# Epilog: „ … wo ächte Götterbilder stehn sollten“ [+ Audio]

Dieser Beitrag auch als Video bzw. Audio am Todestag meiner Mutter aufgenommen

Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,

Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer

Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,

Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,

Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.

Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel

Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde

Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,

Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.

[…]

Ohne dich dringt kein sterblich Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,

Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:

Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,

Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.

Lukrez: De rerum natura (55 v. Chr.)[1]

Sonderbar, daß das Innre der Menschen nur so dürftig betrachtet und so geistlos behandelt worden ist. Die sogenannte Psychologie gehört auch zu den Larven, welche die Stellen im Heiligthum eingenommen haben, wo ächte Götterbilder stehn sollten.

Novalis: Fragmente vermischten Inhalts (1799/1800)[2]

Die Magie bietet der Geschichtswissenschaft ein weitläufiges Arbeitsfeld. Die Übergänge zu Grenzgebieten wie Belletristik, Esoterik und Parapsychologie, um nur einige anzudeuten, sind fließend. Historische Romane, die sich mit Motiven der Magie befassen, verdanken ihre Attraktivität der unausrottbaren Sehnsucht nach dem Wunderbaren und der Aussicht, dieses durch eine gezielte Übung oder bestimmte Einstellung in Erfahrung bringen zu können. Der Begriff der Magie löst heute recht unterschiedliche Assoziationen aus, als da sind: harmloser Varieté-Zauber, wie er anlässlich von Kindergeburtstagen oder zum Abschluss von wissenschaftlichen Kongressen beliebt ist; gefährlicher Teufelskult, wie er in satanistischen Sekten gepflegt wird; gelehrte Anstrengungen im Bunde mit dem Bösen à la „Faust“, um die Naturkräfte dem Menschen dienstbar zu machen; parapsychologische oder paramedizinische Methoden, um außersinnliche Wahrnehmungen und telepathische Fernwirkungen zu erforschen bzw. therapeutisch anzuwenden. In jedem Fall stellt „Magie“ eine Gegenwelt dar, welche unseren Alltag übersteigt und vielfach als dessen „Jenseits“ erscheint. Heutige Zauberkünstler gaukeln wie viele ihrer Kollegen in früheren Zeiten diese Gegenwelt zur Belustigung des Publikums vor: Magie erscheint dann als technischer Trick. Satanskulte feiern ihre abartigen Rituale in passendem Ambiente mit exquisitem outfit: Magie als schwarz gefärbte performance, bei dem Spaß und Ernst nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Die schöngeistige Beschäftigung mit den Phänomenen der Magie in unterschiedlicher Ausprägung historisiert diese und rückt sie in eine ästhetisch annehmbare und ansprechende Distanz: Magie als kulturelles Erbe, das tiefe Erinnerungsspuren in unserem kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat. Und schließlich befassen sich manche Wissenschaftler mit Grenzgebieten der Medizin und Psychologie, um magisch anmutende Phänomene wie etwa Telepathie oder Geistheilung wissenschaftlich aufzuklären: Magie als zu entzauberndes Objekt der Wissenschaft. Bleibt noch jene Gruppe von heutigen Magiern zu erwähnen, die als Heiler oder Hellseher auftreten und von wissenschaftlicher Seite zumeist als Scharlatane oder Betrüger aufgefasst werden: Magie als professionelles Betätigungsfeld, als Dienstleistung auf dem esoterischen Gesundheitsmarkt.

Ich kann mich selbstverständlich mit keiner der genannten Auffassungen identifizieren. Der Grund hierfür ist nicht, dass ich noch eine weitere Definition oder Auffassung von Magie anzubieten habe. Vielmehr stört mich die jeweilige Reduktion des Magie-Begriffs auf eine bestimmte Sichtweise, die andere ignoriert oder gar ausschließt. Ich vermute, dass nur die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Interpretationen zu neuen („wissenschaftlichen“) Erkenntnissen führen kann. So plädiere ich für eine synchrone Achtsamkeit. Magisches spielte sich in der Vergangenheit ab – und ist zugleich auch in der Gegenwart anzutreffen. Zauberkunst ist Tricktechnik – und doch gibt es charismatische Menschen, die ohne in die Trickkiste zu greifen magisch Anmutendes zuwege bringen. Ist die heutige Geringschätzung der Magie als Hybris einer Welt anzusehen, die von ihrem eigenen wissenschaftlich-technischen Fortschritt so fasziniert, ja verhext ist, dass das Weiterdenken der in ihr lebenden Menschen blockiert wird? Und was heißt Weiterdenken, wenn nicht: in die Weite denken?


