49. Kap./9* „Mischung von Erotik und Mystik“ [+ Audio]

Zum Mithören mein Video/Audio auf Youtube

Auch bei der „sexuellen Revolution“ und der Studentenbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entfalteten, spielte die Karezza-Idee keine nennenswerte Rolle. Die wenigen Publikationen waren in einem idealistisch-pädagogischen Tonfall verfasst und erreichten die Masse nicht, wenngleich einschlägige Schriften von Cesare A. Dorelli (zu dessen Biografie keine Informationen vorliegen, möglicherweise ein Pseudonym) zwischen 1955 und 1975 zahlreiche Auflagen erlebten. Er idealisierte die „Karezza-Liebe“ als „Himmel auf Erden“.[1] Denn „Karezzakraft ist Lebenselixier und Jungbrunnen in einem.“ Die kosmische Dimension wurde vom Autor in den Vordergrund gestellt. Es gehe um die Liebe, bei der die Liebenden „sich völlig dem anderen verschenken, indem sie sich selbst aufgeben, und ihm das Größte geben, das sie besitzen: Die vom Himmel stammende, geläuterte, schöpferische Kraft, die im Sexualorgan zentralisiert ist, aber durch Wunsch, Gefühl und Liebe gelöst und auf den ganzen Körper verteilt und auf den Liebespartner übertragen werden kann.“[2] Diese Ausbreitung der Karreza-Kraft auf den ganzen eigenen Körper und ihre Übertragung auf den des Liebespartners standen im Mittelpunkt der Technik. Ihr ging es um Aufsaugen, Umgestalten, Überströmen, um „eine Art Magnetismus, der von einem zum anderen überstrahlt.“ Freilich: „Die Gegenseitigkeit der Strahlungs-Aufnahme (also nicht nur der Überstrahlung) ist eine gebieterische Notwendigkeit.“[3] An anderer Stelle wird Karezza als „beiderseitiges, unbegrenztes Verströmen des Liebesodems“ bezeichnet, sodass die Liebe und Seligkeit mit jeder Karezza-Umarmung wachse.[4] Die betreffende Erbauungsschrift predigte die Erlösung vom irdischen Elend und das Erreichen geistigen Heils mittels dieser sexuellen Technik. Der Mensch solle zu einer anderen Persönlichkeit, der Liebespartner zu einem „kosmischen Partner“ werden.[5] Es gehe um „den Weg nach oben“, um die „Erhöhung“ des Menschen, „den Weg ins Paradies“.[6]

Neben den Publikationen von Dorelli erschien zu diesem Thema nur noch die kleine Schrift „Carezza“ einer gewissen Dr. med. Marie de Nannie, die in deutschen Bibliotheken Seltenheitswert hat.[7] Über die Biografie der Autorin ist nichts bekannt. Im Anschluss an die Erfahrungen der Oneida-Gemeinschaft und das Werk der US-amerikanischen Ärztin Alice Stockham plädierte sie für Karezza zur „Reinigung der Lebensgestaltung auf allen Gebieten der Natur.“[8] Liebe sei der „Gipfel der großen inneren Magie. Sie ist die letzte Heilkraft für alle seelischen Leiden.“[9] Durch die übliche Sexualität werde das Leben „sexuell ausgelaugt, geistig schal und leer“, unersetzliche Lebenskraft werde verschwendet.[10] Wie bei Dorelli soll „inniges Aneinanderschmiegen“ bei der Karezza-Liebe magnetische Kräfte auslösen, „die von dem einen zum andern überströmen und in einem anhaltenden, beseligenden Wohlgefühl die Höhen des menschlichen Daseins erreichen, den Himmel erahnen lassen.“[11] Somit wurde die „gegenseitige Stärkung in magisch belebender Kraft“ angestrebt.[12] Explizit bezog sich die Autorin auf Franz Anton Mesmer, welcher der Heilwirkung durch magnetische Berührung in Europa zum Durchbruch verholfen habe. Überhaupt erscheint der Mesmerismus hier als der wichtigste Bezugspunkt: „Wer Carezza [durchweg mit „C“ geschrieben] beherrscht, hat den Lebensmagnetismus in den Fingern, er strahlt ihm aus den Augen, schwingt in seinen Worten und überträgt seine Kraft oft sogar schon aus der Entfernung auf den geliebten Menschen.“[13] Die „magnetischen Kräfte“, die alle Körperorgane stärke, die „schenkend und empfangend“ beteiligt seien, werden in bunten Farben geschildert und in höchsten Tönen gelobt: „Im Austausch der magnetischen Kräfte fühlen sich die Liebenden ganz und gar eins, alles Trennende schwindet, der gleiche Blutstrom scheint in ihren Adern zu kreisen, Krankheit und Leiden werden durch die zielbewußten Wünsche des Gefährten gemildert, wunderbare Heilkräfte treten in Aktion.“[14] Diese würden auf der „Sublimierung der Begierden“ und auf „reiner Liebe“ aufbauen, niemals träten dabei „Übersättigung oder Monotonie“ ein, Karezza ermögliche eben „ein beliebig häufiges Beisammensein“.[15]

