unter der Überschrift „SCHÖN UND REIN“ eine Serie von Fotografien abgebildet, die eine junge, schöne, nackte Frau in einer natürlichen Umgebung („Strandlandschaft“) zeigen. (Abb. [i]) Ihre göttliche Unnahbarkeit und Unschuld wird demonstriert, was an klassische Darstellungen der Natura erinnert. In der antisemitischen Wochenzeitung “Der Stürmer” wurde im April 1929 eine Karikatur mit der Legende „Nieder mit der Wahrheit!!!“ veröffentlicht. (Abb. [ii]) Sie zeigt eine nackte Frau, die gerade von Staatsanwalt und Polizei gefesselt wird und „die Wahrheit“ des Nationalsozialismus symbolisieren sollte, die von der staatlichen Gewalt niedergehalten wurde. Die Aufforderung an den Betrachter ist eindeutig: Diese gefesselte Wahrheit ist zu befreien, zu entfesseln. Interessant ist der angedeutete Heiligenschein der blonden Frau mit germanischen Gesichtszügen, der mit der Inschrift „Die Wahrheit“ versehen ist. Dies erinnert an „La Nature“, der man in der Französischen Revolution ein Monument errichtete und die man mit der raison und damit implizit mit der vérité identifizierte (Kap. 11) Dieses Motiv der gefesselten Wahrheit wurde noch einmal vom Stürmer“ im Februar 1930 mit unüberbietbarer religiöser Symbolik verschärft. Die Karikatur „Die Wahrheit am Kreuz“ zeigt anstelle von Christus eine nackte Frau mit Lendenschurz, deren Mund verbunden ist und die von „jüdischen Dunkelmännern“ lüstern angestarrt wird. (Abb. [iii]) Die antisemitische Hetze bediente sich hier des christlichen Antijudaismus, der sich traditionell an dem Umstand festmachte, dass Christus von den Juden ans Kreuz geschlagen worden war.

Nach der „Machtergreifung“ trat dann die „Wahrheit“ als strahlende Göttin auf. (Abb. [iv]) Unter der Überschrift „Seltsame Auswirkung“ erschien im „Stürmer“ im Januar 1935 eine vielsagende Karikatur. Die übergroße stattliche nackte Frau mit langem blondem Haar hält in ihrer rechten Hand einen Spiegel, der ein Lichtbündel nach unten reflektiert, wo entsetzte jüdische „Untermenschen“ stehen, denen der Satz in den Mund gelegt wird: „Das haben mer nu davon, mit unserm Geschrei machen mer bloß Reklame für die Wahrheit“. Mit der Rechten zieht die „Wahrheit“ einen Vorhang beiseite und enthüllt damit ein antisemitisches Schriftrelief an der Wand.

Anmerkung vom 16.01.2016

Die „Wahrheit“ als nackte Frau, umgeben von Dunkelmännern, ist auch in zwei Gemälden von Ferdinand Hodler zu sehen. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Auch hier bediente sich – wahrscheinlich den Machern selbst nicht bewusst – die Hetzpropaganda kulturhistorischer Versatzstücke. Die Frau personifiziert hier Isis-Natura, wobei der Spiegel an die göttliches Licht vermittelnde Natura in der frühneuzeitlichen Emblematik und der zurückgezogene Vorhang an die sich enthüllende Isis erinnert. Das viel besagte „kulturelle Gedächtnis“ war also im Nationalsozialismus keineswegs ausgeschaltet – im Gegenteil: Es wurde zu spezifischen Zwecken aktiviert.


[1] Theweleit [1977/78], 1980. [2] Zit. ebd., S. 405. [3] Dannecker, 1987. [4] Herzog, 2005, S. 10. [5] A. a. O., S. 80. [6] Marcuse, 1967, S. 76; Reiche, 1968, S. 45. [7] Marcuse, 1967, S. 26.


[i] Herzog, 1945, S. 48; → Abb. Schön und Rein 1938 [ii] Herzog, 1945, S. 29; → Abb. Nieder mit der Wahrheit 1929 [iii] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Wahrheit am Kreuz 1930 [iv] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Seltsame Auswirkung 1935

48. Kap./2* „Orgasmusreflex“ und „Christusmord“

Um 1900 gab es ein enges ideologisches Beziehungsgeflecht zwischen Darwinismus, Monismus und Lebensreform sowie völkischen und sozialistischen Bewegungen, die für eine radikale Umwandlung der Gesellschaft eintraten. Der Diskurs über die Bedeutung der Sexualität hatte hierbei einen hohen Stellenwert. Im Fahrwasser von Biologismus und Naturalismus kristallisierte sich nämlich die populäre Auffassung heraus, dass es von Natur aus eine ursprüngliche, quasi unschuldige Sexualität gegeben habe, die zu einem paradiesischen Urzustand gehörte, den der Kulturmensch verloren habe. Aber die Sexualität war nicht auf den Menschen beschränkt. Biologen beschrieben die Sexualität von Pflanzen und Tieren, Ethnologen die der sogenannten „Wilden“. Gleichzeitig wurde die Unterdrückung und Deformierung der natürlichen Sexualität des Menschen durch kulturelle Normen problematisiert und für krankhafte Folgen verantwortlich gemacht. Sigmund Freud war mit seiner Problematisierung der kulturellen Unterdrückung des Sexualtriebs beim Menschen keineswegs singulär. Gerade in der Lebensreformbewegung gab es um 1900 beachtliche Ansätze, welche die sexuelle Emanzipation anstrebten und keineswegs nur eine „Ehereform“ im Sinne hatten. Die Popularität eugenischer Ideen beflügelte zusätzlich die Fantasie. Nicht eheliche Lebensgemeinschaften zu zweit oder in der Gruppe wurden denkbar und auch in die Praxis umgesetzt. Die Bildung von Sekten bzw. religiösen Lebensgemeinschaften in den USA sind ein eigenes Kapitel. Die Oneida-Sekte, die eine eigene Methode der promiskuitiven Sexualpraxis propagierte, wird an anderer Stelle ausführlicher abgehandelt (Kap. 49).

Wilhelm Reichs Ansatz zeigte in einzigartiger Weise, wie der Mythos vom paradiesischen biologischen Urzustand und das Dogma von der kulturellen Unterdrückung dieses Zustands zwangsläufig zur Idee einer „sexuellen Revolution“ führten, die gänzlich dem zeitgenössischen Biologismus verhaftet war. Reich versuchte als Arzt und Freud-Schüler Psychoanalyse und Marxismus in seiner sozialpolitischen Arbeit praktisch zu vereinen, wurde jedoch wegen seiner Eigenwilligkeiten sowohl aus den psychoanalytischen Fachgesellschaften als auch aus der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) ausgeschlossen. Es wird neuerdings behauptet, dass sein Ausschluss aus der Deutschen Psychoanalytischen  Gesellschaft und der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft im Jahr 1934 ein opportunistischer Akt der Psychoanalytiker gegenüber dem Nazi-Regime gewesen sei, das er mit seiner „Sex-Pol-Bewegung“ und seiner Kampfschrift „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) provoziert habe und das man nicht noch mehr gegen die Psychoanalyse habe aufbringen wollen.[1] Einiges mag für diese These sprechen. Tatsache ist jedenfalls, dass Reich als entschiedenster Kämpfer gegen den Nationalsozialismus eine Sonderstellung unter den Psychoanalytikern einnahm. Er hatte Malinowskis Werk „Das Sexualleben der Wilden“, das 1930 erschien, wie viele andere Gesellschaftskritiker mit Begeisterung gelesen und berief sich auf dessen Einsichten. Das freie Sexualverhalten der Kinder bei den Trobriandern erschien ihm als Voraussetzung der sexuellen Freiheit, die er bei diesem Südseevolk gegeben sah. Das Fazit lautete kurz und bündig: „Die Primitiven haben ihre volle genitale Erlebnisfähigkeit, die ‚Zivilisierten’ können zu keiner Genitalbefriedigung gelangen, weil ihre Sexualstruktur durch die infolge der Erziehung erworbenen moralischen Hemmungen neurotisch zersetzt ist.“[2] Seine Kritik der „sexuellen Misere“ richtete sich insbesondere gegen die „Rücksichten auf dauermonogame Zwangsehe“, die das Geschlechtsleben bestimmen würden.[3]

Im Zentrum von Reichs Lehre stand das Problem der Orgasmusfähigkeit. Bereits in den 1920er Jahren hatte er es in seiner Schrift „Die Funktion des Orgasmus“ thematisiert und sich dabei ganz auf die betreffenden physiologischen Abläufe und ihre möglichen pathologischen Abweichungen konzentriert.[4] Interessant sind dabei die Veranschaulichungen der Vorgänge anhand von „Erregungskurven“, wie sie auch anderweitig in der Physiologie und klinischen Medizin − van de Veldes Koitus-Kurven haben wir oben vorgestellt − verwendet wurden und die den naturgesetzlichen Ablauf in seiner Objektivität nach dem Vorbild der „Fieberkurve“ demonstrieren sollten.  Deren Einführung in die klinische Medizin im 19. Jahrhundert diente zur objektiven Dokumentation eines Krankheitsverlaufs bzw. zur Krankheitsdiagnostik.[5] Ihre Popularität ist im Kontext der naturwissenschaftlichen Medizin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verstehen, für deren Methodik die grafische Darstellung von Messergebnissen eine wichtige Innovation darstellte.

Wilhelm Reich skizzierte den Verlauf der „typischen Phasen des Geschlechtsaktes mit orgastischer Potenz bei beiden Geschlechtern“ als die Kontur eines Bergs, der auf einer Zeitachse stand. (Abb. [i]) Der flachere Anstieg war links vom Gipfel, der steilere Abfall rechts. Beim Anstieg verläuft die Erregungslinie stufenförmig nach oben (in 12 oder 13 Stufen an der Zahl), was wohl die stimulierende Wirkung der einzelnen Koitus-Bewegungen symbolisieren soll und an das Bild eines Treppenaufstiegs erinnert. In den 1920er Jahren war Reich über Freud hinausgehend zum Schluss gelangt, dass die seelische Erkrankung nicht eine sexuelle Störung im weiteren Sinne, sondern die Folge der Störung der „genitalen Funktion, im strengen Sinne der orgastischen Impotenz“ sei.[6] Er reduzierte die sexuelle Problematik auf den „sexualökonomischen Energieverlauf“ beim Geschlechtsverkehr und gelangte so zu einer idealtypischen Abstraktion der Erregungskurve. Die Phase der Spannung und die der Entspannung wurden als einfache Linien gezeichnet, die auf einen Gipfelpunkt hin- bzw. von ihm weglaufen. Eine Hemmung der Entspannung entsprach dann einer „gestörten Sexualökonomie“ oder „Stauung“. (Abb. [ii]) Die betreffende Zeichnung erinnert an einen Reflexbogen, wie er als ein Grundmodell der Neurophysiologie schon im 19. Jahrhundert etabliert worden war. Interessanterweise nimmt der Orgasmus, der von Reich als als „Akme“ bezeichnet wurde, formal die Stelle des Reflexzentrums ein, die Stelle also, an die das Seelische − nach Descartes in der Zirbeldrüse − angekoppelt ist.