[1] Übersetzung von Hermann Diels (1924); http://www.textlog.de/lukrez-preis-venus.html (8.04.2011). [2] Novalis, 1805, S. 180.

29. Kap./4 * Magia naturalis und Zauberkunst

Der neapolitansiche Arzt und Gelehrte Giambattista Della Porta veröffentlichte 1558 die „Magia naturalis“. Das Werk erschien in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen, darunter auch ins Französische und Deutsche.[1] Er definierte gleich zu Beginn die Kunst als „der Naturen Dienerin“, die für sie „fleissige dienst“ leiste („ars autem illius ministra, ac naturae sedulo famulatur“) und verwies dabei auf Plotin, der den magus einen „naturendiener und nit Meister nennet.“[2] Menschliche Kunst und natürliche Magie wurden einerseits als analoge Tätigkeiten gedacht, andererseits aber in eine fundamentale Hierarchie eingeordnet: Der Künstler war nur als Diener der Meisterin Natur denkbar. Della Porta berichtete über merkwürdige Zauberkräfte und Erscheinungen, die der Naturkundige durch bestimmte Techniken und Instrumente den Dingen entlocken könne, wie etwa, dass „Leyrn vnd Cythern vnd andere Instrument vom Wind erklingen“.[3] Er gab in diesem Zusammenhang die Konstruktion jener Wind­- oder Äolsharfe an, die später in der Romantik mit der Magie der Natur in Vebindung gebracht werden sollte und deren Töne, so Justinus Kerner in seiner Autobiographie von 1849, „vor allem den tiefen Schmerz, der in der Natur liegt, ausdrücken.“[4] Im Hinblick auf sein eigenes Spiel auf der Maultrommel schrieb Kerner dann: „So konnte ich, wie die Natur in die Saiten der Äolsharfe, in die Zunge dieses Instrumentes all die Trauer meines Herzens legen.“

Aus der Schatzkammer der Zauberkünste, die Della Porta darbot, sei hier beispielhaft eine bestimmte Technik des Liebeszaubers erwähnt, die der magischen Übertragung von Krankheiten (transplantatio morborum) entsprach. Man solle zwei junge läufige Hunde (männlich und weiblich) so zusammenbinden, „das sie nicht auff einandere steigen mögen“, und füttere sie so, “damit sie von uberflüssigen Samen geyl vnd begirig gegen einander werden”. Wenn die „Geburts Glieder“ der Hündin aufgeblasen und größer würden, bringe man sie um, verzehre „die Gliedmaaß / in welchem solch Begierd fürnemblichen regiret: Wenn solches Fleisch ein Person genossen / so wird dieselb mit Bulerbrunst so hefftig besessen / das sie schreyet / kollert / sich aberwitzig säufft / sich nicht regiren kann / und in unsinniger Venus Brunst der Leib schweinendt wird.“[5] Della Porta griff auf die seinerzeit geläufige Lehre von der Faszination (fascinatio) durch die Augenstrahlen zurück, um die Affektion der Liebe zu erklären, die in der Tat als eine Infektion zu denken war. Weite und glänzende Augen von Sanguinischen oder Cholerischen seien von Nutzen, und es sei wichtig, dass diese Menschen keusch lebten und nicht vom häufigen Beischlaf „der Safft verzeret sey“: „Denn es [daß eine Liebe „geschöpffet“ wird] geschiehet durch deß fascinierenden intention, oder eingebildeten Vorsatz , welche durch die Spiritus oder Vapores gehet auff das malficium oder Bulenwerck / vnd die Person die dieser Geist angehet / wird jm gleich“.[6]