Als Ärztin wollte de Nannie vor allem die „primitive Einstellung zur Sexualität“ verändern, denn der Sexualtrieb sei entgegen der landläufigen Meinung durchaus beeinflussbar und besitze keine absolute Macht.[16] „Da aber der Geschlechtstrieb variabel ist, liegt es an uns, das Beste daraus zu machen und unser Liebesleben immer reicher auszugestalten, denn ‚jeder hat die Sexualität, die er verdient’.“[17] Sie kontrastierte die „trübe Trauer“ nach dem üblichen Koitus (gemäß dem Ausspruch des Aristoteles „post coitum omne animal triste est …“) mit der „frohen Beschwingtheit“ nach einer geglückten Karezza-Vereinigung.[18] Die gemeisterte Sexualverbindung in der „tiefsten Liebesverschmelzung“ führe im Gegensatz zum gewöhnlichen krampfartigen Vorgang der Begattung dazu, „die kosmische Intelligenz frei in uns strömen zu lassen.“[19] Die Autorin unterstrich noch einmal Stockhams These, dass bei richtiger Einstellung „ein solcher Verkehr ohne Samenerguß und ohne Krisis [Orgasmus]“ zu völliger Befriedigung führe.[20] Sie pries Karezza als „die große Kunst der Liebe“, die gerade auch von der Frau „Sanftmut und Geduld“ verlange. Ihre „zarte, magnetisch wirkende Berührung“ habe sowohl die Macht, „die stürmische Erregung zu dämpfen oder die beruhigten Fluten zu erneutem Strömen zu beleben.“[21] Freilich waren nicht die wunderbaren physiologischen Wirkungen das Hauptziel, sondern die Umwandlung der „in der Sexualzone aufgespeicherten Energien […] in schöpferische Gestaltungskräfte auf geistigem Gebiet.“[22] So strebte die Autorin nach der richtigen „Mischung von Erotik und Mystik“ unter der „Kontrolle der Geistseele“ und schwärmte in quasi theosophischer Manier von Wegen, „die aus der Finsternis der irdischen Bedrängnis in die Heimat des ewigen Lichtes führen.“

Ein Arzt und Psychoanalytiker ist schließlich noch zu erwähnen, der sich ausführlich mit Karezza auseinandersetzte und ihre wohltuende Wirkung mit einer erstaunlichen Theorie würdigte. So weit ich die Literatur überblicke, stellt er wahrscheinlich die einzige Ausnahme in seinem Berufszweig dar. Rudolf Urbantschitsch, ein Freud-Schüler, den wir bereits im Kontext der Onaniedebatte erwähnt haben (Kap. 44), war ab 1908 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und musste dreißig Jahre später in die USA emigrieren. In seinem 1949 publizierten Buch „Sex Perfection and Marital Happiness“ ging er ausführlich auf Karezza und ähnliche Sexualpraktiken ein.[23] Er hatte es nach 45jähriger Praxis als „psychologischer Berater“ dem Richter Henry G. Jorgensen gewidmet, „Richter des Oberen Gerichtshofes im Bezirk Menterey, Californien“. Das fünfte Kapitel („Die sechs Gebote im Geschlechtsverkehr“), „der wichtigste Teil dieses Buches“, enthielt die „Quintessenz von einer mehr als dreißigjährigen Erfahrung.“[24] Man spürt die Überwindung, mit der der Autor hier eine Art confessio ablegt. Dreißig Jahre habe der Autor gezögert, seine Entdeckungen zu veröffentlichen, „weil er sie nicht wissenschaftlich beweisen konnte, trotzdem sie sich in der Praxis vollkommen bewährt hatten. Jetzt aber ist er entschlossen, seinen Lesern gewisse Erfahrungen bekanntzugeben, so unglaublich sie auch scheinen mögen.“

Gleich zu Anfang seiner Ausführungen betonte Urbantschitsch, dass seine technischen Ausdrücke „Elektrizität“, „Ausstrahlungen“ oder „bio-elektrische Potential-Differenz“ „eher vergleichsweise, denn wörtlich genommen werden [sollen].“ Denn die Theorie der Elektrizität sei, bezogen auf das Sexualleben, eben „noch nicht Allgemeingut der Wissenschaft geworden.“ Er ging von der Frage aus, warum ein Paar, das sich liebe, doch auseinandertreibe: „Warum wird die Frau frigid und reizbar und der Mann irritiert und nervös oder sogar impotent?“[25] Seine Antwort war schlicht und entsprach seinem naturalistisch-physiologischen Verständnis, das ihn zu erstaunlichen Schlussfolgerungen führen sollte: „Weil die Natur der Liebe und der Sexualität und die Gesetze, die ihre Äußerungen regieren, nicht verstanden worden sind.“ Urbantschitsch ging ausdrücklich von seiner eigenen Erfahrung aus, „daß zwischen den Körpern von Mann und Frau eine bio-elektrische Potenzialdifferenz herrscht, welche bei einem richtig geführten Sexualakt ausgeglichen werden kann, wonach sich beide Partner entspannt, glücklich und befriedigt fühlen.“ Um seine Auffassung zu belegen, führte er eine Reihe von „Tatsachen“ ins Feld. An erster Stelle schilderte er die „Erlebnisse eines orientalischen Ehepaars“, das er in seinem Tagebuch unter dem Datum des 6. Februar 1916 in Damaskus festgehalten hatte. Der Bericht stammte von einem gewissen Dr. A. B., einem ehemaligen Patienten seines „Cottage-Sanatoriums für Nerven- und Stoffwechselkranke“ im Wiener Gemeindebezirk Währing.