Auch Freud konzipierte den „psychischen Apparat“ als einen Reflexbogen. Die „Traumdeutung“ enthält eine Grafik, die den Erregungsverlauf vom Wahrnehmungs- zum Motilitätsende aufzeigt. Doch Freud brach diesen Reflexbogen gewissermaßen auf und fügte das (unbewusste) Seelenleben ein. Der Clou der „Metapsychologie“ in der „Traumdeutung“ war, dass der Traum durch eine rückläufige Erregung, durch eine Verkehrung des normalen Reflexvorgangs erklärt wurde. (Abb. [iii]) Reichs Reflexmodell dagegen kannte keine systemische Unterbrechung, das Unbewusste spielte bei ihm keine Rolle. Er kannte nur eine pathologische Stauung durch Hemmung der Orgasmusfunktion, was er grafisch durch ein Abweichen von der „normalen Orgasmuskurve“ darstellte und dabei „typische Genitalstörungen beider Geschlechter“ voneinander unterschied. (Abb. [iv]) Konsequenterweise begriff er alle Sexualstörungen als Normabweichung von der idealen Kurve, die er entsprechend einzeichnete, etwa als „Erregungskurve bei frühzeitigem Samenerguß“. (Abb. [v]) Damit glaubte er, den „Schlüssel zum Verständnis der Ökonomie der Neurosen“ in Händen zu halten. Solche Erregungskurven werden auch heute noch in sexualwissenschaftlichen Abhandlungen und insbesondere in sexualkundlichen Gesundheitsratgebern gezeigt, wie das Beispiel des schweizerischen Online-Beratungsportals „lilli“ zeigt. (Abb. [vi])

Auf die bizarre Lebensgeschichte von Wilhelm Reich in politisch bedrohlichen Zeiten und die Wandlungen seiner Konzepte soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Seine Begrifflichkeit war jedenfalls für die Ideologie der „sexuellen Revolution“ ab den 1960er Jahren von großer Bedeutung. Er prägte für seine „Orgonomie“, die er als wissenschaftliche Disziplin ansah, klar definierte Termini: „Orgasmusreflex“, „orgastische Potenz“ bzw. „Impotenz“, „Panzerung“ „Sexualökonomie“ und „Stauung.“[7]  Charakteristisch hierfür war seine Definition des „Orgasmusreflexes“, die sein strikt biologistisches Denken offenbarte: „Die einheitliche, unwillkürliche Konvulsion des Gesamtorganismus in der Akme der genitalen Umarmungen. Wegen der unwillkürlichen Natur dieses Reflexes und wegen der weitverbreiteten Orgasmusangst ist der Reflex bei den meisten Menschen blockiert, die in Gesellschaften aufgewachsen sind, die die Genitalität des Kleinkindes und des Jugendlichen unterdrücken.“[8]

Reich glaubte am Ende seines Lebens, mit der „Funktion der orgastischen Plasmazuckung“ eine Naturentdeckung gemacht zu haben, die so einzigartig wie die des Kolumbus sei, allerdings mit einem Unterschied: „Die Orgonenergie funktioniert in jedem Menschen und vor aller Augen. Amerika musste erst aufgefunden werden.“[9] Diese Wahnvorstellung, der absolut erste und einzige zu sein, der die Wahrheit erkannt habe, ist gerade in der Geschichte der Heilkunde häufig bei Gründern von eigenständigen Heilsystemen, insbesondere bei Esoterikern, Sektengründern und Gesundheitsaposteln zu beobachten. Reich konnte sein „Orgon“ experimentell nicht nachweisen. Seine Versuchsergebnisse, welche er als Beweis für seine Orgontheorie interpretierte, wurden von keinem geringeren als Albert Einstein als nicht stichhaltig entlarvt. Reichs These entsprach fast wörtlich Mesmers Vorstellung vom „Fluidum“: „Das Orgon ist eine von Elektrizität und Magnetismus grundverschiedene und vor allem neuartige Energieform.“[10] Dass die entsprechende Vorstellung einer kosmischen Kraft oder Energie schon unzählige Male in unterschiedlicher Formulierung in Medizin- und Kulturgeschichte vorgebracht wurde, ignorierte er bewusst oder unbewusst. Er war eben in seinem Selbstverständnis der erste und einzige Entdecker, gleichsam der Kolumbus der Medizin.

Gegen Ende seines Lebens vollzog Wilhelm Reich eine beachtliche religiöse Wende. Zwischen Juni und August 1951 schrieb er „The Murder of Christ“. Die deutsche Übersetzung erschien 1978 unter dem Titel „Christusmord“.[11] In dieser umfangreichen Monografie identifizierte er sich voll und ganz mit Christus und seiner Verfolgung bis hin zur Kreuzigung, indem er Christus als die Lichtgestalt eines sexuell freien, göttlichen Menschen darstellte. Dabei projizierte er seine Lehre vom Idealtypus des „genitalen Charakters“ mit „orgastischer Potenz“ auf Christus. So schrieb er im Vorwort von 1952: „’Gott’ ist die Natur, und Christus ist die Verwirklichung des Naturgesetzes. Gott (Natur) hat die Genitalien bei allen Lebewesen geschaffen […], damit diese nach natürlichen, göttlichen Gesetzen funktionieren. Deshalb ist es weder Sakrileg noch Blasphemie, dem Verkünder Gottes auf Erden ein natürliches, göttliches Liebesleben zuzuschreiben.“[12] Kursiv steht an einer Stelle geschrieben: „Er liebt Frauen“.[13] Reich hatte sein Ideal in Christus gefunden: „Für den orgonomischen Charakterologen des zwanzigsten Jahrhunderts hatte Christus alle Eigenschaften des genitalen Charakters.“[14] Und wie Christus wollte Reich die Menschen von ihrem Elend erlösen, das er in erster Linie von einer naturwidrigen Unterdrückung der Sexualität ableitete. „Der Neue Führer“ sollte ein neues Menschengeschlecht hervorbringen.[15] Ohne Frage sah sich Reich selbst in dieser Rolle. Dieser „Neue Führer“ à la Reich sei aber nur das positive Gegenbild zu den „Hitlers und Stalins“, merkten Kritiker an: „die Ähnlichkeit zu den Utopien von Kommunisten und Faschisten [ist] verblüffend, und verblüffender noch, daß Reich sie nicht bemerkt − oder nicht bemerken will.“[16] In seiner Dogmatik sei Reich „den von ihm gegeißelten Führern zum Verwechseln ähnlich“.[17] Die gegenwärtige Theologie würde in ihrer Christologie natürlich nicht so weit wie Wilhelm Reich gehen, aber Christus – im Gegensatz zu Paulus – doch eine gewisse intime Nähe zu und große Wertschätzung von Frauen zubilligen und ihn insofern mit der modernen Idee der Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau in Verbindung bringen.[18]

Es sei hier erwähnt, dass in christlich-esoterischen Sekten, die im 19. Jahrhundert vor allem in den USA eine Blütezeit erlebten, ein widersprüchliches Christusbild gepflegt wurde. Die einen verehrten ihn als Seelenbräutigam im Sinne der Theosophie, die anderen als Vorbild für polygamen Geschlechtsverkehr. So merkte der Spiritist und Lebensreformer Andrew Jackson Davis an, dass der „Nazarenische Reformator“ gegen die Ehe gewesen sei.[19] Christus habe sich „der leiblichen Ehe und äusseren Vaterschaft“ enthalten. Die Mormonen dagegen nähmen an, „dass Jesus wirklich selbst Bräutigam auf der Hochzeit zu Kanaan war, dass er ehelich geliebt wurde von den ihm ergebenen Frauen, welche ihm nachfolgten“. Es ist denkbar, dass Reich von diesem spezifisch amerikanischen Diskurs Impulse erhalten hat, die ihn zu seinem „Christusmord“ anregten. Es sei hier nur angefügt, dass das Einwanderungsland USA ein günstiger Nährboden für alle möglichen alternativen und esoterischen Konzepte und Ideen war, die in deren europäischen Herkunftsländern oft ihren Zenit schon längst überschritten hatten, wie etwa Mesmerismus, Homöopathie und Phrenologie, die sich aber in der „Neuen Welt“ mit religiösen und sozialreformerischen Bewegungen wirkungsvoll verbinden konnten.[20]

Reichs Gesellschaftskritik zielte zentral auf den „Faschismus“, dessen Ursache er in der unterdrückten Sexualität und dem daraus resultierenden „Muskelpanzer“ der zur Masse erstarrten Individuen erblickte. Seine therapeutischen Vorstellungen waren entsprechend eindeutig. Es sei klar, so formulierte er bereits 1933, „daß die sexualökonomische Massenhygiene schließlich in die allgemeinen gesellschaftlichen Freiheitsbestrebungen einmünden muß.“[21] Ende der 1920er Jahre versuchte er, Psychoanalyse und Marxismus theoretisch und praktisch zu vereinen. Er trat 1930 in Berlin der KPD bei und gründete 1931 den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik, der als „Sexpol“ versuchte, vor allem jugendliche Massen zu agitieren. Die „sexuelle Revolution“ à la Reich sollte die „emotionelle Pest“ des Faschismus wie auch des Bolschewismus bekämpfen, die er in den 1930er Jahren massenpsychologisch miteinander gleichsetzte.[22] Freilich war und blieb seine „Sexualökonomie“ wie seine spätere „Orgonomie“ ein biologistisches Konstrukt, aus dem er weitreichende normative Ansprüche ableitete. Oberste Richtschnur war, dass der heterosexuelle „Geschlechtsverkehr der Puberilen [sic]“ rechtzeitig mit entsprechender Orgasmus-Entladung aufgenommen wurde. Was dem entgegenstand, schien die Gesundheit zu gefährden und den faschistischen „Muskelpanzer“ zu generieren. Insofern hegte auch Reich ein Ressentiment gegen die Onanie: „Als frisch, tüchtig und rege erweisen sich immer die, welche im richtigen Augenblick den Schritt von der Onanie zum Geschlechtsverkehr zu machen wagten. Auf die Dauer schwächt ja die Onanie auch die Beziehungen zur Wirklichkeit; die Leichtigkeit, mit der die Befriedigung zu erzielen ist, macht oft unfähig, den belebenden Kampf um einen Partner zu führen.“[23] Man spürt hier den Vergleich mit dem „natürlichen“ Verhalten der Tiere, etwa gemäß dem Topos vom „Kampf ums Weibchen“.