Die Liebe wurde hier – wie zuvor schon von Ficiono – in einer pathologischen Perspektive gesehen: Sie war Zauberwerk, zugleich aber als natürliche Magie zu begreifen, insofern sie auf die spiritus und vapores zurückgeführt wurde, die als „Ausdünstungen“ oder „Ausflüsse“ (effluvia) übertragbar waren (Kap. 32). Cupido, Amor oder Eros erschienen als Quellen der Infektion und wurden vielfach als Bogenschützen dargestellt. Die Poeten, so Della Porta, behaupteten, „daß der aus den Augen außgehende Pfeil dem gegenstehenden in die Augen flige/ und das Hertz entzünde.“[7] In diesem Zusammenhang diskutierte er auch die Selbstfaszination als unter Umständen tödliche Krankheitsquelle. Das „fascinum“ könne sich nämlich auch auf den Urheber zurückrichten, wenn der sich im Spiegel oder Brunnen ansehe. Della Porta verwies hier auf die griechischen Sagengestalt Eutelides, ein Analogon zur mythologischen Figur des Narziss. Kinder könnten sich durch entsprechende Selbstbezauberungen krank machen, während ihre Eltern dies Hexen und Unholden zuschrieben. Ein solcher Schadenszaubers (fascinum) konnte folgerichtig durch Abwenden des Gesichts abgewehrt werden, so dass man sich nicht Auge in Auge begegnete; ebenfalls hilfreich sei es, die Gemeinschaft mit der betreffenden Person zu meiden sowie Schwitzen und Purgieren.[8]

Der oben erwähnte Christian Knorr von Rosenroth übersetzte Della Portas „Magia naturalis“ noch einmal 1680 ins Deutsche und reicherte sie durch eigene unmmarkierte Anmerkungen an.[9] Er wirkte zusammen mit Franciscus van Helmont am Sulzbacher Hof. Beide teilten das naturwissenschaftliche Programm mit den Cambridger Neuplatonikern und insbesondere Henry More, den Knorr im besagten Buch seinen Freund nannte.[10] Im selben Jahr 1680 publizierte er auch eine Übersetzung von Thomas Brownes „Pseudodoxia epidemica“ ins Deutsche. Darin wurde eine skeptische Haltung gegenüber angeblichen naturmagischen Wirkungen angemahnt. Die betreffenden Bücher seien „mit Behutsamkeit zu lesen / und nicht alles das ihrige gar zu begierig zu glauben“.[11] Wie die Basler Literaturwissenschaftlerin Rosemarie Zeller feststellte, wollte die vom Neuplatonismus beeinflusste magia naturalis die ursprüngliche Wissenschaft von der Natur wiederfinden, „welche Moses direkt von Gott bekommen haben soll und welche über Ägypten und Platon ins Abendland vermittelt wurde.“[12] Diese sollte nun mit dem neuen Ansatz von Beobachtung und Experiment verbunden werden. Um den Wirkungen der Natur auf die Spur zu kommen, sollten gerade Normabweichungen und Unregelmäßigkeiten der Natur systematisch untersucht werden. Unterhaltung und wissenschaftliche Forschung sollten Hand in Hand gehen. Kuriositäten-Kabinette entstanden gerade im Umfeld von wissenschaftlichen Akademien, und so sammelte auch die Royal Society entsprechende Berichte.[13] Die Literatur zur magia naturalis hatte weithin einen kompilatorischen und enzyklopädischen Charakter, indem alle möglichen historischen Berichte mit allen möglichen Beboachtungen und eigenen Versuchsergebnissen in systematischer Form zusammengestellt wurden. Ein solches Warenlager, wie es Francis Bacon einmal ausdrückte, erschien notwendig, um den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen.[14] Dies entsprach auch den Untersuchungen der Naturforscher aus den Anfängen der Leopoldina und lässt sich nicht zuletzt bei deren Mitbegründer, dem Schweinfurter Arzt Lorenz Bausch, feststellen.[15]