Einmal habe das Paar eine Stunde lang nackt auf einer Couch in einem verdunkelten Zimmer gelegen, „einander liebkosend, aber ohne die letzte Vereinigung zu vollziehen“. Als sie in völliger Dunkelheit aufstanden, sei die Frau plötzlich sichtbar gewesen: „Sie war von einem Schein grünlich-blauen, mystischen Lichts umgeben. Es war wie ein Heiligenschein, nur mit dem Unterschied, daß er nicht nur ihren Kopf, sondern ihren ganzen Körper umgab und nebelhaft dessen Umrisse zeigte.“ [26] Als er seine Hand nach ihr ausstreckte, sei eine elektrischer Funke von ihr auf ihn übergesprungen: „sichtbar, hörbar und schmerzhaft. Wir schraken beide zurück.“ Damit schien Reichenbachs „Od“-Lehre (Kap. 28) bestätigt, die Urbantschitsch zunächst nicht ernst genommen hatte. Eine bio-elektrische Spannung zwischen zwei menschlichen Wesen könne demnach, so unglaublich es scheine, groß genug werden, um sichtbare Funken zu erzeugen. Urbantschitsch war neugierig geworden und spekulierte über physiologische Erklärungen dieses Phänomens. Auf seinen Rat hin unternahmen die „Jungvermählten“ in den folgenden Wochen eine Reihe von Experimenten, „von denen sie mir dann mit allen Einzelheiten erzählten. Ihre Berichte bildeten die Grundlage für eine vollkommen neue Auffassung vom Mechanismus des Geschlechtsverkehrs.“[27]

Die Versuche ergaben Folgendes: Eine fünf Minuten dauernde „vollständige, sexuelle Vereinigung“ nach einer Stunde „in innigem körperlichen Kontakt“ führte trotz der Befriedigung durch den Orgasmus zum späteren Überspringen von Funken, ein Zeichen also, „daß […] die elektrische Spannung zwischen ihnen noch bestand.“ Aber auch nach einem 15 Minuten dauernden Geschlechtsakt einige Tage später waren „nachher Funken sichtbar.“ In einem weiteren Versuch gab es schließlich nach einer 27 Minuten dauernden sexuellen Vereinigung „zwischen den Liebenden keine Funkenübertragung mehr. Die 27-Minuten-Periode war der entscheidende Faktor.“ Dauerte der Sexualakt kürzer, vergrößerte sich der Abstand, den die Funken übersprangen, „ein Zeichen dafür, daß die Potentialdifferenz zwischen den Körpern der jungen Leute durch jeden kurzfristigen Geschlechtsakt vergrößert wurde.“[28] Dauerte er eine halbe Stunde oder länger, war er „von einer vollständigen Entspannung gefolgt und das Verlangen nach einer Wiederholung des Vorgangs erwachte nicht vor fünf oder sechs Tagen“. Ein einstündiger Akt, so habe sich ergeben, befriedigte das Paar für eine Woche, ein zweistündiger für zwei Wochen. „die gleich anhaltende Entspannung wurde auch bei längerem körperlichem Kontakt, ohne sexuelle Vereinigung, hervorgerufen.“[29]

Urbantschitsch fand diese Ergebnisse durch „Beobachtungen gewisser, sexueller Praktiken mancher Eingeborenenstämme“ bestätigt.[30] Er bezog sich auf die seinerzeit viel diskutierte Sexualmoral der „Eingeborenen auf den Trobriand-Inseln“, die vor allem durch den US-amerikanischen Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski thematisiert worden war. Dieser hatte 1929 sein epochemachendes Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ veröffentlicht und damit ein großes Echo bei Ethnologen, Sexualwissenschaftlern und Psychoanalytikern hervorgerufen. Der innige Hautkontakt der Mütter mit den Kleinkindern, das Geschlechtsleben der Mädchen auf Probe nach der Pubertät mit verschiedenen Partnern und die besondere Methode des Sexualakts belegten nach Urbantschitschs Auffassung die Wirkung der Bioelektrizität. „Wenn der Geschlechtsakt beginnt, liegen die Liebenden − bevor sie irgend eine Bewegung machen − wenigstens eine halbe Stunde, manchmal auch länger, innig vereint und ruhig da. Nach dem Höhepunkt der Vereinigung bleiben sie noch eine lange Zeit beieinander, bis − um in unserer Theorie zu bleiben − die zwischen ihnen bestandene elektrische Spannung vollkommen ausgeglichen ist.“[31] Auch in diesem Zusammenhang übernahm Urbantschitsch die Freud’sche Lehre von dem vaginalen Orgasmus der Frau als Norm (Kap. 44). Der Mann berühre niemals „die Clitoris seiner Gattin“, auch müsse sich die Frau solchen Gefühlen entsagen, die für das Kind charakteristisch seien: „Nach der Pubertät konzentrieren sich die Gefühle normalerweise in der Vagina.“ Offenbar gab es eine religiöse Motivation für dieses Sexualverhalten. Die Trobriander nahmen an, dass nach einer Stunde der Vereinigung die Seelen der Vorfahren diese segnen würden. Die vollkommene körperliche Entspannung und die bequeme Haltung waren hierfür erforderlich, auch das übliche Zusammenschlafen ohne Geschlechtsverkehr, „die beiden geöffneten Beinpaare ineinander verschlungen, wie zwei Zangen, auf eine Weise, dass die Sexualorgane in innigsten Kontakt kommen, doch ohne Eindringen in die Vagina.“[32] In der damals üblichen Idealisierung dieser Sexualmoral als Quelle allen Lebensglücks kam Urbantschitsch zum Schluss: „Die Ehen verlaufen harmonisch, Scheidungen sind unbekannt und Neurosen existieren nicht.“[33]