[1] Peglau, 2013. [2] W. Reich, 1972, S. 46. [3] A. a. O., S. 158.  [4] W. Reich, 1927; 1969. [5] Hess, 2000. [6] W. Reich, 1969, S. 100. [7] W. Reich,1976, S. 19-22 [„Glossar“]. [8] Ebd., S. 20. [9] A. a. O., S. 28. [10] Zit. n. Demisch, 1979, S. 345. [11] Reich, 1978. [12] Ebd., S. 27. [13] A. a. O., S. 63. [14] A. a. O., S. 81. [15] Reich, 1978, S. 359-391. [16] Gäng / Hausmann, 1997, S. 41. [17] A. a. O., S. 42. [18] Prause, 1981. [19] Davis [1867], 1874, S. 94 f. [20] Fuller, 1985; 2001; 2004; 2006. [21] Reich [1933], 1974, S. 179. [22] A. a. O., S. 238. [23] Reich [1936], 1979, S. 122 f.


[i] W. Reich, 1969, S. 95; → Abb. Reich orgastische Potenz beide Geschlechter [ii] W. Reich, 1969, S. 101; → Abb. Reich sexualökonomischer Energieverlauf [iii] Freud, 1900, S. 546; → Abb. Freud psychischer Apparat [iv] W. Reich, 1969, S. 143; → Abb. Reich typische Geniatalstörungen [v] W. Reich, 1969, S. 144;  → Abb. Reich frühzeitiger Samenerguss [vi] http://www.lilli.ch/orgasmus_frau_erreichen_erregen_wie/ 14.02.2012); → Abb. Erregungskurve lilli

47. Kap./3* Das Phasenmodell der normalen Sexualfunktion

Die normale Sexualfunktion als Ausdruck der Gesundheit erscheint heute als Ideal. So ist in einem Lehrbuch zu lesen: „Für einen gesunden und jungen Menschen, Mann wie Frau, gehört die normale Funktion des Sexualsystems wohl zum wertvollsten persönlichen Gut. Die wesentlichsten biologischen Aufgaben des Menschen werden damit angesprochen. Das Verlangen nach Familienplanung und nach sexueller Befriedigung sind die Antriebskräfte für die wissenschaftliche Erforschung und ärztliche Behandlung der Reproduktions- und Kohabitationsstörungen schlechthin.“[1] Für die Sexualmedizin wurde gleichzeitig mit der „sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre die Theorie der „sexuellen Reaktion“ von Masters und Johnson maßgeblich, die sich in zahlreichen wissenschaftlichen und populären Schriften niederschlug.[2] Der sogenannte sexuelle Reaktionszyklus läuft demgemäß in vier Phasen ab:  (1) Erregungsphase, (2) Plateauphase, (3) Orgasmusphase und (4) Rückbildungsphase. Dabei verlaufe trotz der geschlechtsspezifischen Unterschiede der Reaktionszyklus bei Mann und Frau erstaunlich ähnlich.[3] Damit war ein quasi objektives Raster vorgegeben, das bis heute wissenschaftliche Geltung beansprucht und auch in Handbüchern der Sexualmedizin als Goldstandard gehandelt wird.

Zeitgleich zu diesem Phasenmodell des (heterosexuellen) Geschlechtsverkehrs entstand das Phasenmodell des Sterbeprozesses, das für die Thanatopsychologie ebenso bedeutsam werden sollte wie jenes für die Sexualwissenschaft. 1969 begründete nämlich die schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross ihre „fünf Phasen des Sterbens“.[5] Das Bedürfnis nach einer haltbaren Orientierung war in einer Umbruchzeit, welche für das Verständnis der Sexualität ebenso gravierend war wie für das des Sterbens, besonders groß. Die Idee eines gesetzmäßig ablaufenden Prozesses war gerade für Medizin und medizinische Psychologie attraktiv und gab der medizinischen Praxis einen gewissen Rückhalt. Überhaupt entstanden um 1970 grundlegende Leitideen für Theorie und Praxis der Medizin, die auch heute noch mehr oder weniger anerkannt werden: etwa das Modell der Risikofaktoren oder das Konzept der Hirntoddiagnostik. Die Lehre vom idealtypischen Verlauf der Sexualfunktion bot der professionellen Sexualtherapie eine Grundlage. Wahrscheinlich hatte die Lehre von den idealtypischen Sterbephasen eine ähnliche Bedeutung für die Begründung der professionellen Sterbegleitung. Begriff wie „Zyklus“ und „Phasen“ sind assoziativ mit biologischen und technischen Funktionsmodellen verknüpft und strahlen von daher eine gewisse wissenschaftliche Objektivität aus. Sie passen zum medizinischen Denken und Handeln. Dies wird gerade beim sexualtherapeutischen Ansatz von Masters und Johnson deutlich, der wie kein anderer die gegenwärtige Sexualwissenschaft beeinflusst hat.

Das anthropologische Verständnis folgte dem einfachen Modell von (sexuellem) Reiz und (psychosomatischer) Reaktion. Der Mensch bestehe aus zwei miteinander in Wechselwirkungen stehenden Systemen: dem „biophysischen“ und dem „psychosozialen“ Bereich. Es war nun nicht nur die Frage, wie er im jeweiligen Bereich auf sexuelle Reize reagiert, sondern auch, wie letzterer Bereich den ersteren beeinflussen kann, sodass entsprechende Reize nur geringe oder gar keine Reaktionen hervorrufen. [6] Die automatische Reaktion im biophysischen Bereich, dem biologischen Fundament der Sexualität, kann also durch den psychosozialen Bereich modifiziert bzw. unterdrückt werden. Dieses Fundament ändert sich im Laufe des Lebens, wie in einem Lehrbuch ausgeführt wird: „Beim Mann wird der Kulminationspunkt sexuellen Interesses etwa um das 21. Lebensjahr erreicht, danach geht das Interesse langsam zurück. Bei der Frau dagegen steigt, generell gesprochen, die Libidostärke bis zum 35. Lebensjahr an und fällt dann im Klimakterium und später kaum mehr ab.“[7] Solche Aussagen stützen sich auf scheinbar naturgesetzliche Gegebenheiten und zeugen vom biologischen bias des Autors. Ähnlich naiv wird in diesem Zusammenhang der Orgasmus begriffen. Bei Männern sei die Definition nicht schwierig, da er ja − objektiv fassbar − mit der Ejakulation einhergehe. Aber auch bei der Frau lasse sich der Orgasmus – wenn auch nur subjektiv – fassen. Generelles Zeichen sei „die Angabe eines Gefühls des Pulsierens und Pochens im Unterleib mit anschließend angenehm empfundenem Nachlassen einer inneren Anspannung“.[8] Es ist bemerkenswert, wie sehr das Erleben des Orgasmus, die „Angabe eines Gefühls“, vom Autor auf medizinisch objektivierbare physiologische Vorgänge reduziert wird: nämlich „Pulsieren“ und „Anspannung“.

Die Theorie vom sexuellen Reaktionszyklus erscheint als naturwissenschaftlich gesicherte Grundlage, auf der alle möglichen sexualmedizinischen Studien aufbauen. Jeder Phase des Reaktionszyklus lassen sich somit bestimmte Störungen zuordnen. So werden etwa in einer neueren Übersichtsarbeit die Sexualstörungen des Mannes „nach ihrem Auftreten im sexuellen Reaktionszyklus (Appetenz-, Erregungs-. Orgasmus- und Rückbildungsphase) unterteilt.“[9] Paradoxerweise hat gerade die Freud‘sche Psychoanalyse, welche die naturwissenschaftliche Medizin psychologisch transzendieren und anthropologisch reformieren wollte, mit dazu beigetragen, die biologistische Auffassung der Sexualität zu bekräftigen. Neu war allerdings die Aufdeckung sexueller Motivationen im kulturellen und sozialen Leben. Freud stellte kulturelle und religiöse Normen infrage, nicht aber die normativen biologischen Vorstellungen seiner Zeit über die Sexualität als Triebgeschehen. Insofern erscheinen die Lehren und Behandlungsmethoden seines fragwürdigen und tragischen Schülers Wilhelm Reich zum Teil als eine Karikatur derjenigen des Meisters (Kap. 48).


[1] Kaden (Hg.), 1980, S. 16 [„Einleitung“; R. Kaden]. [2] Masters / Johnson, 1967. [3] Kokott, 1980, S. 275 f. [5] Kübler-Ross, 1969. [6] Kokott, 1980, S. 272. [7] A. a. O., S. 274. [8] A. a. O., s. 275. [9] Rösing et al., 2009, S. 821.

47. Kap./2* Orgasmus, gesund machender Reflex

Die Problematik des Orgasmus spielte eine Schlüsselrolle im Diskurs von Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des 20. Jahrhunderts. War er zur Gesundheit notwendig? Welche Qualität sollte er haben? War er mehr oder weniger identisch mit der Ejakulation des Mannes? War der Orgasmus der Frau dem des Mannes analog oder grundsätzlich verschieden? Wie oft sollte der Mensch einen Orgasmus haben? Ab welcher Frequenz wirkte er schädlich? Wir werden noch in anderem Zusammenhang auf die Orgasmusfrage zurückkommen, vor allem beim sogenannten Phasenmodell der normalen Sexualfunktion (siehe unten) sowie beim Thema der sexuellen Revolution und ihrer Fixierung auf Wilhelm Reichs biologistischen Ansatz (Kap. 48). Dieser Diskurs konnte auf eine bis in die Antike zurückreichende Tradition zurückblicken. Bereits Aristoteles hatte in „De generatione animalium“ festgestellt, dass Frauen einen − im heutigen Sprachgebrauch − „Klitoris-Orgasmus“ erleben konnten, der freilich zur Empfängnis nicht nötig sei.[1] Demgegenüber gab es gerade in Renaissance und früher Neuzeit eine Reihe von Autoren, die für die Zeugung einen gleichzeitigen Orgasmus von Mann und Frau für nötig erachteten, da in diesem Augenblick der männliche und der weibliche Samen ausgestoßen würde. Dies behauptete insbesondere der französische Chirurg Ambroise Paré.[2]

Gegen die anhaltende Verteufelung der durch die überflüssige Ejakulation krank machenden Sexualität, welche durch die Onanie-Debatte seit dem 18. Jahrhundert angestoßen worden war, gab es auch sexualfreundlichere Gegenentwürfe. Sie respektierten auch die weibliche Sexualität als menschliches Bedürfnis. Hier wäre der französische Frühsozialist Charles Fourier zu nennen, der für ein kultiviertes und allseits befriedigendes Sexualleben als Menschenrecht plädierte.[3] Seine utopischen Ansichten wurden im 19. Jahrhundert in (zumeist nur kurzlebigen) US-amerikanischen Gemeinschaften zum Teil in die Tat umgesetzt, etwa in der „Experimental Community of New Harmony“, die der Waliser Industrielle und Sozialreformer Robert Owen in Southern Indiana kurzzeitig von 1825 bis 1828 etablierte.[4] Auf den Sonderfall der Oneida Community gehen wir noch ausführlich ein (Kap. 49). Der US-amerikanische Arzt und Freidenker Edward B. Foote setzte sich für die Geburtenkontrolle und eine Sexualreform ein. Er identifizierte den „sexual magnetism“ mit elektrischer Energie, die den Einzelnen auflade und aufbaue.[5] Der Sexualverkehr erschien in dieser Sicht als ein physiologisches Stärkungsmittel, das die Gesundheit fördere: „The nervous system requires sexual magnetism to preserve it in health …the sexes cannot maintain perfect health in isolation.“[6] Allerdings galt dies nur, wenn beim Sexualverkehr ein Energieaustausch stattfand und die Verausgabung nicht einseitig verlief.