Interessant ist das Titelkupfer von Knorrs Della Porta-Übersetzung. (Abb. [i]) Ein Magier ist über ein Seil mit schwertartigem Handgriff mit einem Apparat verbunden, der an eine Elekrisiermaschine erinnert, die jedoch erst ein Menschenalter später erfunden werden sollte.  Eine Lichtachse geht von einer sonnenartig verdichteten Lichtquelle aus und strahlt über einen Glaskolben in ein Feuer unterhalb eines Tischgestells. Ob hier mit Hilfe des Sonnenlichts ein Feuer entfacht wurde, wie Rosemarie Zeller vermutete, sei dahin gestellt.[16] Jedenfalls illustriert das Titelkupfer die experimentelle magische Handlung eines Naturforschers, der angesichts des alles durchdringenden Lichstrahls offenbar von der Macht eines göttliches Naturgeistes ausgeht – eines „spirit of nature“, wie Henry More es ausgedrückt hat.[17] Eine andere Illustration zeigt diesen „Geist der Natur“ in einer kosmischen Engelsgestalt, die Sternenwelt und Erde durch astrologische Strahlen miteinander verbindet. (Abb. [ii]) Auf einem anderen Kuperstich sehen wir einen Magier mit halb verzückten Gesicht an einem Tisch mit Bechern hantieren, während von oben zwei rechte (göttliche) Hände aus dem Himmel reichen und über ihm einen Sack mit wissenschaftlichen und künstlerischen Instrumenten ausleeren. (Abb. [iii])

Knorr empfahl seinen Lesern das „Enchiridion Metaphysicum“ (1671) von Henry More, der gegen die „Cartesianer und Hobesianer [sic]“ auf mathematische Art bewiesen habe, „daß in der Welt etwas mehr / als die blosse Materie sey / von der die gewöhnlichen Würckungen der Natur herrühren.“[18] Letztlich genüge es nicht, Sympathie-Phänomene durch kleine Teilchen zu erklären, wie es etwa der englische Naturphilosoph und Diplomat Kenelm Digby versucht habe, man müsse zusätzlich einen „Welt-Geist“ annehmen.[19] Dieser durchdringe die Natur, und erkläre – wie More in seinem Traktat „Von der Unsterblichkeit der Seele“ gezeigt habe – die „magnetisch in die Ferne gethane Curen“, wie beispielsweise die Heilung durch die Waffensalbe.[20] Auf Mores Rolle als Fellow der Royal Society, insbesondere sein Einfluss auf Newton und Boyle, kann hier nicht eingegangen werden. Er unterstützte einerseits die atomistische Philosophie und verfocht zum anderen die Theorie eines „Spirit of Nature“. Er stellte sich gegen die neuen wissenschaftlichen Auffassungen eines Boyle und Newton, für deren Arbeiten er die Basis geschaffen hatte. Wie der britische Wissenschaftshistoriker Rupert Hall feststellte, war More kein großer bahnbrechender Denker wie Descartes oder Newton, sondern ein „synthesizer“, der alte und neue Ideen zu einem neuen Denkmuster zusammenfügte.[21]