Als weiteren Beleg für seine „bioelektrische“ Lehre zog Urbantschitsch die „Karezza-Methode“ heran. Dabei unterliefen ihm einige Fehler. So meinte er, das Wort „Karezza“ (Liebkosen) bedeute „Aufgeben“, „Entsagen“. Man habe nur der „männlichen Ejakulation“ zu entsagen, sonst ändere sich an der sexuellen Vereinigung nichts. Dies war nicht ganz zutreffend, da ja auch von der Frau eine zügelnde Kontrolle verlangt wurde. Im Übrigen aber sah Urbantschitsch in dieser Sexualpraktik eine Bestätigung seiner Lehre, nämlich „daß während dieser besonderen Art der Umarmung ein noch viel vollkommenerer Ausgleich [als beim normalen Geschlechtsakt] der elektrischen Spannung zwischen den beiden Partnern eintritt und sie sich deshalb nachher so befriedigt und beglückt fühlen wie nie zuvor.“[34] Im Hinblick auf Platons Ausführungen über die Liebe im „Symposion“ meinte Urbantschitsch schließlich, dieser Philosoph hätte, wenn er in der Gegenwart lebte, sich „vorstellen müssen, daß in dem Austausch der Ausstrahlungen zwischen zwei Liebenden eine köstlichere und tiefere Befriedigung liegt, als in dem Sexualakt selber. Denn dieser Austausch ruft ein Gefühl des Entzückens hervor, das nicht nur zwei oder drei Stunden, sondern oft auch taglang anhält.“[35] Gleichwohl war der undogmatische Analytiker weit davon entfernt, eine neue sexuelle Heilslehre für alle in die Welt zu setzen. Die „Karezza-Methode“ erforderte in seinen Augen große charakterliche Stärke. Sie könne „nur wenigen, auserwählten Männern empfohlen werden“.

Die soeben vorgestellten Publikationen von Dorelli, de Nannie und Urbantschitsch waren in der Nachriegszeit singulär. Die „bioelektrische“ Rationalisierung von „orientalischen“ Sexualpraktiken und Karezza durch Letzteren sowie die biologieferne Anlehnung an Mesmerismus und Mystik der beiden Ersteren widersprachen dem Zeitgeist und dem sexualwissenschaftlichen Credo von der unterdrückten Sexualität und ihrer Pathogenität. Denn befriedigende Sexualität ohne manifesten Orgasmus im Sinne des „Höhepunkts“ schien ein Widerspruch in sich darzustellen und mögliche Verbindungen zwischen Sexualität und Mystik zu sehen schien gänzlich abwegig zu sein. Solche esoterisch anmutenden Überlegungen abseits des main stream erhielten zwar durch die Hippie-Bewegung und die New Age-Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auftrieb. Ihre Impulse verebbten aber mehr oder weniger in der neuen Wellness-Kultur, die nicht zuletzt durch Massage-Techniken (sogenanntes „Tantra“) erotisch aufgeladen wurde. Auch gegenwärtige „Kuschelparties“ als erotische Gruppenereignisse gehören zu dieser neuen Wohlfühl- und Entspannungskultur, die man in Analogie zu „Neo-Nature“ (Kap. 13) und zu „Neosexualitäten“ (Kap. 34) als „Neo-Eroticism“ bezeichnen könnte. Die kosmischen Dimensionen der Liebe und ihr Aufspüren im (zwischen-) menschlichen Erleben, ein Generalthema in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte von der antiken Mythologie bis hin zur neuzeitlichen magia naturalis, Alchemie und Theosophie werden zwar mitunter angesprochen, dann aber flugs an das Konsumangebot der Wellness-Industrie angepasst. Erotik wurde zu einer anscheinend verfügbaren und bezahlbaren Ware, in ihrer primitivsten Form in einem „Eros Center“ erhältlich.

Demgegenüber hat die sexuelle Enthaltsamkeit oder Keuschheit, die unterschiedlich definiert sein kann, heutzutage im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Sie wird nämlich als pathogene Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs angesehen. Dies gilt insbesondere für radikale Methoden der Askese, wie sie in hinduistischer Tradition als „Brahmacharya“ praktiziert werden. In dieser Lebensweise soll der menschliche Körper und Geist auf dem Wege zur göttlichen Erleuchtung von allen sexuellen Bedürfnissen und Begehrlichkeiten gereinigt werden. Die leitende Vorstellung dabei ist, dass die individuelle Liebe, etwa die zwischen Mann und Frau, in einer universellen göttlichen Liebe aufgehen soll. Mahatma Gandhi war wohl der prominenteste Vertreter dieser Lebensweise im 20. Jahrhundert. Er hatte als Ehemann und Vater mehrerer Kinder bereits 1906 im Alter von 37 Jahren sein Brahmacharya-Gelübde abgelegt.[36] Er stellte einmal Frage: „Wenn der Mann seine Liebe nur auf eine Frau richtet und eine Frau die ihre nur auf einen Mann, was bleibt dann an Liebe für die ganze übrige Welt?“[37]

Anmerkung vom 19.08.2016:

Es gibt einen interessanten Briefwechsel zwischen Gandhi und Leo Tolstoi kurz vor dessen Tod 1910 zum Verhältnis von Liebe und Gewalt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Die Beschränkung auf die Überwindung der sinnlichen Begierde, die Reduktion von Brahamacharya auf den sexuellen Aspekt, lehnte Gandhi jedoch ab: „Brahmacharya meint die Beherrschung aller Sinnesorgane. Wer nur ein Organ zu kontrollieren versucht und allen anderen freie Bahn lässt, wird feststellen, dass seine Bemühungen vergeblich sind.“[38] Vor allem Nahrungsbeschränkungen und Fasten waren ihm wichtig. Allerdings könne, so Gandhi, ein Geist, „der wissentlich unrein gehalten wird, […] nicht durch Fasten gereinigt werden. […] Solange der Geist nicht Herr, sondern Sklave der Sinne ist, braucht der Körper immer reine, nichtstimulierende Nahrung und periodisches Fasten.“[39] Für Gandhi bedeutete umfassende Selbstbeherrschung eine Art Lebenselixier: „Bei einem wirklich selbstbeherrschten Menschen nehmen Kraft und innerer Friede von Tag zu Tag zu. Der allererste Schritt zur Selbstbeherrschung ist die Zügelung der Gedanken.“[40] Was Kritikern als Unterdrückung der natürlichen Triebe erscheint, bedeutet für einen solchen Asketen den Weg zur geistigen Freiheit, zur göttlichen unio mystica. Es kommt auf die Perspektive des Betrachters an, ob er dies als höchstes Liebesglück oder als pathologische Entartung, ja Perversion ansieht. Friedrich Nietzsche und mit ihm die westlich orientierte Kultur tendiert zur letzteren Einschätzung, wonach der „asketische Priester“, einer „lebensfeindliche[n] Spezies“ angehöre und „Leben gegen das Leben […] physiologisch […] einfach Unsinn“ sei, wie Nietzsches Verdikt in der „Genealogie der Moral“ (III/11 bzw. 8) lautet.

Es ist ein Unterschied, ob sich ein Mönch viele Jahre lang in einem Kloster geistigen Übungen unterzieht oder ob jemand an einem zweiwöchigen Meditationskurs teilnimmt, der ihm eine innere Wandlung als Kursziel verheißt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieser Unterschied auch auf dem Gebiet des Sexuallebens respektiert würde. Im Grunde gilt das für jede Art von Lebenskunst, die nicht mit gieriger Kurzatmigkeit, sondern nur mit langem Atem gelingen kann. Vor allem gilt es für das Gebiet von Erotik und Sexualität, das man dem umfassenderen Begriff der Liebe zuordnen kann. Die Ideengeschichte der Heilkunst führt uns in historischen Variationen wie in einem Kaleidoskop vor Augen, dass wir gerade auf diesem weiten Feld das Geheimnis und die Kunst des Heilens zu lokalisieren und neu zu entdecken haben, auch wenn wir sie nicht mit der Methodik der Evidenz-basierten Medizin feststellen können.


[1] Dorelli, 1962, S. 141. [2] A. a. O., S. 140. [3] A. a. O., S. 144. [4] A. a. O., S. 146 f. [5] A. a. O., S. 151. [6] A. a. O., S. 155. [7] Nannie, 1964. [8] Ebd., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 10. [11] A. a. O., S. 13. [12] A. a. O., S. 14. [13] A. a. O., S. 16. [14] A. a. O., S. 30. [15] A. a. O., S. 51 f. [16] A. a. O., S. 19. [17] A. a. O., S. 21. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a. O., S. 29. [20] A. a. O., S. 30. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 63 f. [23] Urbantschitsch [1949], 1951. [24] Ebd., S. 90. [25] A. a. O., S. 91. [26] A. a. O., S. 93. [27] A. a. O., S. 94. [28] A. a. O., S. 95. [29] A. a. O., S. 96. [30] A. a. O., S. 97. [31] A. a. O., S. 99. [32] A. a. O., S. 100. [33] A. a. O., S. 101. [34] A. a. O., S. 102. [35] A. a. O., S. 104. [36] Gandhi [1942], 2011, S. 338. [37] Gandhi [1932], 2011, S. 179. [38] A. a. O., S. 181. [39] Gandhi [1929], 2011, S. 360. [40] Gandhi [1927], 2011, S. 122.

47. Kap./1* Geschlechtsverkehr als Therapeutikum

Schon in der Antike wurde bei bestimmten Erkrankungen der Geschlechtsverkehr und beim weiblichen Geschlecht insbesondere die Schwangerschaft als ein Therapeutikum angesehen. Die theoretische Grundlage hierfür boten Humoralpathologie und Diätetik als Lehre von der gesunden Lebensführung. Der harmonische Ausgleich der Säfte, Kräfte und Affekte, das Mittelmaß im Alltagsleben, die Pflege eines wohltemperierten Körpers waren zielführend. Die sich ständig neu bildenden Körpersäfte sollten im natürlichen Lebensrhythmus ausgeleitet werden. Deren Zurückhaltung oder „Retention“ galt als pathogen. Normalerweise half sich die Natur selbst. Als Beispiele hierfür galten die Menstruation der Frau und – analog hierzu gedacht – die Hämorrhoidalblutung des Mannes. Auch die Samenflüssigkeit als Besonderheit des Kardinalsaftes „Schleim“ wurde entsprechend stark beachtet. Nach dem Corpus hippocraticum und nach Galen verfügte auch die Frau über Samen, deren Entleerung in bestimmten Zeitabständen als eine gesunde Reinigung des Körpers angesehen wurde.[1] Die Schlussfolgerung war einfach: Wer sich vom Koitus fernhalte, laufe Gefahr, dass sich die Genitalflüssigkeiten im Unterleib anstauten und zu schweren Krankheiten führten. Nach der hippokratischen Lehre wurde der Uterus durch den Beischlaf vom Mann angefeuchtet und bekam so seine natürliche Schwere. Beim Ausfall des Koitus würde der Uterus austrocknen, leichter werden und dann wie ein Tier im Körper umherwandern und schließlich auch zur „hysterischen Erstickung“ (suffocatio uteri) führen, wenn er auf die im Bauch vermutete Atmungsbahn drücke.[2] Die hippokratischen Ärzte empfahlen deshalb Beischlaf und Heirat, um den Uterus durch Koitus bzw. Schwangerschaft zu beschweren und am Umherwandern zu hindern. [3]