Gegenüber der allgemeinen Abwertung der weiblichen Sexualität und der Verneinung des weiblichen Orgasmus fiel eine Schrift des französischen Arztes Jules Guyot völlig aus dem Rahmen: nämlich der «Bréviaire de l’amour expérimental», 1859 verfasst und 1882 posthum veröffentlicht.[7] Guyot ging davon aus, dass alle Männer und Frauen fähig seien, den Orgasmus zu erleben. Dieser sei psychisch und physisch wohltuend, da er Fröhlichkeit und Öffnung fördere. Sexualverkehr ohne orgasmische Befriedigung sah er als gefährlich an, da er zu Erschöpfung und schweren nervösen Leiden führe, insbesondere bei unbefriedigten Frauen. Guyot entdeckte lange vor der „sexuellen Revolution“ im 20. Jahrhundert sozusagen die Sexualität der Frau: ihr erotisches Verlangen, ihre Orgasmusfähigkeit und die Bedeutung der Klitoris für ihre sexuelle Befriedigung.[8]

Doch wollen wir uns nun dem 20. Jahrhundert zuwenden. Welche Auffassungen vom Orgasmus hatten Ärzte, die sich nicht explizit als „Sexualwissenschaftler“ oder „Sexualtherapeuten“ verstanden? Die 1909 publizierte Schrift „Die libidinösen Sexualausflüsse und der Orgasmus“ eines gewissen Dr. Rohleder aus Leipzig ist recht aufschlussreich für das ärztliche Verständnis jener Zeit.[9] Der Autor argumentierte auf der Grundlage der Organmedizin, insbesondere der Anatomie. So wollte er den anatomischen Sitz des Orgasmus bei Mann und Frau genau bestimmten. Er gelangte zu einer bemerkenswerten Fiktion der „Jungfräulichkeit“, die man sogar in Bezug auf erlebte Pollutionen anamnestisch diagnostizieren könne. Er ging davon aus, dass auch Frauen ein der Ejakulation gleichwertigen Sexualausfluss haben, aber nur bei direkter Reizung oder nach sexueller Erfahrung: „Fast jeder keusche Jüngling resp. Mann ist den Pollutionen unterlegen, eine keusche Jungfrau nie! Pollutionen kommen beim weiblichen Geschlecht nur dann vor, wenn früher geschlechtlicher Umgang vorhanden war, der durch irgend welche Momente Unterbrechung gefunden hat, also besonders bei Witwen, Strohwitwen, etc. hieraus folgt: Eine wirklich keusche Jungfrau kann keine Pollutionen haben, klagt sie über solche, so ist sie dringend geschlechtlicher Reizung verdächtig […], der Onanie, ja sie ist wohl sicher Onanistin.“[10] Diese Schilderung der „wirklichen Jungfrau“ folgt im Selbstverständnis des Autors wissenschaftlichen Erkenntnissen, ist aber offensichtlich eine höchst voluntaristische Konstruktion. Eine „wirkliche Virgo“ sei durch „anatomisch-physiologische Deduktionen“ beweisbar, habe keine nächtlichen Pollutionen, da der „ganze Vorgang des Uterusreflexes“ nur durch „hochgradige sexuelle Lokalreizung“ ausgelöst werden könne.[11] „Eine wirkliche Jungfrau kennt aber die durch Coitus resp. Phallus ausgelösten Gefühle nicht im bewußten Zustande“.

Mit dem Kinsey-Report und der sich anbahnenden „sexuellen Revolution“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückte der Orgasmus der Frau verstärkt in den Blickpunkt von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die tradierten Rollenzuweisungen im Sexualleben erzeugten weithin ein Unbehagen, wie es beispielweise der US-amerikanische Psychologe Seymour Fisher in seinem einschlägigen Standardwerk äußerte.[12] Er berichtete über das Orgasmuserleben von Frauen aus seiner Praxis und stellte eine große Vielfalt unterschiedlichen individuellen Erlebens fest. Freilich blieben seine theoretischen Reflexionen jenseits der praktischen Fallgeschichten recht oberflächlich und blass. Sein kritisches Fazit lautete, dass der westliche Kulturkreis gegenüber dem Orgasmus der Frau „Klischeevorstellungen anstelle eines der Wirklichkeit entsprechenden Modells der Weiblichkeit“ geschaffen habe.[13] Die Besorgnis, dass viele Frauen nicht beständig zum Orgasmus gelangen, „resultiert aus Fakten, die belegen, daß unser Kulturbereich antiweiblich strukturiert ist. Das Leben der Frauen wird dadurch ungewöhnlich erschwert.“ Ihm schwebte eine utopische Lösung des Orgasmusproblems vor: „Das sogenannte Orgasmusproblem würde verblassen, wenn Frauen in einem Kulturbereich aufwachsen könnten, in dem sie nicht durch die Drohung möglicher Vereinsamung zum Gehorsam gezwungen sind.“[14]

Ein Schüler von Wilhelm Reich, der US-amerikanische Arzt und Psychotherapeut (Körpertherapeut) Alexander Lowen prägte ab den 1960er Jahren nachhaltig den Begriff des Orgasmus in seiner gegenwärtigen Bedeutung. Mit seinem Buch „Liebe und Orgasmus“ wollte er einen „Weg zu menschlicher Reife und sexueller Erfüllung“ aufweisen.[15] Er wandte sich in leicht verständlicher Sprache an eine breite Öffentlichkeit, wobei er sich auf langjährige ärztliche Erfahrungen stützte. Zugleich wollte Lowen den Lesern eine Lebensberatung anbieten, wie es auf dem Buchdeckel heißt: „Dieses Buch bietet allen, die zu reifer Sexualität gelangen wollen, Hilfe an.“ Im Mittelpunkt des therapeutischen Bemühens stand die „orgastische Impotenz“ bei beiden Geschlechtern.

Lowen betonte, dass nur „die Beteiligung des ganzen Körpers an den unwillkürlichen lustvollen Bewegungen der sexuellen Entladung“ zu einem befriedigenden Orgasmuserlebnis führe. Damit stand für ihn fest, dass dies nur im heterosexuellen Geschlechtsakt möglich sei, da der homosexuelle „sich auf die Genitalien beschränkt“.[16] Mit peinlicher Genauigkeit beschrieb er den idealtypisch verlaufenden heterosexuellen Geschlechtsakt, der im Wesentlichen dem „sexuellen Reaktionstyp“ nach Masters und Johnson entsprach (siehe unten), wobei er psychoanalytische Versatzstücke einstreute, wie: „Wenn der Mann nicht den Drang zur Penetration verspürt, kann das ein Hinweis auf eine Furcht vor der Vagina sein.“[17] Er erwähnte auch die Theorie des Psychoanalytikers Sandór Ferenczi, dass der Geschlechtsakt für den Mann „eine symbolische Rückkehr in den Mutterleib, seine ursprüngliche Heimat“, sei.[18] Entscheidend für den Ganzkörperorgasmus waren die „unwillkürlichen Bewegungen“ des Beckens, die „voll und frei“ ausgeführt werden müssten.[19]

Lowens mechanistisch-biologistische Normierung des idealen (selbstverständlich heterosexuellen) Geschlechtsakts war frappierend. „Das Becken sollte sich mit der Geschmeidigkeit einer gut geölten Türangel bewegen […]. Beim Mann kommt der Bewegungsstoß von den Beinen und ist völlig vom Ich beherrscht. Während der Mann durch seine Beine ‚geerdet’ ist, ist die Frau in der Rückenlage durch den Kontakt zwischen ihren Beinen und dem Körper des Mannes an ihm ‚geerdet’. Dadurch können sich ihre Bewegungen mit den seinen synchronisieren.“ Damit erhob Lowen die klassische „Missionarsstellung“ zur Norm, die eine Hierarchie der Geschlechter definierte: Der Mann schien direkt an der Erde, die Frau direkt am Mann „geerdet“. Somit war klar, wer wen missionierte. Als Gegenstück zur Ejakulation erschien bei der Frau „die Kontraktion der glatten Muskulatur, die die Vagina umgibt.“[20] Das „Endziel“ der Liebe war das Verschwinden des „Selbst“ im Orgasmus, die „Verschmelzung mit dem Liebesobjekt“, was für Wilhelm Reichs Vorstellung spreche, „im Orgasmus finde der Mensch seine Identifikation mit kosmischen Prozessen.“

Die Metaphorik, womit Lowen den Orgasmus veranschaulichte, war bezeichnend und entsprach der Auffassung seines Lehrmeisters. Zum einen benutzte er das bekannte Gleichnis von Ross und Reiter, das wir in anderem Zusammenhang schon vorgestellt haben (Kap. 15):  Auf der Funktionsebene der unwillkürlichen Sexualbewegungen „ist der Reiter Teil des Pferdes. Beim Orgasmus verschwindet das Ich und wird vom Es absorbiert.“[21] Sodann benutzte er die elektrotechnische Metapher der „vollständigen Entladung“, der „Schlussentladung“: „Der volle Orgasmus, wie Reich ihn definiert hat, ist das Ergebnis der unwillkürlichen Kontraktion des Organismus und der vollständigen Entladung der Erregung“. Schließlich verglich er den Geschlechtsakt mit Pfeil und Bogen, die schon in alten Zeiten als „Symbol der Liebe“ verwendet worden seien: „Der Pfeil repräsentiert das männliche Geschlechtsorgan; der Bogen entspricht dem Körper des Menschen [d. h. in diesem Kontext: des Mannes] . […] je stärker der Bogen gespannt wird, desto weiter fliegt der Pfeil“.[22]