Agrippa von Nettesheim war neben seinem Zeitgenossen Paracelsus wohl der prominenteste Theoretiker der natürlichen Magie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er gab seinem Hauptwerk den Titel „Philosophia occulta“, da „geheime Philosophie“ weniger anstößig klinge als „Magie“ (magia).[22] Der davon abgeleitete Begriff „Okkultismus“ sollte von den modernen Naturwissenschaften jedoch Ende des 19. Jahrhunderts nur noch pejorativ verwandt werden und die historische Reminiszenz einer veralteten Sichtweise anzeigen (Kap. 4). Agrippa bezeichnete sich selbst als Magier (magus qui sim). Ein solcher sei kein Zauberer oder einer, „der mit bösen Geistern im Bunde stehe“, sondern ein Weiser, Priester, Prophet.[23] Agrippa hielt die Magie für nützlich: „zur Abwendung von Unglück, zur Zerstörung von Zauberwerk, zur Heilung von Krankheiten, Vertreibung von Gespenstern“.[24] Das Grundandliegen der wahren Magie sei es, die uralte Wissenschaft (prisca scientia) „nach vorheriger Reinigung von gewissenlosen Verfälschungen“ wiederherzustellen.[25] Agrippa ging von einer dreifach gegliederten, hierarchisch geordneten Welt aus: einer elementischen, himmlischen und geistigen. Dementsprechend unterschied er auch die natürliche, die himmlische und die zeremonielle Magie, denen er jeweils einen Band widmete. Die niedrigere Welt werde von der jeweils höheren regiert. Die Magier sollten auf denselben Stufen durch die einzelnen Welten zum Schöpfer aller Dinge hinaufsteigen, wie dieser „die Kräfte seiner Allmacht auf uns Menschen ausströmt“. Sie sollten nicht nur die in den Naturdingen schon vorhandenen Kräfte benützen, sondern noch überdies „von oben herab“ neue an sich ziehen.“[26] Die Metapher der Himmels- oder Jakobsleiter kommt ins Spiel, wo „von der Einheit und ihrer Leiter“ (De unitate, & eius schala [sic]) die Rede ist.[27] Bei Agrippa reichte sie in sechs Stufen von der göttlichen Urbildwelt hinunter bis in die teuflische Unterwelt. Sechs Hauptbegriffe standen im Mittelpunkt der unterschiedlichen Welten: (1) Jod () in der göttlichen Urbildwelt; (2) Weltseele (anima mundi) in der geistigen Welt; (3) Sonne (Sol) in der himmlischen Welt, (4) Stein der Weisen (Lapis philosophorum) in der elementarischen Welt; (5) Herz (Cor) in der kleinen Welt; und schließlich (6) Teufel (Lucifer) in der Unterwelt.

Agrippa war von der Beseelung der Himmelskörper überzeugt. Da sie die Dinge unserer Welt kräftig beeinflussen würden, „so müssen sie notwendig beseelt sein, indem von einem reinen Körper keine derartige Wirkung ausgehen kann.“[28] Die Magie der Worte ergab sich für Agrippa aus der Tatsache, dass „gewisse natürliche Dinge“ sind, die als solche „einander anziehen und aufeinander wirken“. So operiere der Magier, der mit Worten anruft, durch die geeigneten Kräfte der Natur.[29] Bei den Spekulationen über die „Seele“ der Gestirne stand die der Sonne ganz im Mittelpunkt. Wie mit dem leiblichen Auge ihr sichtbares Licht, solle man „mit geistigem Auge ihr geistiges Licht“ auffassen. Ein solcher Mensch werde von ihrem Glanze erfüllt werden und ihr geistiges Licht in sich aufnehmen. „Mit solcher Erleuchtung begabt, wird er ihr wirklich gleich werden und gleichsam dadurch gekräftigt jene höchste Klarheit […] erlangen.“[30] Die Religion reinige den Geist und mache ihn göttlich. „Wer nur auf das Natürliches vertraut, der pflegt sehr häufig von bösen Geistern betrogen zu werden.“ [31] Es gilt aber auch umgekehrt: Wer ohne Beiziehung von natürlichen und himmlischen Kräften allein durch Religion wirken möchte, werde sich nach längerer Zeit „dabei verzehren und nicht lange leben können.“[32] Enthaltsamkeit und Keuschheit würden die magischen Kräfte verstärken, da man „den Engeln und Gott ähnlich“ lebe.[33] Ähnliches deutete Paracelsus mit seiner Empfehlung an die Ärzte an, „rein und keusch“ zu leben (Kap. 34).[34]