Zudem nahm man an, dass sich die angestaute Sexualflüssigkeit krankhaft verändern würde. Deshalb war therapeutisch die künstliche Entleerung bzw. die Einschränkung der betreffenden Flüssigkeitsproduktion angesagt. Die klassische ärztliche Empfehlung bei Samenverhaltung war der Koitus. Konnte dieser aus welchen Gründen auch immer nicht vollzogen werden, wurde – wie bei Galen, Rhazes und anderen medizinischen Autoritäten zu lesen ist – de facto zur Onanie bzw. Masturbation durch eine andere Person geraten. So wurden Vulva oder Muttermund mit Ölen eingerieben, um einen „Samenerguß“ wie bei einem Koitus herbeizuführen. Analoges galt für den Mann. Die regelmäßige Samenentleerung sollte durch Onanie oder Beischlaf erzielt werden. Doch nicht nur die Entleerung angestauter und verderblicher Genitalsäfte sollte heilsam sein. Sie sollte auch bei anderen Krankheiten helfen und den betreffenden Organismus allgemein stärken, Pollutionen verhindern und den Appetit steigern.[4] Der Beischlaf galt sogar als regelrechtes Heilmittel bei einer Reihe von schweren Krankheiten wie u. a. Melancholie, Epilepsie und Phthise (Schwindsucht), eine Idee, die in der Entstehungszeit der „Irrenheilkunde“ teilweise noch lebendig war (siehe unten). Jedenfalls war er ein wesentliches Moment der antiken Diätetik und wurde auch von dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos im ersten nachchristlichen Jahrhundert in seiner Abhandlung über die Frauenkrankheiten entsprechend thematisiert. Zwar sei „die beständige Bewahrung der Jungfrauschaft für beide Geschlechter gesund“, da der Koitus als solcher schädlich sei, aber zur Erzeugung des Nachwuchses sei er unvermeidlich.[5] Da der Mann nur Samen entleere, die Frau aber auch Samen „als Grundstoff zu einem neuen Geschöpfe“ aufnehme, sei der richtige Zeitpunkt der Defloration bzw. Verheiratung entscheidend. Sie sollten dann geschehen, wenn die Gebärmutter voll entwickelt sei, aber auch nicht viel später.

Ein besonderes medizinisches wie moralisches Problem warf das Keuschheitsgelübde (Zölibat) auf, das vor allem für Priester der römisch-katholischen Kirche verpflichtend war (und bis heute ist). So setzte sich der spätmittelalterliche Theologe und Mainzer Domprediger Johann von Wesel mit der Frage auseinander, ob Mönche wegen des Keuschheitsgelübdes an der Zersetzung des Samens leiden könnten. Sein Standpunkt lehnte sich an die medizinische Lehrmeinung an: Der göttliche Wille wolle die Reinigung der Natur, deshalb sei unwillentliche Samenentleerung keine Sünde.[6] Wenn der menschliche Wille, der mit dem göttlichen übereinstimmen sollte, „nichts zur Fleischeslust tut noch in sie einwilligt, so kann er eine Reinigung wollen, welche für die durch Samenverhaltung gequälte Natur heilsam ist, auch wenn die Reinigung von vornherein, gleichzeitig oder in Folge mit Fleischeslust erfolgt“. So werde das Lustgefühl „im vorliegenden Fall ohne Sünde sein.“[7] Unter dieser Voraussetzung könne ein solcher Mensch „seinen Körper von der Infektion des verdorbenen Samens […] mithilfe der Medizin sei es prophylaktisch oder therapeutisch heilen.“ Freilich findet sich bei Johann von Wesel keine explizite Empfehlung des Koitus oder der Onanie.

Gerade die Ärzte um 1800 gaben im Geiste der Aufklärung entsprechende praktische Ratschläge. So formulierte der Mainzer Medizinprofessor und Mitbegründer des dortigen Jakobinerklubs Georg Wedekind eine Art diätetische Regel für den Koitus von Eheleuten. Auch hier sei das gesunde Mittelmaß gefordert: „Ohne starken Afekt [sic] kann der Coitus nicht statt finden, wenigstens nicht bei den Mannspersonen […]. Zu grose Anstrengung und zu lange Unterhaltung des Afekts schadet. […] Daher, das der Coitus den ledigen Leuten mehr schadet, als verheirateten, weil der Afekt zu vor zu stark ist und gar zu lange dauert, weil das Herz schon zu sehr gezabelt hat, bis endlich die Gelübte Gehör giebt. […] Eheleuten [sic] sollten sich daher billig dran gewönen, den Coitus die Woche 1 oder 2 mal zur bestimmten Zeit zu pflegen, etwa den [sic!] Sontagsmorgens, weil man denn nicht viel drauf arbeitet, und eine Stund darauf schlafen kann. Morgens deswegen, weil der Körper des Abends zu schwach ist, und die Strabaz nicht aushalten kann. […] Alle unnathürliche Lagen und Stellungen fordern eine heftigere Anstrengung beim Coitus und schaden daher, am meisten schadet, stando[im Stehen] das Werk zu verrichten. Man glaubt gewöhnlich, diese gäbe keine Kinder, es ist aber falsch. Hallers Schwiegervater  zeigte seine Tochter in einem öffentlichen Auditorium und sagte: hanc stante feci [ich habe sie im Stehen gemacht].“[8]