Neben dieser Lehre vom sexuellen (genitalen) Orgasmus als einer vollständigen „Entladung“ ist noch eine weitere biologistische Leitidee zu erwähnen. Sie geht auf die Wiener Ärztin und Psychoanalytikerin Helene Deutsch zurück, die in ihrer Schrift „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen“ von 1925 Geschlechtsverkehr und Gebären als zwei Phasen eines einzigen Prozesses ansah: „So wie der erste Akt (im Orgasmus) Elemente des zweiten enthält, ist dementsprechend auch der zweite mit Lustmechanismen des ersten durchtränkt. Ich nehme sogar an, daß der Geburtsakt die Akme (den Gipfelpunkt) der sexuellen Lust darstellt“. Sie sah insofern den Geburtsakt als Analogon zur Ejakulation an. Auch Stillen sei laut Deutsch „ein sexuelles Genießen, in dessen Zentrum die Mamille [Brustwarze] als erogene Zone steht.“[23] Diese Deutung des Geburtsvorgangs als ein orgasmisches Geschehen für die Mutter fand im Zusammenhang mit einer wichtigen Neuerung in der Geburtshilfe der 1970er Jahre von Neuem Beachtung, als der französische Arzt Frederick Leboyer die „sanfte Geburt“, insbesondere die Unterwassergeburt, propagierte.[24] Dessen Schüler Michel Odent gründete 1987 das Primal Health Research Centre in London.[25] Seine jüngste Monografie „Die Natur des Orgasmus“ zeigt die für die heutige Medizin typische Kombination von biologischen, ökologischen und psychologischen Gesichtspunkten.[26] Die „komplexen Interaktionen zwischen verschiedenen Hormonen“, der „Sturzbach der Hormone“ seien von grundlegender Bedeutung, wenn es etwa um die Auslösung des „Fötus-Ejektions-Reflexes“ gehe.[27] Dieser Reflex löse „orgasmische Zustände“ aus, die durch „die kulturelle Reglementierung des Gebärens“ allerdings nur noch außerordentlich selten vorkämen.[28]

Odent zielte darauf ab, Wilhelm Reichs Orgasmustheorie, die nur die genitale Sexualität im Blick hatte, substanziell zu erweitern. Er sah – vor allem in Anlehnung an Helene Deutsch (siehe oben) – im ungehemmten ekstatischen, dem Orgasmus ähnlichen Erleben des Geburtsvorgangs den springenden Punkt: das Gebären als höchste Stufe des Orgasmus. So ist die Metapher der „Geburtsleiter“ und ihrer „obersten Sprossen“ aufschlussreich. „Im Moment der Geburt ist es nicht mehr weit zum höchsten Punkt der Leiter. Der eigentliche Höhepunkt wird erst ein wenig später erreicht, wenn die Mutter, die sich immer noch gleichsam auf einem anderen Planeten befindet, ihr neugeborenes Kind entdeckt. Dies ist ein weiterer Grund, warum die meisten Kulturen bis vor Kurzem dem an die Geburt gekoppelten orgasmisch-ekstatischen Zustand keine Beachtung schenkten.“[29] Die kulturelle Unterdrückung des orgasmischen Gebärens, d. h. die Hemmung eines physiologischen Vorgangs im „Säugetier Frau“ ist für Odent die Quelle des Übels, denn: „Neuere Forschungsdaten und anekdotische Berichte über Geburten, die unter den außerordentlich selten gegebenen Bedingungen der Ungestörtheit und Geborgenheit ablaufen, stützen die Vorstellung, dass das Säugetier Frau darauf programmiert ist, Kinder in einem ekstatisch-orgasmischen Zustand zur Welt zu bringen, und dass die Ausschüttung des ‚scheuen Hormons’ Oxytozin in hohem Maße von Umweltfaktoren abhängig ist.“[30]

Odent unternahm unter der Überschrift „legendäre Orgasmen“ einen recht spekulativen Ausflug in die Mythologie und Religionsgeschichte.[31] Die „wundersamen Empfängnisse und Geburten mythischer Gestalten“ wie die Empfängnis der Aphrodite, Buddhas, Jesu oder des Heilgottes Asklepios und ihre angebliche „orgasmische Geburt“ dienten ihm als Belege für seine Theorie. Er verstehe sie als „Botschaften zur Natur des Menschen […], bis wir genügend Wissen zusammengetragen haben, um ihren Sinn entschlüsseln zu können.“ Seine Entmythologisierung bedeute „wissenschaftliche Erforschung der Liebe“. Diese versucht, der „Natur“ wieder zu ihrem Recht zu verhelfen – mit biologistischen Modellvorstellungen wie dem „Sturzbach der Hormone.“

Selbstverständlich fand die physiologische Wertschätzung des Orgasmus auch in alltäglichen Programmen von Wellness und Fitness ihren Niederschlag. So wurde in einem US-amerikanischen Gesundheitsratgeber der  „Beauty Orgasm“ als eine Körperübung empfohlen, der Furchen im Gesicht glätten und hohle Wangen wieder füllen könne: „During the Plateau Phase to orgams (phase 2) the facial muscles tighten up. This is a natural isometric exercise“.[32] Auch der verlängerte Geschlechtsverkehr, wie er im Orient jahrhundertelang praktiziert worden sei, sei ein Mittel der Gesundheits- und Schönheitskur: „it prolongs the period of isometric exercise for your entire body, and the time of increased blood circulation, which is necessary for the optimum health and maximum beauty of your skin, hair, and nails.“[33] Der Sexualverkehr erscheint hier primär als gezieltes Fitness-Training, als eine besondere Art des body building.


[1] Buch I, 19, 727b bzw. 20, 728a; Reinisch / Kaufman, 1991, S. 254 f. [2] Reinisch / Kaufman, 1991, S. 255. [3] A. a. O., S. 257. [4] A. a. O., S. 258; http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Owen  (10.05.2012). [5] A. a. O., S. 262. [6] Zit. ebd. [7] A. a. O., S. 259; Guyot, 1882. [8] A. a. O., S. 260. [9] Rohleder, 1909. [10] Ebd., S. 6. [11] A. a. O., S. 12. [12] Fisher, 1973. [13] Ebd., S. 205.[14] A. a. O., S. 206. [15] Lowen [1965], 1980. [16] Ebd., S. 247. [17] A. a. O., S. 248. [18] A. a. O., S. 249. [19] A. a. O., S. 250 f.[20] A. a. O., S. 253. [21] A. a. O., S. 255. [22] A. a. O., S. 256. [23] Zit. n. Odent, 2010, S. 10; Deutsch, 1925, S. 66 f. bzw. 89. [24] H. Schott, 1993 [a], S. 554. [25] http://en.wikipedia.org/wiki/Michel_Odent (10.08.2011). [26] Odent, 2010. [27] Ebd.,  S. 20. [28] A. a. O., S. 105. [29] A. a. O., S. 23 f. [30] A. a. O., S. 25. [31] A. a. O., S. 104-106. [32] Baker / Gale, 1977, S. 189. [33] A. a. O., S. 190.

45. Kap./2 * Sulamith, Sophia und die Brautmystik

Das Hohelied Salomos, der Gesang der Gesänge (Canticus canticorum), ist ein vieldeutiger Lehrtext im  Alten Textament, der wegen seiner erotischen Fülle im Laufe der Zeiten bis zum heutigen Tag recht unterschiedliche Interpretationen erfahren hat. So wurde er auch von Giordano Bruno beachtet (Kap. 46). Es handelt sich um Liebeslieder, Wechselgesänge von Braut und Bräutigam, wobei die Braut noch stärker als der Bräutigam zu Wort kommt, nach folgendem Musterbeispiel in der Übersetzung von Martin Buber:

– Da, schön bist du, meine Freundin,
da, schön bist du, deine Augen sind Tauben.

– Da, schön bist du, mein Minner, gar hold,
– Frisch gar ist unser Bett,
das Gebälk unsres Hauses sind Zedern,
unsre Sparren sind Wacholder.[1]

Die sinnliche Erotik ist ein hervorstechendes Merkmal des Hohelieds.[2] Im Allgemeinen wurde sie als symbolische Darstellung der mystischen Liebesvereinigung von Göttlichem und Menschlichem interpretiert: In jüdischer Tradition wurde der Bräutigam mit Gott und die Braut mit dem Volk Israel identifiziert, in christlicher Überlieferung erschien zumeist Christus als Bräutigam und die Kirche, die Einzelseele oder auch Maria als Braut.[3] In einer Reihe von Blockbüchern aus dem 15. Jahrhundert wird der liebevolle Umgang von Bräutigam und Braut in einzelnen Szenen dargestellt, wie beispielsweise in einem Blockbuch aus den Niederlanden um 1465. (Abb. [i]) Auf dem oberen Bild sieht man das königliche Brautpaar auf dem Weg zum fruchtbaren Garten, auf dem unteren erscheint die Braut von einem Flammenkranz umhüllt im Zustand einer Levitation als Ausdruck höchster Liebesvereinigung.

Die christliche „Brautmystik“ wird im Neuen Testament im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen beschrieben. Während die törichten Jungfrauen, die kein Öl mitgenommen hatten, noch unterwegs waren, um solches zu kaufen, „kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen.“ [4] Es sei hier nur angemerkt, dass der umstrittene Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich Christus als eine sexuell befreite Lichtgestalt ansah, der zu unterscheiden wusste „zwischen Frauen, die sich bei der Umarmung ganz hingeben können und jenen, die die Fähigkeit dazu verloren hatten, die in ihren Liebesorganen ausgetrocknet waren und deshalb riefen: ‚ Herr, Herr, tu uns auf!’“[5] Diese einzigartige sexistische Christusdeutung ist im Kontext der „sexuellen Revolution“ im 20. Jahrhundert zu sehen (Kap. 48).