[1] Della Porta, 1591; 1612; 1672. [2] Della Porta, 1612, 1. Bd. [„Das erste Buch“], S. Bij  [v]. [3] Ebd., S. 244. [4] Zit. n. Sting, 1990, S. 355. [5] Della Porta, 1612, 2. Bd. [“Das ander  Buch”], S. 261 f. [6] A. a. O., S. S. 274. [7] A. a. O., S. 276. [8] A. a. O., S. 278. [9] Della Porta, 1680. [10] Zeller, 2008, S. 67. [11] Zit. a. a. O., S. 66. [12] A. a. O., S. 68. [13] A. a.  O., S. 69. [14] A. a. O., S. 71. [15] H. Schott, 2008 [a]. [16] Zeller, 2008, S. 64. [17] A. a. O., S. 73. [18] Zit. a. a. O., S. 74. [19] A. a. O., S. 77. [20] A. a. O., S. 75. [21] Hall, 1990, S. ix. [22] Agrippa von Nettesheim, 1987, S. 10. [23] A. a. O., S. 5. [24] A. a. O., S. 6. [25] A. a. O.,  S. 9 f. [26] A. a. O., S. 16. [27] A. a. O., S. 195 f. [28] A. a. O., S. 344. [29] A. a. O., S. 345. [30] A. a. O., S. 58. [31] A. a. O., S. 363. [32] A. a. O., s. 376. [33] A. a. O., S. 545. [34] H. Schott, 1999.


[i] Della Porta, 1680: Titelkupfer; → Abb. Della Porta 1680 Titelkupfer [ii] Della Porta, 1680: Tafel nach S. 2; → Abb. Della Porta 1680 Engelsgestalt [iii] Della Porta, 1680: Tafel nach S. 822; → Abb. Della Porta 1680 Magier

22. Kap./3 * Elektrische Zauberkünste [+ Audio]

Audio auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=SsLvwpvyh_c

Die als sensationell empfundene Elektrizität verlockte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu illustren Schauexperimenten vor einem staunenden Publikum. Auch in der Medizin fand die Elektrizität rasch Eingang in Forschung und Therapie, wie wir weiter unten sehen werden. Sie stimulier­te neurophysiologisches Denken und elektro­therapeutische Prozeduren gleichermaßen. Die Entstehung des „thierischen“ oder „animalischen Magnetismus“ ist ebensowenig ohne die Implikationen der „elektrischen Medizin“ denkbar wie der Galvanismus, der etwa ein Jahrzehnt nach dem animalischen Magnetismus in den 1880er Jahren auf den Plan trat. Die illustren Spiele mit dem „elektrischen Feuer“ spiegeln jene Mischung von Experimentierfreude, Faszination und Belustigung wider, womit Ärzte und Natur­forscher als Zauberkünstler auf die Bühne traten. Die Faszination der künstlichen Elektrizität verdankte sich einer religiösen Quelle: Der Mensch schien erstmals die göttlichen Kräfte der Natur hervorrufen und für seine Zwecke einsetzen zu können.

Um 1780 gab es eine Hochkunjunktur für Zauberkünstler aller Art. Bühnenshows, Salonkunststücke, Massenspektakel galten als Attraktion und fanden zumindest vorübergehend großen Zulauf. Über den schottischen Arzt und Gesundheitsapostel James Graham wird an anderer Stelle berichtet (Kap. 45). Der deutsche Zauberkünstler und Privatgelerte Gustav Katterfelto schlug zur selben Zeit wie Graham das Londoner Publikum in seinen Bann. Während einer grassierenden Grippeepidemie konnte er dem staunenden Publikum mit Hilfe seines Sonnenmikroskops die „seltsamen Insekten“ zeigen, die vermeintlich die Infektion auslösten.[1] Er bediente sich einer magischen Laterne, welche mikroskopische Objekte stark vergrößert auf eine Projektionsfläche projizierte und somit gleichzeitig für eine Menschenmenge sichtbar machte, was einen ungeheuren Eindruck hinterließ. In seinen Vorlesungen stellte Katterfelto eine ganze Reihe von Experimenten an: u. a. mathematische, optische, magnetische, elektrische, physikalische, chemische und pneumatische. Seine Auftritte garnierte er mit dem Schlachtruf: „Wunder! Wunder! Wunder!“ Katterfelto wollte die natürliche Magie voranbringen, „eine nützliche Disziplin, die einer sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft durch Aufdecken bislang verborgener Zusammenhänge praktisch verwertbares Wissen vermittelt.“[2] Für ihn waren die „Wonders of Nature“ ein Gegenstand des Entzückens und sicherlich auch des Triumphs. Denn er konnte die Wunderwerke der göttlichen Vorsehung (the wonderful works of Providence) sichtbar machen. Ein Bewunderer Katterfeltos dichtete 1790:

„Strange Wonders hid from human sight,

His Microscope can bring to light,

The works of God, unseen by eyes,

The means of seeing, this supplies,

All haste to him, whilst here he stayes.