Der Hallenser Medizinprofessor Johann Christian Reil subsumierte den Beischlaf unter die „psychischen Mittel“, um „Geisteszerrüttungen“ zu therapieren. Psychische Mittel würden durch Handlungen, „die sie im Nervensystem erregen“, auf dieses einwirken und das „dynamische Verhältniß des [erkrankten] Seelenorgans“ wieder in Ordnung bringen.[9] Hierzu gehörten „Körperrreize, in deren Gefolge thierische Lust entsteht.“[10] Zur Erregung eines angenehmen Lebensgefühls empfahl Reil Wein und Mohnsaft, Streicheln und Reiben des Körpers mit der Hand, Anwendung von Wärme, laue Bäder, „mäßigen Kitzel“, auch die „Erregung des thierischen Magnetismus“. Das stärkste Gefühl bewirke aber „der Genuß des Beischlafs.“[11] Reil nahm hier Bezug auf den italienischen Psychiater Vincenzo Chiarugi, der darin ein vorzügliches Heilmittel der Melancholie sah. „Männern kann man durch eine öffentliche Dirne, Weibern schwerer genügen, weil sie schwanger werden, und ihr Uebel auf die Frucht forterben können. An sich möchte vielleicht eine Schwangerschaft heilsam seyn, als Ableitungsmittel, und besonders für solche Verrückte, die vor Gram über kinderlose Ehen hysterisch geworden sind“.[12] Reil ging von einer „merkwürdigen Wechselwirkung“ zwischen den beiden Polen des Körpers – „Kopf und Geschlechtstheile“ – aus: „Erschütterungen des einen Endpunkts durch Beischlaf und Schwangerschaft befreien den entgegengesetzten von Anhäufung.“ Insofern könne in „Verrücktheiten, deren Ursache Geilheit ist, […] der Beschlaf als Heilmittel wirken.“

Im Umfeld von Lebensreformbewegung, sich entfaltender Psychoanalyse und Sexualwissenschaft gewannen auch Versuche der psychotherapeutischen Behandlung von Sexualstörungen im frühen 20. Jahrhundert an Boden. Dabei verwischten sich oft die Grenzen zwischen therapeutischer Abstinenz und sexuellem Missbrauch, zulässiger Erziehung und nötigendem Eingriff. Ein illustres Beispiel schilderte ein englischer Universitätsprofessor, der unter dem Pseudonym „P. N. Teulon“ über die spezielle Methode einer „psycho-sexuellen Heilbehandlung“ berichtete, die angeblich ein „alter Freund“, ein praktischer Psychologe, bei einer Patientin angewandt habe.[13] Die Vermutung liegt nahe, dass sich hinter dem „alten Freund“ der Autor selbst verbergen wollte. Die Behandlung betraf die „psycho-sexuelle Geschichte eines jungen Mädchens vom 10. bis zum 14. Lebensjahre“. Der „Behandelnde“ oder „Beobachter“, wie der eigenwillige Sexualtherapeut durchweg bezeichnet wird, ging von der These aus, dass „der normale Beischlaf als Angelpunkt des psycho-sexuellen Kräftehaushalts“ stark überschätzt werde und dass die „psycho-sexuelle Spannung“ auch auf andere Weise gelöst werden könne, nämlich durch die „Herbeiführung des Orgasmus durch Masturbation“.[14] Unter Masturbation verstand Teulon nicht die Selbstbefriedigung, sondern die sexuelle Befriedigung mit der Hand durch eine andere Person. Bei dem Mädchen handelte es sich um die älteste Tochter eines Ehepaares. Die Familie wohnte in einem Bauernhaus, das nahe der Unterkunft des Behandlers lag. Sie litt angeblich unter starken Angstträumen und war tagsüber stark verstört. Als sich der Zustand verschlechterte, schlug der selbst ernannte Therapeut vor, zur Beobachtung des Kindes die Nacht in dessen Schlafzimmer zu verbringen, was die Eltern „bereitwillig“ erlaubten.[15] Wie der Behandelnde dann feststellte, litt das Mädchen an „hysterischem Somnambulismus“ und veranstaltete nachts „somnambulistische Pantomimen“. Seine Gebärdenspiele stellten sexuelle Inhalte dar: Schändung, Verführung, Wehe und Geburt sowie Stillen. Der „pantomimische Beischlaf“ in verschiedenen Stellungen gipfelte im Orgasmus. Im Anschluss daran war der Gesichtsausdruck „verklärt“ und zeigte offensichtlich höchste Befriedigung an.