Die spiritualistische „Lehre vom Seelenbräutigam“ hatte im Kulturleben der frühen Neuzeit einen hohen Stellenwert ein.[6] Irdische Hochzeiten dienten in erbaulichen Predigten als Muster der Himmlischen Hochzeit. Hochzeitspredigten legen davon beredtes Zeugnis ab. So predigte Johann Hesselbach, „Pfarrherr zu Köstendorff inn Ertzstifft Saltzburg“, über die Hochzeit von Kanaan als vornehmste aller Hochzeiten. Maria sei „oben angesetzet“ worden, um zu zeigen, dass Christus, obwohl der Herr, seine Mutter gleichwohl geehrt habe, „also wird sie auch jetzund bey dem Himmlischen Hochzeitlichen Frewden-Mahl von allen hochzeitlichen Gästen / von Engeln so wol als von andern respectiert und hochgehalten.“ [7] Christus erscheint als der „himmlische Bräutigam“, der „seiner Braut der triumphirenten Kirchen“ im Himmel ein „Frewdenmahl“ zubereitet habe.[8] Diesem Thema widmete der „Pfarrherr“ eine ganze Pedigt.[9] Die Hochzeit erschien ihm umso glanzvoller, je höher sie angesiedelt war. Die Königshochzeit – paradigmatisch die Hochzeit von König Alexander mit Cleopatra in Ptolemaida – war selbstverständlich gegenüber der Hochzeit normal Sterblicher glanzvoll: „Aber die Himmlische Hochzeit wird mit viel grösserer Herrligkeit [sic] gehalten.“[10] Allerdings vertrat Hesselbach eine klare Position: Der Mann sei der Frau überlegen, deshalb habe diese sich unterzuordnen: „Und sollen auch die weiber ihren Männern underthon seyn / wie dem Herren. Dann der Mann ist deß Weibes Haupt / wie Christus deß [sic] Haupt ist seiner Kirchen.“[11]

Ein weiteres Beispiel aus derselben Zeit lieferte der österreichische Pfarrer Simon Huebmann, der in Tragöß im Lamingtal (nördlich von Graz) wirkte[12] und erbauliche Schriften mit einschlägigen Titel verfasste, so etwa „Geistliche Vermählung der Seelen, mit Christo ihrem Gespons“ (1662) oder „Geistliches Bräut-Bethlein“ (1669).[13] Die Vermählung wird auf dem Frontispiz der erstgenannten Schrift eindringlich vor Augen geführt. (Abb. [ii]) Gottvater schwebt über den Wolken, darunter schwebt Christus mit Kreuz auf der linken und „Filia“ als Abbild der Seele auf der rechten Seite, die im Text als „Tochter und Kind Gottes“ sowie als „Schwester und Braut Christi“ bezeichnet wird.[14] In der Mitte erscheint der Heilige Geist als Taube, darunter kniet eine betende Gestalt auf dem Felsen des Glaubens. Rechts schwingt der Erzengel Michael als Bezwinger Satans das Flammenschwert. Die Spruchtafeln auf der linken Seite zitieren die Bibel (Hosea 2,18) und den Heiligen Augustinus und wurden vom Autor folgendermaßen übersetzt: „Ich will mich dir Ewiglich vermählen“ und „Ein jegliche Seel ist entweder Christi Braut; oder des Teuffels Anhang“. Sicher ging es diesem Pfarrer nicht um Visionen oder mystische Ekstasen. Vielmehr wollte er seine Mitmenschen zu frommem Leben ermahnen und ihnen vor allem das Gebet als Votum Ad Jesum Sponsum animae“ ans Herz legen: „Daß du [Hoch-Adeliche Seel] dich deinem Himmlischen Bräutigamb in der Lieb ein getrewe Braut erhältest / und dich Ihme allzeit wollgefällig darstellest“. Das „Gebett“ am Ende des Buchs richtet sich noch einmal an „JESU / du Liebhaber unnd Eyfferer unserer Seelen“. [15]

Wenige Jahre später veröffentlichte Huebmann die Schrift „Geistliches Bräut-Bethlein“, deren Frontispiz in Anlehnung an das Hohelied Salomos („En Lectulum Salomonis“) in einem mit Rosen bekränzten Herzen das Schmücken das Hochzeitsbetts durch das Brautpaar darstellt. (Abb. [iii]) Darüber sieht man Gottvater und den Heiligen Geist als Taube. das Brautpaar (die Seele und Christus) sehen recht irdisch und menschlich aus und unterstreichen den sinnlichlichen Charakter der „Vermählung“. Ein solches Himmelbett wurde Ende des 18. Jahrhunderts mit den neuesten technischen Innovationen als reale Begattungsstätte von dem umstrittenen schottischen Heiler James Graham konstruiert und als so genanntes celestial bed in Gebrauch genommen (siehe unten). Die Definition Huebmanns war gemäß der Überschrift des ersten Kapitels eindeutig: „Das Bräut-Bethlein ist die völlige Vereinigung der Seelen mit JESu dem Geliebten: Diese gibt dem Geliebten und der Geliebten die liebliche Ruhe.“[16] Die in heutigen Ohren schwülstig klingende Metaphorik vom „Braut-Bettlein“ in der „Schlaff-Kammer unsers Hertzens“ beschwor immer wieder, das Jesus ein solches haben wolle, „daß die Seel alß die geliebte Braut in selbiger [sic] zugleich mit ihme die liebliche Ruhe nehme“.[17] Es gehe um eine „kleines Bethlein“ (Lectulus) und nicht um ein „grosses Beth“ (Lectus), da Jesus „mit seiner Kleinheit unserer Seelen Bräutigamb worden ist“, uns als Kind geboren wurde.[18]

Ein weiteres Beispiel dieser „Brautmystik“ im Hochbarock präsentiert die „kabbalistische Lehrtafel“ der Prinzession Antonia von Württemberg, die von dem Stuttgarter Hofmaler Johann Friedrich Gruber zwischen 1659 und 1662 gemalt und 1673 eingeweiht wurde. [19] Sie ist bis heute in der Dreifaltigkeitskirche von Bad Teinach zu besichtigen und unterstreicht die Brautmystik eindrucksvoll mit einem dreistrophigen Begleittext. Die Tafel stellt ein aufklappbares Triptychon dar, dessen Frontbild (im zugeklappten Zustand) den Hochzeitszug von Frauen zeigt, der von der Erde bis zum Himmel reicht.(Abb. [iv]) Über den Wolken erscheint Jesus und setzt der den Zug anführenden Braut eine goldene Krone aufs Haupt. „Musizierende Engel und der Text auf einem Spruchband identifizieren das Geschehen eindeutig als chymische Hochzeit mit Jesus als Bräutigam, der gläubigen Seele als Braut und der Gemeinschaft der Frommen als Zuschauer und Nachahmer.“[20] Die Braut ist erkennbar die Prinzessin selbst! Auf den Spruchbändern sind drei Strophen des Sindelfinger Pfarrers Johann Laurentius Schmidlin zu lesen: 

Christus:
Auf, Seele, vermähle dich ewig mit mir,
nimm, Schöne, die Krone, die himmlische Zier.
Tod, Teufel und Höllenmacht hab‘ ich bezwungen,
unendliche Freuden durch Leiden errungen.

Braut:
Nur wertester JESU, du warest mein‘ Lust,
auch außer dir war mir kein Freud‘ bewußt.
Ich liebte dich herzlich im Glauben ohn‘ Sehen:
für Hoffen steht offen, in Himmel zu gehen.

Engel:
Willkommen, ihr Frommen, kommt alle zugleich,
zu leben und schweben, im seligen Reich,
Helf‘ preisen DEN DREIMAL HOCHHEILIGEN NAMEN,
DAS A UND DAS O, singt HALLELUJA mit AMEN!“[21]

 

Die Szene ist im Hinblick auf das Motiv der „Heiligen Hochzeit“ typischerweise vieldeutig: Die Braut kann die Seele, die Kirche, Maria oder − im Sinne des Hoheliedes (canticus canticorum) − Sulamith bedeuten, wie ja überhaupt die drei oben wiedergegebenen Strophen an den erotischen Wechselgesang des canticus canticorum erinnern (Kap. 45). Solche Assoziationen waren den so genannten Nazarenern um 1800 noch geläufig, wie das 1811 entstandene Gemälde des romantischen Malers Franz Pforr „Maria und Sulamith“ erkennen lässt, auf dem beide Frauen in verschiedenen Zimmern auf demselben Stockwerk nebeneinander erscheinen.[22]

Anmerkung vom 4.05.2016

Näheres zu Pforrs Gemälde auf meinem Supplementary Blog, wo es auch direkt reproduziert wird.

Auf die christliche Brautmystik sind wir bereits andernorts eingegangen, etwa auf die von der englischen Mystikerin Jane Leade geschilderte unio mystica mit Sophia (Kap. 29). Jakob Böhme, dessen Werk die von ihr mitgegründete theosophische „Philadelphia Society“ wesentlich beeinflusste,[23] begriff Sophia als Heilige Jungfrau, „darum daß sie ist Zucht und Reinigkeit GOttes, und keine Begierde hinter sich zum Feuer führet, sondern ihre Lust gehet vor sich mit der Offenbarung der Gottheit“.[24] Böhme ging ausführlich auf die Ehe der „Feuer-Seele“ mit Sophia ein, die er mit der Feuer- und Lichtsymbolik eindrücklich veranschaulichte: „Die Feuer-Seele muß im Feuer GOttes bestehen und also lauter seyn als das reine Gold, denn sie ist der Mann der Edlen Sophiae, aus des Weibes Samen, sie ist des Feuers Tinctur, und Sophia des Lichts Tinctur: So die Tinctur des Feuers gantz rein ist, so wird ihr Sophia in sie eingegeben, so bekommt Adam seine alleredelste Braut, die ihm in seinem ersten Schlaf genommen ward, wieder in seine Arme“.[25] Sophia verharre aber nicht ständig bei der Seele, „sondern wenn sie besucht also ihren Bräutigam zu zeiten einmal, wann er ihr auch begehret“.[26] Böhme beschrieb eine interessante Willensübung, eine bewusste Lenkung der Imagination − weg von irdischen Frauen hin zur himmlischen Jungfrau. Man solle nicht mehr in die irdische Sucht Adams imaginieren, vielmehr komme es darauf an, „daß wir nun unsern begehrenden Wille wieder in die himmlische Jungfrau setzen, und unsere Lust darein führen: so geht unsere Bildniß aus der irdischen Frauen aus und empfähet jungfräuliche Essentz und Eigenschaft, darinn GOtt wohnet, da der Seelen Bildniß mag wieder das Angesicht GOttes erreichen.“[27] Das gender-Verhältnis in der Begegnung von Seele als Bräutigam und Sophia als Braut kann sich auch umkehren, insofern Christus mit Sophia verschmilzt und nun als Bräutigam der Seelenbraut erscheint. Denn Sophia stehe „mit ihrem Gemahl Christo in der Ehe, da Christus und Jungfau Sophia nur Eine Person sind, als die wahre männliche Jungfrau Gottes, welche Adam vor seiner Heva [sic] war, da war er Mann und Weib, und doch er keines war, sondern eine Jungfrau GOttes“.[28] Diese Brautmystik war zwar höchst komplex, aber durchaus sinnlich, ging es doch im Kern um „Liebes-Lust“. Allerdings werde diese nur den Eingeweihten spürbar, „so bey und in der Hochzeit des Lammes gewesen“, nämlich „wie gar schöne die Braut ihren Bräutigam in seiner hellen klaren Feuers-Eigenschaft annehme, wie sie ihm ihren Liebes-Kuß gebe.“[29]