Then sing, like me, the Doctor’s Praise.“[3]

Die Wunder der Natur sollten als Werke Gottes erkannt und anerkannt werden. Die Menschen auf Erden lebten in dieser Welt in Dunkelheit, wenn sie nicht „jene wundervollen Werke des Schöpfers“ (those wonderful works of our Maker) sehen könnten. Gerade die Zauberkünste sollten Licht in diese Dunkelheit bringen und Aufklärung schaffen. So sah sich Katterfelto in der Rolle eines göttliche Geheimnisse offenbarenden Künstlers, der wie ein Geistlicher seiner Gemeinde die Augen zu öffnen hatte. Die Zuschauer verhielten sich angeblich durchaus diesem Selbstbild entsprechend und hätten sich ihm genähert, „als ob es darum gegangen sei, zumindest den Saum seines Gewandes zu berühren.“

Was konnte dem Anspruch, die Wunder der Natur zu offenbaren, mehr entsprechen, als die Funken sprühenden Experimente mit der Elektrizität! Friedrich Schiller hat in seinem unvollendeten Schauerroman „Der Geisterseher“ (1787/88) die abgründige Nachtseite der Aufklärung, ihre Dialektik von Vernunft und Irrsinn, meisterhaft beleuchtet (Kap. 6). Es kam zu spektakulären Experimenten in kleineren Zirkeln und vor großem Publikum. Elektrische Demonstrationen, die nicht zu therapeutischen Zwecken dienten, umfassten Tierversuche, Selbstversuche und Versuche mit einzelnen oder mehreren Menschen. Die elektrischen Schläge konnten sehr heftig ausfallen, wie der Hallenser Medizinprofessor Johann Gottlob Krüger 1745 anmerkte: „Wer hätte es […] für [vor] einem Jahr dencken sollen, daß ein Electrischer Funcken vermögend wäre dem stärcksten Mann einen Degen aus der Hand zu schmeisen“.[4] Manche Naturforscher unternahmen Versuchsserien an Tieren, um die tödliche Dosis zu ermitteln. So berichtet der englische Naturforscher Joseph Priestley: „Am 19ten Junius [1766] brachte ich eine ziemlich große junge Katze, durch die Entladung einer Batterie von drey und dreyßig Quadratfuß, um das Leben […]. Am 21sten Junius tödtete ich eine kleine Spitzmaus, vermittelst der Entladung einer Batterie von sechs und dreyßig Quadratfuß“.[5]

Ein besonders spektakuläres Gruppenerlebnis bot die elektrisierte Menschenkette, die Priestley unter die „belustigendsten elektrischen Experimente“ einreihte: „Wenn eine einzige Person den erschütternden Schlag bekommt, so macht sich die Gesellschaft auf deren Kosten lustig; alle aber tragen zu dem Vergnügen mit bei, […] wenn die ganze Gesellschaft sich in einen Kreis stellet, indem sie einander anfassen, und alsdann der Elektrisirer denjenigen, der sich an dem einen Ende des Kreises befindet, eine mit dem Ueberzuge der [Leidener] Flasche communicirende Kette halten und unterdessen dem an dem anderen Ende des Kreises Stehenden den Draht berühren läßt. Da alle […] zu gleicher Zeit und von einerlei Kraft getroffen werden, so ist es oft ein Vergnügen, mit anzusehen, wie sie in ein und demselben Augenblicke plötzlich auffahren“.[6] Solche Spektakel der Überrumpelung und Belustigung, wie sie auch Schiller im „Geisterseher“ geschilderte hat, waren offenbar gesellschaftsfähig.


[1] Rawert, 2009. [2] Ebd. [3] Zit. n. Paton-Williams, 2008, S. 55. [4] Krüger, 1745, S. 9. [5] Priestley [1772], 1983, S. 429. [6] A. a. O., S. 372.