Die „psycho-sexuelle Heilbehandlung“ setzte damit ein, dass der Beobachter während der Anfälle intervenierte: „Er fand, daß ein leichtes Drücken seiner Hand auf den Schamberg oder ein leichtes Streicheln der Innenfläche des Schenkels sie erleichterte oder den Anfall zeitweise zum Stocken brachte.“[16] Die geschlechtliche Aufklärung des Mädchens wurde vom Behandelnden intensiv betrieben. Unter anderem wies er darauf hin, dass wie wir „zu viel oder zu wenig essen können, können wir auch unseren Geschlechtsdrang zu viel oder zu wenig ausüben.“[17] Offenbar war er mit dem Diskurs der zeitgenössischen Sexualwissenschaft vertraut, da er die Sexualität der Frau, die bisexuelle Veranlagung des Menschen und die Sublimation sexueller Energie in kulturelle Leistung ansprach. So bleibe „die Macht, sexuelle Kräfte auf nicht-sexuellem Wege zu gebrauchen, eine Vorbedingung für das Hinausentwickeln der Menschheit.“[18] Die nächste Behandlungsstufe bestand darin, dass das Mädchen im Landhaus des Beobachters nackt neben ihm schlief. Es kam offenbar zu beruhigenden Körperkontakten: „Dieser innige Verkehr entzündete zweifellos in X. eine tiefe und leidenschaftliche Liebe zu dem Beobachter“ im zweiten und dritten Jahr der Behandlung.[19] Die körperliche Beziehung wurde intensiver. Der Beobachter überließ dem Mädchen „seinen Penis (nie erigiert) vor dem Schlafen zum Halten, um Zeit zu sparen und ihr mit Sicherheit die ganze Nacht Ruhe und Schlaf zu verschaffen, was sie sicher ohne diese geschlechtliche Behandlung nicht gehabt hätte.“[20] Bei unruhigem Schlaf ließ er sie „mit seiner Hand oder seinem Knie zwischen den Schenkeln weiterschlafen.“[21] Als sich ihr Zustand wieder verschlechterte und sie über Rückenschmerzen klagte, masturbierte sie der Beobachter, „indem er die Innsenseite der Schamlippen mit nassem Finger bestrich, wodurch er den Orgasmus hervorbringen konnte.“ Sie schlief darauf ein und wachte offenbar geheilt auf. Später löste der Beobachter bei Bedarf durch Bestreichen der Brustwarzen oder der Klitoris den Orgasmus aus und konnte so die Anfälle des Mädchens „heilen“.[22]

Schließlich versuchte der Beobachter „die geschlechtliche Erregung in die eigentliche Scheide zu verlegen, ohne dabei die Jungfernhaut, die normal und intakt war, zu zerreißen.“[23] Erst Monate später habe die Scheide „voll und ganz ohne die Reizung der übrigen Sexualregionen des Körpers“ reagiert. In einer chronologischen Tabelle führte er die „periodischen (monatlichen) Anfälle“ vor der Geschlechtsreife bzw. den Verlauf der schmerzhaften Menstruationen nach deren Eintreten zwischen 1922 und 1924 auf, die durch Masturbation (mit Orgasmus) entweder vom Beobachter „geheilt“ oder von der Patientin „selbst geheilt“ wurden .[24] Der Orgasmus erschien hier als wirksames Heilmittel. Nebenbei merkte der Beobachter an, ähnliches „während der letzten 15 Jahre an vielleicht 40 meist geschlechtsreifen Frauen“ bemerkt zu haben.[25] Dies lässt darauf schließen, dass er seine „psycho-sexuelle Heilbehandlung“, die man als wilde Sexualtherapie bezeichnen könnte, gewissermaßen professionell ausübte. In der hier referierten Fallgeschichte bemühte er sich, den distanzierten „Beobachter“ zu markieren. Trotz aller Versuche, seinen Penis zu reizen, habe das Mädchen keinen Erfolg gehabt, „das widerspenstige Organ“ zur Erektion zu bringen.[26] Schließlich sei ihr dies aber mit der fellatio gelungen.[27] Daraufhin sei sie „sehr glücklich und erleichtert“ und für mehrere Wochen geheilt gewesen. Die Masturbation konnte auch dadurch geschehen, „indem sie die äußerste Spitze des penis [sic] des Beobachters gegen ihre Clitoris rieb. Dabei erigierte sich der Penis bis zu einem gewissen Grade und sie versuchte, die Eichel mit ihrer Hand gegen den Hymen pressend, den Beobachter zu ‚vergewaltigen’“.[28] In einer Nachschrift von 1927 beschrieb er den offenbaren Erfolg seiner Behandlung: Die nunmehr 16jährige sei „ein blühendes, gesundes, strammes Mädchen oder vielmehr ein vollentwickeltes Weib.“[29] Teulons Bericht beleuchtete ein tabuisiertes Terrain, das in der offiziellen medizinischen und pädagogischen Literatur fast gänzlich ausgeblendet wurde, aber doch von praktischer Relevanz gewesen sein dürfte. Was fand hier wirklich statt? Sexueller Missbrauch eines Kindes, Pädophilie – oder eine bestimmte Form der Sexualtherapie und Sexualerziehung? Lässt sich beides in dem soeben referierten Fall überhaupt klar voneinander abgrenzen?


[1] Elsässer, 1934, S. 5. [2] A. a. O., S. 10. [3] A. a. O., S. 11 f. [4] A. a. O., S. 14. [5] Soranus von Ephesus, 1894, S. 20. [6] A. a. O., S. 28. [7] A. a. O., S. 29. [8] Wedekind [1789/90], 1988, S.362 f. [9] Reil, 1803, S. 150. [10] A. a. O., S. 182. [11] A. a. O., S. 185 f. [12] A. a. O., S. 186. [13] Teulon, 1930 [a], S. 6 [Vorwort des Verfassers]. [14] A. a. O., S. 8. [15] A. a. O., S. 11 f. [16] A. a. O., S. 15.  [17] A. a. O., S. 19. [18] A. a. O., S. 21. [19] A. a. O., S. 24. [20] A. a. O., S. 25. [21] A. a. O., S. 26. [22] A. a. O., S. 32. [23] A. a. O., S. 37 f. [24] A. a. O., S. 41 u. 44. [25] A. a. O., S. 44. [26] A. a. O., S. 49. [27] A. a. O., S. 50. [28] A. a. O., S. 52. [29] A. a. O., S. 59.