Der französische Religionswissenschaftler Antoine Faivre hat diese sinnliche Beziehung zu Sophia in der christlichen Theosophie untersucht.[30] Er stellte zwei verschiedene Sichtweisen heraus: In der ersten erscheine Sophia lediglich als Personifikation von Christus oder dem Heiligen Geist, in der zweiten sei sie aber eine „reale Person“, die als vierte Person die Trinität zur Quaternität ergänze. Der deutsche Arzt und Alchemist Heinrich Khunrath, der sich auch mit dem Hohelied Salomos auseinandersetzte, nahm Sophia als reale Person wahr, ohne in einen sinnlichen Kontakt mit ihr zu gelangen.[31] Ein anderes Verhältnis zu ihr hatte Jakob Böhme, wie wir soeben gesehen haben. Der Lutheraner Johann Georg Gichtel wäre als Promotor der Theosophie besonders zu erwähnen. Er gab 1682 „Alle Theosophischen Schrifften“ von Jakob Böhme heraus, seine Briefe wurden erstmals 1701 ediert und in späteren Auflagen unter dem markanten Titel „Theosophia practica“ bekannt. Für Gichtel war Sophia fundamentaler als Maria, da sie sich selbst in deren jungfäuliche Tinktur eröffnet habe.[32] Sie habe sich mit der Menschheit, die sie nach dem Sündenfall verloren habe, von neuem vermählt und sei zum spirituellen Körper eines wiedergeborenen Christen geworden. Was eine Frau für einen Mann bedeute, bedeute sie für unsere Seelen. Wir Menschen sollten nur unser „Imagination“ auf sie lenken, ihr uns ganz anvertrauen, dann würde sie uns in ihre Arme nehmen und küssen: „setzet im Gebät eure Imagination in Sie, als in eure Haus-Frau, und ergebt euch in ihr Liebe-Regiment mit Leib, Seele und Geist“.[33]

Die Vereinigung beschrieb Gichtel ähnlich wie Böhme als ein blitzartig aufleuchtendes Ereignis, das in einer „Art von orgasmischer Freude“ (kind of orgasmic pleasure), wie Faivre meinte, ende.[34] Diese Liebesbeziehung erschien Gichtel als magisch-magnetischer Prozess: „es hat sich der Bräutiogam in der Seelen offenbaret, und ist so feurig in uns verliebet, dass ich’s mit Worten nicht aussprechen kan, und ziehet uns durch seinen Magneten so stark, dass wir ihm gern entgegen laufen wollen“.[35] Solche Schilderungen entsprachen offenbar persönlichen Errfahrungen. So sei ihm, wie berichtet wird, an Weihnachten 1673 Sophia in Gestalt einer Jungfrau erschienen.[36] Sie habe das Feuer seiner Seele umarmt und ihn „geheiratet“. Keine Frau könne ihren Mann so liebevoll behandeln wie Sophia dies mit Gichtels Seele getan habe. Es sei nicht angebracht, näheres mitzuteilen, was sich im Hochzeitsbett abgespielt habe. Von da an habe sich Sophia nie mehr von Gichtel getrennt. Die sinnliche Erotik dieses Zusammengehens ist beeindruckend. Wer demütig von Herzen sei, „den umarmet und küsset sie, und führet ihn in ihre Braut-Kammer zur Schaulichkeit“.[37] Die himmlische Jungfrau sei „weit inbrünstiger in unser Seelen-Feuer verliebt […], als eine verliebte Braut in ihren Bräutigam“.[38]

Freilich konnten die Geschlechterrollen auch vertauscht werden, was in der theosophischen Literatur häufiger der Fall ist. Sophia konnte den Menschen (Mann) schwängern, so dass er „die grossen Gebuhrts-Schmerzen fühlet“.[39] Sie spielte hier also die Rolle des zeugenden Vaters und der Mann die der gebärenden Mutter. Sie konnte aber auch die Rolle der Mutter übernehmen, wie Gichtel anmerkte: „[Sophia] gibt uns erst von ihrer lieben Mutter-Milch zu trinken, und machet unsere Seele feurig und inbrünstig“.[40] Diese keusche Liebe zu Sophia war verbunden mit einem tiefen Einblick in Himmel und Hölle und dem Wissen um verborgene Geheimnisse, wie es in der „Weisheit Salomos“, einer apokryphen Schrift des Alten Textaments, geschildert wurde.[41] Die Gichtelianer oder „Engelsbrüder“ bildeten 1710 in den Niederlanden eine Sekte, die einen mit ekstatischen Gruppenerlebnissen einhergehenden Sophia-Kult entwickelte. Für Gichtel war Sophia so etwas wie eine Geistführerin, die ihn einmal sogar mit einem Haus „versorgete“.[42]

Die mehr oder weniger sinnliche Begegnung mit Sophia war auch Gegenstand anderer theosophischer Autoren. So veröffentlichte der pietistische Theologe Gottfried Arnold 1700 die Abhandlung „Das Geheimnis der Göttlichen Sophia“, die auch eine Anthologie zu dieser Thematik umfasste. Die Küsse der Sophia seien so süß, dass sie uns alle anderen menschlichen Liebesbeziehungen vergessen machten. Sie sei sowohl „eine jungfrau als ein bräutigam oder auch […] eine mutter“.[43] Bezug nehmend auf das „1. Kapitel des Hohen-lieds Salomonis“ ruft Sophia aus: „ ich will mich übergeben / Zu deinem kuss der gantz jungfräulich ist und rein, / Edler bräutigam wie ist mir / doch so wol in deiner ehe! / Küsse mich doch für und für / Dass der ehe frucht auffgehe: / Wenn sich stärck und sänfftigkeit / Menget nach besiegtem streit“.


[1]http://kabbala-info.net/deutsch/songofsongs.htm (14.03.2012). [2] Walsh, 2000. [3]http://de.wikipedia.org/wiki/Hoheslied#Christentum (14.03.2012) [4] Matthäus 25, 1-13; http://de.wikipedia.org /wiki/Gleichnis_von_den_klugen_und_t%C3%B6richten_Jungfrauen#Text (10.05.2011) [5] Reich, 1978, S. 277. [6] A. u. W. Leibbrand, 1972, 1. Bd., S. 111-127. [7] Hesselbach, 1663, S. 300. [8] A. a. O., S. 408. [9] A. a. O., S. 408-427. [10] Ebd., S. 426. [11] A.a. O., S. 72. [12] http://lamingtal.graz-seckau.at/pfarre-tragoess/pfarrgeschichte?d=die-pfarrkirche-in-tragoess (3.04.2012) [13] Huebmann, 1662; 1669. [14] Huebmann, 1662: Dedicatio [4].  [15] A. a. O., S. 287 f. [16] Ebd., S. 10-23. [17] Ebd., S. 11. [18] A. a. O., S. 19. [19] http://de.wikipedia.org/wiki/Kabbalistische_Lehrtafel (14.05.2012) [20] Schauer, 2006. [21] http://pamela2051.tripod.com/ (14.05.2012) [22] http://de.wikipedia.org/wiki/Sulamith (22.07.2012) [23] http://www.users.globalnet.co.uk/~emcd/AlphaRoots_Boehme_Leade.htm (3.04.2012) [24] J. Böhme [1730], 1960, Bd. 5, S. 115. [25] A. a. O., Bd. 11, S. 339. [26] A. a. O., Bd. 2, S. 150. [27] A. a. O., Bd. 4, S. 91. [28] A. a. O., Bd. 8, S. 525. [29] A. a. O., Bd. 7, S. 191. [30] Faivre, 2008. [31] Ebd., S. 282. [32] A. a. O., S. 284. [33] Zit. a. a. O., S. 285 u. 300. [34] Ebd., S. 285. [35] Zit. a. a. O., S. 299. [36] A. a. O., S. 286. [37] Zit. a. a. O., S. 287 [25. August 1699]. [38] Zit. ebd. [39] Zit. a. a. O., S. 288 [17. Mai 1701]. [40]Zit. ebd. [41] A. a. O., S. 289. [42] A. a. O., S. 290. [43] Zit a. a. O., S. 291.

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[i] B. Wagner, 2012, S. 64; http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00038199/image_8 (14.03.2012); → Abb. Canticus canticorum ca. 1465  [ii] Huebmann, 1662: Frontispizhttp://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10263671_00009.html (21.07.2012),; → Abb. Huebmann 1662  [iii] Huebmann, 1669: Frontispiz; http://www.gbv.de/vd/vd17/23:674012G (21.07.2012); → Abb. Huebmann 1669 [iv]http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b8/DH-Brautzug_Sulamith.jpg (22.07.2012); → Abb. Lehrtafel der Prinzession Antonia Frontbild

12. Kap./4 * Idol der „deutschen Mutter“

Nirgends lassen sich die religiösen Implikationen des Nationalsozialismus besser studieren, als an seinem Kult um die „deutsche Mutter“ als Bestandteil einer Art „NS-Religion“, wie die Soziologin und Frauenforscherin Irmgard Weyrather in ihrer Studie „Muttertag und Mutterkreuz“ dargelegt hat.[1] Doch die kultur- und wissenschaftshistorischen Wurzeln dieser Religion, ihre mentale Schubkraft bleiben bei dieser Studie im Dunkeln, da der Blick der Autorin aufs 20. Jahrhundert fixiert ist und somit die kulturell verankerten Personifikationen der Gottesmutter (Maria) und der „Mutter Natur“ (Natura) außer Betracht bleiben. Den ideologischen Rahmen dieses Kults bildeten vor allem Eugenik und Antisemitismus. Die Mutterschaft wurde als heilige Handlung begriffen und stellte ein Kernstück des Religionsersatzes im Nationalsozialismus dar: „Die Mütterehrungsfeiern waren Teil der nationalsozialistischen Religionsimitation, die Mutterschaft, d. h. das Gebären von ‚arischen’ und ‚erbgesunden’ Kindern wurde als eine Art heilige oder göttliche Handlung verstanden. […] Mutterschaft war keine private oder persönliche Angelegenheit mehr, sondern Staatsaufgabe und religiöse Handlung zugleich.“[2] Die Rollenteilung der Geschlechter im Nationalsozialismus zwischen Mutterkult und Totenkult bildete nach Weyrather keinen Widerspruch, sondern ergänzte sich perfekt: Die Männer bzw. Söhne sollten in den Krieg ziehen und sich für das „Mutterland“ aufopfern, entsandt von den Frauen als „Quell allen Lebens“, „Retterinnen des deutschen Volks“.[3] So sollten die Männer militärisch und die Frauen biologisch – durch Gebären von „erbgesunden“, „arischen“ Kindern – die Weltherrschaft erringen.

Die Kunstproduktion im „Dritten Reich“ bietet interessante Beispiele für die religiöse Imprägnierung von NS-Ideologie und NS-Kult. Ein besonderes Bildmotiv war „Mutter und Kind“, das sich ikonographisch an die Madonna mit Jesuskind anlehnte. Dies sei an einigen  Beispielen aufgezeigt. Das Plakat zur Untersützung des nationalsozialstischen Hilfswerks „Mutter und Kind“ von Joachim Schich unterstreicht durch den sonnenartigen Heiligenschein der (deutschen) Mutter den religiösen Subtext. (Abb. [i]) Etwas anders ist das Gemälde „Mutter und Kind“ des Malers Karl Diebitsch angelegt, der den Reichsführer-SS Heinrich Himmler in „künstlerischen Fragen“ beriet.[4] (Abb. [ii]) Es existiert in verschiedenen Ausführungen und zeigt die Mutter weniger in der Rolle der Heiligen (Madonna) als vielmehr in der Rolle der idealisierten Nährmutter (Alma mater, Natura), die mitten in der Natur sitzt, umrahmt von Ähren. Die Mutterschaft unter Ähren lasse mehr an „Mutter Erde“ als an ein realistisches Bild einer Bäuerin denken, heißt es in einem Ausstellungskatalog. [5] Das Gemälde „Sonniges Lebens“ oder „Muttertum“ von Richard Heymann erinnert unwillkürlich an das ikonographische Motiv „Maria mit Jesus und Johannes“. (Abb. [iii]) Auch das Gemälde „Kämpfendes Volk“ des westfälischen Bauernmalers Hans Schmitz-Wiedenbrück impliziert religiöse Inhalte und macht Anleihen „aus dem Bereich gegenreformatorisch-jesuitischer Illusionsmalerei“: Das ergriffene „Volk“ ist um „eine Mutter, die genau dem traditionellen Typus der Madonna entspricht, gruppiert.“ (Abb. [iv])

Der nationalsozialistische Mutterkult und die entsprechende magisch-religiöse Überhöhung der „Natur“ der Frau verleiten heute manche Interpreten dazu, die Ausgrenzungen der Frau aus dem öffentlichen Raum, insbesondere aus der Arbeitswelt, schlicht dem „Faschismus“ oder „Nationalsozialismus“ zuzuordnen, ohne die nachhaltig wirksamen historischen Traditionen zu berücksichtigen.[6] Insbesondere psychoanalytische Theoreme werden bemüht, um das psychologische Triebschicksal des Nationalsozialismus als einer Ersatzreligion zu erklären. So wird etwa die Narzissmustheorie herangezogen, um die „deutsche“ Religion des infantilen deutschen Volksgenossen zu erklären, der wie ein Säugling mit der als „Germania“ erscheinenden Mutter Natur verschmolzen erscheint. Der Rassismus imponiert dabei als eine „Alltagsreligion der Reinheit“.[7]

Ethnische Auseinandersetzungen und daraus entspringende Kriege können als Folgen eines Reinheitswahns verstanden werden, der in bestimmten Regionen Nordafrikas als „Integrismus“ bezeichnet wird, wie dies der französsiche Publizist Bernard-Henri Lévy speziell für Algien herausgestellt hat.[8] Aber auch die Reinheitsbesessenheit der Nazis kann als Integrismus verstanden werden. Sie bediente sich vor allem dreier Metaphern, womit die  die Juden als größte Krankheitsgefahr dargestellt wurden: (1) die Bazillen, (2) die damit verursachte Infektion und (3) die Entstehung einer Epidemie, der Ausbruch einer „Pest“.[9] Die Natur sei für die Integristen, so Lévy, schlechthin der Ort der Reinheit, weswegen sie auch auf die Rückkehr zu dieser Natur abzielten. So komme es zu zwei widersprüchlichen Bewegungen: „Rückkehr nach hinten und Rückkehr nach vorn. Ablehnung und Akzeptanz der Geschichte. […] Deshalb wird übrigens der Integrismus niemals aufhören zwischen beiden Berufungen zu balancieren: dem äußersten Archaismus und dem zügellosesten Fortschrittsglauben; die Ablehnung der Moderne und ihre enthusiastische Akzeptanz.“ [10] Die Frage, wie die das Böse erzeugende Unreinheit in die Welt gekommen ist, könne auf dreierlei Weise beantwortet werden: Erstens durch zwei gegensätzliche Gottheiten wie im Manichäismus, von denen die eine die Reinheit, das Gute, und die andere die Unreinheit, das Böse, hervorgebracht habe[11]; zweitens durch eine Theorie der Abweichung, wonach zufällig das Programm ab einem bestimmten Zeitpunkt schief gelaufen ist[12]; und drittens durch eine Verdorbenheit, bei der ein heimtückischer Bazillus schreckliche Verheerungen angerichtet habe.[13] Eine solche Gemeinschaft im Kriegszustand träume nur von Einheit als ihrem letzten Paradies.[14]

Der nationalsozialistische Mutterkult erhielt wesentliche Impulse von der Lebensreformbewegung mit ihrem zentralen Anliegen: der naturgemäßen Lebensführung. So erlebte die naturheilkundliche Diätetik eine Renaissance. Insbesondere der Vegetarismus ist hier zu nennen, der freilich weit mehr bedeutete als „fleischfreie Ernährung“.[15] Ursprünglich im Protestantismus verankert, tendierte er zu monistischen und biologistischen Lehren, die dem Darwinismus und Rassismus verpflichtet waren.[16] Somit ist die Einmündung des Vegetarismus in die Blut- und Bodenlehre, die schließlich im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fand, nicht verwunderlich. Die schwülstige Natur- und Fruchtbarkeitslyrik bringt die Blut- und Bodenideologie recht eindrucksvoll zum Ausdruck. So dichtete der 1907 verstorbene nationalistische Schriftsteller Julius Langbehn unter dem Titel „Hochzeitsnacht“:

Des Werdens Strom ergießt der Mann

In seines Weibes Schooß;

Und neues Leben ringt sich dann

Aus ihrem Leibe los.[17]

Allgemein wurde lange die These vertreten, der Nationalsozialismus habe die sexuelle Freizügigkeit insbesondere der Frau unterdrückt. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass dies nur auf die von den Nazis ausgegrenzten und verfemten Gruppen zutraf, wie die Zürcher Kunstwissenschaftlerin Elke Frietsch formulierte: „die sexuellen Unterdrückungsmaßnahmen des Regimes richteten sich überwiegend gegen Nicht-Arier und Homosexuelle […]. Die Kunst propagierte sexuelle Freizügigkeit, die die Menschen zur Reproduktion animieren sollte“.[18] Vor allem setzte sie sich mit den Bildern des Weiblichen in der Kunst des Nationalsozialismus auseinander, die zum „Inbegriff ‚ewiger Werte’ avancierten.“[19] Das Bild des „neuen Menschen“ sollte als „Bild der Überwindung des ‚Kulturverfalls’“ erscheinen.[20] Hierbei übernahmen weibliche Allegorien die Funktion, universale Werte abzubilden: „Das Weibliche wird so zum Bild nichtpartikularer Männlichkeit.“[21] Insofern griff diese Kunst relativ ungebrochen auf die traditionelle Personifikation der Natura als Frau zurück.

Vor diesem erotisch gefärbten Hintergrund geht wohl die bis heute populäre psychosomatische „Faschismus“-Theorie von Wilhelm Reich in die Irre, die den antrainierten „Körperpanzer“ der Volksgenossen für die Entladung der unterdrückten Sexualität in Krieg und Massenmord verantwortlich machte. Dagegen formulierte die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog: „Das Ziel der Nazis war es nicht, Sexualität zu unterdrücken, sondern sie als Privileg nichtbehinderter, heterosexueller Arier zu etablieren“.[22] So wurde 1934 in einer internen Anweisung an alle BDM-Führerinnen empfohlen, die betreffenden Mädchen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr zu ermuntern. Das daraus resultierende Problem der illegalen Abtreibungen sollte durch die „Lebensborn“-Heime gelöst werden, die aus heutiger Sicht weniger als arische Zuchtfabriken, als vielmehr Einrichtungen zu sehen sind, in denen unverheiratete deutsche Frauen heimlich ihre Kinder zur Welt bringen konnten.[23] Auf die von Dagmar Herzog in Frage gestellte These, wonach der massenhafte Ausbruch repressiver Gewalt im Faschismus auf die unterdrückte Sexualität zurückzuführen sei und nur eine sexuelle Revolution davon befreien könne, ist gegen Ende meiner Studie noch einmal zurückzukommen (Kap. 48).


[1] Weyrather, 1993, S. 218. [2] A. a. O., S. 7. [3] A. a. O., S. 218. [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Diebitsch (18.06.2012) [5] Kunst im 3. Reich, 1974, S. 188. [6] Streeruwitz, 2008. [7] Rätz, 1999, S. 31 bzw. 34f. [8] Lévy, 1995, S. 64. [9] A. a. O., S. 80. [10] A. a. O., S. 95. [11] A. a. O., S. 97. [12] A. a. O., S. 98. [13] A. a. O., S. 99. [14] A. a. O., S. 101. [15] Barlösius, 1996. [16] Ebd., S. 216.[17] Langbehn 1891 [unpaginiert]. [18] Zit n. Hager / Hofer, 2008, S. 99. [19] E. Frietsch, 2006, S. 289. [20] A. a. O., s. 290. [21] A. a. O., S. 174.  [22] Zit. a. a. O., S. 100. [23] A. a. O., S. 102.


[i] Schott, 1993 [a], S. 452; → Abb. Mutter und Kind von Joachim Schich [ii] Kunst im 3. Reich, 1974: Bild Nr. 219; → Abb. Mutter und Kind von Karl Diebitsch [iii] Kunst im 3. Reich, 1974: Bild Nr. 218; → Abb. Heymann 1939 [iv] Kunst im 3. Reich, 1974, S. 140: Bild Nr. 140; → Abb. Schmitz-Wiedenbrück Kämpfendes Volk